Archive for the ‘Marbacher Verletzungen’ Category

19.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (7)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Eines Morgens spazierten also meine Frau und ich zum Petersplatz, überreichten das Kuvert an der Portiersloge des Vatikanpalastes. Wir wollten gleich wieder gehen, hatten vor, einen Ausflug in die Umgebung zu machen. ›Bitte warten Sie‹, sagte der Pförtner hinter der Glasscheibe, und nachdem er das Schreiben gelesen hatte, telefonierte er. Dann erschien ein Schweizergardist, der uns über Treppen und prächtig ausgemalte Gänge in den dritten Stock führte. Uns wurde ganz anders, und ich flüsterte meiner Frau zu: ›Ich hab’ doch nur ein Polohemd an!‹ Am Ende eines dieser Gänge stand ein freundlicher Mann und stellte sich als ›Kammerdiener von Papa‹ vor – auf italienisch –, der Schweizergardist war zum Übersetzen bestellt, obwohl meine Frau ja gut italienisch spricht. Der Kammerdiener bedankte sich, daß wir ihm diesen Brief überbracht hätten, der ihn sehr erfreue, denn darin frage die Züchterin an, ob sie dem Papst einen… weiter lesen

15.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (6)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Toll, dachte ich, ob dieser Schreiner uns die Küche nun sehr gut macht oder nur gut, ist fast schon egal. Er hat mich vor der Taubheit bewahrt, und wir sparen auch noch zehntausend Mark dabei. Außerdem wird sich der Blutpfropfen im Ohr schon lösen, und dann ist es wieder wie vorher. So verquatschten wir die Zeit unter hörgeschädigten Leidensgefährten, bis Herr Weigel sagte: »Ich muß los, habe mir nämlich endlich einen langgehegten Wunsch erfüllt und ein Cabrio zugelegt. Mein Dackel wartet unten im Wagen.«

zwergdackel1.jpg

Übrigens ein schönes Cabrio Alfa Romeo Spider 2.0-Liter T.Spark mit sechzehn Ventilen und schwarzledernen Sportsitzen, das sahen wir vom Fenster aus. »Sie lassen Ihren Hund in dem offenen Auto?« fragte ich ihn, »springt der da nicht raus?« »Nein, das ist ein Zwergdackel, wenn es heißt: ›Platz!‹, sitzt der und haut nicht ab, weil er als junger Hund… weiter lesen

08.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (5)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

An diesem Punkt waren wir, als Herr Weigel kam, um unsere Küche auszumessen. Ein anderer Schreiner hatte uns ewig hingehalten, bis wir beschlossen: »Jetzt reicht’s aber! Wir gucken einfach mal in die Anzeigen.« Und da stand: »Schreinermeister führt aus …« Ich telefonierte mit ihm, anschließend berichtete ich Barbara: »Du, den können wir nicht nehmen. Der muß steinalt sein! Der versteht ja überhaupt nichts mehr.« Ich rief zwei weitere Nummern an, alle Handwerker waren auf dem Vertröstungskurs, daher entschieden wir: »Na, dann lassen wir eben den ollen Sack doch kommen, der hat wenigstens Zeit.« Und der alte Sack zeigte sich als ein Mann in den besten Jahren, vielleicht fünfundfünfzigjährig. Allerdings sahen wir, als er sich die Maße notierte, daß er hinter beiden Ohren Hörgeräte trug, und wir merkten, er verstand uns trotzdem schlecht.

Herr Weigel erzählte, daß er eine große Schreinerei in Lechhausen habe aufgeben… weiter lesen

07.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (4)

von Schröder & Kalender

Es ist schon dunkel, wir sehen also nicht, wie der Bär flattert.

