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	<title>Schröder &#038; Kalender &#187; Andreas Biss</title>
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	<description>Seit 1990 veröffentlichen Barbara Kalender und Jörg Schröder viermal im Jahr ”Schröder erzählt”. Hier bloggen sie was zwischendurch so auf- und anfällt.</description>
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		<title>Kampf gegen die ›Endlösung‹</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Jan 2010 16:41:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[MÄRZ-Zitate]]></category>
		<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>
		<category><![CDATA[1944]]></category>
		<category><![CDATA[Adolf Eichmann]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>***<br />
Es ist dunkel, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.<br />
***</p>
<p><strong>Andreas Biss gehört zu den unbesungenen Helden des jüdischen Widerstands</strong> in Budapest gegen Eichmann und seine Helfershelfer. 1944 verhandelte er zusammen mit Rudolf Kasztner als Beauftragter des jüdischen Rettungskomitees ›Waadah‹ mit Eichmann und später über Becher mit Himmler vorgeblich als Beauftragter der ›Jüdischen Weltmacht‹, wie sie nur in den Köpfen der Nazis existierte.</p>
<p>Biss und Kasztner wagten sich in die Höhle des Löwen, ständig die Deportation vor Augen, sie nutzten die widerstreitenden Interessen der Nazis, deren Angst vor der vorhersehbaren Niederlage, vor der kommenden Vergeltung. Sie hatten keine andere Waffe als ihren verzweifelten Mut zur List. Sie erreichten zunächst die Entsendung von zwei ›Probezügen‹ mit Juden aus Budapest über das KZ Bergen-Belsen in die Schweiz. Und sie erreichen über ihre SS-Konfidenten bei Himmler – gegen den Protest Eichmanns bei Kaltenbrunner – die Einstellung der Vergasung in den KZs ab November 1944. Bereits seit Juli 1944 war es ihnen gelungen, die Deportationen aus Ungarn einstellen zu lassen.  Himmler begründete diese Maßnahme: Das wertvolle ›Tauschmaterial Juden‹ sollte nicht mehr ›im Gas vergeudet werden‹.</p>
<p>1944 lebten noch 600.000 bis 700.000 Juden, die zur Ermordung bestimmt waren, im deutschen Machtbereich. In den Lagern, die erst ab Januar 1945 bis April 1945 befreit werden konnten, wurden halb verhungerte, dem Tode nahe, jedoch lebende Menschen angetroffen. Sie alle hätte es bei der Befreiung nicht mehr gegeben, wenn die Vergasungen nicht im Herbst 1944 angehalten worden wäre.</p>
<p>Rudolf Kasztner wurde 1958 in Israel von Eiferern ermordet. Andreas Biss war in Jerusalem als Zeuge im Eichmann-Prozeß vorgeladen, Generalstaatsanwalt G. Hausner verzichtete aber schließlich darauf, Biss öffentlich aussagen zu lassen, weil er Proteste befürchtete. Hatten Andreas Biss und Rudolf Kasztner sich mit Schuld beladen? Erst Kasztner, dann Biss wurde vorgeworfen, als Juden mit den Henkern verhandelt zu haben – <a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/2009/08/07/killing_kasztner/" target="_blank">siehe dazu unser Blog vom 7. August 2009 ›Killing Kasztner‹.</a></p>
<p>Aber Biss und Kasztner hatten Schlimmeres getan, sie waren ›öffentlich‹ bei ihrem Standpunkt geblieben: <span id="more-2713"></span>daß es keine Heldentat ist, nachträglich Nazi-Jäger zu sein; größer ist der Verdienst derjenigen, die zur Zeit der Verfolgung und Vernichtung den Versuch unternahmen, den Juden zu helfen.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2714" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-424x686.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="686" /></a><br />
Andreas Biss, ›Wir hielten die Vernichtung an. Kampf gegen die ›Endlösung‹ 1944‹. Mit einer Nachbemerkung von H.D. Heilmann. Mit zahlreichen Dokumenten, 13 Faksimeles, Zeittafel und Register. Brosch., 404 Seiten. März Verlag, 1985 (nur noch antiquarisch erhältlich).</p>
