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	<title>Schröder &#038; Kalender &#187; Making of Pornography</title>
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	<description>Seit 1990 veröffentlichen Barbara Kalender und Jörg Schröder viermal im Jahr ”Schröder erzählt”. Hier bloggen sie was zwischendurch so auf- und anfällt.</description>
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		<title>Time Was On My Side</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Oct 2010 16:49:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Das alternative Milieu]]></category>
		<category><![CDATA[Detlef Siegfried]]></category>
		<category><![CDATA[Elizabeth Heineman]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Schröder]]></category>
		<category><![CDATA[Olympia Film]]></category>
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		<category><![CDATA[Wallstein Verlag]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>***<br />
Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.<br />
***<br />
An Sachbüchern, Essays, Romanen und sonstigen Betrachtungen über die Achtundsechziger und die Folgen herrscht kein Mangel. Wir haben viel davon gelesen und finden nach wie vor, dass der <a href="http://www.dla-marbach.de/shop/shop_einzelansicht/index.html?backPID=51860&amp;tt_products=29" target="_blank">Marbacher ›Protest!‹-Katalog die beste Zusammenfassung über die Literatur um 1968</a> ist.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/10/alternatives-milieu.jpg" rel="lightbox[3168]"><img class="alignnone size-full wp-image-3169" title="Das alternative Milieu, Wallstein Verlag, tazblog: Schröder &amp; Kalender" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/10/alternatives-milieu.jpg" alt="" width="393" height="666" /></a></p>
<p>Soeben ist nun <a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835304963.html" target="_blank">›Das alternative Milieu‹ </a> erschienen, in dem antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa verhandelt werden und die Marbacher Essays zum Literaturbetrieb trefflich ergänzen.</p>
<p>Im Zentrum des Buches steht also die transformatorische Rolle des alternativen Milieus zwischen den späten sechziger und den mittleren achtziger Jahren, seine spezifische Kultur, soziale Praxen sowie Selbst- und Fremdbilder. Neben der Bundesrepublik werden weitere europäische Länder betrachtet – nicht zuletzt, weil im alternativen Milieu selbst ein dezidiert transnationales Selbstverständnis vorherrschte. Die Herausgeber Sven Reichardt und Detlef Siegfried beschreiben in ihrem Vorwort ›Das alternative Milieu. Konturen einer Lebensform‹.</p>
<p>Die Beiträge wurden zunächst in Vortragsform auf einer Konferenz der Universität Kopenhagen gehalten. <strong>Das erste Kapitel ›Theoretische Annäherungen‹</strong> enthält die Beiträge von Michael Vester: ›Alternativbewegungen und neue soziale Milieus. Ihre soziale Zusammensetzung und ihr Zusammenhang mit dem Wandel der Sozialstruktur‹ und von Dieter Rucht: ›Das alternative Milieu in der Bundesrepublik. Ursprünge, Infrastruktur und Nachwirkungen‹.</p>
<p><strong>Im zweiten Kapitel ›Transnationale Räume und Ethnizität‹</strong> folgen: Detlef Siegfried: ›Das gute Leben im falschen. Dänemark-Wahrnehmungen im westdeutschen Alternativmilieu‹, Anja Bertsch: ›Alternative (in) Bewegung. Distinktion und transnationale Vergemeinschaftung im alternativen Tourismus‹, Manuela Bojadžijev und Massimo Perinelli: ›Die Herausforderung der Migration. Migratische Lebenswelten in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren‹, Knud Andresen: ›Linker Antisemitismus – Wandlungen in der Alternativbewegung‹, Moritz Ege: ›»Ich hab&#8217;s damals intuitiv richtig erlebt, also feeling gehabt«. Blackness und die Selbsttechniken der Alteritätsaneignung zwischen Gegen- und Popkultur‹.<br />
<span id="more-3168"></span><br />
<strong>Im dritten Kapitel ›Konsum und Kritik‹</strong> werden folgende Themen behandelt: Alexander Sedlmaier: ›Konsumkritik und politische Gewalt in der linksalternativen Szene der siebziger Jahre‹, Anja Schwanhäusser: ›U-Zeitungen. Neue Medien für die Avantgarde der Eventkultur‹, Uta G. Poiger: ›Das Schöne und das Hässliche. Kosmetik, Feminismus und Punkt in den siebziger und achtziger Jahren‹, Klaus Weinhauer: ›Heroinszenen in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien der siebziger Jahre. Konsumpraktiken zwischen staatlichen, medialen und zivilgesellschaftlichen Einflüssen‹.</p>
<p><strong>Das vierte Kapitel ›Geschlechterverhältnisse und Subjektivierungsprozesse‹</strong> bringt die Beiträge von Sven Reichardt: ›Von »Beziehungskisten« und »offener Sexualität«‹, Elizabeth Heineman: ›Jörg Schröder, linkes Verlagswesen und Pornografie‹, Belinda Davis: ›Transnation und Transkultur. Gender und Politisierung von den fünfziger bis in die siebziger Jahre‹, Pascal Eitler: ›»Alternative« Religion. Subjektivierungspraktiken und Politisierungsstrategien im »New Age« (Westdeutschland 1970 &#8211; 1990)‹, Sven Steinacker: ›»… daß die Arbeitsbedingungen im Interesse aller verändert werden müssen!!!« Alternativ Pädagogik und linke Politik in der Sozialen Arbeit der sechziger und siebziger Jahre‹.</p>
<p><strong>Das fünfte Kapitel ›Alternativmilieu und Neue Soziale Bewegungen‹</strong> bringt die Ausblicke von Ilse Lenz: ›Das Private ist politisch!? Zum Verhältnis von Frauenbewegung und alternativem Milieu‹, Jens Ivo Engels: ›Umweltschutz in der Bundesrepublik – von der Unwahrscheinlichkeit einer Alternativbewegung‹, Wilfried Mausbach: ›Von der »zweiten Front« in die friedliche Etappe? Internationale Solidaritätsbewegungen in der Bundesrepublik 1968 &#8211; 1983‹, Tim Warneke: ›Aktionsformen und Politikverständnis der Friedensbewegung. Radikaler Humanismus und die Pathosformel des Menschlichen‹, Freia Anders: ›Wohnraum, Freiraum, Widerstand. Die Formierung der Autonomen in den Konflikten um Hausbesetzungen Anfang der achtziger Jahren‹.<br />
***<br />
Eine Bemerkung von mir (JS) zu dem Aufsatz der <a href="http://www.uiowa.edu/~history/People/heineman.html" target="_blank">Professorin Elizabeth Heineman</a> von der <a href="http://www.uiowa.edu/homepage/about-UI/index.html" target="_blank">University of Iowa</a> über die Olympia-Film-Produktion aus den Jahren 1969 bis 1971: Elizabeth Heineman beginnt ihren kenntnisreichen Beitrag mit dem Satz: »1971 publizierte der ›Stern‹ eine Titelgeschichte über Jörg Schröder, dessen März Verlag das vielleicht wichtigste Verlagshaus der Neuen Linken war.« Jedoch kommt dann im Text hauptsächlich meine Pornoproduktion vor. Dabei war doch mein Ansatz, Textsorten und Medien postmodern zu verschränken, getreu dem Leslie A. Fiedlerschen Motto: »Cross the border, close the gap.« Denn so war es damals nun einmal: Time was on my side. Ich will nicht meckern, Elizabeth Heineman musste ja beim Thema bleiben und präziser und unverkrampfter hat noch niemand die Olympia-Filme besprochen.</p>
<p>Was den Blogwart freuen wird: Elizabeth Heineman hat in ihrem Aufsatz in 13 Fußnoten auf unser tazblog hingewiesen. Langsam sickern die Blogs in die Wissenschaftsliteratur ein.</p>
<p><a href="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/09/sexokratie2.jpg" rel="lightbox[3168]"><img class="alignnone size-full wp-image-214" title="Sexokratie, Olympia Film, tazblog: Schröder &amp; Kalender" src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/09/sexokratie2.jpg" alt="" width="472" height="474" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/09/20/making-of-pornography-12/" target="_blank">http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/09/20/making-of-pornography-12/</a><br />
und<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/09/23/making-of-pornography-13/" target="_blank">http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/09/23/making-of-pornography-13/</a></p>
<p>(BK / JS)</p>
