vonSchröder & Kalender 07.02.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert  in westlicher Richtung.
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Mit seinem Anteil an den ›Lolita‹-Tantiemen erfüllte sich Maurice Girodias seinen Lebenstraum, nämlich sich selbst einen Ort zu erfinden, an dem er gern seine Abende verbringen würde. 1958 zog die Olympia Press von der rue de Nesle in ein vierstöckiges verrottetes Gebäude in der rue Saint-Séverin im Quartier Latin. Ein Heer von Handwerkern rückte an, das Olympia-Press-Büro belegte ein Stockwerk, im Parterre eröffnete Girodias ein Bistro, das er ›La Grande Séverine‹ taufte. Groß war das Lokal zunächst noch nicht, aber bald richtete der Verleger im Nachbargrundstück einen tatsächlich gigantischen gastronomischen Komplex ein, und im Laufe von fünf Jahren wechselten die Restaurants und Clubs. Dort spielten und traten auf: Memphis Slim, Hazel Scott, Kenny Clark, Chet Baker, Marpessa Dawn und Mae Mercer. Sogar die Beatles sollen aufgetreten sein, als sie noch eine unbekannte Gruppe waren, so erzählte es mir Maurice, keine Ahnung, ob es stimmt.

Der Restaurantkritiker Thomas Quinn Curtiss schrieb 1960 in der ›New York Herald Tribune‹: »Als die ›Grande Séverine‹ eröffnet wurde, gab es zunächst nur ein Bistro, aber schnell entwickelte sie sich zu einem bizarren Komplex. Heute gibt es dort sieben Fluchten auf zwei Stockwerken. Im Erdgeschoß eine Fin-de-siècle-Bar mit original Kachelfußboden um 1900, einen roten, chinesisch inspirierten Salon, ein blaues Zimmer, den ›Salon Cagliostro‹ mit auf Spiegel gemalten alten spanischen Tarotkarten, einen üppigen Wintergarten mit Vogelkäfigen im Rokokostil und im Kellergeschoß natürlich einen Nachtclub, eine Bar, ein weiteres Restaurant und den zentralen Raum mit großer Tanzfläche.«

Eine glorreiche Zeit, was jedoch den ökonomischen Erfolg des wahnwitzigen Etablissements angeht, so sah es damit düster aus. Denn Gastronomie- und Clubmanagement wollen gelernt sein. Die ›Grande Séverine‹ beschäftigte zu ihren Hoch-Zeiten über fünfzig Leute. Es gab kaum Kontrolle, die Künstler schwelgten in Kaviar und Jahrgangschampagner, das Personal machte, was es wollte, räuberte die Kassen und benahm sich arrogant, schließlich blieben die Gäste aus. Nur noch Girodias’ zahlreiche Gläubiger, die Lieferanten, Handwerker und Drucker feierten mit ihren Freunden in der ›Grande Séverine‹, es ging ja alles aufs Haus, weil Girodias ihnen Geld schuldete.

Diese Erzählung wird demnächst fortgesetzt

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