taz logo klein
logo taz.de logo tazblogs

Beiträge für die Kategorie ‘Making of Pornography’

17.09.2008

Ehrenrettung für einen Comic

von Schröder & Kalender

***

Der Bär flattert heute nicht.

Späte Genugtuung für ein Buch, welches 1971 der Generalstaatsanwalt in Frankfurt a. M. mit einer Großaktion der Polizei in der Auslieferung und im Versteck – der Heizkeller des Nieder-Florstädter Herrenhauses – beschlagnahmen ließ.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. September schrieb Jan-Frederik Bandel in einem langen Artikel u.a. über ›Lucy’s Lustbuch‹ von Alfred Demarc alias Alfred von Meysenbug:

»In seinem letzten längeren Comic für viele Jahre setzt Meysenbug dann neben die Science-Fiction–, Rocker- und Historienfantasien der Comic-Supergirls nach der konsumkritischen Variante noch eine weitere, durchaus im Geiste Leslie Fiedlers: die Pornografie. ›Lucy’s Lustbuch‹, 1971 unter dem Pseudonym Alfred Demarc veröffentlich, ist mit Abstand Meysenbugs aufwendigstes Buch. Im pastelligen Tableaus in Ramos-Manier reiht er Sexszene an Sexszene, wobei unter anderen Franz Josef Strauß, Thilo Koch, Roy Black und schließlich Elvis ihren Auftritt haben. >

06.01.2008

Lass jucken, Kumpel (1)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Ich setzte bei März und Olympia Press einen Hammerschlag auf den anderen und verstörte mit unseren Hervorbringungen viele, die spießigen Bölls, die feinsinnigen Liebhaber galanter Libretti wie Joachim Kaiser, die noch ziemlich sprachlosen Genossen wie Peter Schneider und solche linksbewegten Literaten wie Peter Handke. Ja, auch Handke war damals a bisserl links. Mehr aber als verstört, also fassungslos empört, waren die Sinngeber aus solchen Metropolen der Kultur wie Bottrop.

1971 lud ich zu einer Pressekonferenz in Dortmund, die intellektuelle Szene war damals erheblich proletarisiert, nicht weit entfernt vom ›Bitterfelder Weg‹, ›Greif zur Feder, Kumpel‹, Max von der Grün, F. C. Delius und Günter Wallraff vorneweg, die ehemalige ›Gruppe 61‹, jetzt ›Literatur der Arbeitswelt‹ oder auch ›Werkkreis 70‹ genannt. Ein schrecklicher bundesrepublikanischer DDR-Muff! Da kam mir Hans Henning Claer gerade recht, ein ehemaliger Polizeiboxmeister aus Berlin, der als Kumpel in Bergkamen lebte.

Noch in meiner Melzer-Zeit schickte er mir ein handgeschriebenes Manuskript in einer dumpfen großen Schönschreibschrift. Der Text war altfränkisch ausgedröhnt, besaß viele bombastische Genitive, die nobilitierende Protokollsprache des Polizeiwachtmeisters, der sich zum Schriftsteller berufen fühlt. Ich schrieb ihm einen Brief: »Lassen Sie doch diese gestelzte Sprache. Schreiben Sie, wie die Leute reden, die Leser wollen etwas vom Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife geschafft haben.«

Ein halbes Jahr später erhielt ich einen dicken Umschlag, Claer teilte mit, daß er alle meine Anweisungen befolgt habe, jetzt stehe es so auf dem Papier, wie ich es ihm aufgetragen habe. Sein Manuskript hieß ›Glück auf, Kumpel‹. Und wegen der ›Bitterfelder‹ Jungs in den Feuilletons dachte ich mir, dieses Werk muß erscheinen, so, wie es ist, weil ich mir nämlich einen Ast lachte beim Lesen. Es gibt darin unschlagbare Sätze, anhand derer, wenn sie nicht so eng im Kopf wären, ganze Soziologenjahrgänge des Instituts für Handelsforschung der Universität zu Köln über Konsumismus forschen könnten, wie: »Der Slip flog in die Constructa.« Oder Alfons Silbermann könnte in der Schriftenreihe ›Kunst und Kommunikation‹ ausreichend Textstellen analysieren: »Auf dem reizvollen Körper hechelnd schlug der Glutäugige wieder zu: ›Oh, wie das juckt. Ich schmeck mein Blut.‹ ›Du Sau … du Mörder!‹ Und ganz von ferne vernahmen die Perversen das Keifen von Krampfader-Marie.«

