Schröders frühe Jahre in Bonn (7)

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Im Programmheft von ›POP am Rhein‹ wurde für den 14. Februar eine Lesung von Jörg Schröder in Bonn angekündigt, die wegen eines Planungsfehlers des Veranstalters nun doch nicht stattfindet. Wir bitten die Freunde unserer Literatur um Nachsicht und bringen hier einen Text, den wir in Bonn lesen wollten.

3. Teil

Ich ging weiter in die Junge-Union-Zusammenkünfte, auf CDU-Veranstaltungen wurde begeistert geklatscht und auf SPD-Veranstaltungen begeistert dagegengegrölt. Mein Vater scherte sich nicht darum. Ich glaube, ich hätte auch der ›Moralischen Aufrüstung‹ beitreten und »One for you and one for me, that’s the way of democracy« singen können, es hätte ihn nicht gekümmert. Er sorgte sich einzig, daß ich Gretels Reglements nicht allzusehr mißachtete. Ist ja verständlich, daß es jede Köchin aufregt, wenn du ihr Essen ins Klo spülst. Frag mich nicht, ob der Fraß wirklich so schlecht war, ich fand die Frau schlecht, ihren Gang, ihr Reden, ihre Klamotten, ihr Tun und Machen. Ein Konflikt mit überstarker Aversionstendenz. Es war alles Nazi-Scheiße bei Tante Gretel, sage ich jetzt noch in nachträglicher Wut auf diese Zeit.

Damals bekam ich die Frau noch nicht als Phänotyp zu fassen, brauchte noch lange, bis ich gefüllte Paprikaschoten und dämliche Norwegerpullover als ideologiekonforme Mahlzeiten oder Uniformen zu analysieren lernte. Ich mache doch hier nicht den Versuch, mich zum jugendlichen Widerstandskämpfer zu stilisieren, aber diese Ministerialgestalten stanken mir wirklich wie modrige Kadaver aus einer Vergangenheit, von der ich nur dumpf etwas ahnte. Natürlich stanken sie nicht physisch, benutzten vielmehr ausgiebig Chlorophyllpillen gegen Mundgeruch und ›Pitralon‹ nach der Rasur, ganz frische Gruftis eben.

Du fragst nach dem Gesellschaftskunde- und Geschichtsunterricht: Das Dritte Reich wurde nicht behandelt, das begann erst später, etwa mit dem Eichmann-Prozeß in Jerusalem, 1961. Ich habe in meiner Schulzeit bis 1957 darüber nichts gehört. Ich weiß, das steht im Gegensatz zu einer der weitverbreiteten Lügen meiner Generation, sie sei in der Schule bis zum Erbrechen mit den Nazi-Greueln gefüttert worden.

Es war nicht so. Nein, an Bilder in meinen Schulbüchern von Judentransporten in die Konzentrationslager, von Sklavenarbeitern aus Rußland und Polen in deutschen Industriebetrieben kann ich mich nicht erinnern, statt dessen ganz gut an ›Der Fackelzug der SA durchschreitet das Brandenburger Tor‹, ›Deutsche Soldaten marschieren in Österreich ein‹, ›V-1-Raketengeschoß‹, ›Deutsche Gebirgsjäger im Kaukasus‹, nicht zu vergessen die unvermeidliche ›Reichsautobahn‹, das alles in ›Damals und heute‹, 1954 bei Ernst Klett in Stuttgart. Und je schlüssiger uns die Historiker von Hannah Arendt über Hans Buchheim bis zu Trevor-Roper erklären, das Dritte Reich sei kein totalitärer Staat gewesen, wohl aber dessen Karikatur, die Karikatur der Träume, Hoffnungen und Ideen, die einst die NS-Führer in den Aufbau des totalitären Staates investiert hätten, desto klarer wird mir, daß sich gerade im Kampf einer Machtgruppe gegen die andere, schließlich aller gegen alle, der totalitäre Staat definiert. Und der Massenmord war seine einzige Konstante, inklusive des allgemeinen klandestinen Wissens davon.