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		<title>Lass jucken, Kumpel (1)</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Jan 2008 07:40:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.</p>
<p>Ich setzte bei März und Olympia Press einen Hammerschlag auf den anderen und verstörte mit unseren Hervorbringungen viele, die spießigen Bölls, die feinsinnigen Liebhaber galanter Libretti wie Joachim Kaiser, die noch ziemlich sprachlosen Genossen wie Peter Schneider und solche linksbewegten Literaten wie Peter Handke. Ja, auch Handke war damals a bisserl links. Mehr aber als verstört, also fassungslos empört, waren die Sinngeber aus solchen Metropolen der Kultur wie Bottrop.</p>
<p>1971 lud ich zu einer Pressekonferenz in Dortmund, die intellektuelle Szene war damals erheblich proletarisiert, nicht weit entfernt vom ›Bitterfelder Weg‹, ›Greif zur Feder, Kumpel‹, Max von der Grün, F. C. Delius und Günter Wallraff vorneweg, die ehemalige ›Gruppe 61‹, jetzt ›Literatur der Arbeitswelt‹ oder auch ›Werkkreis 70‹ genannt. Ein schrecklicher bundesrepublikanischer DDR-Muff! Da kam mir Hans Henning Claer gerade recht, ein ehemaliger Polizeiboxmeister aus Berlin, der als Kumpel in Bergkamen lebte.</p>
<p>Noch in meiner Melzer-Zeit schickte er mir ein handgeschriebenes Manuskript in einer dumpfen großen Schönschreibschrift. Der Text war altfränkisch ausgedröhnt, besaß viele bombastische Genitive, die nobilitierende Protokollsprache des Polizeiwachtmeisters, der sich zum Schriftsteller berufen fühlt. Ich schrieb ihm einen Brief: »Lassen Sie doch diese gestelzte Sprache. Schreiben Sie, wie die Leute reden, die Leser wollen etwas vom Leben erfahren und nicht, ob Sie die Mittlere Reife geschafft haben.«</p>
<p>Ein halbes Jahr später erhielt ich einen dicken Umschlag, Claer teilte mit, daß er alle meine Anweisungen befolgt habe, jetzt stehe es so auf dem Papier, wie ich es ihm aufgetragen habe. Sein Manuskript hieß ›Glück auf, Kumpel‹. Und wegen der ›Bitterfelder‹ Jungs in den Feuilletons dachte ich mir, dieses Werk muß erscheinen, so, wie es ist, weil ich mir nämlich einen Ast lachte beim Lesen. Es gibt darin unschlagbare Sätze, anhand derer, wenn sie nicht so eng im Kopf wären, ganze Soziologenjahrgänge des Instituts für Handelsforschung der Universität zu Köln über Konsumismus forschen könnten, wie: »Der Slip ﬂog in die Constructa.« Oder Alfons Silbermann könnte in der Schriftenreihe ›Kunst und Kommunikation‹ ausreichend Textstellen analysieren: »Auf dem reizvollen Körper hechelnd schlug der Glutäugige wieder zu: ›Oh, wie das juckt. Ich schmeck mein Blut.‹ ›Du Sau … du Mörder!‹ Und ganz von ferne vernahmen die Perversen das Keifen von Krampfader-Marie.«</p>
<p>Ja, das ist doch die reine Pütt-›Ilias‹. Haben sie nicht etwas Hauptumlocktes, etwas von der bombastischen Griechensprache, die schlau ersonnenen Worte dieses Kumpels, das ist doch Natur-Ilias, also Natursekt. Ich lachte Tränen und dachte: ›Glück auf, Kumpel‹ ist ein blöder Titel. Welche Wortverbindungen kenne ich mit ›Kumpel‹? Und weil ich von Düsseldorf aus oft im Ruhrgebiet war, ﬁelen mir die geﬂügelten Worte ein: »Laß jucken, Kumpel!« Die waren damals überhaupt noch nicht sexuell besetzt, bedeuteten einfach nur: »Nu’ mach mal!« Am nächsten Tag gab ich das Manuskript meinem Olympia-Press-Lektor Hardo Wichmann: »Lies nur auf Orthographie, Zeichensetzung, ein wenig Grammatik, möglichst nichts ändern. Also quasi nur abtippen lassen, damit wir es so in Satz geben können.« Nach zwei Tagen kam Hardo: »Aaber«, er stotterte, wenn er sich erregte sogar heftig, »dadas kakann maman seseso nicht mamachen!« »Laß es so!«</p>
<p><img src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2008/01/claer-kumpel-2.jpg" alt="claer-kumpel-2.jpg" /><br />
Dieses Buch sollte jetzt auf einer Pressekonferenz vorgestellt werden – eine Dortmunder Inszenierung. <span id="more-1236"></span>Claer schlug ich vor: »Moppel«, das war sein Boxerspitzname, auf dem bestand er, »bring doch ein paar Kumpels mit zur Pressekonferenz, du hast doch dein Buch nach deren Leben geschrieben.« Denn gleich nach Erscheinen setzte im Ruhrgebiet eine hitzige Diskussion ein: »Bergmannssex – Skandal! Der Kumpel wird zum Sexmonster!«; ›Bild Essen‹ machte mit großen Schlagzeilen auf, für sie ein gefundenes Fressen. Die Literaturheinis des ›Werkkreises‹ meldeten sich zur Pressekonferenz an und drohten, gegen mich und Claer mit allen Mitteln vom Leder ziehen zu wollen. Das WDR-Fernsehen fuhr mit seinem Literaturchef Ivo Frenzel auf, alle nahmen sich vor, es dem zynischen März-Verleger, dem aber auch nichts heilig ist, der jetzt sogar die Welt der Arbeit in den Dreck des Pornomilieus zieht, mal richtig zu zeigen.</p>
<p>Jedoch es wurde nichts draus, denn Moppel und seine zehn Kollegen rissen die Diskussion an sich. Kein Pressemensch, keiner der anwesenden Autoren kriegte auch nur einen Fuß dazwischen. Die Kumpels diskutierten zwei Stunden unter sich darüber, ob die Olle von Friedhelm tatsächlich vormittags mit Hartmut, der nicht auf Schicht war, fremdgegangen war oder nicht. Sie ließen nicht über Textstrukturen und Erlebnispostulate mit sich reden, nicht über die literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt, nur Fragen über das System ihrer Wohnblocks und ihres Zusammenlebens waren interessant. Sie sprachen noch nicht mal über Claers Roman, sondern über ›Bild‹, denn sie hatten sein Buch gar nicht gelesen. In der ›Bild‹-Zeitung stand genau beschrieben, wie die Frauen und Männer es in ›Laß jucken Kumpel‹ treiben. So redeten sie nicht über Romanﬁguren, sondern über Menschen vor Ort: »Och hör doch auf! Natürlich geht die Erna mit dem Gerold, ich hab sie doch vorgestern noch zusammen gesehen! Erna …«</p>
<p>Das WDR-Team kurbelte, was das Zeug hielt. Die Kumpels packten ihren Pütt-Tratsch und die Heiße-Hosen-Geschichten aus, alles, was sie sonst nur am Stammtisch nach zehn Bier rauslassen, schmissen sie sich an den Kopf. Es gab natürlich auch Freibier, die Pressekonferenz fand schließlich im Saal einer Kneipe statt. Ich habe den WDR-Beitrag später nicht gesehen, aber man berichtete mir, daß er sehr lustig gewesen sei. Die Kritiker hingegen waren nicht amüsiert, solche Medien-Happenings nahmen sie mir eben übel. Und wahrhaftig, eine Pressekonferenz wie diese gab es vorher noch nie und später auch nicht wieder. Das war eine ›Von der Lippe‹- und ›L’amour en danger‹-Mischung, nur zwanzig Jahre früher – al fresco. Horst-Dieter Ebert war wie immer für den ›Spiegel‹ dabei, das ergab drei, vier Spalten. Nicht, daß du denkst, er habe jedesmal zwei Mille geschnappt, er kam auch ohne Bezahlung, ich lieferte doch schöne Themen.</p>
<p>(BK / JS)</p>
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		<item>
		<title>Geschichte der O &#8211; La seconde fois</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Aug 2007 16:29:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Dieser Beitrag vom 26.07.2006 wurde vermutlich beim Headcrash oder sonstwie aus unserem tazblog-Archiv gelöscht. Daher bringen wir ihn erneut.</strong></p>
<p>Der Bär flattert heute mittag in östlicher Richtung.</p>
<p>Wie sich die Zeiten wandeln! Die Zeitschrift BuchMarkt berichtet über unsere Blog-Serie The Making of Pornography und über ein gemeinsames Sommerprojekt von Bertelsmanns Verlagsgruppe Random House und BILD: Die BILD-Erotik-Bibliothek, welche neun Pornos enthalten soll. Darunter auch die Geschichte der O. Da werden bestimmt Liz Mohn und Friede Springer vor Entrüstung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen!</p>
<p>(BK / JS, 26.07.2006 um 18:11)<br />
<strong>Kommentar am 27.7.2006 um 14:58</strong></p>
<p>Lieber Jörg, liebe Barbara,</p>
<p>hier mein kleiner Beitrag zur &#8220;Geschichte der O&#8221;; als kleine Impression, wie es damals an der Leserfront zuging:</p>
