Archive for the ‘Die MÄRZ-Gründung’ Category

17.04.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (8)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Katzman besuchte mich, als ich noch wegen des Beins im Krankenhaus war, aber bereits zwischen den Klinikrabatten herumhumpeln konnte. Von Tuli Kupferberg hatte er den Tip bekommen, dem Melzer Verlag sein ›Asbestos Diary‹ anzubieten. Ich kaufte das Buch, gab es Otto Wilck, der übersetzte die Hunderte von Wortspielen kongenial. Robert, der Deutsch lesen konnte, weil er wie Tuli Kupferberg am Yiddischen Lerer Seminar der Columbia University studiert hatte, war von dieser Übersetzung sehr angetan. Mein Besucher war ein kleiner rundlicher schwarzhaariger Mann von schätzungsweise fünfunddreißig Jahren, der sein ›Tagebuch eines Päderasten‹ unter dem Pseudonym Casimir Dukahz veröffentlichte. Das ist nicht etwa das schwülstige Gesülze eines Schokoladenonkels, sondern hier schildert zum ersten Mal seit dem Satyrikon ein Autor seine Pädophilie auf derart drastisch-komische Weise. Ich glaube, die Qualität des Textes kann einer, der selbst nicht homosexuell ist, besser beurteilen als ein Schwuler, denn mich reizten… weiter lesen

09.04.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (7)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Jetzt ist nicht die Zeit für Rentenlarmoyanz, im Gegenteil, es geht doch erst richtig los mit den jungen Pferden! Sehr zum Mißvergnügen des alten Melzer akquirierte ich ständig neue Bücher und Autoren. Eine Weile verstand ich seine ökonomischen Ängste, erklärte sie mit seinem Dreihunderttausend-Mark-Börne-Debakel. Aber inzwischen hatte ich aus seinem nahezu unbekannten, konkursreifen Winzigverlag ein Unternehmen gemacht, das in aller Munde war. Wenn du dir die Presse von damals anguckst, da steht es überall drin: »Melzer, einer der wichtigsten deutschen Verlage.« Gleichzeitig hatte ich den Laden saniert, was nun nicht bedeuten konnte, das Geld auf die Seite zu bringen und zu sagen: »Es reicht. Lassen wir mal ein Bändchen von Arnold Zweig erscheinen und später eins von Margarete Susman.« So aber stellte sich Joseph Melzer die Rettung seines Verlages vor. Du siehst, ich hatte ihn gründlich mißverstanden: Sein »Herr der Welt! Geld! Geld! Geld!«-Geschrei… weiter lesen

06.04.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (6)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Von diesem Buchhändlerfrüchtchen gleich zu den Literaturproduzenten, wie wir sie uns mal vorgestellt hatten, denn sie gehörten als Katalysator zur Protoszene der März-Gründung. Die Literaturproduzenten waren eine Gruppe ohne Satzung und Vorstand, also eine im wahrsten Sinne anarchische Vereinigung. Weshalb sie dann ja auch bald im Sande verlief und heute kein Hahn mehr nach ihr kräht, obwohl aus diesen Anfängen die Schriftsteller-, Künstler- und Journalisten-Vertretungen stammen, die mittlerweile in der Industriegewerkschaft Medien organisiert sind. Nach der turbulenten Buchmesse 1968 mit ihrem ›Messerat‹ und den »Stände schließen!«-Aktionen hatten wir uns am Freitag, dem 13. Dezember, bei Lothar Pinkall in der Europäischen Verlagsanstalt verabredet, um die Zusammenarbeit der linken Autoren und Verlage zu koordinieren. Pinkall, Schwiegersohn des IG-Metall-Chefs Otto Brenner, hatte inzwischen die EVA als Lehen erhalten. Was uns vorschwebte, war ein syndikalistischer Zusammenschluß. Es sollte auch eine eigene Auslieferung gegründet werden, und wir planten eine… weiter lesen

02.04.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (5)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in westlicher Richtung.

Den heutigen Fünfundzwanzigjährigen erzähle ich immer gern, wie menschlich-allzumenschlich die übergroßen Gestalten der Achtundsechziger wirklich waren, und sei es auch nur, um den Alpdruck des Mythos einer Generation, der sie nicht angehören, von ihnen zu nehmen, die aber nun mal die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts prägte. Nur zu gut verstehe ich deren Auflehnung gegen die Fünfundfünfzigjährigen, die heute an der Macht sind: gescheiterte Akademiker, pensionsberechtigt dank ihrer grünen Ringvereine, ewig jugendliche Renegaten, die davon zehren, einst an einer Revolution teilgenommen zu haben – übrigens zu Recht. Ralf Dahrendorf mag noch so heftig auf seiner »unauffindbaren Revolution« beharren, sie fand doch statt. Schließlich diskutierte er 1968 beim Parteitag der F.D.P. vor der Stadthalle in Freiburg mit Rudi Dutschke und müßte sich an dessen revolutionäres »aufrecht gehen« erinnern. Wer allerdings die Wirkungen der Jugendrevolte von den Demonstrationen und Diskussionen bis zur Stadtguerilla der RAF nur an… weiter lesen

26.03.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (4)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in westlicher Richtung.