Ja, das ist doch die reine Pütt-›Ilias‹. Haben sie nicht etwas Hauptumlocktes, etwas von der bombastischen Griechensprache, die schlau ersonnenen Worte dieses Kumpels, das ist doch Natur-Ilias, also Natursekt. Ich lachte Tränen und dachte: ›Glück auf, Kumpel‹ ist ein blöder Titel. Welche Wortverbindungen kenne ich mit ›Kumpel‹? Und weil ich von Düsseldorf aus oft im Ruhrgebiet war, fielen mir die geflügelten Worte ein: »Laß jucken, Kumpel!« Die waren damals überhaupt noch nicht sexuell besetzt, bedeuteten einfach nur: »Nu’ mach mal!« Am nächsten Tag gab ich das Manuskript meinem Olympia-Press-Lektor Hardo Wichmann: »Lies nur auf Orthographie, Zeichensetzung, ein wenig Grammatik, möglichst nichts ändern. Also quasi nur abtippen lassen, damit wir es so in Satz geben können.« Nach zwei Tagen kam Hardo: »Aaber«, er stotterte, wenn er sich erregte sogar heftig, »dadas kakann maman seseso nicht mamachen!« »Laß es so!«

claer-kumpel-2.jpg
Dieses Buch sollte jetzt auf einer Pressekonferenz vorgestellt werden – eine Dortmunder Inszenierung. Claer schlug ich vor: »Moppel«, das war sein Boxerspitzname, auf dem bestand er, »bring doch ein paar Kumpels mit zur Pressekonferenz, du hast doch dein Buch nach deren Leben geschrieben.« Denn gleich nach Erscheinen setzte im Ruhrgebiet eine hitzige Diskussion ein: »Bergmannssex – Skandal! Der Kumpel wird zum Sexmonster!«; ›Bild Essen‹ machte mit großen Schlagzeilen auf, für sie ein gefundenes Fressen. Die Literaturheinis des ›Werkkreises‹ meldeten sich zur Pressekonferenz an und drohten, gegen mich und Claer mit allen Mitteln vom Leder ziehen zu wollen. Das WDR-Fernsehen fuhr mit seinem Literaturchef Ivo Frenzel auf, alle nahmen sich vor, es dem zynischen März-Verleger, dem aber auch nichts heilig ist, der jetzt sogar die Welt der Arbeit in den Dreck des Pornomilieus zieht, mal richtig zu zeigen.

Jedoch es wurde nichts draus, denn Moppel und seine zehn Kollegen rissen die Diskussion an sich. Kein Pressemensch, keiner der anwesenden Autoren kriegte auch nur einen Fuß dazwischen. Die Kumpels diskutierten zwei Stunden unter sich darüber, ob die Olle von Friedhelm tatsächlich vormittags mit Hartmut, der nicht auf Schicht war, fremdgegangen war oder nicht. Sie ließen nicht über Textstrukturen und Erlebnispostulate mit sich reden, nicht über die literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt, nur Fragen über das System ihrer Wohnblocks und ihres Zusammenlebens waren interessant. Sie sprachen noch nicht mal über Claers Roman, sondern über ›Bild‹, denn sie hatten sein Buch gar nicht gelesen. In der ›Bild‹-Zeitung stand genau beschrieben, wie die Frauen und Männer es in ›Laß jucken Kumpel‹ treiben. So redeten sie nicht über Romanfiguren, sondern über Menschen vor Ort: »Och hör doch auf! Natürlich geht die Erna mit dem Gerold, ich hab sie doch vorgestern noch zusammen gesehen! Erna …«