<p>Im &#8220;twen&#8221;, und zwar innerhalb dieses auf beigefarbenem Papier bedruckten Kulturteils, fand ich diese Kurzrezension, es waren vielleicht nur 35 Zeilen in einer Achtelspalte, verfasst von Alf Brustellin. Der hatte 1959, ich war damals Sextaner, als Abiturient an unserem Gymnasium noch einen atemberaubenden Mephisto in einer Urfaust-Aufführung abgeliefert. Alf schrieb also im twen &#8220;…aber Vorsicht, dieses Buch wird bei dem Leser seine Narben hinterlassen…&#8221;. Ich war 19 und neugierig. Also legte ich die DM 25 (war es wirklich so viel?) auf den Tresen der Mönchengladbacher Bahnhofsbuchhandlung. Die Verkäuferin wusste offensichtlich nicht, was sie mir da überreichte. Und wie 21 habe ich mit Sicherheit damals nicht ausgesehen. – Das Buch hat mich damals irritiert, weil ich ja noch an die große reine Liebe glaubte.</p>
<p>Ich habe es dann der Annette geliehen, mit der ich jeden Tag in der Eisenbahn nach Mönchengladbach saß. Sie war eine Nichte von Wolfgang Staudte, dem Regisseur. Als ich sie nach Wochen fragte, ob sie mir das Buch denn jetzt wieder zurückgeben wolle, kam die Antwort: &#8220;Das hat der Onkel Wolfgang mitgenommen.&#8221;</p>
<p>Grüsse nach Berlin<br />
und weiterhin viel Spaß und Erfolg beim Bloggen<br />
Udo</p>
<p><strong><br />
</strong></p>
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		<item>
		<title>Making of Pornography (25)</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Dec 2006 05:06:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert schwach in nordöstlicher Richtung.<br />
Must read: Wer sich für das Verhältnis der Pornographie zur Kunst und vice versa interessiert, dem empfehlen wir das neue Heft von <a target="_blank" href="http://www.textezurkunst.de/">›Texte zur Kunst: Porno‹</a>. In seinem Beitrag ›Indie im Kampf mit dem Index‹ schreibt <a target="_blank" href="http://www.perlentaucher.de/autoren/3137.html">Diedrich Diederichsen</a> über März und Olympia Press: »Indie-Porno ist eine etwas andere Geschichte. Ökonomisch war Porno immer Indie, aber nicht weil man anders wirtschaften und mehr Autonomie für die Künstler herausholen wollte, sondern weil das Geschäft geächtet war. Natürlich führte das in der Porno-Kultur auch immer wieder zur künstlerischen Effekten oder hohen Tabubruchkoeffizienten, so dass eine sozio-ästhetische Nähe zur Gegenkultur entstand: Wenn Herschell Gordon Lewis nicht Gore oder Nudies drehte, machte er was mit LSD und Black Panther. Der kulturrevolutionäre März Verlag produzierte unter dem Label Olympia Film nebenher Pornofilme. Sein Verleger, Jörg Schröder, hatte vorher die deutsche Olympia Press geführt, deren Gründer, Maurice Girodias, das Geschäftsmodell umgekehrt vorgelebt hatte: Neben nur Pornografischem brachte er wegen derselben Paragrafen Verbotenes auf dem Markt: Jean Genet, William Burroughs, Ronald Tavel. Valerie Solanas, eine andere seiner Autorinnen und früheste Anti-Indieporno-Aktivistin wollte eigentlich Girodias umbringen, bevor sie in ihrer Verwirrung Warhol angriff. Ihr Manifest ›S.C.U.M. – society for cutting up men‹ erschien auf Deutsch bei März.</p>
<p>(DD / BK /JS)</p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)</strong></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Making of Pornography (24)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/11/28/making-of-pornography-24/</link>
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		<pubDate>Tue, 28 Nov 2006 05:03:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in nördwestlicher Richtung.<br />
<strong>Und so geht’s weiter:</strong> Noch gravierender aber als auf Heinrich Böll war die Wirkung des ›Stern‹ auf den Richter für Handelssachen am Landgericht Frankfurt. Es gab einen Rahmenvertrag mit Maurice Girodias, in dem vereinbart war, daß Tantiemen an ihn gezahlt werden zur Verteilung an die amerikanischen Autoren – eigentlich normal. Nun war wegen des großen Aufsehens, das die Olympia Press Deutschland erregte, unsere Erfolgsgeschichte auch an die Ohren dieser Schriftsteller gedrungen, denen Girodias zwar Tantiemen für die Originalausgabe in den USA gezahlt hatte, aber nicht für die deutsche Lizenz. Die Autoren veranstalteten deshalb Demonstrationen vor dem Büro der Olympia Press New York, um auf sich aufmerksam zu machen: ›Auch Pornoautoren müssen leben!‹, stand auf ihren Transparenten. Es häuften sich die Briefe des Ehepaars Abrams an mich, das waren die Verfasser des Buches ›Barbara‹, ihr Pseudonym war Frank Newman, und weiterer zwanzig Autoren. Girodias schrie zusätzlich aus New York, London, Mailand, Istanbul oder von den Bahamas nach höheren Abschlagszahlungen auf jene Tantiemen, die er den Autoren vorenthielt, und würzte seine Fernschreiben mit herzzerreißenden Sprüchen wie: »authors cry!«</p>
<p><img src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/10/mop21.jpg" alt="mop21.jpg" /></p>
<p>Unser Umsatz war in den ersten Monaten steil nach oben <span id="more-411"></span>gegangen, danach hatte er sich eingependelt, es wurden nicht mehr zwanzigtausend Exemplare pro Titel verkauft, also bei zwei Titeln monatlich vierzigtausend wie anfangs, sondern nur noch die Hälfte. Das bewies ich ihm bei seinen zahlreichen Besuchen in Frankfurt anhand der Absatzstatistiken unserer Auslieferung: »Maurice, wir müssen die Vorauszahlungen an dich senken, sonst können wir den Laden dichtmachen.« Aber er schrie weiter wie ein Kuckuck, mußte er auch bei seinem aufwendigen Leben. Der Zeitpunkt war also gekommen, diesen Girodias-Vertrag zu kündigen. Das tat ich, mein Anwalt Johannes Riemann schrieb ihm, daß die Zahlungen an ihn zurückgehalten würden wegen der Forderungen der amerikanischen Autoren. Riemann versicherte mir, daß wir uns auf der sicheren Seite befänden. Als Antwort erhielt ich einen Brief des Anwalts Dr. Fritze aus Frankfurt: »Sie schulden meinem Mandanten fünfhundertfünfzigtausend DM, weil Sie auf falscher Basis abgerechnet haben. Laut Vertrag sind Sie verpflichtet, für die Benutzung des Olympia-Press-Logos sieben Komma fünf Prozent vom Verkaufspreis zu zahlen, Sie haben jedoch bisher aufgrund des Nettoverkaufspreises abgerechnet, mithin schulden Sie meinem Mandanten fünfhundertfünfzigtausend DM. Für den Zahlungseingang dieses Betrages auf einem meiner unten angegebenen Konten habe ich mir den was-weiß-ich-wann notiert.«</p>
<p>Fünfhundertfünfzigtausend! Das löste Gelächter aus bei Rechtsanwalt Riemann, und ich lachte erleichtert mit. Ich durfte ja lachen als juristischer Depp. Dann lasen wir im Vertrag nach, und das Gelächter wurde etwas dünner, tatsächlich stand in dem Schriftstück, das Riemann entworfen hatte: ›retail price‹, also Ladenverkaufspreis, und nicht ›whole sale price‹, also Großhandelspreis. Vereinbart war tatsächlich von Anfang an eine Abrechnung vom Nettoverkaufspreis, und Girodias hatte klaglos ein Jahr lang vor Abschluß des Vertrages nach dieser Vereinbarung sein Geld kassiert. Jetzt hatte Dr. Fritze diesen schwerwiegenden Fehler im Wortlaut entdeckt, worauf Riemann auf zwanzig Seiten dünnen Durchschlagpapiers schlüssig argumentierte: »Es handelt sich um einen Schreibfehler, falsa demonstratio, wie bereits das Reichsgericht Leipzig in seiner Entscheidung in Sachen Haifischöl/Walfischöl ausgeführt hat. Unstreitig zwischen den Vertragspartnern war seit Beginn der Zusammenarbeit eine Logo-Tantieme von sieben Komma fünf Prozent vom Nettoverkaufspreis …« und so weiter. Darauf antwortete Fritze mit einer dürren halben Seite, daß unsere Ausführungen neben der Sache lägen, und wenn die fünfhunderfünfzigtausend nicht umgehend gezahlt würden, werde er gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen.</p>
