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vonSchröder & Kalender 07.03.2009

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Es ist dunkel, wir sehen also nicht, wie der Bär flattert.
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Heute morgen – na, es war später Vormittag, denn wir hatten gesumpft, also gleich nach dem Aufstehen kramten wir in den Taschen nach den Nasenflöten, die uns Christoph Sippel, einer der Musiker, geschenkt hatte. Wir versuchten den Plastikdingern ein paar Töne zu entlocken, gar kein Kinderspiel. Aber schließlich piepste doch ein schiefes ›Hänschen klein‹ aus den Instrumenten.

Im Yorkschlösschen, der berühmten Kreuzberger Institution, gibt es Livemusik: Jazz, Blues, Soul, Dixieland und Funk. Gestern trat hier das ›Original Kreuzberger Nasenflötenorchester‹ auf.

Teaser: NOSE MUSIC BERLIN ein Dokumentarfilm (73 Min.) von Jean-Baptiste Filleau

Wir hatten die Formation – zehn Mannspersonen, ein Gitarrist, aber leider kein Frauenzimmer – schon einmal vor drei Jahren gehört, bei Thomas Kapielskis Ausstellung ›Emolumente‹ im Künstlerhaus Bethanien. Im großen Sendesaal des Künstlerhauses rockten die Nasenflöten, das Vernissagepublikum lächelte etwas gequält, einige lachten ein wenig »hö, hö, hö«. Gestern dagegen rockte auch das Publikum. Auf dem engen Podium, wo schon Jazzlegenden gespielt hatten, zogen die Männer ab und das Publikum sang mit, nicht nur im Geiste, sondern hörbar: »dam dam, da da!«, bei den Nasenflöten darf man das nämlich, was sonst unter Zivilisationsästheten auf strengste Mißbilligung  stößt, das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis.

»Die Musik des Krachmacheurs zeichnet sich durch eine Tendenz zur barocken Üppigkeit in Lautstärke, stilistischer Vielfalt, Ornamentik, klanglich amorpher Geräuschdichte (s. a. Nichtstationäre Klänge) und inhaltliche Bezüge zu Alltag, Philosophie und Objekten der Musik aus (s. a. Komische Musik).« Wir würden gern mehr zitieren, aber dann müßten wir das komischste und gelehrteste, schlicht gesagt beste Buch  über Musik (›Musik im Großen und Ganzen‹ von Frieder Butzmann, das gerade im Martin Schmitz Verlag erschienen ist) vollständig scannen. Wir sagen nur: Rennt in die Buchhandlungen und kauft die letzten Exemplare, der Verleger hat nur tausend gedruckt.

Wieder zum Yorkschlösschen: Der Laden war gerammelt voll. Das Publikum jubelte und sang mit zu den schrillen Nasenflöten-Adaptionen von ›Lumpy Gravy‹, ›Put Your Head On My Shoulder‹, ›La Mer‹ und den zwanzig anderen Songs. Wenn alle Ansammlungen von Intellektuellen so heiter und entspannt stattfänden, möchte man wohl öfter dabei sein.

Das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester erfand der Künstler und Pataphysiker Klaus Theuerkauf, der in der Oranienstraße seine endart-Galerie betreibt. Der andere Spiritus Rector ist der Autor, Künstler, Musiker und Fotograf Thomas Kapielski. Aber es ist ungerecht, die beiden hervorzuheben, denn die kakophonischen Harmonien, welche die zehn Flötisten in ihrem kindlichen Spieltrieb produzieren, machen jeden von ihnen zum Instant-Superstar. Zusammen ergibt diese Performance die komischste Band, die gegenwärtig unterwegs ist.

Wer mäkelt da rum: »Hä, kakophonische Harmonie?! Wo gibt’s denn so was?!« Na zum Beispiel in Wolfgang Amadeus Mozarts ›Linzer Symphonie‹. Am 30. Oktober 1783 traf Mozart aus Salzburg kommend gemeinsam mit seiner Frau Constanze im Palais des Grafen Johann Anton Thun in Linz ein. Der Graf plante für den 4. November 1783 ein Konzert und wollte auch ein Werk von Mozart aufführen lassen. Das Problem für den Komponisten war, daß er keine Noten bei sich hatte. Also komponierte er binnen weniger Tage die ›Linzer Symphonie‹, Köchel Verzeichnis 425.

In seinem schönen Film ›Der Wadenmesser oder Das wilde Leben des Wolfgang Mozart‹ hat Kurt Palm ein filmisches Portrait von A bis Z geschaffen. Unter dem Buchstaben K »Kaum Harmonien« spielt ein Orchester die ›Linzer Symphonie‹, neben den üblichen Instrumenten werden Nasenflöten, Quietschpuppen und Tröten eingesetzt. Kinderinstrumente, die Mozart liebte, wie er ja überhaupt eine Vorliebe für Dilettanten hatte: »Sie wissen wohl daß es hier eine menge Dilettanten giebt, und zwar sehr gute, so wohl frauenzimmer als auch Manspersonen«, schrieb er am 8. Mai 1782 aus Wien an seinen Vater.
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Nach dem Konzert dedizierte uns Thomas Kapielski sein druckfrisches Buch ›Ortskunde. Eine kleine Geosophie‹, das im Urs Engeler Verlag erschienen ist. Wunderbare Miniaturen, die meist nur mittelbar mit Hohenwulsch, Bienenbüttel oder Espenloh zu tun haben, aber viel mit Thomas Kapielskis Weltsicht.