Das WDR-Team kurbelte, was das Zeug hielt. Die Kumpels packten ihren Pütt-Tratsch und die Heiße-Hosen-Geschichten aus, alles, was sie sonst nur am Stammtisch nach zehn Bier rauslassen, schmissen sie sich an den Kopf. Es gab natürlich auch Freibier, die Pressekonferenz fand schließlich im Saal einer Kneipe statt. Ich habe den WDR-Beitrag später nicht gesehen, aber man berichtete mir, daß er sehr lustig gewesen sei. Die Kritiker hingegen waren nicht amüsiert, solche Medien-Happenings nahmen sie mir eben übel. Und wahrhaftig, eine Pressekonferenz wie diese gab es vorher noch nie und später auch nicht wieder. Das war eine ›Von der Lippe‹- und ›L’amour en danger‹-Mischung, nur zwanzig Jahre früher – al fresco. Horst-Dieter Ebert war wie immer für den ›Spiegel‹ dabei, das ergab drei, vier Spalten. Nicht, daß du denkst, er habe jedesmal zwei Mille geschnappt, er kam auch ohne Bezahlung, ich lieferte doch schöne Themen.

(BK / JS)

17.10.2007

Making of Pornography: Love Love (16)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Das burleske Hippie-Bilderbuch ›LOVE LOVE‹ aus dem Jahr 1971 werden wir jetzt in Fortsetzungen bringen. Die Hardcore-Fotos im soften Jasmin-Stil machte Rosa Camerada. Ebenso wie ›Lucys Lustbuch‹ sorgte dieser Titel für Abmahnungen, Verbote und andere juristische Querelen. Die näheren Einzelheiten stehen in der 2. Folge von ›Schröder erzählt‹ mit dem Titel ›Eine Million und fuffzig‹.

Love-40b.jpg

*** >

12.08.2007

Making of Pornography: Love Love (9)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in westlicher Richtung.

Das burleske Hippie-Bilderbuch ›LOVE LOVE‹ aus dem Jahr 1971 werden wir jetzt in Fortsetzungen bringen. Die Hardcore-Fotos im soften Jasmin-Stil machte Rosa Camerada. Ebenso wie ›Lucys Lustbuch‹ sorgte dieser Titel für Abmahnungen, Verbote und andere juristische Querelen. Die näheren Einzelheiten stehen in der 2. Folge von ›Schröder erzählt‹ mit dem Titel ›Eine Million und fuffzig‹.

In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich unter dem geflügelten ›Making of Pornography‹ in loser Folge beantworten. (JS)

>

08.08.2007

Geschichte der O – La seconde fois

von Schröder & Kalender

Dieser Beitrag vom 26.07.2006 wurde vermutlich beim Headcrash oder sonstwie aus unserem tazblog-Archiv gelöscht. Daher bringen wir ihn erneut.

Der Bär flattert heute mittag in östlicher Richtung.

Wie sich die Zeiten wandeln! Die Zeitschrift BuchMarkt berichtet über unsere Blog-Serie The Making of Pornography und über ein gemeinsames Sommerprojekt von Bertelsmanns Verlagsgruppe Random House und BILD: Die BILD-Erotik-Bibliothek, welche neun Pornos enthalten soll. Darunter auch die Geschichte der O. Da werden bestimmt Liz Mohn und Friede Springer vor Entrüstung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen!

