Lob und Verzweiflung
von Schröder & KalenderEs ist neblig, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
Tagebuch 18. Dezember: Große Freude, gestern Mittag kam das neue Ossietzky-Heft, darin schreibt Gerhard Zwerenz über die 50. Folge von ›Schröder erzählt‹, unsere tazblog-Blütenlese ›Wie der Bär flattert‹, und er erwähnt auch unsere langjährige Freundschaft. Titel der Eloge: »Blick auf die 68er Antike«.
Abends saßen wir mit Berthold Seliger in der Kantine der Volksbühne und konnten die Geschichten von den Mühen des aufrechten Gangs mit einer Zwerenz- Reminiszens fortspinnen. Berthold lebte früher in Fulda und betreibt heute die Konzertagentur Berthold Seliger in Berlin.
Wir erwähnten den Ossietzky-Artikel von Zwerenz, darauf erzählte Berthold von einer sagenhaften Veranstaltung mit dem Autor in Fulda. Seliger hatte ihn anläßlich des Buches ›Soldaten sind Mörder‹ eingeladen und die Lesung im Fuldaer Kolpinghaus organisiert. Bischof Dyba verbot die Veranstaltung, Seliger wurde sogar verklagt. Die skandalisierte Lesung fand dann im Schultheiß-Keller statt, im Anschluß wurde heftig diskutiert. Berthold beendete seine Erzählung mit einem Satz, der den Schriftsteller gut charakterisiert: »Der Zwerenz ist ein anständiger Mann. Er wollte kein Honorar von uns nehmen, meinte: ›Ihr habt so viel Ärger mit der Sache gehabt, laßt gut sein!‹« So isser, unser Freund Gerhard, sein neues Buch ›Die Verteidigung Sachsens‹ gibt es noch nicht im Handel, wird aber im Netz veröffentlicht.
›Lulu oder: Wozu braucht die Bourgeoisie die Verzweiflung?‹
Kluge Frage, dumme Antwort: Als Rückenkratzer für ihren trägen Körper. Der Komponist Christian von Borries beantwortete seine rhetorische Frage more sophisticated. Das große Orchester der Berliner Symphoniker – nicht zu verwechseln mit den Philharmonikern – spielte unter seiner Leitung Paraphrasen – er nennt es »audio branding« – zu Alban Bergs Oper ›Lulu‹.

Auf der Leinwand lief dazu Catherine Sullivans Montage aus Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm ›Die Büchse der Pandora‹ überblendet mit einer Sitcom, einem Ballett und einer nachgedrehten Begegnung der Dragqueen Kenneth Tynan mit der alten Luise Brooks, die in Pabsts Film die Lulu spielt. Luise Brooks wurde wegen ihrer extravaganten Schönheit, ihrer Liebesbeziehung zu Greta Garbo und ihrer schonungslosen Schmähschrift gegen das Starsystem in Hollywood zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts.

Auf die rechte und linke Szenenwand projizierte Sullivan Stills einer Gliederpuppe in diversen Stellungen, Verrenkungen, Bekleidungen und Entblößungen. Das sollte wohl pervers sein, war aber so originell wie ein Sexualaufklärungsbuch der 50er Jahre. Wann endlich begreifen Künstler, daß nach Schlemmer, de Chirico und Léger das Motiv der Gliederpuppe verbraucht ist? Überhaupt hätte man sich zur konzeptuellen Musik des Christian von Borries weniger beliebige Überblendungen gewünscht, also eine schlüssigere Montage.
Halt, Weihnachten nicht vergessen! In Pabsts ›Pandora‹-Film gibt es die Schlußsequenz: Lulu flieht nach London, sinkt dort zur Prostituierten herab und fällt am Weihnachtsabend dem Lustmörder Jack the Ripper zum Opfer.
(BK / JS)
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