Alo gehörte aber doch zur jungen Generation, ich unterdrückte meinen Ekel vor seiner Bigotterie, entschied mich in diesem Aversions-Appetenz-Konflikt für die Appetenz, schließlich wollte ich etwas erreichen über seine Junge Union. Wozu noch die drei endlosen Jahre bis zum Abitur, diese riesige Lebenszeitvergeudung? Ich suche mir eine Zeitung, werde dort Lehrling, schreibe erst kleinere Sachen, dann mittlere und schließlich große, und bald bin ich ein großer Journalist. Die Betonung lag auf bald. Ich fragte Alo, der Jura studierte: »Wissen Sie in Düsseldorf eine Zeitung, bei der ich eine Journalistenlehre machen könnte?« So hatte ich es mir ausgedacht: Ich wohne bei meiner Mutter, die inzwischen bei den ILAG-Industrie-Lackwerken arbeitete. Sie und Siegfried wohnten nicht mehr in Kappes-Hamm, sondern bei Änne Schiffers in der Helmholzstraße. Dort schlief ich während der Sommerferien auf der Couch. »In Düsseldorf erscheint die ›Rheinische Post‹«, sagte Alo Hauser, »eine Zeitung für christliche Politik. Ich werde dort Herrn Stragella anrufen.«

Ich fühlte mich bereits eingestellt, zog meinen, dem Vater und Tante Gretel abgerungenen, grauen Flanellanzug an. Ich hatte im Kaufhaus Hettlage in Bonn noch auf einer Pepitaweste mit Perlmuttknöpfen bestanden, die mußte ich selbst bezahlen von meinem Postsparbuch. Dazu trug ich spitze schwarze Schuhe und — aber hallo! — ein weinrotes Seideneinstecktuch plusterig, den dazu passenden roten Schlips, Windsorknoten, weißes Nylonhemd. Nein, noch lange kein Windsorknoten, damals war gerade der schmale Knoten angesagt. Noch eine kleine Tolle — uih! — soweit das meine dünnen blonden Haare hergaben, mit richtig fetter Elvis-Tolle war leider nichts. Den Staubmantel nahm ich über den Arm, ein changierendes, extrem kurzes Ding aus Trevirastoff, das in allen Farben schillerte wie eine Ölpfütze. Ich betrat das Verlagsgebäude der ›Rheinischen Post‹ in der Schadowstraße ein halbes Jahr vor der Versetzung in die Obersekunda, wurde zum Personalchef vorgelassen, der hielt mir einen Vortrag: »Mein lieber junger Freund, Sie stellen sich das so vor mit dem Journalismus. Was haben Sie denn bisher geschrieben?« »Nichts, ich bin noch Schüler.« »Woher wissen Sie denn dann, daß Sie zum Journalisten befähigt sind?« »Ich weiß, daß ich es kann, und irgendwo muß man es doch beweisen. Wo denn sonst außer in einer Zeitung?« »Also«, meinte er, »dann könnten wir Sie nur als Volontär anstellen und nicht als Lehrling. Im Augenblick gibt es bei uns aber keine Vakanz. Machen Sie doch bei uns eine Lehre als Verlagskaufmann, dann können Sie später immer noch schreiben.« »Ich werde es mir überlegen«, sage ich, war aber bedient. Das war ja das Allerletzte, allein das Wort Kaufmann! Alles, was damit zu tun hatte, fand ich widerlich. Herr Stragella sagte bei der Verabschiedung: »Gut, schreiben Sie mir, als Lehrling würden wir Sie nehmen.« Das war das Ende meiner Journalistenlaufbahn.

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Das Plakat zu ›POP am Rhein‹ entwarfen: Barbara Kalender, Till Kaposty und Jörg Schröder.

Der Katalog zum  ›POP am Rhein‹-Festival erschien im Verlag der Buchhandlung Walther König.


Ausstellung im Kölnisches Stadtmuseum
, Zeughausstr. 1 bis 3, 50667 Köln.
Dauer der Ausstellung: 13. Dezember 2007 bis 17. Februar 2008
Öffnungszeiten: Dienstags von 10:00 Uhr bis 20.00 Uhr, Mittwochs bis Sonntags von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr- Eintritt: 5 € / 4 €
Übrigens: Am Webdesign von ›POP am Rhein‹ begehren wir nicht schuld zu sein.

In Düsseldorf wird ›Der März-Raum‹ gezeigt in der Müller & Böhm Literaturhandlung, Bolkerstr. 53, 40213 Düsseldorf.
Dauer der Ausstellung: 23. Januar bis 16. Februar 2008
Öffnungszeiten: Montags bis Freitags: 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr, Samstags 10:00 bis 18.00 Uhr. Eintritt: Frei!

(BK / JS)

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