http://blogs.taz.de/schroederkalender/schroederkalender/wp-content/blogs.dir/14/files/2018/01/Reading-2.jpg

vonSchröder & Kalender 27.10.2015

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

***
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
***

In zahlreichen Karten und Briefen berichtete Rolf Dieter Brinkmann seinem Malerfreund Henning John von Freyend von Aufenthalten in Vechta, Husum, Bremen, Frankfurt, Amsterdam, Texel, natürlich auch von seiner Zeit in Rom als Villa-Massimo-Stipendiat und als Gastdozent in Austin, Texas. Die letzte Karte an den Freund schrieb er am 22. April 1975 nach seinem fulminanten Auftritt in England: »Lieber Henning, Grüße aus Cambridge (auch an Linda). Die Lesung war großartig gestern Abend, und eine richtige Sache, las englisch und deutsch, wie ’n Rock ’n Roll Konzert, schaukelnd rhythmisch – Flutlicht und BBC – Colour TV / viele junge Dichter, viele kleine Pressen und Publikationen – lebe hier im J. James Haus. Morgen also nach London. J. Ashbery dröselte vollkommen ab beim Lesen / Die engl. Höflichkeit geht mir allerdings sehr auf die Eier manchmal. R. / Traf hier Recha aus Exit-Zeiten.« Am 23. April wurde Rolf Dieter Brinkmann in London von einem Taxi überfahren.

Diese Briefe an den Maler Henning John von Freyend wären für die Forschung zum Werk des Dichters Rolf Dieter Brinkmann von eminenter Bedeutung, denn sie handeln auch von seinen Plänen zu einem neuen »ultimativen« Roman. Die weltweite Brinkmann-Gemeinde würde das Werk mit Kusshand begrüßen. Genauso interessant sind natürlich Hennings Antworten, denn die Briefe beziehen sich aufeinander. Am Schönsten wäre eine Faksimile-Ausgabe mit dem Titel ›Briefe an einen Maler‹ mit Hennings Zeichnungen, die in den zehn Skizzenbüchern opulent vorhanden sind. Henning verhandelte wegen einer Veröffentlichung lange mit dem Rowohlt Verlag, aber Maleen Brinkmann blockierte die Publikation, ob mit oder ohne Zeichnungen – keiner weiß warum. Jahrelang hoffte Henning, dass Maleen ihre Meinung ändert und versuchte deshalb einen freundlichen Kontakt mit ihr zu halten – vergeblich. Von seinen Versuchen berichtete er uns regelmäßig, denn wir blieben in losem Kontakt, wussten daher von seiner Frustration, hörten immer wieder von neuen Versuchen, Maleen zum Einlenken zu bewegen.

Jörg Schröder und Henning John von Freyend. Foto: Barbara Kalender

Henning John von Freyend und Jörg Schröder bei der Betrachtung der Skizzenbücher. Foto: Barbara Kalender

* * *

Kürzlich erschienen Zitate aus Brinkmanns Briefen an den Maler in einer Dissertation von Roberto DiBella mit dem Titel ›Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums. Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt‹.

Als Motto stellte DiBella seiner Arbeit das Zitat aus einem Brief an Henning John von Freyend voran: »Dränge danach, jeden Gedanken, jede Erfahrung, jeden körperlichen Zustand in den vergangenen drei Jahren aufzuschreiben. Das nenne ich meinen Roman. Ich muss unbedingt aus meinen Erfahrungen ein Gesetz herausfinden.« Die unveröffentlichten Briefe eines der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts sind in Henning Skizzenbücher eingeklebt, er hat sie dem Germanisten DiBella für seine Recherche zur Verfügung gestellt. Ein Anfang ist also gemacht. Das ersetzt aber nicht die Veröffentlichung des kompletten Konvoluts. Ganz nebenbei: Die zehn Skizzenbücher sind sehr »attraktiv« – um mal eins der Brinkmannschen Lieblingswörter zu gebrauchen, das er aber nur benutzte, wenn er gute Laune hatte, was selten vorkam.
* * *

Cover DiBella, R.D. Brinkmann

Roberto Di Bella, »… das wildgefleckte Panorama eines anderen Traums« Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt. November 2014, 672 Seiten. Kartoniert mit Fadenheftung, 61 s/w Abbildungen Königshausen & Neumann, Würzburg

***
(RDB / HJF / BK / JS)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2015/10/27/brinkmanns-briefe-an-einen-maler/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.