<p>***</p>
<p>»Für jeden, also auch den Verfasser dieser Besprechung, der als Jude nicht versuchen mußte in dem von den Nazis besetzten Europa zu überleben, ist dieses ein erschreckendes und bestürzendes Buch … Viele Tatsachen aus dem Bericht von Andreas Biss kamen zuerst beim Eichmann-Prozess in Jerusalem zur Sprache, so auch die Rolle, die Joel Brand spielte <!--more-->in dem von den Nazis vorgeschlagenen ›Geschäft: Juden gegen Lastwagen‹. Diese Tatsachen führten damals zu dramatischen Kontroversen und nach dem Bericht von Andreas Biss über die Geschehnisse ist zu erwarten, daß diese Kontroverse noch nicht zu Ende ist.« <em>The Economist</em><br />
***<br />
»Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich schon längere Zeit ein Bewunderer von Ihnen bin und daß ich meine, daß für Sie ein ehrenvoller Platz in der Geschichte des jüdischen Volkes reserviert ist. Sie haben mit Mut, mit großem Sachverstand und Intelligenz mit den Mördern verhandelt. Sie haben sich selbst nicht geschont und wußten, welches Risiko Sie auf sich nahmen. Sie taten dies um Menschen zu retten. Diese Tatsache wird nicht in Vergessenheit geraten.« <em>Dr. N. Peter Levinson, Landesrabbiner von Baden, 1984 in einem Brief an Andreas Biss.</em></p>
<p>***</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-1.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2715" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-1-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a></p>
<p>***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-2.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2716" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-2-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-3.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2717" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-3-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-4.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2718" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-4-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-5.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2719" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-5-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-6.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2720" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-6-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-7.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2721" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-7-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-8.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2722" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-8-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-9.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2723" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-9-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***<br />
<a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-10.jpg" rel="lightbox[2713]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2724" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2010/01/biss-10-424x705.jpg" alt="Andreas Biss, Wir hielten die Vernichtung an, März Verlag" width="424" height="705" /></a><br />
***</p>
<p>(AB, HDH / BK / JS)</p>
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		<title>Killing Kasztner</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Aug 2009 07:34:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wie der Bär flattert]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>***<br />
Der Bär flattert schwach in nordwestlicher Richtung.<br />
