vonSchröder & Kalender 02.09.2019

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.
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Welzow, 21.05.2005: Blick in den Braunkohletagebau Welzow-Süd. Foto: Jörg Blobelt/ Wikimedia Commons, CC BY 4.0
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Wie es dort einmal aussah, hatten wir Anfang der Neunziger mit Schaudern gesehen. Damals mussten wir wegen einer Vollsperrung die Autobahn verlassen und durchquerten in der Nähe von Leipzig zwangsläufig die auf Aberkilometer ausgedehnte bräunliche Mondlandschaft des Braunkohletagebaus ohne Baum und Strauch. In der Gegend lebten in verstreuten Ortschaften immer noch Menschen, es war so desolat, kaputt und verwahrlost, wie man es nur aus der dritten Welt kennt. So wird es vor dreißig Jahren vermutlich auch in der Niederlausitz ausgesehen haben, denn die Flächen des Braunkohletagebaus waren größer als die bei Leipzig.

Heute sind fast alle Braunkohlebrachen aus der DDR-Zeit geflutet, die Ortschaften, die der Räumung entkamen, wurden herausgeputzt, die Häuser renoviert. Die Fremdenverkehrswerbung tönt vollmundig: »Mit dem Lausitzer Seenland entsteht an der Grenze zu Brandenburg aus ehemaligen Tagebauen die größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft Europas.« Alles in allem also tatsächlich Helmut Kohls blühende Landschaften? Ja, aber solche mit monströsen hydrogeologischen Schäden.

Ausgerechnet die Schweden mit ihrem sauberen Image setzten trotz der absehbaren verheerenden Folgen in Welzow das Umweltverbrechen fort und wollten weitere Millionen Tonnen Braunkohle abbauen. Bis ins Jahr 2027 plante der Energiekonzern Vattenfall, dort 250 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern. Dafür hätte man achthundert Menschen umsiedeln müssen. Im Jahr 2016 verkaufte Vattenfall unter öffentlichem Druck an die tschechische EPH-Gruppe. Dabei war spätestens 2015 – seit der Weltklimakonferenz in Paris – klar, dass es keine neuen Tagebaue mehr gegen dürfe.

Bedenke: Nur dreißig Kilometer östlich von Welzow schuf Fürst Pückler den Muskauer Park, der zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Sogar in der Muskauer Heide sollte die Braunkohle weiträumig abgebaggert werden. Dann würden noch mehr Dörfer zerstört und weitere tausendfünfhundert Menschen hätten umgesiedelt werden müssen. Insgesamt plant die tschechische EPH-Gruppe eine ökologische Verwüstung mit allen desaströsen Folgen für Menschen, Flora und Fauna. Dazu kommt, Braunkohle ist der fossile Energieträger mit der höchsten klimaschädlichen Kohlendioxid-Emission. Man kann nur hoffen, dass die Tschechen mit dem Kauf der Lausitzer Braunkohletagebau scheitern.

Denn seit zwanzig Jahren wissen die Landes- und Bundespolitiker, dass die Flutungen der Braunkohle-Tagebaue – sowohl der alten aus DDR-Zeiten als auch heute – ein Desaster für das Spree-Ökosystemie sind. Bereits im Jahr 2000 stellte eine Studie des Forschungsverbandes Berlin fest, dass die Spree im Juli 2000 für zehn Tage lang stellenweise zum Stillstand kam. Es war kurz vor dem GAU, bei dem der Fluss rückwärts geflossen wäre. Ein solcher Zustand könnte in extrem trockenen Jahren wieder eintreten und nicht revidierbare Folgen haben. Denn selbst wenn die Tagebauflutungen mit Spreewasser unterbrochen würden, wäre die Katastrophe nicht zu stoppen, weil zu viel Spreewasser unkontrolliert in den Tagebauen versickert. Bei einem Kollaps der Selbstregulierung wäre eine Trinkwasserversorgung in Berlin nicht mehr möglich. Dazu kommt, die Spree ist auch der wichtigste Berliner Abwasserkanal mit täglich Millionen Litern. Träte der größte annehmbare Unfall ein und die Spree flösse rückwärts, würde Berlin zur Wüstung. Dann könnte keiner mehr singen: »Wer weiß, wann wir uns wiedersehen am grünen Strand der Spree …«

Wann steht endlich eine heilige Johanna der Ökologie auf, die schreit wie einst Petra Kelly: »Das ist verbrecherisch!« Leider ist die Lobby der Antikohleverstromung schwach, und die Befürworter sind sehr stark. Was bleibt uns übrig? Wir können diese Geschichte nur erzählen, ein Glas Wein trinken und da-bei das Etikett des vino ecológico aus der La Mancha betrachten. Es zeigt eine Zeichnung von Don Quichote und Sancho Pansa vor einer Windmühle.

Zum Schluss aber doch eine gute Nachricht: Ab heute müssen nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts Cottbus im Brandenburger Tagebau Jänschwalde (Spree-Neiße) sowohl die Kohlebagger als auch die Abraumbagger ihre Tätigkeit einstellen. Das heißt, es wird dort keine Kohle mehr gefördert und kein weiteres Land für den Tagebau abgebaggert werden.

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BK / JS

 

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https://blogs.taz.de/schroederkalender/2019/09/02/zahnschmerzen-im-osten-und-keine-besserung-3/

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