<p>Riemann pfiff immer noch locker durch seine Zahnlücke, dann solle er doch klagen, das dauere vier Jahre, weil der Vertrag nach Schweizer Recht geschlossen sei und eine Schiedsverhandlung der Handelskammer von Genf vorsehe. Er pfiff nicht mehr, als im Mai nicht etwa ein neuer Brief von Dr. Fritze oder eine Klageschrift kam, sondern ein Arrest- und Pfändungsbeschluß, in dem mein Schloßgrundstück in Florstadt arretiert wurde, das ich gerade versuchte, mit Hilfe irgendwelcher Immobiliengangster zu verhökern, um liquide zu bleiben. Als Zwischenfinanzierung war eine Grundschuld von zweihunderttausend Mark mit der Bank für Gemeinwirtschaft verhandelt. Das Geld war praktisch schon auf unserem Konto und hätte gerade gereicht, um unbeschwert weitermachen zu können. Jetzt war Ebbe, und die Lieferanten fingen an zu randalieren, die Drucker, die Binder. Meine Kündigung in Sachen Olympia Press und der Pfändungsbeschluß auf das Grundstück waren ruchbar geworden. Daß ein solcher Beschluß nicht leichtfertig erlassen wird, wußten meine Gläubiger auch, du mußt nämlich als Antragsteller glaubhaft machen, daß der Schuldner dabei ist, sein Vermögen zu deinem Nachteil zu verjubeln, daß eben kurzfristig Zahlungsunfähigkeit bevorsteht. So was ist gewöhnlich erst zu beweisen, wenn es schon zu spät ist, dann aber nützt es dir nichts mehr. In meinem Falle war es ganz einfach: Nach strenger Exegese des ›Stern‹ vom 18. April 1971 machte Dr. Fritze glaubhaft, daß ich dabei sei, mein Vermögen ins Ausland zu verbringen, Beweis: das Haus in der Toscana. Zum aufwendigen Lebensstil reichten Jaguar und Schloß etc. pp., zur Zahlungsunfähigkeit fünfhundertfünfzigtausend Mark Schulden bei Maurice Girodias. Als Beweismittel lag diesem Arrestantrag der komplette ›Stern‹ bei. Der Richter sah den Fall nach intensiver Lektüre der Abenteuer eines Pornokönigs genauso wie Dr. Fritze. Nicht positiv. Genau gesagt: große Grütze, innerhalb von zwei Wochen war alles böse am Wackeln. Die Krisenkonferenzen mit Beitlich, Kumetat und Riemann nahmen kein Ende. Das Verrückte dabei ist, ich hätte ja eigentlich sagen müssen: »Herr Anwalt! Genosse hin, Linkenanwalt her, du hast einen schlimmen Fehler gemacht! Jetzt ist deine Versicherung gefragt. Tut mir leid, wenn deine Prämien dadurch höher werden, aber es ist dein Verschulden!« Er war doch extra wegen des Vertragsabschlusses mit nach Genf gefahren. Wozu zahlt man seinem Anwalt ein Zimmer im ›Beau Rivage‹? Du brauchst mir jetzt nicht vorzuwerfen, daß ich selbst der Depp war, weil ich das übersehen habe. Mein Gott, wie sie es an sich haben, diese Einbahnungsfehler, du liest drüber hinweg, auch wenn du einen solchen Entwurf zwanzigmal durchgelesen hast. Aber wenn dein Anwalt dabei ist und es nicht bemerkt, ist der Schwarze Peter doch bei ihm. Es hätte vielleicht sogar gelangt, nur einmal das Wort ›Anwaltshaftung‹ auszusprechen, das bringt die lahmsten Anwaltskrücken auf Trab, ich habe so was später einmal erlebt mit meinem Dr. Keller. Aber natürlich habe ich es damals nicht gesagt, aus Anstand, wie man solche Dämlichkeit selbstbetrügerisch zu nennen pflegt.</p>
<p>Schließlich wurde als Weisheit letzter Schluß eine Gläubigerversammlung einberufen. Das sind die Geschichten, die ich in ›Siegfried‹ nicht erzählen konnte, es lief ja noch, und bei aller Liebe zur Offenheit, ich wollte den Verlag schließlich weitermachen. Da nützen dir ästhetische Postulate vom ständigen Seitenwechsel, von der Auflösung des Subjekts, von den schnellen Schnitten und dem Sprung von einem Bild oder System ins andere gar nichts. So was hätte ich den Gläubigervertretern und ihren Anwälten nicht erzählen dürfen. Für den Juni wurde eine Versammlung einberufen, alle Gläubiger bekamen ein Exposé, in dem die juristischen Auseinandersetzungen mit Girodias erläutert waren, die Liquiditätsenge, die aus der geplatzten Beleihung des Grundstücks resultierte. Die Gläubiger wurden um verlängerte Zahlungsfristen gebeten, so etwas nennt man ein Moratorium, eine außergerichtliche Vereinbarung über Zahlungsaufschub. Sie kamen alle angefahren: Herr Klemme von der Buchbinderei Klemme &amp; Bleimund in Bielefeld, Wagners aus Nördlingen, Herr Hucker im Auftrage der Darmstädter Druckerei Mai &amp; Co., Christoph Kreickenbaum von der Peter Presse Darmstadt, alle Drucker und Binder, etwa fünfzig Leute. Wir hatten unsere Unterlagen schön vorbereitet, Kumetat und ich, die Exposés verhießen glänzende Zeiten. Die erste halbe Stunde war etwas unangenehm, jeder zweite hielt einen ›Stern‹ hoch, aber dann waren doch alle einverstanden, eine gewisse Zeit stillzuhalten. Ein Gläubigerbeirat wurde gewählt, er bestand aus einem Vorsitzenden, dem Diplom-Volkswirt Hucker, seinem Stellvertreter Bosse von einer Druckerei in Seligenstadt, die gerade ›Lucys Lustbuch‹ von Alfred Demarc hergestellt hatte.</p>
<p><img src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/10/Lucy-3.jpg" alt="Lucy-3.jpg" /></p>
<p>(BK /JS)</p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)</strong></p>
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		<title>Making of Pornography (23)</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Nov 2006 05:06:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in nördlicher Richtung.</p>
<p>***<br />
<strong>Und so geht’s weiter mit einem P.E.N.-Kongreß in Nürnberg, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹: </strong></p>
<p>Auf dem Rückweg fuhr ich mit der Familie nur bis Nürnberg, blieb allein dort, ich wollte zur PEN-Tagung, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹. Horst-Dieter Ebert vom ›Spiegel‹ hatte mir den Tip gegeben, dort aufzutauchen, ich war ja in Sachen Pornographie auch als Lobbyist tätig, es ging schließlich immer noch um die ›Freigabe‹. Die Meistersingerhalle war überfüllt, die Leute saßen auf dem Boden, die Diskussion mußte in die Wandelgänge übertragen werden. Präsident war Heinrich Böll, und auf dem Podium saßen Walter Jens, Werner Ross, mein ehemaliger Französischlehrer in Bonn, und einige andere unentwegte Debattierer. Aus dem Saal sollte mitdiskutiert werden. Ebert hatte für uns einen Platz in der ersten Reihe reserviert, neben mir saß Gabriele Henkel, die sich in der Bewegungszeit in jedes Kulturereignis einmischte, das irgendwo en vogue war. Es konnte gar nicht links und schrill genug zugehen, bis ihr Konrad so etwas strikt verbot.</p>
<p>Das jetzt nur als Volte, um klarzumachen, daß Gabriele Henkel sich damals geradezu manisch fortschrittlich gebärdete und in der Meistersingerhalle natürlich auch über Pornographie ein Wörtchen mitreden wollte. Die Veranstaltung begann, und Heinrich Böll posaunte vom Podium, ich traute meinen Ohren nicht — was erzählt er da? Er betete Petschulls ›Stern‹-Artikel über den Pornokönig runter wie auswendig gelernt. Anhand dieses Pornokönig-Bösewichts — Böll nannte mich nicht beim Namen, aber fixierte mich, ich saß ja nur ein paar Meter unter ihm —, anhand dieser »hemdsärmeligen Figur, die sich auch noch etwas darauf einbildet, daß sie kein guter Mensch sei und auch keiner werden wolle«, machte er seine Abscheu vor Pornographie klar, begleitet von rotbäckchenhafter Akklamation des Werner Ross und des Gummischuhgesichts Walter Jens. Derselbe Jens, der 1968 für mich zusammen mit seiner Frau Inge ein dreißig Seiten langes euphorisches Gutachten schrieb in Sachen ›Geschichte der O‹, was ja nun mal ein veritabler pornographischer Roman ist. Das glaubst du nicht? <span id="more-398"></span>Fahr doch nach Marbach, da findest du ihr Gutachten im Melzer-Konvolut des März-Archivs. Derselbe Jens zog hier im Anschluß an Böll gegen Pornographie vom Leder wie einer vom Volkwartbund. Da war mir klar, hier ist nichts mehr zu machen, die ganze Meistersingerhalle hatte den ›Stern‹ gelesen, alle wußten, daß ich diese eklige Type bin. Das war nicht irgendeine Geschichte, die man schnell vergessen würde, das hatte richtig eingeschlagen. Aber aufzuspringen und »Das ist doch alles ganz anders!