***</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2009/08/israel_kasztner.jpg" rel="lightbox[2325]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2326" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2009/08/israel_kasztner-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
<p>Kasztner vor Gericht<br />
***<br />
Nach dem Erscheinen des Buches ›Wir hielten die Vernichtung an. Kampf gegen die &#8216;Endlösung&#8217; 1944‹  von Andreas Biss über die Hintergründe <strong>der Verhandlungen des zionistischen Rettungskomitees ›Waadah‹ schrieb der ›Economist‹:</strong> »Für jeden, also auch den Verfasser dieser Besprechung, der als Jude nicht versuchen mußte in dem von den Nazis besetzten Europa zu überleben, ist dieses ein erschreckendes und bestürzendes Buch. Viele Tatsachen aus dem Bericht von Andreas Biss kamen zuerst beim Eichmann-Prozess in Jerusalem zur Sprache, auch die Rolle, die Joel Brand spielte in dem <strong>von den Nazis vorgeschlagenen ›Geschäft: Juden gegen Lastwagen‹.</strong> Diese Tatsachen führten damals zu dramatischen Kontroversen und nach dem Bericht von Andreas Biss über die Geschehnisse ist zu erwarten, daß diese Kontroverse noch nicht zu Ende ist.«<span id="more-2325"></span></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2009/08/andreas-biss-1.jpg" rel="lightbox[2325]"><img class="alignnone size-medium wp-image-2327" src="http://blogs.taz.de/schroederkalender/files/2009/08/andreas-biss-1-424x403.jpg" alt="" width="424" height="403" /></a></p>
<p>Andreas Biss (Mitte) 1947 in Bregenz mit ehemaligen jüdischen Deportierten.<br />
***<br />
Beim diesjährigen Jewish Film Festival in Berlin wurde <strong>›Killing Kasztner‹ von Gaylen Ross</strong> gezeigt. Über die wahren Hintergründe der Verhandlungen des Israel (Rudolf) Kasztner und seines Mitarbeiters Andreas Biss mit Eichmann und Becher berichtet unsere <a href="http://www.jungewelt.de/2009/08-07/013.php" target="_blank">heutige Kolumne in der jungen Welt.</a></p>
<p>(BK / JS)</p>
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		<title>Making of Pornography (12)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/09/20/making-of-pornography-12/</link>
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		<pubDate>Wed, 20 Sep 2006 05:14:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Schröder &#38; Kalender</dc:creator>
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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Bär flattert in östlicher Richtung.</p>
<p><strong>Und so geht’s weiter mit den klandestinen Dreharbeiten zum Pornofilm ›Sexokratie‹:</strong> Ob Svensson uns nachsetzte? Er löste sich auf geheimnisvolle Weise in Luft auf, dachte ich damals. Erst ein paar Jahre später wurde mir klarer, was es mit der Food-Schiene auf sich hatte, als Werner Klemming beschloß, sich nach Norditalien zu verkriechen, und mir vorher seine Malik-Sammlung verkaufen wollte. Beiläufig erzählte er mir von seiner Lehrzeit in Bechers Nachkriegs-Weizenkontor. Aber erst nachdem Hans Dieter Heilmann den Bericht des ollen Biss über die Budapester Verhandlungen neu herausgab, über Kastner, Eichmann, Becher, 1985, und da auch erst zwei Jahre später, dämmerte es mir endlich, mit welchem Netzwerk diese Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit die zweite Republik überzogen hatte. Da paßt mal ›Netzwerk‹, die neudeutsche Metapher für jedwede Gruppengemeinheit und lobbyistische Abstauberei. Ja, warte doch ab! Es verknüpft sich schon noch.</p>