Nach soviel Größe zu einer noch übersichtlicheren Figur der Zeitgeisthistorie: Wir schrieben den Januar 1969, ich hatte das Gefühl, der Melzer Verlag sei für die Zukunft personell gut besetzt mit dem Vertriebsmann Peter Beitlich, Anne Hansal im Sekretariat, Adolf Heinzlmeier in der Herstellung und Traudel Brand als Lehrling. Was fehlte noch? Das politische Lektorat? Nein! Ich muß bekennen, ich suchte dafür inzwischen niemand mehr, wollte es selbst machen; schon eher brauchte ich einen Lektor für den neuen Pornoladen. Da aber meldete sich eine leise, kultivierte Jungmännerstimme am Telefon: »Kade Wolff, guten Tag. Ich weiß nicht, ob du weißt, wer ich bin.« Komische Frage, er war gerade als Bundesvorsitzender des SDS zurückgetreten, außerdem in Frankfurt zusammen mit Hans-Jürgen Krahl und Günter Amendt als Rädelsführer wegen der Springer-Blockade angeklagt. Irgendwie mußte mein Vorschlag an Jochen Noth, den ›Chienlit‹-Übersetzer, bei mir als Lektor für Politik zu arbeiten,… weiter lesen

20.03.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (3)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Ein munteres Abendessen, bei dem auch Rudolf schon wieder mit seinem gepuderten Schwanz anwesend war. Was mir tutschnurzegal sein könnte, wenn Augstein nicht der Chef meines Freundes Schultz-Gerstein gewesen wäre und Christian sich 1987 nicht nach der »Das-Kind-gehört-mir«-Affäre das Leben genommen hätte. Vorher veröffentlichte er aber noch in der Hamburger Stadtzeitung ›Szene‹ seine Abrechnung mit dem »Menschenbesitzer Augstein«, in der er Rudolfs Kasinomanieren geißelt, ihn als Herrenmenschen bezeichnet, der seine Untertanen verachtet, sie aber braucht, um eben ein Herrenmensch zu sein. Darin entlarvt er Augstein als einen, der den Betrug mit der Wahrheit praktiziert, weil er nämlich genau das Ekel ist, das er ständig vorgibt zu sein. Er berichtet von einem Chef, der nicht nur die Arbeitskraft seiner Angestellten in Anspruch nimmt, sondern auch deren Geschlechtsleben, und vom Zyniker Augstein, der, auf den ›Spiegel‹ als Massenverdummungsmittel angesprochen, antwortet: »Das kapitalistische Pressesystem beruht auf dem… weiter lesen

12.03.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (2)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert heute nicht.

Jetzt mal ein größerer Zeitsprung: 1989, wir waren nach Fuchstal umgezogen, hatten gerade die ersten Kisten ausgepackt, kommt der Elektriker Joseph Negele mit seinem hochroten Gesicht, das er sich als Bub beim Motorradfahren im Winter erfroren hat, und will den Temperaturfühler für die Speicheröfen einstellen. Anschließend sitzen wir in unserer Loggia, trinken den üblichen südlichen Ratschkaffee, der Elektriker fragt uns behutsam aus, was wir eigentlich tun, und wir geben jene ebenso gewundenen Antworten: »Wir sind Schriftsteller, vertreiben unsere Bücher im eigenen Verlag.« Zwar wollen die Leute dann immer pflichtschuldig wissen, was man denn schreibe, aber glücklicherweise nicht so genau. Aus reiner Höflichkeit behaupten sie: »Ich würde gern mal etwas von Ihnen lesen.« Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, die sagen das wirklich bloß aus Anstand, sie lesen doch sowieso nur die kostenlose ›Ammersee-Rundschau‹. Es reicht ihnen völlig, wenn feststeht: Der ist ein Künstler.… weiter lesen

06.03.2007 von Schröder & Kalender
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Die MÄRZ-Gründung (1)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Ende 1968 stand die Gründung des März Verlags vor der Tür, das Komische war, ich selbst ahnte noch nichts davon. Auch sonst hatte, was damals ablief, die schrillen Züge einer Farce. Vielleicht lag es am Sujet, dieser Mischung aus Pop, Politik und Porno, oder weil ich als Tollhausoberboß eine Horde von Tollhäuslern anführte. Nein, das wäre ungerecht gegen mich selbst und meine Kombattanten. Die allerdings unterließen nichts, um über die Zeitläufte vergessen zu machen, wie grotesk sie damals herumhampelten auf den Straßen, auf dem Papier und in den befreiten Betten. In all dem wob keine konzeptuelle Dramaturgie, und glaub bloß nicht, daß ich die Komik der Possen immer erkannt hätte, in denen ich mitspielte! Einige waren so dumpf, daß ich 1972 als ›Siegfried‹-Erzähler manchmal der langweiligeren Lüge den Vorzug gab – die Wahrheit ist eben kaum zu glauben. Aber inzwischen haben wir ja gelernt,… weiter lesen

01.07.2006 von Schröder & Kalender
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Weniger erleben

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südwestlicher Richtung.

Heute morgen fragte Barbara: »Es ist so viel passiert, was sollen wir heute bloggen?« Da fiel mir James Boswells ultimative Anweisung an alle Blogger der Welt ein: »Es hat keinen Sinn mehr zu erleben, als man aufschreiben kann.«

(JS)