11.07.2008 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
Ich bin durch eine harte Geniegrundschule gegangen. 1945 wohnten wir in Berlin-Niederschönhausen, einem Ortsteil von Pankow, in der Bismarckstraße 36 A. Meine Mutter schickte mich eines Tages ohne Vorwarnung in die Bismarckstraße 10 schräg gegenüber, ein alleinstehendes Bürgerhaus neben der Volksschule, die als Krankenhaus genutzt wurde. In der Beletage residierte Siegfried Neusch van Deelen mit seinem Privatkonservatorium. Ich war acht Jahre alt, sollte Geige spielen lernen und taperte rüber. Es öffnete ein Mann mit langen mittelblonden, vermittels Brillantine streng nach hinten gekämmten Haaren, hoher gefurchter Stirn und braunen Augen, großem Zinken und tiefen Falten neben demselben — ein langes Gesicht mit leichten Hängebacken und großen, allerdings nicht abstehenden Ohren: »Na mein Junge, da bist du ja«, zu überschwenglich, es war mir gleich zuviel. Sie hatten sich offenbar … weiter lesen
18.06.2008 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.
In einem Haus in der Nähe der Friedrich-List-Schule, das die Russen beim Einmarsch zusammengeschossen hatten, es hieß, es sei eine Wehrmachtsdienststelle gewesen und zuletzt von SS-Leuten verteidigt worden, hatten wir uns einen Eingang zum Keller freigelegt, stiegen dort ein und fanden reichlich Munition. Mit Steinen und Eisenstücken schlugen wir die Patronen, Pistolen- und auch Gewehrmunition, auf, ließen das Pulver auf einen Haufen rieseln, mit Zündschnurlinien, die wir mit brennbarem Zeug zogen, versuchten wir dann den Pulverhaufen hochzujagen. Leider erlosch die Zündschnur ständig, so mußten wir immer näher ran an das Pulver. Aber dann ging es schließlich doch in die Luft, und die Steinbrocken flogen umher in den Ruinen zum Entsetzen der Erwachsenen: »Schon wieder ein Blindgänger hochgegangen, fürchterlich!« Bei einem ähnlichen Spiel, ich war nicht dabei, sonst säße ich nicht hier, sind zwei Jungs aus meiner Klasse ums Leben gekommen. Sie spielten mit größerer… weiter lesen
12.06.2008 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in östlicher Richtung.
Wir Kinder hatten Angst vor den russischen Soldaten, jedoch nicht vor den russischen Kindern, den Kindern der Offiziere, denn die einfachen Soldaten lebten ohne Familie irgendwo in Kasernen. Es gab einige Knaben, die in diesen Kompanien mitmarschierten. Und es gab Vorsänger, nach deren Kopfstimmensolo fiel der rauhe Chor der anderen Soldaten ein. Diese Kinder in Uniformen, mit Orden behangen, marschierten manchmal mit, man erzählte sich, es seien die Söhne gefallener Offiziere, ich weiß nicht, was daran wahr ist.
Ein solcher kleiner Junge, er hatte eine Uniform an mit Stiefeln, so sieben, acht Jahre alt, kam eines Tages heran, näherte sich uns in seiner Sprache, als wir im Sandbombentrichter rumbaggerten. Wir hatten erst mal Angst vor der Uniform, verstanden kein Wort. Er hielt uns einen kleinen Ledersack hin, wir waren neugierig und guckten rein: ein ganzer Beutel voll Fünfzigpfennigstücke. In den ersten Tagen nach dem… weiter lesen