vonSchröder & Kalender 12.02.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert schwach in nordöstlicher Richtung.

Am 13. Februar lesen wir in Düsseldorf im Rahmen von ›POP am Rhein‹ aus ›Schröder erzählt‹ und berichten über unser Desktop Publishing sowie das Bloggen. Veranstalter ist die Literaturhandlung Müller & Böhm, die in Heinrich Heines Geburtshaus in der Bolkerstraße residiert. Aus diesem Anlaß bringen wir hier eine Geschichte, die sich 1981 in Düsseldorf zugetragen hat. Darin geht es um die Initiation des kleinen Harry Heine durch die Hinterlassenschaften seines Großonkels des ›Chevalier von Geldern‹ und eine absurde Observation durch einen der drei deutschen Geheimdienste.

1. Teil

Wir hatten in der Düsseldorfer Altstadt, in der Pension ›Esser‹ geschlafen, einem kleinen dunklen Haus mit niedrigen Decken. Es roch muffig, und es gab nur fließend kaltes Wasser sowie eine Schimmeldusche auf dem Flur. Aber ich hatte mir vorgenommen dort mal zu übernachten, seit ich Heinrich Heines ›Ideen · Das Buch Le Grand‹ gelesen hatte. In diesem Haus lebte sein geliebter Onkel, der alte Simon de Geldern. Der hatte es ›Zur Arche Noä‹ getauft, über der Eingangstür war noch ein Flachrelief der Arche zu sehen, und die schmiedeeisernen Ziffern an der Fassade gaben Auskunft über das Baujahr 1722. Von diesem Onkel Simon, einem Bibliomanen und Privatgelehrten, hatte der kleine Harry die Liebe zu den Büchern. Der Onkel ließ den Knaben auf dem Söller in den Hinterlassenschaften des Großvaters kramen: vermoderte Staatsperücken, verrostete Galanteriedegen, Feuerzangen, Planetenbilder, Kolben und Retorten, welche dieser für seine astrologischen und alchimistischen Studien gebraucht hatte. »Der beste und kostbarste Fund jedoch«, schreibt Heinrich Heine in seinem ›Memoiren‹-Fragment, »den ich in den bestäubten Kisten machte, war ein Notizenbuch von der Hand eines Bruders meines Großvaters, den man den Chevalier oder den Morgenländer nannte.« Mit diesem Abenteurer, Visionär, Glücksspieler, Kabbalisten und Anführer eines räuberischen Beduinenstammes, seinen Irrfahrten und Schicksalen identifizierte sich Heinrich Heines junges Gemüt.

Über den ›Chevalier von Geldern‹ und andere jüdische Abenteurer hatte der Melzer Verlag ein Buch veröffentlicht, sein Autor ist Fritz Heymann.

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Dieser Journalist und Historiker – heute würde man sagen »Sachbuchautor« –, hatte Jus und Germanistik studiert, war Freikorpskämpfer und in der Inflation Direktor von fabulösen Firmen gewesen. 1940 schrieb er aus Holland an einen Freund in Palästina, »mit siebenundzwanzig saß ich zu Weimar, dem Musenwitwensitz, als großmächtiger Direktor in prunkvollen Räumen, mit Auto, Chauffeur, einer Freundin in der Wohnung, einer im Bürobetrieb und einigen kleineren in den Kurorten der Gegend, ach ja: alter Mann erinnert sich. Man soff mit den sozialistischen Ministern, mit den Malern vom Bauhaus, mit komischen Käuzen und Reichswehroffizieren … Junge, wie lange ist das her!« In den zwanziger Jahren fing Heymann an, über abenteuerliche Judengestalten zu recherchieren, weil er das Ghetto verachtete und beklagte, daß jüdische Revolutionäre und Politiker alle und alles befreien wollten, nur nicht die Juden aus ihren Ghettos: »Während der eine die Arbeiterbewegung aus dem Boden stampfte, baute der andere das britische Imperium«, damit meinte er Lassalle und Disraeli. Heymanns Vision war eine selbstbewußte jüdische Politik, »wobei sie ihr Judesein herleiten, begrenzen, begründen mögen, wie es der Einstellung der einzelnen entspricht. Dann werden sie respektiert auf Erden leben, und der Abenteurer wird Raum haben, ein Held zu sein.«