<p>Erst mal waren wir wieder in Frankfurt, Beitlichs Nase wurde bald rosiger, aber er machte mich noch wochenlang verrückt mit seiner Schwedenparanoia. Ich dachte mir, die können mich mal, beauftragte Rechtsanwalt Riemann, einen Brief zu schreiben, daß ich als linker Verleger wegen der ungewöhnlichen Geschäfte, die Svensson und seine Geschäftspartner angedeutet hätten, von der Gründung der projektierten Aktiengesellschaft absehen müsse. Nach diesem Brief habe ich von den Typen direkt nichts mehr gehört. Was die Filmkopien anging, war ich so klug als wie zuvor. Da, gänzlich überraschend, meldete sich das Atlantik-Filmkopierwerk aus Hamburg, sie seien nun möglicherweise doch bereit, erotische Filme zu kopieren, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß ihnen ein Gutachten vorgelegt würde, welches sie juristisch freistellt, ein Gutachten von ausgewiesenen Wissenschaftlern, daß es sich bei unseren Filmen nicht um strafwürdige Pornographie handelt. Ein ungewöhnliches Zusammentreffen, diese plötzliche Bereitschaft von Atlantik-Film nach unserem Schwedenabenteuer, kann aber auch Zufall gewesen sein.</p>
<p>Nun ging die wunderbare Geschichte mit Konsul Breckwoldt los. Der erste Film war gedreht, das Gutachten für seinen ›Schüler‹-Film hatte sich Bazon Brock selbst geschrieben. Ich konnte also darangehen, das nächste Œuvre vorzubereiten. Es sollte eine Eigenproduktion von Uve Schmidt und mir werden, Rainer Boldt hatte seinen Freund Roland Hehn als Kameramann empfohlen. Der Film trug den Titel ›Sexokratie‹, ein Lehrfilm, in dem die Grundrechte des Grundgesetzes mittels erotischer Metaphern erklärt wurden: »Die Würde des Menschen ist unantastbar« oder »Die Kunst ist frei«. Jeder dieser Leitsätze – ja, stimmt schon, dumpf – wurde in einer Szene ausgespielt, ein erotischer Vulgär-Stanislawski, dafür mußten vier Leute gefunden werden.</p>
<p><img src="http://taz.de/blogs/wp-inst/wp-content/blogs.dir/14/files/2006/09/sexokratie2.jpg" alt="sexokratie2.jpg" /></p>
<p>Rosi hatte bereits zugesagt, eine vollbusige Frau mit dunkelbraunen Haaren, der wir aber stets eine lockige blonde Mittellanghaarperücke nach Landfrauenart verpaßten. <span id="more-215"></span>Rosi war Sekretärin, gehörte nicht gerade zum intellektuellen Überbau, war eher schlicht zu nennen. Sie hatte einen Tierarzt zum Freund, der natürlich nicht wissen durfte, daß sie auf Pornopfaden wandelte. Die Frau hatte exhibitionistische Anlagen, es machte ihr Vergnügen, sich vor der Kamera auszuziehen, und das Vögeln vor imaginierten Zuschauern bereitete ihr Lust. Deshalb belebte sie unsere Film- und Fotosessions, so auch die ›Made in Sweden‹-Produktion, die Gunter Rambow zwei Wochen vorher fotografiert hatte. Rosi war zur allgemeinen Begeisterung durch die Wohnung gelaufen – die ›schwedische Familie‹ wurde in meiner Wohnung in der Günthersburgallee fotografiert – und schrie: »tiefa, tiefa!« mit Inbrunst. So machte sie es auch bei der ›Sexokratie‹, es gehörte mit zu ihrem exhibitionistischen Coming-out. Die zweite hieß Martina, eine dunkelhaarige Frau, die ich vor drei Jahren bei Dominique in Frankfurt wiedergetroffen habe. Sie ist jetzt ein bißchen füllig, früher war sie sehr schlank. Martina erzählte unbefangen, daß sie alles erreicht habe, was sie damals wollte, nämlich Malerin werden, dazu sei sie noch Kunstlehrerin. Zur Zeit der ›Sexokratie‹ studierte sie und war mit einem Diplom-Psychologen verheiratet, der bald darauf in der RAF landete, ein freundlicher, aggressionsfreier Mann, ich sah ihn plötzlich auf einem Fahndungsplakat. Für Martina war es die erste Pornoproduktion, bei der die Vögelei nicht simuliert wurde. Als männlicher Darsteller hatten wir Jörn Freese aus Hamburg engagiert, sein Fleischschwanz war sein wichtigstes Kapital in dem Geschäft, denn die Standfestigkeit der Pimmel bereitete sonst gewisse Probleme.</p>
