vonSchröder & Kalender 13.03.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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So heißt die Ausstellung des Schwulen Museums Berlin, die im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration entstand. Die Ausstellung über lesbische Frauen und schwule Männer in Hessen von 1945 bis 1985 befasst sich auch mit der Aufarbeitung der Schicksale der Opfer des ehemaligen § 175 StGB in Hessen.

Der Focus ist also auf Frankfurt und Hessen gerichtet, aber der gut gemachte Katalog der Wanderausstellung ist darüber hinaus auch eine kurze Geschichte des § 175 und der Familie als soziale Norm. Natürlich wird auch an die Opfer und Leiden von Lesben und Schwulen in der Nazi-Zeit erinnert , sie wurden in Konzentrationslager deportiert und mussten rosa Winkel tragen. An vielen wurden Zwangskastrationen und medizinische Versuche durchgeführt. Erst 2002 beschloss der Bundestag , die NS-Urteile gegen Homosexuelle überwiegend aufzuheben.

Die Seiten über Fritz Bauer, der als hessischer Generalstaatsanwalt nichts unversucht ließ, die geltende rigide Rechtsnorm abzumildern, oder über die hessische Juristin und SPD-Politikerin Elisabeth Selbert, der es maßgeblich zu verdanken ist, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz verankert wurden, schließen eine Lücke in der Gedächtniskultur der Bundesrepublik.

Der kleine Katalog erinnert auch an Hans Giese, der bereits 1950 das Institut für Sexualforschung gründete, sowie an Martin Dannecker, der Anfang der 1970er Jahre mit anderen die Aktionsgruppe Rote Zelle Schwul gründete und das Institut für Sexualwissenschaft an der Frankfurter Goethe-Universität mit prägte. Mit Reimut Reiche schrieb Dannecker das Standardwerk der schwulen Emanzipationsbewegung: ›Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der BRD‹, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1974.

Dannecker nahm bereits 1972 an der ersten Lesben- und Schwulendemonstration in Münster teil. Auch Günter Amendts ›Sexfront‹ wird im Katalog gezeigt, sowie natürlich die Gründung der Frankfurter Rote Zelle Schwul (Rotzschwul) und der feministische Aufbruch in Hessen mit dem notorischen Flugblatt des Frankfurter Weiberrats: »Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen« (auf Seite 43). Beschlossen wird der Katalog mit Beiträgen über Lesbenpower und einer Erinnerung an Anke Schäfer, die Protagonistin der Frauenliteraturszene.

Der Katalog zur Ausstellung kann auf den Seiten des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration heruntergeladen werden.

Auf Seite 28 wird das Cover von Amendts ›Sexfront‹ gezeigt und Jörg Schröder als Vorreiter der Gegenkultur gewürdigt.


Grafik: Vera Hofmann, mehr darüber auf ihrer Website.

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Die Ausstellung wurde im November 2017 im Hessischen Landtag in Wiesbaden eröffnet und anschließend im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden gezeigt. Sie ist als Wanderausstellung konzipiert und soll innerhalb Hessens – gerne auch an Orte außerhalb der städtischen Ballungszentren – reisen. Den Verleih der Ausstellung koordiniert das
Hessische Ministerium für Soziales und Integration, die auch Eigentümer der Ausstellung sind.
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Gesamtleitung // Project Management: Schwules Museum*; Birgit Bosold, Carina Klugbauer
Redaktion und Texte // Editing & texts: Birgit Bosold, Carina Klugbauer
Wissenschaftliche Mitarbeit // Research assistance: Dr. Kirsten Plötz, Marcus Velke
Lektorat // Copy-Editing: Heiner Schulze, Marie Frank, Brooke Nolan

Übersetzung // Translation: Noemi Y. Molitor
Szenografie / Grafik // Scenography / graphic design: Vera Hofmann, Johannes Büttner

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(BK / JS)

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