vonSchröder & Kalender 04.02.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert  in südlicher Richtung.
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Anstand? Gut gedreht, Monsieur Paulhan. Ebenso raffiniert machte es Goethe mit seiner zwölfjährigen Mignon, der er ehrlicherweise knabenhafte Züge andichtete: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiss, was ich leide.« Oder der Poeta Laureatus Francesco Petrarca, welcher in einem seiner Sonette seine Geliebte Laura mit den »Seufzern des Herzens« anhimmelt. Und natürlich Dante Alighieri mit der Adoration seiner Jugendliebe Beatrice, der er im neunten Lebensjahr begegnete und bis zu ihrem Tod mit vierundzwanzig Jahren besang. Diese Motive hat der Literaturwissenschaftler und hoch gebildete Päderast Nabokov in seiner ›Lolita‹ beziehungsreich benutzt und zu einer amerikanischen Kindfrau-Obsession verschleiert. Was einfach ein Bestseller werden musste, weil auch stringent literarische Pornografie eben Pornografie ist – besonders, weil es eine ist, welche nicht unter der Bettdecke gelesen werden muss. In der Pornografie der Hochliteratur werden nämlich Mythen und Märchen für Erwachsene erzählt, die ein Tabu beschreiben, das, wie es seinem Wesen entspricht, strikt einzuhalten ist. Diese schlichte Wahrheit scheint, wie der Kinski-Missbrauchsfall zeigt, von den aufgeregten Feuilletonisten kaum verstanden zu werden. Klaus Kinski – größenwahnsinnig, feige, geil und schlicht dumm, wie er war – wollte für sich den Trennstrich zwischen Literatur und Tabu nicht akzeptieren.

Doch wie kam ›Lolita‹ überhaupt zur Olympia Press? Doussia Ergaz, eine russische Emigrantin, die in Paris als Agentin lebte, hatte Maurice Girodias das Manuskript angeboten. Sie war mit dem Emigranten Nabokov befreundet, der schon lange in den USA lebte und bereits eine Reihe von Büchern veröffentlicht hatte. Jedoch fünf bedeutende amerikanische Verlage lehnten ›Lolita‹ wegen des Tabuthemas ab. Girodias hingegen war fasziniert, auch sein Bruder, Eric Kahane, fand das Manuskript eindrucksvoll, hielt den pädophilen Stoff allerdings für sehr gefährlich. Die Lektorin Muffie Wainhouse war ebenfalls begeistert, also rief Girodias Doussia Ergaz an. Es wurde ein Vertrag nach amerikanischem Muster geschlossen, Nabokov hatte darauf bestanden. Das war ein Glück für Girodias! Die Vorauszahlung betrug fünftausend Dollar, eine hohe Summe im Jahre 1955. Girodias wollte das Buch in zwei Bänden herausbringen und meinte, so würde es sich rechnen.

Diese Erzählung wird demnächst fortgesetzt

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