1937 erschien der ›Chevalier‹ erstmalig im Amsterdamer Exilverlag Querido. Als die Deutschen 1940 Holland überfielen, gelang es dann Fritz Heymann, dem Künder aktiven Handelns in der Geschichte, nicht mehr, das Land zu verlassen. Seiner Mutter hatte er noch ein Visum für Argentinien besorgen können, ihn faßte die SS, er wurde nach Auschwitz deportiert, zeigte sich dort, wie Hermann Kesten berichtet, »tapfer wie ein deutscher Offizier« und ging in den sicheren Tod.

Die erstaunlichsten Zusammenhänge hatte Heymann aus den Archiven herausgeholt, Informationen, die Historiker vor ihm so noch nicht zusammenbrachten. Er erzählt die Geschichte der Juden gegen den Strich, gegen das Klischee von der reinen Geistigkeit oder vom ›Stürmer‹-Bild des schachernden Juden. Um seine Vision mit Leben zu füllen, recherchiert er über jüdische Abenteurer, berichtet über Antonio von Portugal, den jüdischen König, geht den ziemlich begründeten Vermutungen nach, daß Kolumbus ein Jude war, aber erzählt auch von jüdischen Seeräubern, dem Räuberhauptmann Picard, dem Magier und Großscharlatan Philadelphia, den Abenteurern des Rokoko: Jud Süß Oppenheimer, Cagliostro, Mozarts Textdichter Lorenzo da Ponte. Ein großes Kapitel ist jenem Großonkel Heinrich Heines, dem ›Chevalier von Geldern‹, gewidmet und eines ›Wit, genannt von Dörring‹, der schillerndsten Figur des Vormärz. Diesen Text nahm ich 1984 ins ›Mammut‹ als Reverenz vor Fritz Heymann und seinen Figuren auf.

Vom Leo-Baeck-Institut in New York bekam der Melzer Verlag 1963 die Rechte. Das hätte ein Bestseller werden müssen, wenn es einen besseren Schutzumschlag gehabt hätte und wenn es richtig beworben worden wäre, da war ich sicher! Also entwarf ich in meiner Begeisterung einen neuen Schutzumschlag, beackerte die Presse – nichts passierte, die Auflage lag weiterhin wie Blei. Mir dämmerte zum ersten Mal, daß manche Bücher nur ein einziges Schicksal haben, nämlich nicht wahrgenommen zu werden, so als hätte es sie nie gegeben. Denn ›Der Chevalier von Geldern‹ erschien später noch einmal bei Athenäum und sogar vor ein paar Jahren erneut in Suhrkamps Jüdischem Verlag – immer dasselbe Lied, kein Hahn krähte danach. An Melzers häßlichem oder meinem schöneren Umschlag kann es also nicht gelegen haben.

(Fortsetzung folgt)

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Das Plakat zu ›POP am Rhein‹ entwarfen: Barbara Kalender, Till Kaposty und Jörg Schröder.

Der Katalog zum ›POP am Rhein‹-Festival erschien im Verlag der Buchhandlung Walther König.

Ausstellung im Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1 bis 3, 50667 Köln.
Dauer der Ausstellung: 13. Dezember 2007 bis 17. Februar 2008
Öffnungszeiten: Dienstags von 10:00 Uhr bis 20.00 Uhr, Mittwochs bis Sonntags von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr- Eintritt: 5 € / 4 €

Übrigens: Am Webdesign von ›POP am Rhein‹ begehren wir nicht schuld zu sein.

In Düsseldorf wird ›Der März-Raum‹ gezeigt in der Müller & Böhm Literaturhandlung, Bolkerstr. 53, 40213 Düsseldorf.
Dauer der Ausstellung: 23. Januar bis 16. Februar 2008
Öffnungszeiten: Montags bis Freitags: 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr, Samstags 10:00 bis 18.00 Uhr. Eintritt: Frei!

(BK / JS)

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