(BK / JS, 26.07.2006 um 18:11)
Kommentar am 27.7.2006 um 14:58

Lieber Jörg, liebe Barbara,

hier mein kleiner Beitrag zur “Geschichte der O”; als kleine Impression, wie es damals an der Leserfront zuging:

Im “twen”, und zwar innerhalb dieses auf beigefarbenem Papier bedruckten Kulturteils, fand ich diese Kurzrezension, es waren vielleicht nur 35 Zeilen in einer Achtelspalte, verfasst von Alf Brustellin. Der hatte 1959, ich war damals Sextaner, als Abiturient an unserem Gymnasium noch einen atemberaubenden Mephisto in einer Urfaust-Aufführung abgeliefert. Alf schrieb also im twen “…aber Vorsicht, dieses Buch wird bei dem Leser seine Narben hinterlassen…”. Ich war 19 und neugierig. Also legte ich die DM 25 (war es wirklich so viel?) auf den Tresen der Mönchengladbacher Bahnhofsbuchhandlung. Die Verkäuferin wusste offensichtlich nicht, was sie mir da überreichte. Und wie 21 habe ich mit Sicherheit damals nicht ausgesehen. – Das Buch hat mich damals irritiert, weil ich ja noch an die große reine Liebe glaubte.

Ich habe es dann der Annette geliehen, mit der ich jeden Tag in der Eisenbahn nach Mönchengladbach saß. Sie war eine Nichte von Wolfgang Staudte, dem Regisseur. Als ich sie nach Wochen fragte, ob sie mir das Buch denn jetzt wieder zurückgeben wolle, kam die Antwort: “Das hat der Onkel Wolfgang mitgenommen.”

Grüsse nach Berlin
und weiterhin viel Spaß und Erfolg beim Bloggen
Udo


18.05.2007

Making of Pornography: Lucys Lustbuch (26)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Die ›Making of Pornography‹-Folge endete mit dem Wort ›Lucys Lustbuch‹. Diesen Comic von Alfred Demarc (d.i. Alfred von Meysenbug) ließ der Frankfurter Generalstaatsanwalt 1971 bei unserer damaligen Auslieferung Franz Müller-Rodenberger in der Goethestraße beschlagnahmen, da sich Personen aus Politik, Presse, Gesellschaft und Sangesleben wiedererkannt hatten. Wie die Staatsanwaltschaft so schnell von dieser Buchuntat Wind bekommen hatte, weiß ich nicht, mein Verteidiger durfte »wegen Gefahr im Verzuge« die Akten nicht einsehen. Die gesamte Auflage von zehntausend Exemplaren wurde dann nach einem späteren Verfahren eingestampft. Es handelte sich um einen Deal. Meine Zustimmung zur Makulierung wurde mit der Einstellung aller laufenden Strafprozesse wegen »Verbreitung unzüchtiger Schriften« belohnt. Es waren zwanzig Verfahren.

Das bedeutet aber auch: Es gibt von diesem März-Titel nur zwanzig Exemplare bei Sammlern und im Antiquariat. Entsprechend teuer ist das Buch, je nach Zustand wird Lucys Lustbuch für 600 bis 800 Euro gehandelt. Da Blogger aber alles umsonst tun und bekommen, stellen wir nun diesen lustigen skankalösen Comic aus dem Jahr 1971 in Fortsetzungen komplett ins Netz.

Und so geht’s weiter:

Lucy-75.jpg

Lucy-76.jpg

Lucy-77.jpgLucy-78.jpg

Lucy-79.jpg

(AvM / BK / JS)

