vonSchröder & Kalender 11.04.2015

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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Während unserer Recherche entstand ein Konvolut von über hundert Seiten. Alle diese Details wären für eine »Empört Euch!«-Geschichte zu umfangreich gewesen. Also haben wir strikt ausgewählt, um die Botschaft nicht zu überfrachten. Denn seit Jahren wird uns ja Big Data von sämtlichen Medien um die Ohren gehauen, viele können das Wort Facebook schon nicht mehr hören oder zucken nur noch mit den Schultern, wenn von digitaler Revolution die Rede ist. Wem also dieser größte Angriff auf die Privatsphäre egal ist, dem können wir nicht helfen.

Solange es aber noch Reste von Vernunft gibt, wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Als Agnostiker, die wir sind, setzten wir auf den sozialen Dominoeffekt. Ein Christenmensch wird stattdessen lieber auf Gott vertrauen, wie es Gottfried Benn in seinem berühmten Apfelbaum-Gedicht Martin Luther in den Mund legte: »Ich bin in Gott, der außerhalb der Welt noch manchen Trumpf in seinem Skatblatt hält.« Mehr als Hoffnung auf diese oder jene Vernunft hatten wir bis vor kurzem nicht. Denn die physikalische Auslösung eines Anfangsereignisses oder gar das Aufblättern von Gottes Skatblatt kann keiner planen.

Jetzt ist plötzlich Licht am Horizont, es klingt wie Morphogenese oder eben erhörte Gebete. Als Ende Januar die neuen Datenschutzrichtlinien von Facebook in Kraft traten, gab die staatliche Datenschutzkommission Belgiens bei der Freien Universität Brüssel und der Katholischen Universität Löwen Gutachten in Auftrag, welche diese neuen Bestimmungen überprüfen sollten. Das Ergebnis beider Studien ergab: Erstens verstoßen die Datenrichtlinien des Netzwerks gegen europäisches Verbraucherschutzrecht. Zweitens sind die Regeln zu vage formuliert und somit von den Nutzern nicht nachvollziehbar. Daher sollten sowohl die belgischen als auch die europäischen Datenschutzbeauftragten im Interesse der Nutzer gegen das Netzwerk beim Europäischen Gerichtshof Klage erheben, schlugen beide Gutachten vor.

Verstöße gegen das Verbraucherschutzrecht sind nicht nur nach europäischem, sondern auch nach deutschem Recht ungesetzlich. Der Wiener Jurist Max Schrems hat gerade vorgemacht, wie man als Verbraucher in Österreich mit einer Sammelklage dem Facebook-Konzern auf den Leib rücken könnte. Das ist ein Anfang, wir wünschen ihm Erfolg!

Facebook

Die deutsche Politik wäre längst verpflichtet gewesen, auch gerichtlich gegen Facebook vorzugehen. Stattdessen, die Schelte der Belgier gegen Facebook war kaum verklungen, da setzte der Regierungssprecher Steffen Seibert noch eins drauf und stellte Videos und Statements der Kanzlerin auf Angela Merkels Facebook-Seite. Dagegen protestierten Presseleute, allen voran Béla Anda, unter dem Kanzler Gerhard Schröder selbst Regierungssprecher und nun Vize-Chefredakteur bei ›Bild‹, weil die Facebook-Nutzer vor der Presse über Reisen und Auftritte der Kanzlerin Merkel unterrichtet werden. »Reporter werden auf diese Weise im Grunde überflüssig«, beklagte sich Anda. »Ich finde, wir bräuchten schon eine ganz schön gute Begründung, wenn wir sagen würden: Nö, da wollen wir aber nicht dabei sein. Da gehört die Bundesregierung hin«, verteidigte sich Seibert.

Mit einer guten – wenn auch für ihn nicht schönen – Begründung können wir Herrn Seibert auf die Sprünge helfen: Die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland tummelt sich mit Hilfe ihres Sprechers auf einer Seite von Facebook, die nach deutschem Recht ungesetzlich ist und wogegen die Rechtsorgane dieser Republik demnächst Klage erheben müssen. Damit handelt der Regierungssprecher Seibert nach der Devise einer Bananenrepublik: Legal, illegal, scheißegal.

