vonSchröder & Kalender 15.04.2018

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert  in westlicher Richtung.
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Gestern fand am Potsdamer Platz eine Demonstration gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn statt. 15.000 Menschen folgten dem Aufruf eines Bündnisses, gegen Mietwucher und Spekulation.

Es gab in Deutschland in der Vergangenheit  andere erfolgreiche Beispiele, wir erinnern nur an die teilweise Rettung des Frankfurter Westends: Die Protestbewegung zwang die Stadt Frankfurt mit friedlichen und weniger friedlichen Mitteln, die letzten alten Bürgerhäuser im Westend aufzukaufen. Schließlich sanierte die Stadt Frankfurt die Häuser und vermietete Wohnungen an die Bewohner zu angemessenen Preisen. Zwar wurde das Deutsche-Bank-Hochhaus im Westend gebaut, zwei Wolkenkratzer jeweils 155 Meter hoch, aber dank der Proteste konnte Schlimmeres verhindert werden.

Die Zerstörung des Westends hatte im Laufe der späten sechziger Jahre dramatische Formen angenommen. Die Zahl der Wohnungen war allein im Jahr 1968 um mehr als viertausend zurückgegangen. Die Methoden zur Vertreibung der Mieter waren drastisch. Reparaturen wurden bewusst unterlassen, bereits entmietete Wohnungen mit weitgehend rechtlosen sogenannten Gastarbeitern überbelegt. Dies führte zur Verwahrlosung der Wohnhäuser, die sanitären Anlagen reichten nicht aus, Rattenplagen entstanden. Hauseigentümer machten ihre Wohnungen vorsätzlich unbewohnbar: Heizungen fielen aus, Rohre brachen und massiver Baulärm entnervte die Mieter. Wenn die Bewohner diesem Druck schließlich nachgaben und auszogen, wurden zahlreiche Altbauten abgerissen und durch Bürogebäude im Stile der Zeit ersetzt. Das Bild der Bockenheimer Landstraße änderte sich radikal, vom ehemaligen Boulevard blieb kaum etwas erhalten. In den Nebenstraßen erreichten Bauspekulation, Mietervertreibung und Abriss ungeahnte Ausmaße. Innerhalb von vier Jahren halbierte sich die Einwohnerzahl des Westends auf zwanzigtausend.

Als Folge dieser Zustände kam es im Herbst 1970 zu zahlreichen Hausbesetzungen, diese Ereignisse fielen zeitlich mit der Proteststimmung der Studentenbewegung zusammen und lösten eine Widerstandsbewegung aus, an der auch Til Schulz und Joschka Fischer, jeder auf seine Weise, Anteil hatten. Til Schulz, Friede seiner Asche, ist der Herausgeber von Willi Münzenbergs ›Propaganda als Waffe‹, das Buch erschien zwei Jahre später im März Verlag. Er wohnte als Student in einer Wohngemeinschaft mit Lothar Menne, dem späteren Verleger von Heyne, Ullstein, Hoffmann und Campe, und Joschka Fischer, dem späteren Außenminister, der heute in einer Villa in Grunewald residiert.

Diese drei Studenten hatten eine Wohnung im Grüneburgweg besetzt. Bei der Räumung der besetzten Häuser durch die Polizei kam es zu Straßenschlachten im Westend. Es folgten zahlreiche Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten mit großer Härte geführt wurden. Diese Proteste erwirkten, dass die Stadtverordnetenversammlung eine Veränderungssperre erließ und einen Bebauungsplan erstellte. 1972 wurde dann die Hessische Verordnung gegen Wohnraumzweckentfremdung erlassen, damit war der Grundstücksspekulation im Westend ein Riegel vorgeschoben. 1974 wurden im Hessischen Denkmalschutzgesetz die Bürgerhäuser im Westend aufgenommen, somit waren zahlreiche denkmalschutzwürdige Häuser vor Abrissplänen geschützt. Anschließend verwaltete eine städtische Wohnheimgesellschaft etwa zehntausend Wohnungen, die man neuen Mietern und Hausbesetzern, die vorher schon eingezogen waren, überließ. Also alles in allem ein großer Erfolg!

Der Frankfurter Häuserkampf inspirierte Gerhard Zwerenz zu seinem Roman ›Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond‹. Rainer Werner Fassbinder schrieb danach das missverständliche Theaterstück ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹. Zwerenz’ Buch erschienen im März Verlag, nachdem die Aufführung des ›Müll-Stücks‹ im Schauspiel Frankfurt von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und verhindert worden war. Wir wollten und konnten mit dieser Neuausgabe des Zwerenz-Romans belegen, dass Gerhard Zwerenz kein antisemitischer, sondern ein antikapitalistischer Autor war.

BK / JS

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