21.12.2006

Making of Pornography (25)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert schwach in nordöstlicher Richtung.
Must read: Wer sich für das Verhältnis der Pornographie zur Kunst und vice versa interessiert, dem empfehlen wir das neue Heft von ›Texte zur Kunst: Porno‹. In seinem Beitrag ›Indie im Kampf mit dem Index‹ schreibt Diedrich Diederichsen über März und Olympia Press: »Indie-Porno ist eine etwas andere Geschichte. Ökonomisch war Porno immer Indie, aber nicht weil man anders wirtschaften und mehr Autonomie für die Künstler herausholen wollte, sondern weil das Geschäft geächtet war. Natürlich führte das in der Porno-Kultur auch immer wieder zur künstlerischen Effekten oder hohen Tabubruchkoeffizienten, so dass eine sozio-ästhetische Nähe zur Gegenkultur entstand: Wenn Herschell Gordon Lewis nicht Gore oder Nudies drehte, machte er was mit LSD und Black Panther. Der kulturrevolutionäre März Verlag produzierte unter dem Label Olympia Film nebenher Pornofilme. Sein Verleger, Jörg Schröder, hatte vorher die deutsche Olympia Press geführt, deren Gründer, Maurice Girodias, das Geschäftsmodell umgekehrt vorgelebt hatte: Neben nur Pornografischem brachte er wegen derselben Paragrafen Verbotenes auf dem Markt: Jean Genet, William Burroughs, Ronald Tavel. Valerie Solanas, eine andere seiner Autorinnen und früheste Anti-Indieporno-Aktivistin wollte eigentlich Girodias umbringen, bevor sie in ihrer Verwirrung Warhol angriff. Ihr Manifest ›S.C.U.M. – society for cutting up men‹ erschien auf Deutsch bei März.

(DD / BK /JS)

In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)

28.11.2006

Making of Pornography (24)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördwestlicher Richtung.
Und so geht’s weiter: Noch gravierender aber als auf Heinrich Böll war die Wirkung des ›Stern‹ auf den Richter für Handelssachen am Landgericht Frankfurt. Es gab einen Rahmenvertrag mit Maurice Girodias, in dem vereinbart war, daß Tantiemen an ihn gezahlt werden zur Verteilung an die amerikanischen Autoren – eigentlich normal. Nun war wegen des großen Aufsehens, das die Olympia Press Deutschland erregte, unsere Erfolgsgeschichte auch an die Ohren dieser Schriftsteller gedrungen, denen Girodias zwar Tantiemen für die Originalausgabe in den USA gezahlt hatte, aber nicht für die deutsche Lizenz. Die Autoren veranstalteten deshalb Demonstrationen vor dem Büro der Olympia Press New York, um auf sich aufmerksam zu machen: ›Auch Pornoautoren müssen leben!‹, stand auf ihren Transparenten. Es häuften sich die Briefe des Ehepaars Abrams an mich, das waren die Verfasser des Buches ›Barbara‹, ihr Pseudonym war Frank Newman, und weiterer zwanzig Autoren. Girodias schrie zusätzlich aus New York, London, Mailand, Istanbul oder von den Bahamas nach höheren Abschlagszahlungen auf jene Tantiemen, die er den Autoren vorenthielt, und würzte seine Fernschreiben mit herzzerreißenden Sprüchen wie: »authors cry!«

mop21.jpg

Unser Umsatz war in den ersten Monaten steil nach oben >

23.11.2006

Making of Pornography (23)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

***
Und so geht’s weiter mit einem P.E.N.-Kongreß in Nürnberg, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹:

Auf dem Rückweg fuhr ich mit der Familie nur bis Nürnberg, blieb allein dort, ich wollte zur PEN-Tagung, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹. Horst-Dieter Ebert vom ›Spiegel‹ hatte mir den Tip gegeben, dort aufzutauchen, ich war ja in Sachen Pornographie auch als Lobbyist tätig, es ging schließlich immer noch um die ›Freigabe‹. Die Meistersingerhalle war überfüllt, die Leute saßen auf dem Boden, die Diskussion mußte in die Wandelgänge übertragen werden. Präsident war Heinrich Böll, und auf dem Podium saßen Walter Jens, Werner Ross, mein ehemaliger Französischlehrer in Bonn, und einige andere unentwegte Debattierer. Aus dem Saal sollte mitdiskutiert werden. Ebert hatte für uns einen Platz in der ersten Reihe reserviert, neben mir saß Gabriele Henkel, die sich in der Bewegungszeit in jedes Kulturereignis einmischte, das irgendwo en vogue war. Es konnte gar nicht links und schrill genug zugehen, bis ihr Konrad so etwas strikt verbot.