« zu brüllen, wäre sinnlos gewesen. Alle Libertinage war diesen Vordenkern plötzlich abhanden gekommen. Ich stand da wie ein Übeltäter, als hätte nicht kürzlich noch die intellektuelle Elite an meiner Türschwelle gekratzt, als sei da nichts veröffentlicht worden von Urs Widmer, Elfriede Jelinek und Rolf Dieter Brinkmann, gar nicht zu reden von Chotjewitz, Wondratschek, Nettelbeck, Piwitt, mal von den Amerikanern abgesehen wie Leslie Fiedler, Cohen und Ken Keseys ›Kuckucksnest‹, von der politischen, der psychoanalytischen, der pädagogischen Literatur! Als hätte das alles nie stattgefunden. Komisch daran ist, daß ausgerechnet ein Mann wie Böll, der ein paar Jahre später eine Novelle über Pressehetze, nämlich ›Die verlorene Ehre der Katharina Blum‹, veröffentlichte, unhinterfragt auswendig lernte, was so ein Schmierant zusammengekleistert hatte. Er hätte ja erkennen können, daß es nicht stimmen konnte, wenn er es hätte erkennen wollen. Klar, wenn einer beim Friseur sitzt und den ›Stern‹ liest, kann er das nicht analysieren, aber die Literaten! Auch wenn man ihnen zugestehen muß, daß gerade sie wenig Bücher lesen, hauptsächlich Verlagsprogramme und Feuilletons durchblättern und von einem Symposion zum anderen hetzen. Überleg dir nur mal, was dieser Böll für Ämter auf sich gehäuft hatte! Wenn Henscheid das meinte, wenn er Korruption sagt, ist es das falsche Wort. Das ist nicht Korruption, sondern galoppierende Wichtigtuerei. Ich werfe Böll nicht vor, daß er wenig von März las, aber er muß doch gewußt haben, daß dies ein Verlag war, der 1971 bereits hundert Titel vorgelegt hatte. Und es reichte eine blöde Veröffentlichung im ›Stern‹, um alles ungeschehen zu machen.</p>
<p>Ich machte mich bald aus dem Staube, zwar warf Ebert als mein Freund vom ›Spiegel‹ ein paar ätzende Brocken dazwischen, was die Männer auf dem Podium etwas verwirrte, aber ich ging, hatte keine Lust, mich weiter dem Neid dieser PEN-Männer auszusetzen, denn eigentlich wollten sie alle auch nur einen Jaguar, zwei nackte Frauen und ein Schloß. Es war die Zäsur, der Wind drehte sich, das Klima für Pornographie wurde wieder rauher. Väterchen Böll, der Durchblicker des Presseunwesens und der Journalistenmentalitäten, hatte verkündet, daß Pornographie böse ist, und alle Feuilletonisten, die jahrelang das Gegenteil verbreitet hatten, waren jetzt ebenfalls auf dieser Linie. Es war auch für mich die negative Zäsur, aber vielleicht ist es zu monokausal, dies nur auf den ›Stern‹ zu schieben, es hatte viel mit Sexualneid zu tun, aber es gab genug Gründe für Neid anderer Provenienz.</p>
<p>(BK /JS)</p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)</strong></p>
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		<title>Making of Pornography (22)</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Nov 2006 05:10:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.<br />
<strong>Und so geht’s weiter mit einem sonderbaren Kurhotel:</strong> Von Garmisch komme ich einfach nicht los, so fängt in ›Siegfried‹ mein erzähltes Leben an, dort passieren mir immer wieder Geschichten, das ist fast wie ein magisches Dreieck: Berlin, die Rheinlande, Garmisch. Irgendwas habe ich mit diesem sonderbaren Tal, und da ich kein Skispringer bin, muß es was anderes sein. Anfang der 70er war ein Osterurlaub geplant, wir starteten am Gründonnerstag zu einem Familienausflug, meine Mutter, Erika und Katinka. Als wir abends in Garmisch ankamen, fand ich das ›Kurhotel Dr. Beger‹ nicht, in dem die Zimmer reserviert waren, weil der Fünfziger-Jahre-Kasten etwas zurückgesetzt von der Straße lag, unbeleuchtet hinter der Kiesauffahrt schlummerte. Ich stolperte durch die Rabatten, rüttelte an den Türen, es gab keine Rezeption, eine Kurklinik. Nach längerem Rufen und Kieselsteinwerfen an die Fenster ging Licht an, ein Fenster öffnete sich, im ersten Stock tauchte ein unwirscher weißhaariger Mann mit Goldrandbrille auf, fragte nach meinem Begehr. »Schröder, haben reserviert …« Wir wurden eingelassen, und dann nahte auch schon Frau Dr. Beger, eine dralle Matrone von fünfundfünfzig im weißen Arztkittel. Wir bekamen die vorbestellten, wie Frau Doktor sagte, »besten Zimmer«. Katinka sollte mit Oma zusammen schlafen. Die Einrichtung der Zimmer wunderte mich schon, bei dem Preis. Es waren große Räume, trotzdem wurden die Betten aus Blenderwandschränken mit Limbatüren heruntergeklappt. »Damit schön viel Platz bleibt«, erläuterte Frau Dr. Beger die Konstruktion. So etwas muß fünfzehn Jahre früher modern gewesen sein, also grauenhaft. Es war aber halb eins, und ich wollte nur noch schlafen, sonst hätte ich sofort die Kurve gekratzt.</p>
<p>Leider machte ich den Fehler, während unseres Eincheckens noch höflich etwas von »ein bißchen Gesundheitsprogramm« zu murmeln, daß meine Mutter und ich vielleicht ein paar Kuranwendungen bräuchten. »Jaaaaaaa, da wollen wir gleich mal anfangen!« posaunte Frau Dr. Beger, ihr Mann war schon wieder zu Bett gegangen, »kommen Sie mal mit! Ich zeige Ihnen die Klinik. Die gnädige Frau, Ihre Frau Mutter, kommt auch mit!« Sie schleppte uns in die Anwendungsabteilung, die grünen Notbeleuchtungen glommen, es war wie im Kabinett des Doktor Mabuse. Was weiß ich?! Die Irre muß übersinnliche Fähigkeiten besessen haben, ich kann es heute nicht mehr nachvollziehen, warum wir mitgingen, die Verrückten kriegen dich doch immer rum! Frau Dr. Beger brachte es fertig, uns mit Handtüchern versehen in Kabinen zu schieben. Wir mußten uns ausziehen, dann schob sie uns in eine gekachelte Halle, schummeriges Licht mit einem schwarzen Becken, und schwupp, stand ich bis zum Hals im Moor. Das sehe ich noch heute, wie der Kopf meiner Mutter über die schwarze Mooroberfläche wanderte, ein entgeistertes Gesicht, auch ich in der Pampe drin bis zum Kinn, am Beckenrand Frau Dr. Beger. Dann durften wir endlich aus der Moorbrühe raus. »Soooo, jetzt der Schlauch!« Sie spülte uns ab, diese Chefärztin, die Doppelgängerin von Maria Schell, dieselbe forciert heitere Stimme, die gillernde Geilheit spritzte uns da entgegen: »Jaaaaa, und jetzt noch das Wichtigste: das Kohlensäurebad!« Schwapp, lagen wir jeder in einer Wassertonne, oben geschlossen, whirlpoolmäßig, das Wasser gurgelte und perlte um den Körper, der Kopf guckte oben aus der Tonne.</p>
<p>Frau Dr. Beger unterzog uns eine Dreiviertelstunde ihren Anwendungen, dann bekamen wir einen Klinikbademantel und wurden ins Bett entlassen. Meine Mutter sagte auf dem Flur: »Sind wir eigentlich verrückt geworden, daß wir uns nachts von der Frau …?« »Ich weiß auch nicht.« Erika schlief bereits, ich fiel ins Bett und konnte am nächsten Morgen nicht aufstehen, war so müde, als hätte ich eine Stunde im Wasser einer Radiumquelle verbracht. In Bad Kleinkirchheim in Kärnten schwamm ich mal zu lange in solch einem warmen Wasser, während eines Skiurlaubs. Ich war doch auch mal eine Weile Skiläufer, bis auf Golf habe ich alle Edelsportarten durch und mich in allen zum Pistenschreck entwickelt. Nur mit dem Reiten und meinen beiden Gäulen kam ich schließlich gut zu Rande. Aber das Segeln lernte ich nie, trotz dreier Anläufe, ich bin nur ziemlich langsam praktisch bildbar, sogar das Autofahrenlernen kostete mich viel Zeit. Ich behaupte allerdings, wenn ich segeln könnte, wäre ich der beste Segler. Also in Kleinkirchheim nach einer Stunde in dieser Radiumpisse — du liest es immer erst hinterher im Prospekt, daß du dich nicht länger als zehn Minuten darin aufhalten sollst — war ich zwei Tage völlig fertig, konnte kein Bein im Bett heben, eine solch bleierne Müdigkeit hatte mich erfaßt. So fühlte ich mich auch am nächsten Morgen in Garmisch nach dem Moorbad und dem Kohlensäure-Whirlpool.</p>
