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vonSchröder & Kalender 23.01.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Die Buchhandlung Müller & Böhm im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Haus zeigt vom 22. Januar bis 16. Februar den ›MÄRZ-Raum‹. Diese Ausstellung präsentiert Erstausgaben, Dokumente, Filmausschnitte und Fotos aus der bewegten Verlagsgeschichte des MÄRZ Verlages.

Der MÄRZ Verleger Jörg Schröder begann 1957 seine Karriere im Buchgewerbe in Düsseldorf als Lehrling der Schrobsdorff’schen Buchhandlung auf der Königsallee. Wie wird man Buchhändler?

2. Teil

Schräg gegenüber von Schrobsdorff war eine Telefonzelle, im Telefonbuch fand ich: Buchhändlerverband — siehe Rheinisch-Westfälischer Buchhändler- und Verlegerverband, rief dort an. In der Oststraße begrüßte mich Frau Hausherr in ihrem Einzimmerbüro, eine Dame in mittleren Jahren mit Dutt und Hornbrille. »Was wissen Sie über den Buchhhandel?« »Ich weiß nicht viel darüber.« Und schon floß es aus ihr heraus, wie sich einem Adepten dieses Standes Türen zu ungeahnten Welten des Wissens und der Literatur öffnen, daß der Beruf allerdings nicht nur mit Lesen zu tun habe, sondern man sich ebenso als Kaufmann bewähren und betätigen müsse, wie schon die Bezeichnung Buchhändler sage. Ich war zum zweiten Mal an diesem Tag bedient, offenbar hing heute alles, was sich mir bot, mit dem Verkaufen zusammen. Also, wahrscheinlich mußte ich da durch. Frau Hausherr kam mit ihrem begeisterten Referat zu Ende und fragte etwas erschöpft, ob sie mich vermitteln solle. »Ja, und ich kenne bereits die Firma, in der ich lernen möchte, es ist die Schrobsdorff’sche Buchhandlung.« Ich verstand nicht, warum sie so sprachlos war; wenn ich schon herabstieg zum Lehrling, vom Journalisten zum Buchhändler, dann konnten die doch froh sein, mich zu kriegen. »Schrobsdorff gehört zu den bedeutendsten Buchhandlungen Deutschlands. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir da Glück haben.« »Dann werde ich nicht Buchhändler.« Offenbar vermutete sie jetzt, daß ich mich doch schon über die Branche informiert hatte. »Wenn Sie darauf bestehen, werde ich Herrn Doktor Mayer anrufen, ob er bereit ist, Sie zu empfangen.« Sie wählte und sprach mit einer Stimme ins Telefon, in der sich Ehrfurcht und Burschikosität mischten: »Verehrter Herr Doktor, hier ist ein junger Mann, der Buchhändler werden möchte. Er besteht aber darauf, nur bei Ihnen zu lernen, haha.« Nachdem sie aufgelegt hatte, sagte sie erstaunt: »Herr Doktor Mayer hat gesagt: ›Gut, dann schicken Sie den Bub mal vorbei.‹« Meine Überheblichkeit dämpfte sich bereits ob der großen Hochachtung, mit der Frau Hausherr von diesem Beruf im allgemeinen und von Schrobsdorff im besonderen sprach. Langsam dämmerte mir, daß ich als tumber Tor wohl ins Schwarze getroffen hatte.

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Jörg Schröder, Hans Lamm, Peter Henselder, 1961, Düsseldorf, Graf-Adolf-Straße. Wer wissen will, wer die beiden anderen Herren sind, kann es hier nachlesen.

Bisher kannte ich meine Buchhandlung nur von außen. Zwischen ihrem Schaufenster und dem des Lederladens — von meinem Idol leider keine Spur mehr — lag der Hauseingang eines wiederaufgebauten vierstöckigen Bürgerhauses. Links, gleich neben dem Passagenschaufenster, ging es durch die gläserne Tür. Ich war verdutzt über die Größe des Ladens, offenbar war er erst kürzlich renoviert und mit Reverenzen an Bauhaus ausgestattet worden, dem besseren Design der fünfziger Jahre. Ein schmales Handtuch, dem der Innenarchitekt Hans Joachim Weerth raffinierte Akzente und Funktionen abgetrotzt hatte. Dieser Weerth gehörte denn auch mit seiner grün-schwarz großkarierten englischen Schiebermütze über dem blasierten roten Whiskygesicht und dem grünen Blazer zu den Hausgöttern der Schrobsdorff-Welt. Er machte als erster Buchhandlungsdesigner das Schaufenster begehbar, was von der Branche wie die Erfindung des Kreuzrippengewölbes akklamiert wurde.