Das jetzt nur als Volte, um klarzumachen, daß Gabriele Henkel sich damals geradezu manisch fortschrittlich gebärdete und in der Meistersingerhalle natürlich auch über Pornographie ein Wörtchen mitreden wollte. Die Veranstaltung begann, und Heinrich Böll posaunte vom Podium, ich traute meinen Ohren nicht — was erzählt er da? Er betete Petschulls ›Stern‹-Artikel über den Pornokönig runter wie auswendig gelernt. Anhand dieses Pornokönig-Bösewichts — Böll nannte mich nicht beim Namen, aber fixierte mich, ich saß ja nur ein paar Meter unter ihm —, anhand dieser »hemdsärmeligen Figur, die sich auch noch etwas darauf einbildet, daß sie kein guter Mensch sei und auch keiner werden wolle«, machte er seine Abscheu vor Pornographie klar, begleitet von rotbäckchenhafter Akklamation des Werner Ross und des Gummischuhgesichts Walter Jens. Derselbe Jens, der 1968 für mich zusammen mit seiner Frau Inge ein dreißig Seiten langes euphorisches Gutachten schrieb in Sachen ›Geschichte der O‹, was ja nun mal ein veritabler pornographischer Roman ist. Das glaubst du nicht? >

14.11.2006

Making of Pornography (22)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.
Und so geht’s weiter mit einem sonderbaren Kurhotel: Von Garmisch komme ich einfach nicht los, so fängt in ›Siegfried‹ mein erzähltes Leben an, dort passieren mir immer wieder Geschichten, das ist fast wie ein magisches Dreieck: Berlin, die Rheinlande, Garmisch. Irgendwas habe ich mit diesem sonderbaren Tal, und da ich kein Skispringer bin, muß es was anderes sein. Anfang der 70er war ein Osterurlaub geplant, wir starteten am Gründonnerstag zu einem Familienausflug, meine Mutter, Erika und Katinka. Als wir abends in Garmisch ankamen, fand ich das ›Kurhotel Dr. Beger‹ nicht, in dem die Zimmer reserviert waren, weil der Fünfziger-Jahre-Kasten etwas zurückgesetzt von der Straße lag, unbeleuchtet hinter der Kiesauffahrt schlummerte. Ich stolperte durch die Rabatten, rüttelte an den Türen, es gab keine Rezeption, eine Kurklinik. Nach längerem Rufen und Kieselsteinwerfen an die Fenster ging Licht an, ein Fenster öffnete sich, im ersten Stock tauchte ein unwirscher weißhaariger Mann mit Goldrandbrille auf, fragte nach meinem Begehr. »Schröder, haben reserviert …« Wir wurden eingelassen, und dann nahte auch schon Frau Dr. Beger, eine dralle Matrone von fünfundfünfzig im weißen Arztkittel. Wir bekamen die vorbestellten, wie Frau Doktor sagte, »besten Zimmer«. Katinka sollte mit Oma zusammen schlafen. Die Einrichtung der Zimmer wunderte mich schon, bei dem Preis. Es waren große Räume, trotzdem wurden die Betten aus Blenderwandschränken mit Limbatüren heruntergeklappt. »Damit schön viel Platz bleibt«, erläuterte Frau Dr. Beger die Konstruktion. So etwas muß fünfzehn Jahre früher modern gewesen sein, also grauenhaft. Es war aber halb eins, und ich wollte nur noch schlafen, sonst hätte ich sofort die Kurve gekratzt.

