Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
Und so geht’s weiter mit einem sonderbaren Kurhotel: Von Garmisch komme ich einfach nicht los, so fängt in ›Siegfried‹ mein erzähltes Leben an, dort passieren mir immer wieder Geschichten, das ist fast wie ein magisches Dreieck: Berlin, die Rheinlande, Garmisch. Irgendwas habe ich mit diesem sonderbaren Tal, und da ich kein Skispringer bin, muß es was anderes sein. Anfang der 70er war ein Osterurlaub geplant, wir starteten am Gründonnerstag zu einem Familienausflug, meine Mutter, Erika und Katinka. Als wir abends in Garmisch ankamen, fand ich das ›Kurhotel Dr. Beger‹ nicht, in dem die Zimmer reserviert waren, weil der Fünfziger-Jahre-Kasten etwas zurückgesetzt von der Straße lag, unbeleuchtet hinter der Kiesauffahrt schlummerte. Ich stolperte durch die Rabatten, rüttelte an den Türen, es gab keine Rezeption, eine Kurklinik. Nach längerem Rufen und Kieselsteinwerfen an die Fenster ging Licht an, ein Fenster öffnete sich, im ersten Stock tauchte ein unwirscher weißhaariger Mann mit Goldrandbrille auf, fragte nach meinem Begehr. »Schröder, haben reserviert …« Wir wurden eingelassen, und dann nahte auch schon Frau Dr. Beger, eine dralle Matrone von fünfundfünfzig im weißen Arztkittel. Wir bekamen die vorbestellten, wie Frau Doktor sagte, »besten Zimmer«. Katinka sollte mit Oma zusammen schlafen. Die Einrichtung der Zimmer wunderte mich schon, bei dem Preis. Es waren große Räume, trotzdem wurden die Betten aus Blenderwandschränken mit Limbatüren heruntergeklappt. »Damit schön viel Platz bleibt«, erläuterte Frau Dr. Beger die Konstruktion. So etwas muß fünfzehn Jahre früher modern gewesen sein, also grauenhaft. Es war aber halb eins, und ich wollte nur noch schlafen, sonst hätte ich sofort die Kurve gekratzt.
Leider machte ich den Fehler, während unseres Eincheckens noch höflich etwas von »ein bißchen Gesundheitsprogramm« zu murmeln, daß meine Mutter und ich vielleicht ein paar Kuranwendungen bräuchten. »Jaaaaaaa, da wollen wir gleich mal anfangen!« posaunte Frau Dr. Beger, ihr Mann war schon wieder zu Bett gegangen, »kommen Sie mal mit! Ich zeige Ihnen die Klinik. Die gnädige Frau, Ihre Frau Mutter, kommt auch mit!« Sie schleppte uns in die Anwendungsabteilung, die grünen Notbeleuchtungen glommen, es war wie im Kabinett des Doktor Mabuse. Was weiß ich?! Die Irre muß übersinnliche Fähigkeiten besessen haben, ich kann es heute nicht mehr nachvollziehen, warum wir mitgingen, die Verrückten kriegen dich doch immer rum! Frau Dr. Beger brachte es fertig, uns mit Handtüchern versehen in Kabinen zu schieben. Wir mußten uns ausziehen, dann schob sie uns in eine gekachelte Halle, schummeriges Licht mit einem schwarzen Becken, und schwupp, stand ich bis zum Hals im Moor. Das sehe ich noch heute, wie der Kopf meiner Mutter über die schwarze Mooroberfläche wanderte, ein entgeistertes Gesicht, auch ich in der Pampe drin bis zum Kinn, am Beckenrand Frau Dr. Beger. Dann durften wir endlich aus der Moorbrühe raus. »Soooo, jetzt der Schlauch!« Sie spülte uns ab, diese Chefärztin, die Doppelgängerin von Maria Schell, dieselbe forciert heitere Stimme, die gillernde Geilheit spritzte uns da entgegen: »Jaaaaa, und jetzt noch das Wichtigste: das Kohlensäurebad!« Schwapp, lagen wir jeder in einer Wassertonne, oben geschlossen, whirlpoolmäßig, das Wasser gurgelte und perlte um den Körper, der Kopf guckte oben aus der Tonne.
Frau Dr. Beger unterzog uns eine Dreiviertelstunde ihren Anwendungen, dann bekamen wir einen Klinikbademantel und wurden ins Bett entlassen. Meine Mutter sagte auf dem Flur: »Sind wir eigentlich verrückt geworden, daß wir uns nachts von der Frau …?« »Ich weiß auch nicht.« Erika schlief bereits, ich fiel ins Bett und konnte am nächsten Morgen nicht aufstehen, war so müde, als hätte ich eine Stunde im Wasser einer Radiumquelle verbracht. In Bad Kleinkirchheim in Kärnten schwamm ich mal zu lange in solch einem warmen Wasser, während eines Skiurlaubs. Ich war doch auch mal eine Weile Skiläufer, bis auf Golf habe ich alle Edelsportarten durch und mich in allen zum Pistenschreck entwickelt. Nur mit dem Reiten und meinen beiden Gäulen kam ich schließlich gut zu Rande. Aber das Segeln lernte ich nie, trotz dreier Anläufe, ich bin nur ziemlich langsam praktisch bildbar, sogar das Autofahrenlernen kostete mich viel Zeit. Ich behaupte allerdings, wenn ich segeln könnte, wäre ich der beste Segler. Also in Kleinkirchheim nach einer Stunde in dieser Radiumpisse — du liest es immer erst hinterher im Prospekt, daß du dich nicht länger als zehn Minuten darin aufhalten sollst — war ich zwei Tage völlig fertig, konnte kein Bein im Bett heben, eine solch bleierne Müdigkeit hatte mich erfaßt. So fühlte ich mich auch am nächsten Morgen in Garmisch nach dem Moorbad und dem Kohlensäure-Whirlpool.