<p>Um zehn rollte die Kellnerin im Dirndl den Fühstückswagen ins Zimmer, sie war aber nicht allein, es begleitete sie Frau Dr. Beger im weißen Kittel: »Herr Schröder!« sie hatte einen ›Stern‹ in der Hand, »ich schlage gerade das hier auf, und was sehe ich da? Das sind doch Sie! Oder sind Sie es nicht?« Sie reichte mir das Heft ins Bett, und ich sah mich voller Entsetzen mit dem Spitzbart zwischen den beiden Kartoffelköniginnen. Mein Schock verflog schnell, weil Frau Dr. Beger so begeistert war und noch gefährlicher tirilierte als in der Nacht zuvor in der Bäderabteilung. Mir wurde in meinem Bett angst und bange, sie raffte schon ihren Kittel und zeigte mir kokett ihre Beine bis zum Oberschenkel, sie sei ja schließlich auch noch ganz gut dabei, und ihre Wangen glühten. Die Frühstücksmamsell stand rotübergossen bis in den Dirndlausschnitt daneben und heftete ihren Blick starr auf die grüne Auslegeware. Es klopfte, die Erlösung, Frau Doktor ließ sich aber im Redeschwall der Anpreisung ihrer Reize nicht stören. Es war die Tripeldröhnung: meine hilflose Ermattung, der Porno-›Stern‹ und diese Garmischer Maria Schell im weißen Kittel. Der erlösende Klopfer an der Tür war ihr Mann, auch er mit hochrotem Kopf: »Entschuldigen Sie vielmals meine Frau … Geh, Irmingard, jetzt sei staad! Muß das wieder sein?! Jetzt komm aber ’naus!« Er zerrte sie unsanft aus dem Zimmer. Somnambul nahm ich das Frühstück ein. Erika war bereits verschwunden, es gab ein riesiges Schwimmbad in diesem Hotel, es war nämlich halböffentlich, gehörte zum Kurbetrieb, weil Garmisch damals noch kein eigenes Hallenbad hatte. Wieder klopfte es nach zehn Minuten, nochmals Herr Beger: Er müsse sich für seine Frau entschuldigen, sie ratsche manchmal etwas zuviel. Ich solle es ihr auch nachsehen, daß sie uns nachts noch ein Moorbad verordnet habe, eigentlich leite ja jetzt seine Tochter die therapeutische Abteilung, seine Frau sei sozusagen nur noch pro forma Chefin der Klinik, und er sei von Hause aus Jurist und müsse etwas achtgeben, daß sie in ihrem Übereifer keine Fehler mache — euphemistische Umschreibungen für ›Sie hat leider einen Knall‹. Was ihn aber nicht daran hinderte, darüber hinwegzusehen, daß Frau Doktor versuchte, uns sämtliche Anwendungen ihrer Klinik aufzuschwatzen: »Zahlt alles Ihre Kasse.« Pustekuchen, kostenlos war nur der Anblick ihrer Oberschenkel: »Schauen Sie mal, in meinem Alter kein bißchen Cellulitis. Das verdanke ich alles meinem Kohlensäure-Massagebad. Habe ich selbst entwickelt, wird Ihnen auch guttun.«</p>
<p>Das hatte ich nun von meinem Coming-out im ›Stern‹, es war keine Erholung. Diese Frau stieg dem Pornokönig nach. Sie erfand immer neue Tricks, das Verbot ihres Mannes, mit mir über das Pornogewerbe zu reden, zu unterlaufen, sie machte sich an Katinka ran, brachte ihr ein Butterlamm, weißt du, fünf Pfund Alpenbutter. Die ärmeren Leute in diesen Regionen backen sich so ein Lamm aus Biskuitteig oder kaufen sich eines beim Bäcker, das steht dann, das rotgoldene Kreuzbanner in den Rücken gespießt, auf der Anrichte und wird am Ostersonntag verzehrt. Die Reicheren lassen sich auf der Beuys-Alm solch ein Lamm aus gefrorener Butter schnitzen, und so eines bekam Frau Dr. Beger aus Familientradition regelmäßig von einer Bäuerin geschenkt, das brachte sie Katinka. Was machst du im Hotel mit einem Butterlamm? Es stand auf dem Balkon und schmolz langsam in sich zusammen wie dieser ganze Urlaub.</p>
<p>(BK /JS)<br />
<strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)<br />
</strong></p>
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		<title>Making of Pornography (21)</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Nov 2006 05:01:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in östlicher Richtung.<br />
<strong>Und so geht’s weiter mit der Geschichte vom Pornokönig im  ›Stern‹:</strong> Die Geschichte erschien, es stand nichts von mir drin, alles Petschull-Substrate. Ich hatte ihm vier Stunden aus meinem Leben erzählt, weitere vier über die literarische Linie des März Verlags geredet, von den Anfängen im Melzer Verlag, von der Sezession, wie ich diese Literatur rüberholte zum März Verlag und wie wir uns finanzieren. Ein Gespräch über ein literarisches Programm, von dem sich nichts im ›Stern‹ wiederfand. Jeder glaubt doch einem Verleger, daß der eher über seine hundert Bücher spricht, die er gemacht hat, und über hundert, die er noch machen will, als über eine Pornographiereihe, weil darüber ja nicht so viel zu reden ist. Ich wundere mich also heute, daß ich mich damals im ›Siegfried‹ nicht so eindeutig, wie ich es jetzt hoffentlich tue, darüber ausgelassen habe, was dieser Petschull für ein Lump ist. Er hätte meine Geschichte nämlich anders geschrieben, wenn ich ihm eine Frau gelegt hätte; natürlich hätte ich ihm aus dem Café Express eine Hure besorgen können, aber wahrscheinlich wollte er die aus dem ›Stern‹. Das ist der Knall der Medienmacher, die am besten auf eine Frau können, auf die sie Millionen zum Bocken bringen. Der wollte auch mit dem Pornomafioso gleichziehen, der einfach Schnick macht …! Dabei ist es doch ganz anders, zu keiner der Frauen in unseren Produktionen hätte außerhalb der Aufnahmezusammenhänge irgendeiner von uns sagen können: »Fick doch mal mit dem Typen da.« Ist auch logisch, sie spielten Rollen, wenn auch als Laienschauspieler, egal, es war doch Film, wie wenn der Postmann zweimal klingelt. Dabei ist es doch völlig Wurscht, ob der Schwanz von Jack Nicholson oder der von Michael Douglas in ›Basic Instinct‹ nun wirklich drin ist oder nicht. Zwar würde Änne Schiffers, meine alte Zimmervermieterin aus Düsseldorf, energisch kopfwackelnd gegen diese Behauptung protestiert haben, sie gab mir nämlich als Lebensweisheit mit: »Jung, isch san et disch, dran is nit so jut wie drin.« Nein, aber wirklich, stell dir vor, der Regisseur geht nach dem Abdrehen einer solchen Szene zu Sharon Stone und sagt: »Hör mal, der Filmkritiker von ›Time‹ möchte mit dir vögeln. Hättest du was dagegen?« Das wäre doch absurd, so wie andererseits eine Prostituierte eben ums Verrecken keine Pornofilme macht. Es geht nicht um Moral, es geht beim Ethos immer nur um die Grenzen: Dies machen wir als Prostituierte nicht, jenes nicht als Pornofilmstar. Feierabend.</p>
<p><img alt="mop21.jpg" src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/10/mop21.jpg" /></p>
<p>Trotzdem, hätte ich zu Petschull gesagt: »Vergiß diese Ellen, ich habe eine Schärfere für dich«, er wäre es wohl auch zufrieden gewesen. Ich fand aber sein Ansinnen insgesamt so unangenehm — da habe ich eben meine Grenze. Es macht mir keine Schwierigkeiten, eine Anthologie zu faken, zweitausend Mark als Bestechungshonorar zu zahlen, dabei geht es doch nicht um Menschen. Quintessenz dieser ekligen Angelegenheit: Je höher der moralische Anspruch im Text, desto gemeiner gewöhnlich sein Produzent.</p>
<p>Nun stand ich im ›Stern‹ als Ekelprotz vor dem Jaguar und dem Schloß, dazu die zwei Frauen mit einem extremen Weitwinkel fotografiert, die beiden sahen gestaucht aus, die eine wie eine Kartoffel, die andere wie der Tod auf Latschen! Und der Text …! Als er erschien, habe ich mir schnell vorgemacht, daß er gut sei für den Verkauf der Bücher, versetzte mich in einem Zustand seligmachender Verdrängung, was bleibt dir übrig, wenn nichts mehr daran zu ändern ist. Es war die Yellow-Press-Geschichte, alles war ins Schlickige, Unangenehme, Unsympathische gezogen, bis hin zu der Information, daß ich, weil Maurice Girodias seine amerikanischen Autoren nicht bezahlt, den Vertrag mit ihm kündigen müsse. Das wendete Petschull so: »Jetzt will Schröder Girodias ausbooten: ›Der hat von uns bisher eine Million eingesackt. Jetzt kommen wir auch ohne ihn klar.« Wieder und wieder falle ich auf solche Medienvampire rein, da kann ich noch so viele Kruzifixe und Knoblauchzehen hochhalten. Wenn man sich das klarmacht, wird einem die Hermetik eines Arno Schmidt manchmal verständlich. Nein, nicht wirklich, ich bin doch mehr am Leben interessiert, und letztendlich ist es mir scheißegal, auch wenn ich zum hundertsten Male in so eine Petschull-Falle tappe, dann ist mir die Falle lieber als das ständige Leben im Turm, denn niemals hätte ich ohne die ›Stern‹-Geschichte erfahren, was diese Frau in Garmisch-Partenkirchen umtreibt.</p>
<p>(BK /JS)</p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)<br />
</strong></p>
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		<item>
