vonSchröder & Kalender 31.01.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

***
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
***

Vorerst jedoch regnete der Geldsegen weiter, wie auf einer Perlenkette reihten sich berühmte Bücher: 1955 James Patrick Donleavys ›The Ginger Man‹ und Vladimir Nabokovs ›Lolita‹, 1956 Henry Millers ›Quiet Days in Clichy‹, und 1958 erschien Henry Millers ›Tropic of Cancer‹, aber auch der spätere Weltbesteller ›Candy‹ von Mason Hoffenberg und Terry Southern. 1959 folgten Lauwrence Durrells ›The Black Book‹ und William S. Burroughs ›Naked Lunch‹. Natürlich kamen während dieser Zeit auch ungefähr hundertfünfzig dirty books hinzu, die meist unter skurrilen Pseudonymen veröffentlicht wurden, so zum Beispiel Akbar del Piombo für Norman Rubington und Harriet Daimler für Iris Owens. Letztere taten aber der literarischen Reputation des Maurice Girodias keinen Abbruch. ›The Economist‹ nannte ihn »den hochberühmten Avantgarde-Verleger unserer Zeit«.

Hätte der hochberühmte Verleger nicht seine ›Grande Séverine‹ eröffnet, ein Restaurant- und Nachtclubkomplex, dann wäre ihm der finanzielle Erfolg treu geblieben. Und noch etwas anderes hätte der Hochberühmte sich nicht leisten dürfen, nämlich die sonderbare Auffassung, dass Verlagsverträge ziemlich überflüssig sind. Wenn doch mal ein Autor darauf bestand, dann fand Girodias, es reiche die Garantiesumme zu zahlen, jedoch keinesfalls die royalties, also die Autorenhonorare nach Abrechnung der verkauften Exemplare. Er hielt es einfach für selbstverständlich, dass die Rechte an den Büchern, die er entdeckt und verlegt hat, ihm persönlich gehören und die Weltrechte dazu.

Mit dieser Rechtsauffassung war der Verleger bei James Patrick Donleavy, einem jungen Amerikaner irischer Abstammung, der in London lebte, an den Falschen geraten. Sein Manuskript trug ursprünglich den Titel ›Sebastian Dangerfield‹, der Name des Romanhelden, ein Student des Trinity Colleges in Dublin, welcher aus dem bürgerlichen Leben ausbricht, dann, von Frau und Freunden verlassen, ein wildes, selbstzerstörerisches Leben führt und am Ende scheitert. Das Buch ist zuweilen deftig und obszön, weshalb das Manuskript von einigen Verlagen abgelehnt worden war, bis Donleavy es auf Rat von Brendan Behan an die notorische Pariser Olympia Press schickte. Übrigens nicht als komplettes Manuskript, sondern – um den französischen Zoll wegen der obszönen Passagen zu umgehen – in Teilen. Die Lektorin der Olympia Press, Muffie Wainhouse, redigierte den Text und ordnete mit Schere und Klebstoff die Abfolge neu, stellte Kapitel und Seiten um, der Autor war damit einverstanden gewesen. Im Juni 1955 erschien das Buch als ›The Ginger Man‹ und wurde ein Bestseller.

Die Geschichte der Olympia Press wird demnächst fortgesetzt.

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2018/01/31/6404/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.