Posts Tagged ‘Christian Schultz-Gerstein’

02.10.2009 von Schröder & Kalender
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Müllstück (3)

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.
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Gestern fand in Mülheim die Uraufführung von Fassbinders ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ statt. Wir erzählen hier die Geschichte der ›Notausgabe‹ im eigens dafür gegründeten April, April! Verlag:

Der Verlag der Autoren bekam Wind von der Sache und beantragte beim Schnellrichter eine Beschlagnahmung der ›April, April!‹-Ausgabe. Einen Tag vor der Pressekonferenz erschienen zwei hessische Polizisten mit dem Gerichtsvollzieher Hohler – der Mann hieß tatsächlich so! – und präsentierten einen Durchsuchungsbefehl, der sie ermächtigte, alle auffindbaren Exemplare der ›April, April!‹-Ausgabe sicherzustellen. Vorsichtig, wie wir gewesen waren, befanden sich die für die Pressekonferenz vorgesehenen zweihundert Bücher nicht im Hause, sondern lagen im Volvo-Kofferraum. Die Polizisten und der Gerichtsvollzieher machten die Bude links, ans Auto, das dick und fett vor der Haustür stand, dachten sie nicht. So fanden sie nur zwei Belegexemplare, die sie beschlagnahmen konnten.

Trotzdem hatten die Beamten Spaß an der Aktion, mit ihren Stinkefingern wühlten sie ausgiebig in Barbaras Unterwäsche. Obwohl Barbara sie darauf hinwies, dass dies ihr Privatzimmer sei, durchstöberten sie jede Schublade der Kommode. Wie japanische Wäscheschnüffler begrapschten sie jeden Slip. Nein, dieser Vergleich ist falsch! Barbara legt Wert auf die Feststellung, dass in ihren Schränken keine benutzte Wäsche aufbewahrt wird.

Warum wir für die Pressekonferenz ausgerechnet den ›Frankfurter Hof‹ wählten? Na, ganz einfach: Weil erfahrungsgemäß in so einem ersten Haus am Platze mehr Journalisten erscheinen, als wenn du ins Gewerkschaftshaus einlädst, zweiter Stock, dritte Tür links. Der Konferenzraum war rappelvoll mit zirka sechzig Leuten. Es gab auch eine Fernsehkamera, alle wichtigen Zeitungen und Magazine hatten Korrespondenten und Reporter geschickt: ›Baseler Nachrichten‹, ›Frankfurter Allgemeine‹, ›Frankfurter Rundschau‹, ›Süddeutsche‹ und wie sie alle hießen. Zwerenz sprach über die Genesis von Drehbuch und ›Müllstück‹, Anwalt Oehme legte unsere Urheberrechtsposition dar, ich polemisierte gegen den Verlag der Autoren, der als einer der Kollektivverlage 1969 aus der Literaturproduzentenbewegung hervorgegangen sei und jetzt einem anderen linken Verlag die Polizei ins Haus schicke. Und nicht nur uns, auch der Sozialistischen Verlagsauslieferung; Helmut Richter hatte es ebenfalls empört, dass der Genosse Karlheinz Braun das Sova-Lager von Polizeikräften durchsuchen ließ, übrigens auch hier ohne Erfolg. Doch als Barbara den Presseleuten berichtete, wie die Bullen mit den Wichsgriffeln in ihrer Unterwäsche rumgestöbert hatten, wirkte diese schlichte Geschichte überzeugender als unser ganzer elaborierter Urheberrechtsklimbim.

Das war wirklich ein Ding! Man kann sich ja vor Gericht bekämpfen, aber einem anderen Verlag die Bullen ins Haus schicken, dazu würde ich mich nicht hinreißen lassen. Noch ganz andere Geschmacksbollwerke begannen unter dem Druck der Ereignisse zu bröckeln. Klaus Schöffling, damals noch nicht Verleger, sondern Dozent an der Buchhändlerschule, schrieb im ›Börsenblatt für den deutschen Buchhandel‹ sieben Seiten voll mit grotesken Sätzen wie: »Jedenfalls schreckt jetzt ein Verleger, der dieses Handwerk seit immerhin zwanzig Jahren betreibt, nicht vor einem Raubdruck zurück und versucht auch noch, den Rechteinhaber als ›links‹ zu diffamieren: Jörg Schröder.« Dass ›links‹ einer Diffamierung gleichkommt, muß einem erst mal einfallen! Man konnte sich nur noch an den Kopf fassen, was hier bei bisher intellektuell satisfaktionsfähigen Leuten vor sich ging. Es zeigte sich eben, dass diese ›Müllstück‹-Kontroverse mehr vom ewigen Antisemitismus hochspülte als geahnt, ein ähnliches Phänomen wie bei der Walser-Diskussion. … weiter lesen