Wenn du reinkamst, gab es links und rechts Schieberegale, dann links die Kasse, daran saß eine teiggesichtige ältere Frau mit Goldrandbrille, immer ein bißchen indigniert, Fräulein Leyendecker. Entgegen kam mir, die Nase hoch, vornehm, eine Frau mit halblangem schwarzem Haar, Tatjana Wulach, vielleicht fünfunddreißig Jahre alt. Ich fragte sie nach Herrn Doktor Mayer. Links hinter der Kasse ging es die Treppe hinunter in eine Region, von der ich nicht wußte, was sie verbarg. Die Treppe nach oben bestand aus durchbrochenem Schiffsblech, eine leicht nach rechts geschwungene Stahltreppe. Die Galerie mutete an wie ein Oberdeck, das Metall war eierschalenweiß gespritzt, die Schieberegale mahagonifarben, über dem Mittelteil des Ladens lag die Kapitänsbrücke, verglast. Darin thronte vor einem Schreibtisch, der nahezu die gesamte Fläche einnahm, Herr Doktor Hans-Otto Mayer. Er konnte, wenn er nach rechts guckte, den vorderen Teil des Ladens übersehen, also auch den Eingang. Auf der Rückseite war der Verschlag offen, so beobachtete und belauschte er unbemerkt die Vorgänge und Gespräche im sogenannten Salon. Hinter dem Nußbaumschreibtisch saß ein breitschultriger Mann mit Schmissen im Gesicht, Hornbrille, distinguiert, der mich mit schwäbischem Akzent fragte, ob ich wisse, was der Beruf des Buchhändlers für einer sei. Darauf käute ich das soeben bei Frau Hausherr Gelernte wieder, es befriedigte ihn: »Ich stelle Ihnen Ihren zukünftigen Chef vor, den ersten Sortimenter der Schöngeistigen Abteilung.« Er rief Erwin Bornemann herauf, der, drei, vier Schiffstreppenstufen auf einmal nehmend, nach oben wetzte, entsprechend bebte die Stahlgalerie, ein Mann mit Halbglatze und einer fleischigen Schiefnase. Er klickerte nervös mit den Zähnen, als Mayer sagte: »Herr Schröder fängt im Frühjahr als unser Lehrling an.« Darauf Bornemann — abgehackt, als sage er »Zu Befehl!« —: »In Ordnung!«

Mayer konnte mich leiden, zwischen Bornemann und mir war es Abneigung auf den ersten Blick. Als der Lehrvertrag zur Unterschrift in Bad Godesberg eintraf, kam kein Wort des Protestes von meinem Vater, nicht mal der Versuch: »Willst du denn nicht das Abitur …?« Er unterschrieb mit seiner kleinen deutschen Schrift, heilfroh, daß dieses Gezergel zwischen seiner geliebten Gretel und mir endlich ein Ende haben sollte. Wenn ich mich in seine Lage versetze, hätte ich mich sicher genauso verhalten, er wollte in Ruhe und Behaglichkeit mit seiner zweiten Frau leben. Wenn solche Zustände herrschen, bist du zufrieden, einen Unruhestifter vom Acker zu haben — Sohn hin, Sohn her.

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Das Plakat zu ›POP am Rhein‹ entwarfen: Barbara Kalender, Till Kaposty und Jörg Schröder.

Der Katalog zum ›POP am Rhein‹-Festival erschien im Verlag der Buchhandlung Walther König.

Ausstellung im Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1 bis 3, 50667 Köln.
Dauer der Ausstellung: 13. Dezember 2007 bis 17. Februar 2008
Öffnungszeiten: Dienstags von 10:00 Uhr bis 20.00 Uhr, Mittwochs bis Sonntags von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr- Eintritt: 5 € / 4 €
(Übrigens: Am Webdesign von ›POP am Rhein‹ begehren wir nicht schuld zu sein. )

In Düsseldorf wird ›Der März-Raum‹ gezeigt in der Müller & Böhm Literaturhandlung, Bolker Str. 53, 40213 Düsseldorf.
Dauer der Ausstellung: 23. Januar bis 16. Februar 2008
Öffnungszeiten: Montags bis Freitags: 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr, Samstags 10:00 bis 18.00 Uhr. Eintritt: Frei!

(BK / JS)

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