Leider machte ich den Fehler, während unseres Eincheckens noch höflich etwas von »ein bißchen Gesundheitsprogramm« zu murmeln, daß meine Mutter und ich vielleicht ein paar Kuranwendungen bräuchten. »Jaaaaaaa, da wollen wir gleich mal anfangen!« posaunte Frau Dr. Beger, ihr Mann war schon wieder zu Bett gegangen, »kommen Sie mal mit! Ich zeige Ihnen die Klinik. Die gnädige Frau, Ihre Frau Mutter, kommt auch mit!« Sie schleppte uns in die Anwendungsabteilung, die grünen Notbeleuchtungen glommen, es war wie im Kabinett des Doktor Mabuse. Was weiß ich?! Die Irre muß übersinnliche Fähigkeiten besessen haben, ich kann es heute nicht mehr nachvollziehen, warum wir mitgingen, die Verrückten kriegen dich doch immer rum! Frau Dr. Beger brachte es fertig, uns mit Handtüchern versehen in Kabinen zu schieben. Wir mußten uns ausziehen, dann schob sie uns in eine gekachelte Halle, schummeriges Licht mit einem schwarzen Becken, und schwupp, stand ich bis zum Hals im Moor. Das sehe ich noch heute, wie der Kopf meiner Mutter über die schwarze Mooroberfläche wanderte, ein entgeistertes Gesicht, auch ich in der Pampe drin bis zum Kinn, am Beckenrand Frau Dr. Beger. Dann durften wir endlich aus der Moorbrühe raus. »Soooo, jetzt der Schlauch!« Sie spülte uns ab, diese Chefärztin, die Doppelgängerin von Maria Schell, dieselbe forciert heitere Stimme, die gillernde Geilheit spritzte uns da entgegen: »Jaaaaa, und jetzt noch das Wichtigste: das Kohlensäurebad!« Schwapp, lagen wir jeder in einer Wassertonne, oben geschlossen, whirlpoolmäßig, das Wasser gurgelte und perlte um den Körper, der Kopf guckte oben aus der Tonne.

Frau Dr. Beger unterzog uns eine Dreiviertelstunde ihren Anwendungen, dann bekamen wir einen Klinikbademantel und wurden ins Bett entlassen. Meine Mutter sagte auf dem Flur: »Sind wir eigentlich verrückt geworden, daß wir uns nachts von der Frau …?« »Ich weiß auch nicht.« Erika schlief bereits, ich fiel ins Bett und konnte am nächsten Morgen nicht aufstehen, war so müde, als hätte ich eine Stunde im Wasser einer Radiumquelle verbracht. In Bad Kleinkirchheim in Kärnten schwamm ich mal zu lange in solch einem warmen Wasser, während eines Skiurlaubs. Ich war doch auch mal eine Weile Skiläufer, bis auf Golf habe ich alle Edelsportarten durch und mich in allen zum Pistenschreck entwickelt. Nur mit dem Reiten und meinen beiden Gäulen kam ich schließlich gut zu Rande. Aber das Segeln lernte ich nie, trotz dreier Anläufe, ich bin nur ziemlich langsam praktisch bildbar, sogar das Autofahrenlernen kostete mich viel Zeit. Ich behaupte allerdings, wenn ich segeln könnte, wäre ich der beste Segler. Also in Kleinkirchheim nach einer Stunde in dieser Radiumpisse — du liest es immer erst hinterher im Prospekt, daß du dich nicht länger als zehn Minuten darin aufhalten sollst — war ich zwei Tage völlig fertig, konnte kein Bein im Bett heben, eine solch bleierne Müdigkeit hatte mich erfaßt. So fühlte ich mich auch am nächsten Morgen in Garmisch nach dem Moorbad und dem Kohlensäure-Whirlpool.

