Archive for the ‘In der Ringbahn’ Category

05.09.2008 von Schröder & Kalender
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Verwischte Verhältnisse

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert heute nicht.

Wer sich für das instinktive Zudrehen kleiner Fläschchen interessiert, sollte heute unseren Alltagsreport in der jungen Welt konsultieren:

In der Ringbahn auf dem Weg zum Zahnarzt, das alte Lied: Drei Tage hatte der Backenzahn gemuckert, jetzt spürte ich nichts mehr und überlegte, was ich dem Arzt sagen sollte. Dann las ich in der jungen Welt die Geschichte über Hitlers Leibwächter Rochus Misch, der mit Hilfe von rechten Verlagsvertrieben und Versandhändlern einen Bestseller gelandet hat. Daß solche Literatur in der Nationalzeitung und in anderen rechten Postillen propagiert und verbreitet wird, ist seit sechzig Jahren ein alter Hut. Neu ist, daß so ein Nazidreck in einem Imprint des ehemals seriösen Piper Verlag erscheint, der zur angesehenen schwedischen Bonniers Verlagsgruppe gehört.

Während ich über den Verfall der guten Sitten nachdachte, runzelte mein Banknachbar indigniert die Stirn. So wie der Mann aussah – vierzig, grauer Anzug, Krawatte, ordentliche Schuhe,… weiter lesen

11.08.2008 von Schröder & Kalender
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Herbstmode

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert heute nicht.

Wir kamen am Samstag vom Müggelsee, hatten bei 35 °C unter Eichen gelegen und gebadet – herrlich! Als wir abends mit der S-Bahn zurückfuhren, setzte sich eine Frau mit grauem Kostüm uns gegenüber. Sie war etwa 40, hatte dunkles mittellanges Haar und ein perfektes Make up. Unter ihrem knielangen Rock lugte ein Unterrock mit Webpelzsaum hervor, so was wurde gerade von Jean-Paul Gaultier als Herbst-Winter-Mode präsentiert. Hätte nur noch gefehlt, daß sie … weiter lesen

27.05.2008 von Schröder & Kalender
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Alles Schrott!

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südwestlicher Richtung.

Wir fuhren gestern mit der U7, drei junge Mädchen standen im Gang, jedes spielte mit dem Handy, sie giggelten und zeigten sich gegenseitig ihre SMS-Nachrichten, dabei fiel einem Teenager das Telefon runter, Abdeckungen und Akku sprangen heraus. Das Mädchen setzte ihr Handy wieder zusammen und schimpfte: »Alles Schrott!« »Ja, alles Schrott!«, echote ihre Freundin und ließ auch ihr iPhone auf den Boden scheppern. Als es in viele Teile zerfiel, quietschten alle drei laut und bogen sich vor Lachen. »Alles Schrott!« »Alles Schrott!« Auch das dritte Handy knallte auf den Gang und wurde danach wieder zusammengesetzt. »Alles Schrott!« »Alles Schrott!« Barbara murmelte: »Wenn das die Eltern wüßten!« Eine Matrone uns gegenüber nickte vielsagend. Und Jörg meinte: »Da kann sich die Stiftung Warentest ’ne Scheibe von abschneiden.« Erstaunlich, daß der Schrott nach dieser Aktion noch funktionierte.

(BK / JS)

02.09.2007 von Schröder & Kalender
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Die Tasche in der U-Bahn-Tür

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert schwach in nordöstlicher Richtung.

Vorgestern während des Heimwegs auf dem U-Bahnhof Kottbusser Tor: Kurz bevor der Zug abfuhr sprang ein Latino mit langem, grau-schwarzem Haar, vermutlich ein Teilnehmer des Literaturfestivals, in den Wagen, starrte auf den Plan der BVG-Streckenführung, erkannte die falsche Richtung und stürzte an die bereits geschlossene Tür. In Machomanier riß er die gesperrte Tür gewaltsam wieder auf – wie es die Kids tun, um Mut und Kraft zu beweisen –, und sprang wieder auf den Bahnsteig. Aber der Schließmechanismus klemmte seine blaue Umhängetasche ein, die Bahn fuhr bereits. Mit einem Schrei wie der eines Azteken auf dem Opferstein rannte der Mann neben dem anfahrenden Zug her, mit wehenden Haaren, die Hand am herausstehenden Tragriemen. Die Tasche hing innen an der Tür. Glücklicherweise ließ er los, bevor der Zug in den Tunnel einfuhr.

Barbara rief immer wieder: »Der arme Mann! In der Tasche ist doch… weiter lesen

31.08.2007 von Schröder & Kalender
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Neuer Kindermund

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Am Innsbrucker Platz stiegen etwa zwanzig Kinder und ein Erwachsener in die Ringbahn ein, Mädchen und Jungs zwischen acht und vierzehn. Zwei Teenager setzten sich neben mich auf die Klappstühle. Ein achtjähriger Knabe aus der Gruppe wollte vorbeigehen, da sagte das eine Mädchen: »Na, du kleiner Fotzenlecker, setz dich doch zu uns.« Er war nicht beleidigt, eher geschmeichelt nahm er Platz neben mir und den Mädchen. Dann wollte er ihnen unbedingt das Haus zeigen: »Wir fahren gleich dran vorbei, wartet mal. Da, da in dem Haus wohne ich.« Die Mädchen nickten nicht sehr interessiert, während ich noch über den »kleinen Fotzenlecker« sinnierte. Im Rap und Jugendargot scheint das »Arschlecken« mittlerweile vom »Fotzenlecken« abgelöst worden zu sein. Ich schwankte zwischen Empörung und Gelassenheit.