Aber machen wir uns nichts vor, Klagen und deklamatorische Politikerreden sind ein stumpfes Schwert ohne den Druck der Straße – unter dem Pflaster liegt der Strand! Nur ein massenhaftes »Delete your facebook« kann etwas bewegen.
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(BK / JS)

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https://blogs.taz.de/schroederkalender/2015/04/11/ihr-habt-es-in-der-hand-13/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Wie Recht Sie doch haben, polyphem!

    Nicht nur der „Leiter taz.de“, Daniel Kretschmar, nuckelt am F*c*book-Daumen, auch der taz-Geschäftsführer, Andreas Bull; Und der geht sogar (¿stolz?) damit hausieren, dass man den „Netzwerken“ erweitert zuarbeite:

    „(….), die engagierte Kommunikation mit dem deutlich jüngeren Lesepublikum vor allem in den Netzwerken Facebook und Twitter verlangt mehr Einsatz an Personal und vom Personal mehr Einsatz. Genauer: Die Personalkosten stiegen um knapp 34 Prozent.“

    https://blogs.taz.de/hausblog/2015/04/07/die-bull-analyse-verbssern-oder-sterben/

    Vielleicht schielt man im v.a. wohl automanipulativ eingehämmerten Größen- u./o. ‚Qualitätsjournalismus‘-Wahn inzwischen auch in der taz.de bereits auf einen Krümel-Kickback-Vertrag mit F*c*book, das, so munkelt fraumann immer lauter, mit ausgesuchten us-amerikanischen Tageszeitungen, Verlagshäusern in Verhandlungen steht und jenen bei Überlassung ihrer Inhalte (Hosting) anbietet, einen Teil der bei F*c*book erzielten Werbeeinnahmen an sie abzudrücken.

    http://www.slate.com/articles/technology/technology/2015/03/facebook_s_deal_with_new_york_times_buzzfeed_why_the_media_should_resist.html

    Nachdem die taz.de durch immer rigidere Zugangs-Barrieren zur Online-Leserkommentar-Funktion (zuletzt: zwingend notwendige Registrierung) bereits den Großteil der interessierten (Online-)Leser vertrieb, auf stumm stellte und dann auch noch die Registrierten durch neuerlich einsetzende L.k.-Löschungen (auch Tage nachträglich), L.k.-Kürzungen und ad libitum eingesetzte Freischalt-warte-sperren (ad calendas graecas!) gängelt-e, ist endlich Ruhe im Online-Haus, ausser, dass der ‚Feind‘ (oh Wunder!) nun innen entdeckt wurde (Sebastian Heiser, oder-so).

    Die Headline des vorerwähnten Bull-taz.blogs dürfte Selffulfilling Phrophecy in der zweiten ‚Option‘ sein, also das nach: „oder“.

    Vielleicht ist ’s schade um das Zeitungs-Projekt, aber mit ein bißchen ‚Glück‘ bleibt ‚uns‘ ja der tazpresso und Manufaktum-Ähnliches erhalten, wenn man schon partout nicht die Bohne Ahnung vom Zeitungsmachen-2.0 haben will, stattdessen aber konstant Konversion in Richtung ‚grün‘ lackierter Lifestyle-&-Gedöns-Bauchladen betreibt.

  • [1] Da ich was von IT verstehe und auch seit Jahren überzeugt war, dass NSA das tut, was sie tut, habe ich kein Facebook-Konto. Somit kann ich leider nichts löschen lassen. ;-( Ich sehe mit Schrecken im privaten und gewerblichen Umfeld die Nutzung von Facebook. Dass Medien sich fast komplett ausgeliefert haben, schrieb ich hier in einer vorherigen Folge schon. Auch taz.de hat sich ja entschlossen sich von FB abhängig zu machen. Darum werden ihre Texte im redaktionellen Teil dieser Zeitung vermutlich nicht erscheinen. Statt dessen schreibt dort der Leiter von taz.de: http://taz.de/Journalismus-in-Online-Netzwerken/!157771/

    Wer ein Modul zur Überwachung von Tracking-Funktionen, z.B. im Fire-Fox-Browser, installiert und aktiviert, kann sehen, was da so läuft. Cookies werden nicht mehr benötigt. Fast auf allen Medienseiten und B2C-Seiten großer Handelsplattformen sind z.B. Facebook-Connect und Goggle-Analytics und Google-Adwords aktiv. Viele online-Medien und Handelsplattformen bieten sogar ein Login via Facebook an, damit alle „Freundinnen und Freunde“ wissen, was ich lese und was ich kaufe. In Mainstream-Medien erfährt mensch nichts über diese Methoden der Internetkonzerne. Ich finde das verheerend und unglaublich.