Was aber in drei Teufels Namen hat meine Marbacher Verletzung denn nun mit Herrn Weigel und dem Papst zu tun? Sie hat. Es zeigte sich nämlich nach der Operation, daß ich, wenn wir mit Leuten zusammensaßen, diese ziemlich schlecht verstand. »Ich bin, glaube ich, schwerhörig«, erklärte ich Barbara. »Da ist was dran«, meinte sie, »ich habe mich schon gewundert, daß du plötzlich so mild geworden bist, du reagierst gar nicht mehr auf Spitzen gegen dich, sondern nickst und lächelst dazu. Also für die Harmonie unter den Menschen ist Schwerhörigkeit vielleicht nicht so schlecht.« Wieder zurück in Augsburg, wurde mir das mit der Harmonie aber zuviel: »Ich muß zu einem Ohrenarzt gehen, damit er mir den Blutpfropfen entfernt.« Der Arzt besah sich den Gehörgang und stellte fest: »Ja, da ist geronnenes Blut drin, aber das fällt von selber raus.… weiter lesen

05.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (3)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Richtig, dort stand neben der Theke an dem T-Pfeiler ein junger Mann und hielt sich den Kopf, durch seine Finger rann das Blut. Die grauhaarige Bibliothekarin schoß mit einem Besteckmesser auf ihn zu und – altes Hausmittel! – drückte dem Blessierten dieses Antibeulenmesser auf die blutende Stirn. Anschließend wurde ihm ein großes weißes Operationspflaster aus der Hausapotheke verpaßt. Mit einiger Phantasie betrachtet, sah er so aus wie Guillaume Apollinaire mit seiner Kopfwunde aus dem Ersten Weltkrieg auf dem berühmten Foto,

Apollin.gif

vor allem, weil das Gesicht dieses Verletzten nicht weniger melancholisch unter dem Verband hervorblickte als das des französischen Dichters, dessen Mutter eine polnische Baroneß war. Ich gab daher dem jungen Mann den Spitznamen Apollinaire und nannte mich selbst wegen des Ohrs Vincent van Gogh.

vincentvangogh.jpg

Das Opfer des T-Pfeilers lernten wir später in der Cafeteria kennen, er war Praktikant in der Handschriftenabteilung. Mijnheer… weiter lesen

03.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (2)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Wir fuhren zurück ins Collegienhaus und öffneten die erste Flasche Wein. Dann redeten wir über mein Schlitzohr und andere Unfälle, jedem war schon mal ein Ungemach zugestoßen. Doch gegen die Abenteuer des Pingpongmeisters Schreiner kam mir meine Verletzung wie eine Bagatelle vor. Er war fernab von aller Zivilisation an einem Strand in Mexiko von einer Raja an der Ferse verletzt worden. Der skalpellartige Stachel am Schwanz dieses Rochens ist so spitz und scharf, daß die Indianer ihn als Pfeilspitze verwenden. Das Unglück geschah in einer Gegend, wo das nächste Krankenhaus zweihundert Kilometer entfernt war, und um ihren Wagen zu erreichen, mußten sie eine Stunde durch die Lagune waten. Helga und ein Freund schleppten abwechselnd den Mann mit der Schnittwunde und einem Stachelsplitter im Fuß, den sie mit einer Plastiktüte umhüllt hatten. Es war wie bei ›Crocodile Dundee‹. Aber wirklich gekugelt haben wir uns über… weiter lesen

01.12.2007 von Schröder & Kalender
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Marbacher Verletzungen (1)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Im Oktober 1998 begannen Barbara und ich, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach das März-Archiv zu ordnen. Unsere Freunde Helga Hornung und Michael Schreiner besuchten uns, wir tranken in unserem Appartement im Collegienhaus einen Kaffee, gingen abends in die Stadt zum Essen und kamen auf dem Rückweg in einen Platzregen. Helga spannte ihren siebbedruckten Rauschenberg-Regenschirm auf, den sie in New York gekauft hat, und ich unser rotkariertes Ungetüm. So taperten wir zurück zur Schillerhöhe. Im Tischtennisraum wollten wir Wein aus dem Getränkeautomaten ziehen, da bekam Michael runde Augen: »Jörg, ich hab’ ja ewig nicht mehr Tischtennis gespielt!« »Ich auch nicht«, sagte ich. Wir nahmen jeder einen der Schaumgummischläger, die auf der Platte lagen, und er nun ganz bescheiden: »Ich war doch mal mit der Mannschaft von Dudweiler Saar-Jugendmeister.« Na, das Saarland ist ja bekanntlich nicht so groß. »Ich habe zuletzt in der Staatlichen… weiter lesen