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vonSchröder & Kalender 05.03.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Wir sehen den Bären im Schneetreiben nicht.

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Der Maler Henning John von Freyend war einer der letzten Freunde von Rolf Dieter Brinkmann, der es sich kurz vor seinem Tode mit fast allen verscherzt hatte. Henning hatte Ende 1968 eine Ladenwohnung in Köln bezogen, bald stießen zu ihm seine ehemaligen Kommilitonen Berndt Höppner und Thomas Hornemann. Man gründete eine Gruppe »Exit Bildermacher«, welche eng mit Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla kooperierte, Illustrationen für die legendären Literaturzeitschriften ›Gummibaum‹ und ›Erwin’s‹ machte und Schutzumschlag-Motive für Kiepenheuer & Witsch und März lieferte.

So eng war die Busenfreundschaft zwischen Henning und Rolf Dieter, daß der Maler 1971, als es zum Zerwürfnis zwischen Brinkmann und März gekommen war, sein eigenes Bild, das berühmte »Hemd von Rolf Dieter Brinkmann« aus dem Frankfurter März Verlag klaute, weil sein Freund Rolf Dieter es unbedingt bei sich haben wollte. Die Geschichte von zweimal gemalten Hemd steht in ›Schröder erzählt: Zum harten Kern‹.

Tempi passati! Seit langem ist unsere Freundschaft zu Henning John von Freyend und seiner Lebensgefährtin Linda Pfeiffer wieder aufgefrischt.

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Von Linda erschien bei März 1985 ›Ich weine. Ich lache‹, Motiv: Henning John von Freyend

Auch mit Henning haben wir seit der Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön‹ wieder öfter Kontakt. In dieser Ausstellung hatte uns sein Bild ›Hohe Straße‹ aus dem Jahr 1974 sehr gut gefallen. Er schenkte es uns nun – sozusagen als Tribut für die damalige »selbstherrliche Zwangsenteignung des Hemdes«. Das ist nobel! Wir haben uns über diese Geste und natürlich das Bild sehr gefreut.

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›Hohe Straße‹ von Henning John von Freyend, Köln 1974

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So haben wir das Bild bei uns gehängt

Es gibt aber noch einen anderen Anlaß auf Henning John von Freyend hinzuweisen: Rolf Dieter Brinkmann führte nämlich in den Jahren vor seinem Tode eine umfangreiche Korrespondenz mit dem Maler. So schreibt R. D. Brinkmann am 18. Oktober 1973 auf einer Postkarte an Henning John von Freyend: »Der Brief an Dich wird immer länger, und ich schreibe daran immer nur sporadisch, denn ich hänge meistens, wenn ich nicht fluche oder lese, wegen des Gedichtbandes an der Schreibmaschine … Ein Teil des Gedichtbandes gehört Dir. Du wirst sehen. Mit viel Vergnügen lese ich Deine vielen Postkarten und Briefe, sie sind alle lebendig und lebhafter als der allgemeine Muff.«

Die Briefe des Malers liegen vermutlich im Brinkmann-Nachlaß. Die zahlreichen Briefe und Postkarten des Autors hat Henning gesammelt. Ernsthafte Brinkmann-Forscher sollten sich daher schleunigst mit ihm in Verbindung setzen, denn diese Texte zeigen, welche Überlegungen damals der Dichter und der Maler zum Stichwort ›neue Sensibilität‹ anstellten und wie diese wechselseitig ihr Werk beeinflußten. Auch für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk Rolf Dieter Brinkmanns, die ja weitgehend noch aussteht, sind diese Briefe an einen Maler eine unschätzbare Quelle.

(BK / JS)

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