  • [2] Ich agitiere seit Jahren bei Alt und Jung gegen Facebook-Nutzung – und werde mitleidig belächelt. Alle haben nichts zu verbergen und der Nutzen ist ja so gewaltig – glauben die Leute. Facebook hat ihnen ja erklärt, dass der „arabische Frühling“ ohne FB nicht funktioniert hätte. Vom „Luxus“ und /oder von angeblichem Komfort und scheinbarer Freiheit zu lassen, das ist wohl der Menschen Sache nicht. Eher wird die ganze Menschheit vegan, als dass eine Mehrheit der Nutzer ihre FB-Konten löschen lässt.

    In einer vorherigen Folge ihrer Themenreihe schrieben Sie was von Beulenpest. Die kann ja ausheilen. FB ist im Vergleich viel schlimmer. Ich bezeichne „Soziale Netzwerke“ als Internet-Herpes. Wie sich die Viren dieser Krankheit am Nervengeflecht von Menschen „auf die Lauer“ legen, liegen Facebook-Komponenten im Nervengeflecht der weltweiten Internet-Geflechte auf der Lauer. Diese Krankheit werden wir nie wieder los.

    Da ich eben Klaus Jünschke gelesen habe: Ich habe ein smartphone. Das hält sich oft getrennt von mir auf und ich weiß, wie es ausgeschaltet wird.

  • Liebe Barbara, lieber Jörg,
    hier ein Auszug aus einem Interview mit Harald Welzer im Kölner Stadt-Anzeiger von Heute:
    Ein auswegloses Dilemma?

    Überhaupt nicht. Hans Magnus Enzensberger hat dazu gesagt, es sei ganz einfach, sich dem digitalen Totalitarismus zu entziehen: Smartphone wegwerfen, den Internetzugang kappen, E-Mail-Korrespondenz einstellen. Dafür erntete er dann viel Hohn und Spott.

    Logischerweise.

    Aber ich finde, er hat völlig Recht. Es wäre doch Micky-Maus-Denke, anzunehmen, dass eine Veränderung der Verhältnisse an einem so entscheidenden Punkt zu haben wäre, ohne einen Preis dafür zu bezahlen. Widerstand kostet. Schlimmstenfalls das Leben, wie wir aus der Geschichte wissen. Uns hingegen erscheint es schon als zu teuer bezahlt, wenn wir auf Whatsapp verzichten sollten. Obwohl wir wissen, dass wir uns mit jeder Message einer Totalüberwachung ausliefern. Enzensberger hält dagegen und sagt: Wir können etwas tun, wir müssen nur wollen.
    „Ich habe auch kein Smartphone und werde mir ganz sicher nie eines zulegen“

    Welche Formen der Verweigerung praktizieren Sie selbst?

    E-Mails schreibe und lese ich noch. Auch Suchmaschinen benutze ich. Aber ich bin weder bei Facebook noch bei Xing. Ich habe auch kein Smartphone und werde mir ganz sicher nie eines zulegen.

  • Eine andere Beobachtung: Viele Accounts bei Facebook sind praktisch schon seit Monaten und Jahren tot. Die wurden einmal eingerichtet und ein bisschen bedient und liegen seitdem brach.

    Da die meisten Nutzer allerdings nicht wissen, wie man seinen Account bei Facebook – zu boarisch: Gfrias- oder Fotzenbuch – löscht, bleiben die Konten erhalten und werden als Unternehmenswert mitgezählt.

    Hier kann man sein Konto löschen: https://www.facebook.com/help/contact.php?show_form=delete_account

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