		<title>Making of Pornography (20)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/10/30/making-of-pornography-20/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 Oct 2006 05:13:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.<br />
<strong>Und so geht’s weiter mit einer Recherche des ›Stern‹ für die Geschichte vom Pornokönig:</strong> Zu allem Überfluß meldete sich — das ist jetzt die Sahne, dachte ich — im Februar ein Reporter, Jürgen Petschull, jetzt müsse endlich im ›Stern‹ die große definitive Geschichte über mich erscheinen. Kein Pippifax, eine Titelgeschichte sollte es werden, so fing er mich. Aber wie die Zeichen standen, konnte das nur gut für mich und den Verkauf der Bücher sein. Jürgen Petschull erschien mit dem Fotografen Jay Ullal in meiner Wohnung in der Günthersburgallee, ich erzählte ihm, wie ich immer erzähle, über mein Leben, meine Vorstellungen als Verleger, meine Schwierigkeiten, meine Erfolge, wie alles entstanden ist — dämlicherweise. »Alles wunderbar«, meinte Petschull, jetzt müsse er nur noch ein paar Bilder von einer Pornoproduktion haben, »wir können ja nicht nur Text veröffentlichen.« »Ich kann doch so eine Produktion nicht nachstellen. Gut, anfangs gab es Fototermine, wo ich dabei war, aber das ist passé, die Pioniertage, als ich mich um so was noch selbst kümmerte. Wir beschäftigen Fotografen und Filmer, denen wird gesagt, wie wir uns die Sachen vorstellen. Gegenwärtig arbeiten wir mit einer Fotografin in München, Marina Raith, sie hat gerade den Fotoband ›Love Love‹ fertiggestellt.</p>
<p><img alt="MOP 20-1.jpg" src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/10/MOP%2020-1.jpg" /></p>
<p>Auch dafür wird lediglich der Rahmen festgelegt, das Storyboard und der Finanzrahmen.« »Könnten Sie nicht mit uns nach München fahren und ein paar Mädchen besorgen?« Gut, es war ja einzusehen, daß man ein bißchen was sehen mußte, weil er sonst die Geschichte bei der Redaktionskonferenz nicht verkaufen konnte.</p>
<p>Wir fahren also nach München. Mit Marina Raith, die ihr Atelier gemeinsam mit dem Hengstenbergschen Essigerben betrieb, wurde vereinbart, daß ihr Assistent ein paar Frauen im Auftrag des ›Stern‹ besorgt, die als Nackedeis posieren. Unter ihnen auch Ellen, eine blonde Frau, die die dreihundert Mark für diese Sache mitnehmen wollte. Ich kannte sie von einem früheren Besuch in München mit Uve Schmidt. Wir hatten mit Marina das ›Love Love‹-Buch besprochen, sie hatte einen pfiffigen, schlickigen Assistenten, abends wollten Uve und ich uns mit Huren vergnügen, wir fragten ihn: »Wie ist es, kennst du ein paar gute Mädchen?« Es sollte ein lustiger Abend werden, vorher essen gehen. Ich will nicht drum herum reden, es ging ums Bezahlen, wir hatten nur keine Lust, in ein Bordell zu gehen. »Ja«, sagte er. Wir holten die beiden vor ihrer Wohnung in Schwabing ab, eine war strohblond, die andere hatte mittelblondes Melangehaar. In einem russischen Lokal in der Nähe nahmen wir die üblichen Teelöffelchen Kaviar, Wodka und ein bißchen Krimsekt zu uns. Lustig. Danach zogen wir in das Appartement der Frauen, der Name des Mädchens, dem ich mich zugewandt hatte, wird mir nie aus dem Kopf gehen, es hieß Tausendfreund. Wir lagen mit ihnen in einem Doppelbett, aber es wurde nichts draus. Sie wollten anschaffen oder haben angeschafft, oder fingen gerade damit an, oder waren von diesem Fotoassistenten zum Anschaffen erstmalig ausersehen, jedenfalls entpuppten sie sich nicht als geübte Prostituierte, vielmehr als zwei verhuschte Hipptanten. Weder Uve mit Ellen noch ich mit Fräulein Tausendfreund kamen zu Rande, wir wollten sie ja nicht vergewaltigen. Nach einem Stündchen fruchtloser Versuche — du kennst doch die Situation, wo du dir nach langem Gefummel und Gezuppel endlich sagst: Bin ich denn verückt, hier so rumzuhampeln? — gaben wir es auf. Wir waren nicht sonderlich enttäuscht, hatten aber keine Lust mehr, in München rumzuhängen, also sagte ich zu Uve: »Wir fahren jetzt nach Frankfurt.« Etwas Geld auf den Nachttisch, immer nobel, nachts um zwei rein ins Auto, wir verabschiedeten uns burschikos von den beiden: »So, jetzt macht euren Scheiß alleine weiter.« Und zwei Monate später bei dieser ›Stern‹-Fotosession treffe ich Ellen wieder: »Hallo, wie geht’s?« Sie war ein bißchen verlegen, Jürgen Petschull merkte, daß ich sie kannte. Ullal machte seine Fotos vom Pornokönig im Fotostudio, Fotokannibalismus: Ich saß in der Hocke als ›Regisseur‹ im Vordergrund, Marina Raith fotografierte als ›Fotografin‹ die vier Frauen als Laokoon-Gruppe. Es entstand auch noch ein ominöses Foto: vier Rückenansichten der Frauen, ich lächle in Hüfthöhe zwischen ihnen hindurch. Dieses Bild ging später im ›Stern‹ über zwei Seiten. Ja, blöd genug, kann ich nur immer wieder sagen, daß ich da mitspielte. Aber das Interview war doch in guter Atmosphäre abgelaufen, mit meinem Text konnte nichts schiefgehen, dachte ich.</p>
<p>Während dieser Fotosession kam Petschull die Idee, daß man noch ein Foto vor dem Schloß in Florstadt machen könne, die blonde Ellen müsse unbedingt dabeisein, zwei Frauen sollten an den Bruchsteinpfeilern des Schloßtores posieren, um die zweite sollte wieder ich mich kümmern. Es wurde mir jetzt zu viel, aber er jammerte, er wisse doch nicht, wie man Models für so was besorge. So machen sie es! Erinnere dich mal an diesen dämlichen Niklas Frank vom ›Stern‹, er will eine Geschichte über Peter Kuper, den Frankfurter Hamlet, schreiben, auch Frank will ein Mädchen dabeihaben. Sie kommen an als sesselfurzende Idioten, die nichts arrangieren können, und verlangen von ihren Reportageobjekten, daß die sich um deren eigene Petersilie kümmern. So ist es nach wie vor! Ich erzähle ja keine Geschichte aus der Dampfradiozeit, die Sache mit ›Hamlet‹ passierte zehn Jahre später, also 1980, und so läuft es noch heute. Petschull insistierte: »Das ist das wichtige Foto! Die zwei Frauen brauchen wir unbedingt! Wir können doch nicht einfach nur Jörg Schröder vor sein Schloß in Florstadt stellen!« Ich war nun mal mit drin in der Geschichte, sie schaffen es mit ihrer Hilflosigkeit, dich auch noch für ihre Unfähigkeit haftbar zu machen. Heute würde ich beim ersten unsittlichen Antrag dieser Art alles sofort kippen, aber damals sagte ich seufzend zu Ellen: »Hör mal, der ›Stern‹-Fitti möchte, daß du noch mal in Florstadt posierst.« »Das mache ich schon, wenn das Honorar stimmt.« Ich glaube, fünfhundert Mark plus Spesen wollten sie jeder Frau zahlen. Ich rief also auch noch Prinzessin Meyer an, die damals mit dem Fürsten Solms verheiratet war, dem F.D.P.-Solms, der heute ohne Adelstitel im Bundestag rumgeistert. Als sie noch Margrit Meyer hieß, arbeitete sie als eine der ersten Frauen bei Gunter Rambow für meine Olympia-Press-Covers als Aktmodell, keine Rein-raus-Geschichten, trotzdem war es cool von ihr, sie arbeitete schließlich als Profi hauptsächlich für Arwa als Beinmodell. Margrit war bereit, nackt im ›Stern‹ zu erscheinen — mutig, vielleicht suchte sie auch einen Scheidungsgrund, denn sie war nicht blöd, ganz im Gegenteil.</p>
<p>Jetzt fing aber Petschull auch noch an: »Kannste mir nicht diese Blonde …? Auf die wäre ich mal scharf. Weißt du, diese Ellen, mit der würde ich gerne …«, wie der holländische Seemann sagt: »Lekker noeken niet betalen.« Erst hörte ich nicht hin, er löcherte mich weiter, bis ich wütend wurde: »Du bringst was durcheinander, ich bin kein Loddel, und die Frau ist keine Hure! Wenn du was von ihr willst, frag sie doch selbst! Du kannst nicht, weil du eine Geschichte über mich schreibst, von mir erwarten, daß ich dir eine Frau nach Mafia-Art lege.« Ausgerechnet dieses Herzchen probt mich so an, das sich moraltriefend kurz vorher über die Chappaquiddick-Affäre im ›Stern‹ ausgelassen hatte, über Edward Kennedy, der seine Geliebte, die Wahlhelferin Mary Jo Kopechne, im Chappaquiddick ertrinken ließ, damit die sexuelle Ausbeutung des Mädchens nicht ruchbar würde. Im ›Stern‹ hatte Petschull sich geradezu gesuhlt in der Menschenverachtung der Politiker. Und derselbe Reporter verlangt von mir, daß ich ihm ein Mädchen lege wie der Puffhausmeister dem Inspektor vom Ordnungsamt. Ellen fuhr mit mir im Auto nach Frankfurt, sie wollte nicht mit Petschull zusammen fliegen, weil er ihr lästig wurde. Sie entschuldigte sich für das sonderbare Intermezzo mit ihrer Freundin Tausendfreund, sie habe es halt mal versucht, aber sie könne so was doch nicht, sei sowieso verliebt in einen Schauspieler, der jahrelang keine Rolle hatte, jetzt komme er aber bald groß raus mit einem ›Seewolf‹-Dreiteiler, der bestimmt ein großer Erfolg werde — also es war Raimund Harmstorf, der Kartoffelquetscher.</p>