Um zehn rollte die Kellnerin im Dirndl den Fühstückswagen ins Zimmer, sie war aber nicht allein, es begleitete sie Frau Dr. Beger im weißen Kittel: »Herr Schröder!« sie hatte einen ›Stern‹ in der Hand, »ich schlage gerade das hier auf, und was sehe ich da? Das sind doch Sie! Oder sind Sie es nicht?« Sie reichte mir das Heft ins Bett, und ich sah mich voller Entsetzen mit dem Spitzbart zwischen den beiden Kartoffelköniginnen. Mein Schock verflog schnell, weil Frau Dr. Beger so begeistert war und noch gefährlicher tirilierte als in der Nacht zuvor in der Bäderabteilung. Mir wurde in meinem Bett angst und bange, sie raffte schon ihren Kittel und zeigte mir kokett ihre Beine bis zum Oberschenkel, sie sei ja schließlich auch noch ganz gut dabei, und ihre Wangen glühten. Die Frühstücksmamsell stand rotübergossen bis in den Dirndlausschnitt daneben und heftete ihren Blick starr auf die grüne Auslegeware. Es klopfte, die Erlösung, Frau Doktor ließ sich aber im Redeschwall der Anpreisung ihrer Reize nicht stören. Es war die Tripeldröhnung: meine hilflose Ermattung, der Porno-›Stern‹ und diese Garmischer Maria Schell im weißen Kittel. Der erlösende Klopfer an der Tür war ihr Mann, auch er mit hochrotem Kopf: »Entschuldigen Sie vielmals meine Frau … Geh, Irmingard, jetzt sei staad! Muß das wieder sein?! Jetzt komm aber ’naus!« Er zerrte sie unsanft aus dem Zimmer. Somnambul nahm ich das Frühstück ein. Erika war bereits verschwunden, es gab ein riesiges Schwimmbad in diesem Hotel, es war nämlich halböffentlich, gehörte zum Kurbetrieb, weil Garmisch damals noch kein eigenes Hallenbad hatte. Wieder klopfte es nach zehn Minuten, nochmals Herr Beger: Er müsse sich für seine Frau entschuldigen, sie ratsche manchmal etwas zuviel. Ich solle es ihr auch nachsehen, daß sie uns nachts noch ein Moorbad verordnet habe, eigentlich leite ja jetzt seine Tochter die therapeutische Abteilung, seine Frau sei sozusagen nur noch pro forma Chefin der Klinik, und er sei von Hause aus Jurist und müsse etwas achtgeben, daß sie in ihrem Übereifer keine Fehler mache — euphemistische Umschreibungen für ›Sie hat leider einen Knall‹. Was ihn aber nicht daran hinderte, darüber hinwegzusehen, daß Frau Doktor versuchte, uns sämtliche Anwendungen ihrer Klinik aufzuschwatzen: »Zahlt alles Ihre Kasse.« Pustekuchen, kostenlos war nur der Anblick ihrer Oberschenkel: »Schauen Sie mal, in meinem Alter kein bißchen Cellulitis. Das verdanke ich alles meinem Kohlensäure-Massagebad. Habe ich selbst entwickelt, wird Ihnen auch guttun.«
Das hatte ich nun von meinem Coming-out im ›Stern‹, es war keine Erholung. Diese Frau stieg dem Pornokönig nach. Sie erfand immer neue Tricks, das Verbot ihres Mannes, mit mir über das Pornogewerbe zu reden, zu unterlaufen, sie machte sich an Katinka ran, brachte ihr ein Butterlamm, weißt du, fünf Pfund Alpenbutter. Die ärmeren Leute in diesen Regionen backen sich so ein Lamm aus Biskuitteig oder kaufen sich eines beim Bäcker, das steht dann, das rotgoldene Kreuzbanner in den Rücken gespießt, auf der Anrichte und wird am Ostersonntag verzehrt. Die Reicheren lassen sich auf der Beuys-Alm solch ein Lamm aus gefrorener Butter schnitzen, und so eines bekam Frau Dr. Beger aus Familientradition regelmäßig von einer Bäuerin geschenkt, das brachte sie Katinka. Was machst du im Hotel mit einem Butterlamm? Es stand auf dem Balkon und schmolz langsam in sich zusammen wie dieser ganze Urlaub.
(BK /JS)
In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)