(FB / WAM /  BK / JS)

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kommentare

  • In obigen Worten erfährt Axl Trickbeat endlich die Würdigung, deren er würdig ist. Stimmt – Axl s Papa hat die AKWs in Canda aufgemischt, bis ich Axl eines Tages im Aachener Plattenladen MONO kennenlernte.
    Plötzlich hörte ich Geräusche in meinem Leben.
    Ich versichere jedem Menschen : AXL ist der Musik gänulich überdrüssig.
    http://www.trickbeat.de bringt immer das Neuste aus Nostalgie und harten Bemerkungen, und Videos von mir. Übrigens neue SCheibe im Anweg ! Auf der AXL virtuell mitmischt….
    Mit TRICKBEAT auf Myspace habe ich oder AXL nichts zu tun… KIndertechnomucke ??

  • ihr lieben,
    da ist euch leider ein entscheidender fehler, den auch andere gern machen, unterlaufen.
    der wichtigste mann ist unser gitarrero hermann halb.
    der beste flöter ist wohl der letzten freitag abwesende christian steifen.
    der zweitwichtigste mann und einziger mitgründer neben mir ist hanns martin slayer aka axel grumbach.
    er war im trash-noise duo trickbeat und machte damals so legendär gewordene schallplatten 
    wie the social fallout from an epidemic, nena mentruationsbrigade, fötenturbo prolocaust oder vietnashville.
    das geld für diesen ausgewählten kulturmüll kam vom früh verstorbenen + verhaßten vater, der sein geld bei der atomindustrie gemacht hatte. außerdem war axel mitbegründer des legendären aachener punk-fanzine  bierfront und schuf danach mit dem rest von papas schatulle – mittlerweile war er 1991 von aachen nach berlin umgezogen – die kult gewordene SUPER!bierfront, eine mischung aus der alten bierfront und der damals von murdoch ins leben gerufene SUPER!, dem versuch einer bildzeitung-ost.  
    ende 1991 war dann auch die erste übungsphase des grindchors. wir wollten das projekt zeitlich begrenzen.
    angeregt waren wir beide durch die kalifornische formation the temple city kazoo orchestra. ich kannte die 25!-köpfige truppe aus dem sampler the world’s worst records, hervorgegangen aus doctor demento’s radioshow  in den 80ern (erschienen bei rhino-records (!!!) axel, mindestens genauso begeisterter wie emsiger sammler von kulturschrott hatte sogar deren absolut rare EP mit vier stücken. 
    1991 illustrierte ich zusammen mit peter meseck im namen von endart für bert papenfuß den gedichtband nunft/fkk IM . der steidl-gerd macht immer an die 10 projekte gleichzeitig, mittlerweile  dürften es wohl noch mehr sein. er widmet sich einem jedem immer so für eine stunde dann rennt er zum anderen, usw. … also entstehen lange pausen, papenfüßjen und ich schlichen durch göttingen, in einem musikalienhandel sah ich die mir bereits bekannten nasenflöten. da kam mich die idee: was die amis mit den kazoos können, müßte man doch auch mit den nasenflöten machen können.
    zurück in berlin war axel  sofort feuer und flamme für ein solches unterfangen. wir nahmen uns vor, wenn wir the reek of putrifaction (= der gestank der verwesung ) der formation carcass beherrschten, hörten wir auf. diese musikrichtung wurde als grindcore bezeichnet. die gitarren etwa mindestens doppelt so schell wie die von metallica, der gesang klingt klingt eher wie morbides zombi-bass-geröchel
    wie aus einem splatterfilm. da das auf der nasenflöte nicht wirklich zu schaffen ist, gibts uns noch.

    leberliche grüße
                                 kt

  • möglich, dass ich es alleine vielleicht nicht geschaft hätte. aber auf grund meines kenntnistsandes hielt ich es einfach nur für richtig. mehr nicht.
    was nun herrn hohlbeins jüngstes werk betrifft? eingedampfte minituren, dieses fixe wechselspiel in den adressen, die identität(en) in und aus einer erfahrungswelt von unbeirrbarkeiten und dickköpfigkeit (hin und wieder); aufklärerischer duktus steht hier für mich aber noch voll und ganz in einem schatten. und das ist der der unfriesierten gebrauchsebene!

    guttroll-faktor und vergangenes habe/hatte ich soweit frei geräumt. und insofern liegt es nun ganz nahe nur bei euch. was?, fragst du.
    nicht wirklich; OB WIR GEMEINSAM ZUREICHENDES ENTFALTEN KÖNNTEN oder supergausimulation sich in tröger improvisationsnudellei verläuft, und es so nichts weiter konstruktiv bindes gibt, eine generalklausel in eisidee in kraft zu treten hat.
    was einfach bloß richtig wäre. wir werden so sehen..

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