<p>In der ›Sexokratie‹ sollte auch Peter Steiner mitspielen, damals noch nicht fett, sondern sehr sportlich. Er hatte nämlich diese ›Tiefa‹-Rosi eingebracht, war ihr Freund, neben dem Tierarzt. Jetzt saßen wir in der Kulisse, die uns Donatus Bölkow gebaut hatte, richtig, das damalige schwarze Schaf von MBB, der häufig als Requisiteur mitwirkte. Er hatte ein drei mal drei Meter großes Bett in unserem Hilfsstudio aufgeschlagen, mit den bundesrepublikanischen Farben bezogen: schwarz, rot, gelb. Uve Schmidt spielte, als Harlekin geschminkt und gekleidet, den Spruchhochhalter: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt«, »Eine Zensur findet nicht statt«, »Eigentum verpflichtet«, »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Als Drehort diente uns die Dorfschule unseres Filmspezialisten im Taunus. Der Schulraum, sonst sein Filmvorführraum, war zum Studio umfunktioniert, die Jupiterlampen strahlten, die Fenster waren mit schwarzen Papierbahnen zugeklebt, das Bett mit schwarzen Volants umhängt, durch die von Zeit zu Zeit ein lüsterner bebrillter Praktikant lugte. Wir baten Ratibor, ihn wegzuschicken, aber der ließ sich nicht abschütteln. Ratibor selbst war während der Filmarbeiten nicht anwesend, wir hatten ihm den Raum für einen Haufen Geld abgemietet. Schließlich haben wir Wolfgang, den Praktikanten, da er einfach nicht verschwand, zum Bier- und Brötchenholen abgestellt. Fünfzehn Jahre später, während einer Interview-Session mit dem alten Biss in Berlin, hat Wolfgang Felger plötzlich beim Italiener am Lehniner Platz rausgelassen, daß er es war, ob ich mich nicht an ihn erinnere, daß wir doch damals diesen Porno gedreht hätten, daß er bei Ratibor sein Kameragewerbe gelernt habe. Und daß wir ihn bei Gefahr des Eierabhackens damals zur höchsten Geheimhaltung verdonnert hätten.</p>
<p>Ja, Peter Steiner hatte Rosi angeschleppt, und als er die Hosen fallen ließ, da sahen wir seinen blauen Slip, aber darunter bewegte sich nichts, nur sein Maul regte sich: »Was soll das? Ich kann das nicht, so öffentlich ficken, das will ich nicht.« Er fing an rumzurandalieren, ich beendete das mit: »Hose an, Steiner, Schluß! Wenn du nicht kannst – in Ordnung, aber dann verschwinde auch.« Das Studio war gemietet, die Beleuchtung, die Mitspieler, der Kameramann, jeder Beteiligte kriegte tausend Mark pro Tag, jetzt fiel Steiner aus, und wir hatten keinen Ersatzmann. Weil er Zicken machte, war auch die scheinbar unverwüstliche Rosi unvermittelt demotiviert, bekam Skrupel, fühlte sich nicht attraktiv, von Peter zurückgestoßen. Ich versuchte sie zu beruhigen und zu überzeugen, daß sie im Gegenteil ein sehr attraktives Mädchen sei. Die Worte nutzten nichts, ich konnte ihr die Selbstzweifel nur nehmen, indem ich mit ihr vögelte, auf dem Bundesbett. Diese Szene hat Roland Hehn geistesgegenwärtig mit der Kamera eingefangen, ein komischer Filmclip. Es war eine merkwürdige Erfahrung, vor laufender Kamera zu ficken, und die Tristesse danach war auf dem Filmstreifen sichtbar: Ich fiel zurück, der Schwanz stand noch, aber er zog sich, wie in Zeitlupe gedreht, teleskopartig zusammen. Diese Sequenz wurde natürlich nicht benutzt für den späteren Film, sie gehörte ja auch nicht dazu.</p>
<p>Rosi war wieder die alte, aber für den gehemmten Steiner mußte dringend ein Ersatz her. Jörn Freese wußte Rat: »Ich rufe in Hamburg an«, so umständlich war es damals noch, einen zweiten Ficker zu finden, »mein Freund Stefan ist Friseur, wenn der sich eine Perücke aufsetzen und einen Bart ankleben kann, dann macht er mit.« Die Produktion wurde für sechs Stunden ausgesetzt und der Hamburger Friseur vom Flughafen abgeholt. Er brachte seine eigene Perücke mit, klebte sich auch selbst den Bart an, und ›Sexokratie‹ wurde abgedreht.</p>
<p>(BK /JS)</p>
<p><strong>In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)</strong></p>
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