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vonSchröder & Kalender 20.10.2007

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert heftig in südöstlicher Richtung.

In den Jahren 1989 bis 1996 lebten wir in der Nähe von Landsberg am Lech. 2001 erschien dann ›Ratten und Römer‹, eine Folge von ›Schröder erzählt‹, in der wir über dieses ›bayerische Argentinien‹ berichten.

Aus Anlaß des Erscheinens von ›Er stand in Hitlers Testament‹ über Karl-Otto Saur, den Planer des Projekts ›Ringeltaube‹, bringen wir unsere Landsberg-Erzählungen in Fortsetzungen.

Uns so geht es weiter:
Ein weiterer Todeskandidat war Oswald Pohl, den der Gefängnispfarrer Karl Morgenschweis zurück zu Gott und in den Schoß der katholischen Kirche führte. Um diese Bekehrungsgroteske entstand eine verbissene Begnadigungsdiskussion. Doch zunächst ein Zitat – der amerikanische Hochkommissar McCloy beschreibt die Karriere des reuigen Sünders in seinem Landsberg-Bericht in bündiger Kürze: »Pohl war Chef des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS. Diesem Amt unterstand die Verwaltung aller Konzentrationslager in Deutschland, und Pohl war der Hauptangeklagte in dem Prozeß, der als der ›Pohl-Prozeß‹ bekannt geworden ist. Unter den Nazis hat Pohl viele Titel geführt und schauerliche Pflichten übernommen. Er war als Chef des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS Stabschef. Im Januar 1942 war sein offizieller Titel der des Chefs des WVHA der SS mit dem Rang eines SS-Obergruppenführers. Seine Behörde leitete das Geschäftsunternehmen, welches mit Hilfe von Parteigeldern, Zwangsarbeitern und Strafgefangenen in Fabriken, die der SS gehörten, Waren herstellte. Er stand der Verwaltung der Konzentrationslager vor und drang ständig auf längere Arbeitszeit, erhöhte Produktion und schärfere Überwachung. Einen Menschenschinder seines Ausmaßes hat es wahrscheinlich nie vorher in der Geschichte gegeben. Die Zerstörung des Warschauer Ghettos und die damit verbundene Deportation beziehungsweise Beseitigung von mehr als 56000 Juden wurde ihm übertragen. Er wählte persönlich Gefangene für medizinische Versuche aus. Seine Behörde war federführend an der Durchführung der ›Aktion Reinhard‹ beteiligt, einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan, um die Juden mit Eigentum, Arbeitsleistung, Gütern und Leben Buße für die Ermordung Reinhard Heydrichs in der Tschechoslowakei zahlen zu lassen. Alle Juden in den besetzten Gebieten wurden erfaßt, und es wurde ihnen befohlen, ihr bewegliches Eigentum mit in die Konzentrationslager zu nehmen. In Auschwitz oder einem der anderen Todeslager, in die sie gebracht wurden, gaben die Juden ihre Habseligkeiten ›in sicheren Gewahrsam‹, ehe sie in die Gaskammern geschickt wurden. Die Tatsache, daß der Wert dieser ›Habseligkeiten‹ ungefähr hundert Millionen Reichsmark ausmachte, läßt einigermaßen das Ausmaß dieser Aktion ahnen.«

Das sind die Fakten, die man sich vor Augen halten muß, wenn man Pohls achtundsiebzig Seiten umfassende Bekehrungsschrift liest. Ihr Titel lautet: ›Credo. Mein Weg zu Gott. Von General der Waffen-SS a. D. Oswald Pohl‹, gewidmet ist sie dem Pfarrer Morgenschweis. Zunächst schildert Pohl seine protestantischen Jugend- und Wanderjahre, kommt dann mit zahlreichen Zitaten von Augustinus über Guardini, Voltaire, Söderblöm, Heiler und Karl Adam wieder zurück zu Augustinus’ ›Confessiones‹. Erst im Kapitel ›Zurück zu Gott‹ stellt er die Schuldfrage: »Ich habe zwar niemanden totgeschlagen, noch andere dazu aufgefordert oder ermuntert. Ich war zwar Unmenschlichkeiten, sofern ich davon Kenntnis erhielt, nachweisbar energisch entgegengetreten – aber sprach mich das von Schuld frei?« In seinem Vorwort verbindet der ›Seelenführer‹ Pfarrer Morgenschweis Pohls dreiste Lügen mit den Bekenntnissen des heiligen Augustinus und verlangte von den Opfern des Massenmörders, vom Haß abzulassen: »Möge dieses Buch auch die versöhnen, die noch immer im Haß leben über das Unrecht, das ihnen angetan worden ist durch das System, dem der ehemalige General der Waffen-SS gedient hat. Er dient heute als ganzer Katholik Gott und Christus und seiner göttlichen Liebe in der Welt.«

Leider kann man das nicht einfach abtun und sagen: »Verrückt geworden, dieser Morgenschweis!« Schließlich erschien dieses Pohl-Traktat mit kirchlicher Druckerlaubnis, um seine Begnadigung zu erreichen, und zwar in einer Auflage von 9000 Exemplaren. Denn Pfarrer Morgenschweis besaß beste Kontakte zu Kardinal Faulhaber und Weihbischof Neuhäusler. Für eine Weile sah es tatsächlich so aus, als wolle die Kirche Pohl in die Reihe der großen Konvertiten stellen. Dazu ist es dann doch nicht gekommen, aber wie stark sich die deutsche Gesellschaft mit dem Denken dieses wahnwitzigen braunen Pfarrers identifizierte, zeigen seine Auszeichnungen: 1950, gleich nach Erscheinen der Pohl-Schrift, wurde Morgenschweis zum Geistlichen Rat ernannt. 1952 erhielt er das erst ein Jahr zuvor geschaffene Bundesverdienstkreuz und dazu die Bayerische Verdienstmedaille, 1958 das Ehrenkreuz des Deutschen Roten Kreuzes. 1959 wird er päpstlicher Ehrenkämmerer mit dem Titel Monsignore. 1960 bekam er schließlich den goldenen Ehrenring der Stadt Landsberg. Die Begründung muß man sich genauer ansehen: »Mit dieser Auszeichnung soll auch der Dank und die Anerkennung der Stadt Landsberg zum Ausdruck gebracht werden für die priesterliche Tätigkeit und die persönliche menschliche Hilfsbereitschaft, die er den zum Tode und zu langjährigen Haftstrafen Kriegsverurteilten und insbesondere auch deren Angehörigen angedeihen ließ.«

(BK / JS)

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kommentare

  • I am trying to get a copy of Oswald Pohl’s Credo, Mein Weg Zu Gott for my father. I do not speak German. Do you know where I can get a copy of this brochure?

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