Um zehn rollte die Kellnerin im Dirndl den Fühstückswagen ins Zimmer, sie war aber nicht allein, es begleitete sie Frau Dr. Beger im weißen Kittel: »Herr Schröder!« sie hatte einen ›Stern‹ in der Hand, »ich schlage gerade das hier auf, und was sehe ich da? Das sind doch Sie! Oder sind Sie es nicht?« Sie reichte mir das Heft ins Bett, und ich sah mich voller Entsetzen mit dem Spitzbart zwischen den beiden Kartoffelköniginnen. Mein Schock verflog schnell, weil Frau Dr. Beger so begeistert war und noch gefährlicher tirilierte als in der Nacht zuvor in der Bäderabteilung. Mir wurde in meinem Bett angst und bange, sie raffte schon ihren Kittel und zeigte mir kokett ihre Beine bis zum Oberschenkel, sie sei ja schließlich auch noch ganz gut dabei, und ihre Wangen glühten. Die Frühstücksmamsell stand rotübergossen bis in den Dirndlausschnitt daneben und heftete ihren Blick starr auf die grüne Auslegeware. Es klopfte, die Erlösung, Frau Doktor ließ sich aber im Redeschwall der Anpreisung ihrer Reize nicht stören. Es war die Tripeldröhnung: meine hilflose Ermattung, der Porno-›Stern‹ und diese Garmischer Maria Schell im weißen Kittel. Der erlösende Klopfer an der Tür war ihr Mann, auch er mit hochrotem Kopf: »Entschuldigen Sie vielmals meine Frau … Geh, Irmingard, jetzt sei staad! Muß das wieder sein?! Jetzt komm aber ’naus!« Er zerrte sie unsanft aus dem Zimmer. Somnambul nahm ich das Frühstück ein. Erika war bereits verschwunden, es gab ein riesiges Schwimmbad in diesem Hotel, es war nämlich halböffentlich, gehörte zum Kurbetrieb, weil Garmisch damals noch kein eigenes Hallenbad hatte. Wieder klopfte es nach zehn Minuten, nochmals Herr Beger: Er müsse sich für seine Frau entschuldigen, sie ratsche manchmal etwas zuviel. Ich solle es ihr auch nachsehen, daß sie uns nachts noch ein Moorbad verordnet habe, eigentlich leite ja jetzt seine Tochter die therapeutische Abteilung, seine Frau sei sozusagen nur noch pro forma Chefin der Klinik, und er sei von Hause aus Jurist und müsse etwas achtgeben, daß sie in ihrem Übereifer keine Fehler mache — euphemistische Umschreibungen für ›Sie hat leider einen Knall‹. Was ihn aber nicht daran hinderte, darüber hinwegzusehen, daß Frau Doktor versuchte, uns sämtliche Anwendungen ihrer Klinik aufzuschwatzen: »Zahlt alles Ihre Kasse.« Pustekuchen, kostenlos war nur der Anblick ihrer Oberschenkel: »Schauen Sie mal, in meinem Alter kein bißchen Cellulitis. Das verdanke ich alles meinem Kohlensäure-Massagebad. Habe ich selbst entwickelt, wird Ihnen auch guttun.«

Das hatte ich nun von meinem Coming-out im ›Stern‹, es war keine Erholung. Diese Frau stieg dem Pornokönig nach. Sie erfand immer neue Tricks, das Verbot ihres Mannes, mit mir über das Pornogewerbe zu reden, zu unterlaufen, sie machte sich an Katinka ran, brachte ihr ein Butterlamm, weißt du, fünf Pfund Alpenbutter. Die ärmeren Leute in diesen Regionen backen sich so ein Lamm aus Biskuitteig oder kaufen sich eines beim Bäcker, das steht dann, das rotgoldene Kreuzbanner in den Rücken gespießt, auf der Anrichte und wird am Ostersonntag verzehrt. Die Reicheren lassen sich auf der Beuys-Alm solch ein Lamm aus gefrorener Butter schnitzen, und so eines bekam Frau Dr. Beger aus Familientradition regelmäßig von einer Bäuerin geschenkt, das brachte sie Katinka. Was machst du im Hotel mit einem Butterlamm? Es stand auf dem Balkon und schmolz langsam in sich zusammen wie dieser ganze Urlaub.

(BK /JS)
In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)