28.06.2009 von Schröder & Kalender
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Der Doppelkopf

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in südlicher Richtung.
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Im Juli 1976 interviewte Christian Schultz-Gerstein den Schriftsteller Jean Améry für den ›Spiegel‹, Anlass war Amérys neues Buch ›Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod‹. In Christian Schultz-Gersteins Buch ›Der Doppelkopf‹ ist dieses Interview mit Jean Améry abgedruckt, ihm folgt Schultz-Gersteins Essay, den er aus Anlass der Ernennung seines Vaters zum Senatspräsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichtes schrieb sowie die Essays: ›Der Anti-Nazi‹, ›Der Doppelkopf‹,  ›Lebenshilfe‹, ›Auferstehung der Kultur in Deutschland‹, der so endet: »Derweil wird man auf dem anderen Stern der zweiten Kultur einfach in Bernward Vespers Roman ›Die Reise‹ lesen, weiterlesen oder von vorn wieder anfangen, weil die Wirklichkeit nicht zu glauben ist, wohl aber Vespers fassungslose Einsichten: ›Da hat auch der Krieg nichts geändert, selbst ein Weltuntergang wäre für sie keine Erfahrung gewesen. Sie haben überhaupt nichts damit anfangen können‹ – die Deutschen.«

Über das Verhältnis von Rudolf Augstein zu Christian Schultz-Gerstein siehe auch unsere tazblogs vom 2. Januar 2007 und 3. Januar 2007.

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Christian Schultz-Gerstein, ›Der Doppelkopf. Nach einem Gespräch mit Jean Améry‹. Leinen, 130 Seiten. März Verlag, 1979 (nur noch antiquarisch erhältlich). … weiter lesen

30.11.2008 von Schröder & Kalender
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Unmoralisch wie die Unschuld

von Schröder & Kalender

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Es ist neblig, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.
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Der Erzähler Heinz-Jörg Peter Kuper ist am 25. November im Alter von 72 Jahren gestorben. In Frankfurt a. M. kannte man ihn nur als ›Hamlet‹, das ist auch der Titel seines Buches, welches 1980 im März Verlag erschien.

Es ist die Geschichte eines schwererziehbaren Kindes aus gutbürgerlichem Hause, eines Autodiebs aus manischer Leidenschaft für alles Amerikanische. Es ist die Geschichte eines Knastrologen, Matura-Mord und Frankfurter Halbwelt inklusive. »Ob man ein solches Buch Literatur nennen darf«, schrieb Christian Schultz-Gerstein im ›Spiegel‹, »darüber müssen sich die Leute den Kopf zerbrechen, die sich nur jene Literatur wünschen, von der Gaston Salvatore schreibt: ›Die Angst, die in der Luft liegt, kehrt in der Literatur wieder als die Angst, das Falsche zu sagen.‹ Das seltene Gegenstück zu solchen Büchern ist Peter Kupers ›Hamlet‹.«

Ich kannte Hamlet zunächst nur als komische Szenefiigur, die durch die Frankfurter Halbwelt geisterte, ein langes Elend: »Ich bin einsdreiundneunzig groß«, teilte er jedem ungefragt mit. Und weil er als Kind hellblondes Haar hatte, ließ er es später bleichen. Lange grellblonde Flusen unter einem schwarzen Hut, dicke blaue Gläser im Ray-Ban-Gestell, und wie Franco Nero als Django trug er einen langen Leinenflattermantel. Dieser dürre, gebeugte Mensch in pittoreskem Aufzug hatte einen merkwürdigen Gang. Später erfuhr ich von Hamlet, daß er sich diesen »Tigergang« angewöhnt hatte, weil ihm als Knabe der wiegende Schritt der schwarzen G.I.s so imponierte. … weiter lesen