vonSchröder & Kalender 28.12.2019

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert munter in östlicher Richtung.
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Eigentlich hätte dieses Buch gar nicht erscheinen können, allenfalls als Blindband mit Trauerrand. Der Reihe nach: Sonntagnachmittag waren wir mit Matthias Mergl und Wolfgang Müller zum Essen im Biergarten des neuen Lokals ›Drei Schwestern‹ im Bethanien verabredet. Barbara bügelte nur noch schnell ihre lila Bluse, denn wir waren etwas spät dran und beeilten uns, die S-Bahn zu erwischen.

Fast pünktlich kamen wir im Kreuzberger Biergarten an, aßen eine hafergemästete Poularde mit einem Gratin Dauphinois à la Curnonsky und glacierten Möhren. Selten so einen saftigen Vogel in einem einfachen Gasthaus gegessen! Wir lästerten über trittbrettfahrende Künstler, vergoldeten unsere eigenen Projekte und machten uns nach einigen tschechischen Bieren beschwipst auf zur Bar ›Marianne‹.

Halt! Vorher trafen wir noch in der Halle des Bethanien den Wirt der ›Drei Schwestern‹ und fragten ihn, was der seltsame Name des Lokals bedeute. Er erklärte uns, dass sich sein Gasthaus im Speisesaal des ehemaligen Krankenhauses befinde und natürlich die Küche sowie das Casino von Diakonissinnen geleitet wurden, daher der Name. Klar, hätten wir eigentlich auch selbst drauf kommen können. Im Bethanien befindet sich auch immer noch die denkmalgeschützte Apotheke Theodor Fontanes. »Außerdem«, sagte der Gastronom, »mein Partner liebt das Drama ›Drei Schwestern‹ von Anton Tschechow.« Also ein doppelt konnotierter Lokalname.

Im Hinterhof der Bar Marianne – ein stilles Plätzchen im brodelnden Kreuzberg – saßen wir vier allein in der lauen Sommernacht und redeten bei Fassbrause und Tannenzäpfle über alte Zeiten. Dann nahmen wir die U-Bahn zur Hermannstraße und die Ringbahn zum Bundesplatz. Um halb elf saßen wir auf dem Sofa und tranken als Absacker einen Sherry, neben uns ein bisschen Unordnung, das Plättbrett stand noch rum von unserem raschen Aufbruch am Nachmittag.
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Foto: Barbara Kalender
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Wir schliefen friedlich, frühstückten ausgiebig auf der Terrasse, lasen FAZ und taz. Als wir mit der Arbeit beginnen und ich das Plättbrett wegbringen wollte, verbrannte ich mir die Finger am Bügeleisen. Es war glühend heiß, heizte also seit siebzehn Stunden vor sich hin. Barbara hatte in der Eile den falschen Netzstecker aus der Leiste gezogen. Aber nichts war passiert! Die nichtentflammbare Plastikkonsole des Bügelbretts war nicht entflammt. Das heiße Bügeleisen war nicht auf den Holzboden gerutscht, obwohl wegen der Vibrationen, welche die LKW auf der Wexstraße verursachen, ständig unsere Bilder an den Wänden schief geruckelt werden.

Horrorszenarien von nicht ausgeschalteten Bügeleisen, von Toten in ausgebrannten Dachstühlen, Wohnzimmerbränden und Häusern in Flammen, gar nicht zu reden von so genannten Sach-, Rauch- und Rußschäden, beschäftigten uns. Und wir fragten uns auch: »Ob wir jetzt nicht noch einmal von Neuem anfangen müssen?« Wie der Oberstleutnant Werschinin, der Liebhaber einer der »Drei Schwestern« in Tschechows Drama, es sich laut nachdenkend überlegt: »Aber dann mit Bewusstsein! Wenn das bereits durchlebte Leben nur der Entwurf, also die Skizze wäre, wie man so sagt: ›Erst mal ins Unreine.‹ Und wenn das neue Leben dann das ›reine‹ wäre! Dann würde sich doch jeder bemühen, vor allem sich nicht zu wiederholen. Und würde sich vermutlich eine andere Umgebung schaffen.« Na ja, vielleicht. Aber weiter über das neu geschenkte Leben nachzudenken blieb uns keine Zeit, erst einmal mussten wir ja dieses kleine Stück schreiben.

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Diese Geschichte erschien in ›Kriemhilds Lache‹ im Verbrecher Verlag.

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BK / JS

 

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