(BK)

11.04.2007 von Schröder & Kalender
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Stolz und Vorurteil

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Ostermontag mit unserem sechsjährigen Enkel Paul in der U-Bahn. Seine Mutter Katinka hatte uns das Kind über Ostern geschickt, weil Paul unbedingt Opa und Oma in Berlin besuchen wollte. Er hatte schlechte Laune, weil er den Schlüssel zu seinen Handschellen verloren hatte und moserte herum. Zwei Plätze weiter saß eine junge Afrikanerin, elegant angezogen, sie las zunächst in einem Taschenbuch ›The Good German‹ von Joseph Kanon. Dann musterte sie Barbara und mich angeekelt mit einem Blick, der sagte: »Kinderdiebe wie Madonna.« Pauls Vater stammt tatsächlich aus Malawi und studiert in Bochum BWL.

(JS)

30.03.2007 von Schröder & Kalender
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Cool Result

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.

Wer mit der Ringbahn fährt und Südkreuz aussteigt, um zu Ikea zu gehen, muß an diesem trostlosen Haus mit optimistischem rosa Balkon vorbei.

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Aber was will uns der Balkonkünstler mit dem Nichtrauchersymbol auf dem Spiegel sagen?

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(BK / JS)

07.01.2007 von Schröder & Kalender
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Anglerlatein mit Blumen

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Wir fahren mit der Ringbahn, am Innsbrucker Platz steigt ein junger Mann zu, auf dem Kopf eine graue Baseballkappe aus Wolle, ordentlich gekleidet mit Jeans und wattierter Jacke. Er trägt einen mit vielen rosa Schleifen dekorierten Rosenstrauß in Cellophan gewickelt und läßt sich auf der Sitzband schräg gegenüber fallen. Mit lautem Seufzer schmeißt er das Bukett auf den Sitz neben sich, langt blitzartig in die Brusttasche seiner Jacke und fördert einen Wodka-Flachmann zu Tage. Dabei blickt er uns mit seinen braunen Knopfaugen intensiv an: »Wollt ihr ooch?« Jörg erwidert: »Nein danke, wir trinken erst, wenn es dunkel ist.« Der Mann setzt die Schnapsflasche an, gurgelt die 200 Gramm in einem Zug runter, schüttelt sich kurz, haucht seinen heißen Wodkaodem aus wie ein Waran und beginnt in unverfälschtem Spandau-Russisch zuerst auf Jörg einzureden: »Du siehst jenau aus wie meen Onkel, wie meen Onkel! Ick wollte… weiter lesen

01.01.2007 von Schröder & Kalender
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Ungewöhnliche Flirtversuche (2)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Wir warten im Bahnhof Hermannstraße auf die Ringbahn. Ein Mann Mitte Dreißig, lichtes blondes Haar, schwarzer Tuchmantel, links ein Schirm, in der rechten Hand das Mobiltelefon. Er spricht mit einer Frau, will mit ihr Silvester feiern. Offenbar gibt sie ihm einen Korb, denn er wählt sofort eine neue Nummer: »Ja, hallo Sabine, hier ist Jonas. Hast Du Lust mit mir Silvester …?« … »Schade!« In der S-Bahn startet er einen dritten Versuch: Aber immerhin will sich Steffanie am Neujahrstag um drei Uhr mit ihm in einem Café treffen. Er gibt nicht auf: »Hallo Claudia, hier ist Jonas« … »Ach, du weißt nicht mehr wer ich bin? Wir haben doch vor einem Jahr zusammen gerodelt.« … »Ich wollte dich fragen, was du an Silvester machst?« … »Schön! Dann könnten wir uns vielleicht noch bei Johannes anhängen. Wir müßten dann allerdings nach Reinickendorf fahren.«

»Ausdauer, das… weiter lesen

01.11.2006 von Schröder & Kalender
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Zwei Behinderte und ich

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert heftig in östlicher Richtung.
Auf der Rückfahrt von Köln und Berlin in der S-Bahn zum Flughafen: Ich stelle mich zwischen die S-Bahn-Tür, damit Jörg, der wegen seiner koronaren Angina nicht schnell laufen kann, noch mitkommt. Ein Rollstuhlfahrer schimpft: »Nun kommen sie doch endlich rein!« ich erkläre ihm ruhig, daß noch jemand mit will, der nicht schnell laufen kann, aber er hört nicht auf zu giften. Da reißt mir der Geduldsfaden: »Sie kennen sich doch mit Behinderung aus und müßten Verständnis haben, wenn jemand ebenfalls behindert ist.« Das ganze Abteil lacht, das ist mir nun peinlich. Aber als der Choleriker schreit: »Jetzt werde ich auch noch verhöhnt!« ist es mir nicht mehr peinlich.

(BK)