vonSchröder & Kalender 09.02.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

***
Es ist neblig, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
***

Nach nur fünf Jahren hatte der Verleger seinen Anteil der ›Lolita‹-Millionen verblasen. Im Jahr 1963, nach einer Theater-Adaption von de Sades ›La Philosophie dans le Boudoir‹, machte die Brigade Mondaine den Laden dicht, die ›Grande Séverine‹ war bankrott. Schlimmer noch: Gegen die Olympia Press wurde ein staatliches Publikationsverbot in Frankreich verkündet. Diesen Absturz ins Nichts kommentierte Maurice Girodias später im ›New Olympia Readers‹: »›La Grande Séverine‹ verzehrte meine Energien, meine Zeit, meine Kreativität. Sie war eine fatale Geliebte, die mich von meinen Aufgaben als Verleger abhielt. Statt ein großsprecherischer und katastrophaler Nachtclubbesitzer zu werden, hätte ich aus der hässlichen politikverseuchten Pariser Szene flüchten sollen und mich zu meinen Autoren und Büchern nach Amerika verfügen müssen. Es war so klar, so evident. Welch schreckliche Blindheit!«

 

Seine Einsicht kam zu spät. 1965 ging Girodias als gescheiterter Verleger nach New York, lebte in einem kleinen Zimmer im Chelsea Hotel und schlug sich mit der Herausgabe des ›New Olympia Readers‹ durch, der bei Grove Press erschien. Erst zwei Jahre später gründete er die Olympia Press New York, welche in einem Appartement am Gramercy Park residierte. Alle seine bedeutenden Autoren kamen inzwischen in großen amerikanischen Verlagen heraus, Girodias hatte keine Rechte mehr daran. So waren auch die Verlagsrechte von ›Lolita‹ 1964 zurückgefallen, weil Girodias die Honorare an Nabokov nicht mehr zahlen konnte. Die Pariser Olympia Press musste nach dem Publikationsverbot Konkurs anmelden und stand zum Verkauf. Also durfte Girodias deren noch existierende Rechte nicht mehr auswerten – was er von Fall zu Fall übrigens trotzdem tat. Er gab in den USA ein paar alte Pariser Porno-Taschenbücher heraus, akquirierte auch einige neue Autoren, darunter war Valerie Solanas mit ihrem ›SCUM-Manifest‹. Girodias hatte sie im Chelsea Hotel kennen gelernt, wo auch Valerie eine Weile wohnte. Maurice Pornoproduktion in den USA war eine Pleite, denn Lancer und die West Coast Piraten, Brandon House, Marvin Miller und Greenleaf hatten den US-Pornomarkt längst übernommen.

Diese Erzählung wird demnächst fortgesetzt

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2018/02/09/das-farbige-banner-der-pornografie-9/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.