<p>(BK /JS)</p>
<p><img alt="MOP 20-2.jpg" src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/10/MOP%2020-2.jpg" /></p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)</strong></p>
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		<title>Making of Pornography (19)</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Oct 2006 05:14:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Making of Pornography]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.<br />
<strong>Und so geht’s weiter mit einem Happyend dank ›Lucy’s Lustbuch‹:</strong> Was damals schon Porno hieß! Es handelte sich bei unserem Bilderroman um eine jener sonderbaren Hervorbringungen im Zwischenbereich von Aktmodellstehen und Pornographie. Denn alle diese Kopulationsszenen waren gestellt, kein erigierter Schwanz durfte zu sehen sein, erst recht kein Rein-raus-Spiel. Gunter Rambow, der wirkliche Fotograf, baute Hunderte von Szenen auf, regelrechte Laokoon-Gruppen. Nach der Aufnahme stürzten die gestellten Bilder in sich zusammen wie eine Laiensportlerpyramide im Turnverein. Ich dokumentierte die Session mit meiner Sony-Schwarzweiß-Videoausstattung der ersten Generation, drehte die gefrorenen Posen und deren Auflösung. So entstand ein Sechs-Stunden-Band, sicher die komischste Pornodokumentation, die es je gab. Leichthändig war die Einheit von Handlung, Ort und Zeit gelungen, ein potenzierter Aristoteles nebst einer Katharsis von Schrecken und Jammer nicht zu knapp. Leider ist das Videoband jetzt so verblichen, daß du nur Schemen darauf erkennst. Aber der Ton ist noch fast der alte: die »Tiefa, tiefa!«-Schreie der Verbalerotikerin Rosi, mit denen sie die Löwen im Eisblock anheizt, mein Parkett knarrt, dazu die krähenden Organe der Kampfschwäbinnen Olga und Octavia Engelhardt. Ja, sie spielen auch mit: in der Rolle von schrecklichen Hippie-Zwillingen, die sie im wirklichen Leben tatsächlich waren. Hier schwingen sie die Peitschen in dornröschenhafter Starre, dazu Gunter Rambows Positionsbefehle im geil flackernden, mecklenburgischen Timbre: »Olga, das eine Bein auf die Lehne. Ja. Octavia, Peitsche etwas höher. Ja, gut so. Danke.« Dazwischen huschelte Donatus Bölkow als Möbelrücker und Requisiteur, und Paulus Böhmer saß, wenn er gerade nicht dran war, in einem Sessel und suckelte Sekt. Die Schwedenbehausung war meine Wohnung in der Günthersburgallee. Erika wohnte für die Zeit der Produktion im Hotel, nicht wegen Säuernis, nein, wegen des Drecks und des Zaubers, die Bude sah aus wie Sodom und Gomorrha. Uve Schmidt, der das Drehbuch geschrieben hatte, später auch die Blasen zum Fotocomic, war wie üblich ab mittags besoffen und versuchte unter rüdesten Verwünschungen, die Regie an sich zu reißen, was ich mit noch wütenderen Brüllern zu verhindern suchte. Das Sony-Band lief. Halt, das darf nicht unterschlagen werden, in einer Szene spielte ich als Hitchcock und Pottsau einen nekrophilen Pfarrer, der die aufgebahrte, palmwedelbedeckte Lucy besteigt. So war für jeden Geschmack gesorgt.</p>
<p>Wenn man es recht besieht: eine kindische und lustige, triviale Produktion, der reinste Pornoquatsch. Der aber auch seinen Prozeß bekam, in dem Marc Adrian in einer Glanzleistung professoral-analytischer, kunsttheoretischer Realsatire jedes einzelne dieser Rambow-Bilder mit Lucas Cranach, Dürer, Bosch, van Eyck verglich und dem Gericht anhand der Kompositionskriterien sowie der Frontal-, Strahlen-, Frosch-, Vogel-, Parallel- und Kavalierperspektiven nachwies, daß hier nicht ein Schweinigel, sondern ein Künstler allererster Güte auf den Auslöser gedrückt hatte. Dazu eine Zitatenflut von Adorno, Brock und Gorsen, was eben Rang und Namen hatte in der nicht normativen Ästhetik. Es war ein Gutachten von vierzig Seiten nebst den erwähnten Pergamindeckern. Du mußt es dir optisch vorstellen wie ein Bündel Horoskope mit Aszendenten, Tangenten, planetarischen Dreiecken oder wie aus einem Lehrbuch der Geometrie. Sah jedenfalls sehr bedeutend aus. Anfangs lächelte die Kammer überheblich süffisant, doch Marc walzte die drei Richter mit seiner stringenten Wiener Exegese so platt, daß sie mich freisprachen. Das Buch war nun ein vom Gericht geprüftes Kunstwerk.</p>
<p>Mein Carpaccio-Vortrag beeindruckte den Verteidiger Haag: »Das werde ich an den Herrn Vorsitzenden weitergeben.« Er verschwand im Mauschelzimmer, kam bald zurück und verkündete freudevoll, die Kammer sei bereit, wenn ich mich damit einverstanden erklären könnte, daß ›Lucy’s Lustbuch‹ ohne Verhandlung makuliert würde, mir im Strafmaß bei den sechs anderen Verfahren entgegenzukommen. Darauf ließ ich mich nicht ein: »Sie sind Anwalt, wenn Sie mir diese Botschaft überbringen, dann wissen Sie doch, was die Kammer will. Offenbar besteht ein starkes Interesse daran, dieses Buch endlich verschwinden zu lassen, ob jetzt Willy Brandt oder Franz Josef Strauß das betreibt, ist mir egal — Roy Black wird’s bestimmt nicht sein oder Heino, solch einen Einfluß haben die nicht auf den Generalstaatsanwalt von Frankfurt. Es müssen die Politikernasen sein, denen das Buch auf den Wecker fällt.« Willy Brandt war schließlich damals Kanzler. »Vielleicht empfehlen Sie der Kammer, sich mit dem Generalstaatsanwalt zu beraten.« So etwas widerspricht zwar allen Grundsätzen deutscher Rechtspflege, in Amerika wird so verhandelt, ein anderes Rechtssystem eben. Du wirst aber gleich sehen, wenn es darauf ankommt, haben wir auch ein amerikanisches Rechtssystem.</p>
<p><img alt="Lucy-4.jpg" src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/10/Lucy-4.jpg" /><br />
Ich ging aufs Ganze, schickte meinen Verteidiger mit der Losung ins Verhandlungszimmer: »Sagen Sie den Richtern, ich bin nur bereit, die ›Lucy‹-Sache fallenzulassen und der Vernichtung der Exemplare zuzustimmen, wenn alle gegen mich anhängigen Prozesse niedergeschlagen werden.« Du wirst es nicht glauben, es dauerte zwar noch eine Stunde, da haben wohl diverse Leitungen geglüht, dann kam Haag heraus: »So, die Sache ist klar.« Man rief mich in den Gerichtssaal, alle Titel und Verfahren wurden nochmals runtergeschnurrt. Ich stimmte der Makulierung von ›Lucy’s Lustbuch‹ zu und hatte keinen einzigen Prozeß mehr am Hals — Einstellungen auf Kosten der Staatskasse. Danke, kostete mich keinen Pfennig. Alfred Demarc hatte schon seit der Beschlagnahme der Bücher nichts mehr von sich hören lassen. Aber es gehört ja zum Anstand, daß man als Verleger den Autor Meysenbug, der nur mal zehntausend Mark kassierte, aus solchen Unannehmlichkeiten raushält. Er verdünnisierte sich nach Hamburg, erklärte sich für weltanschaulich gewandelt und nahm eine Professur für Mundmalerei an, die hat er vielleicht noch heute inne. Vierhundert Jahre Übung in adliger Sozialästhetik: Wenn’s brennt, fährt man nach Hamburg, hat nie was von Alfred Demarc gehört, heißt wieder Alfred von Meysenbug, hat niemals  Mösen gemalt. Die Auflage wurde gänzlich vernichtet, das Buch ist deshalb ein Rarissimum. Ich schätze, wenn’s hochkommt, existieren davon noch zwanzig Exemplare. Tatsächlich bin ich also in Sachen Pornographie nie verurteilt worden, ›Lucy’s Lustbuch‹ erlöste mich von allen Prozessen.</p>
<p>(BK /JS)</p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)</strong></p>
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