Posts Tagged ‘Pornographie’

14.08.2007 von Schröder & Kalender
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Frankfurt am Main, 1968

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Das Schöne am Sommerloch ist, daß jetzt die Belege mit unseren Beiträgen eingehen, weil ja Anfang Oktober die Buchmesse stattfindet und langsam die Herbsttitel fertig werden. So trudeln jetzt Texte ein, die wir vor langer Zeit abgeliefert und längst vergessen hatten.

Letzter Eingang das ›Frankfurtmainbuch‹ im Verbrecher Verlag, herausgegeben von Werner Labisch und Jörg Sundermeier mit Texten und Bildern von Anja Becker, Christian Bartz, F.W. Bernstein, Barbara Bollwahn, Tom Combo, Sarah Diehl, Steffen Falk, Oliver Grajewski, Caroline Hartge, Claudia Honecker, Meike Jansen, Barbara Kalender, Susanne Klingner, Maximilian König, Izy Kusche, Frank Lähnemann, Holger Lübkemann, Julia Mantel, Thomas von der Osten-Sacken, Oliver M. Piecha, Rattelschneck, Jana Schmidt, Jörg Schröder, Martin Sonneborn, Jan Süselbeck, Thomas Uwer, Linus Volkmann, Ambros Waibel, Klaus Walter und Georg Weerth.

Wir bringen als Teaser unseren Beitrag:

Freiheit für Meysenbug!

Ich fuhr zur PEN-Jahresversammlung, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst… weiter lesen

23.11.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (23)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

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Und so geht’s weiter mit einem P.E.N.-Kongreß in Nürnberg, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹:

Auf dem Rückweg fuhr ich mit der Familie nur bis Nürnberg, blieb allein dort, ich wollte zur PEN-Tagung, das Tagungsthema hieß ›Wer hat Angst vor Pornographie?‹. Horst-Dieter Ebert vom ›Spiegel‹ hatte mir den Tip gegeben, dort aufzutauchen, ich war ja in Sachen Pornographie auch als Lobbyist tätig, es ging schließlich immer noch um die ›Freigabe‹. Die Meistersingerhalle war überfüllt, die Leute saßen auf dem Boden, die Diskussion mußte in die Wandelgänge übertragen werden. Präsident war Heinrich Böll, und auf dem Podium saßen Walter Jens, Werner Ross, mein ehemaliger Französischlehrer in Bonn, und einige andere unentwegte Debattierer. Aus dem Saal sollte mitdiskutiert werden. Ebert hatte für uns einen Platz in der ersten Reihe reserviert, neben mir saß Gabriele Henkel, die sich in der Bewegungszeit in jedes Kulturereignis einmischte, das irgendwo en vogue war. Es konnte gar nicht links und schrill genug zugehen, bis ihr Konrad so etwas strikt verbot.

Das jetzt nur als Volte, um klarzumachen, daß Gabriele Henkel sich damals geradezu manisch fortschrittlich gebärdete und in der Meistersingerhalle natürlich auch über Pornographie ein Wörtchen mitreden wollte. Die Veranstaltung begann, und Heinrich Böll posaunte vom Podium, ich traute meinen Ohren nicht — was erzählt er da? Er betete Petschulls ›Stern‹-Artikel über den Pornokönig runter wie auswendig gelernt. Anhand dieses Pornokönig-Bösewichts — Böll nannte mich nicht beim Namen, aber fixierte mich, ich saß ja nur ein paar Meter unter ihm —, anhand dieser »hemdsärmeligen Figur, die sich auch noch etwas darauf einbildet, daß sie kein guter Mensch sei und auch keiner werden wolle«, machte er seine Abscheu vor Pornographie klar, begleitet von rotbäckchenhafter Akklamation des Werner Ross und des Gummischuhgesichts Walter Jens. Derselbe Jens, der 1968 für mich zusammen mit seiner Frau Inge ein dreißig Seiten langes euphorisches Gutachten schrieb in Sachen ›Geschichte der O‹, was ja nun mal ein veritabler pornographischer Roman ist. Das glaubst du nicht? … weiter lesen

09.09.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (10): Prof. Bazon Brock dreht einen Pornofilm

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert leicht in östlicher Richtung.

Und so geht’s weiter: Wir saßen da und stützten die Köpfe, Uve Schmidt und ich. Zu dieser Zeit, Ende 1969/Anfang 1970, war Bazon Brock noch eine gerngesehene Person im Hause März. In jeder März-Programm-Vorschau stand damals seine ›Revolution des Ja‹, die ich bereits zwei Jahre vorher im Melzer Verlag angekündigt hatte. Mit Bazon Brock sprach ich über die Schwierigkeiten der Pornofilmproduktion, und er: »Kein Problem, den Film mache ich.« Er übernehme die gesamte Produktion, er kenne da einen jungen Absolventen der Münchner Filmhochschule. »Au weh, schon wieder ein Absolvent.« »Doch, das ist ein guter Mann.« Also, er realisiert das mit dem guten Mann und seiner Klasse an der Hochschule für Gestaltung in Hamburg, »da kann nichts schiefgehen«. Ich, vorsichtig geworden, zahlte erst mal nur das Filmmaterial. Vor Drehbeginn wurde das Verteidigungskonzept festgelegt, wir durften ja nur Filme machen, die von vornherein so konzipiert… weiter lesen

24.08.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (7)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Und so geht’s weiter mit der Planung der Olympia-Pornofilme im Jahr 1969: Die Darmstädter Staatsanwälte begannen das ›Barbara‹-Buch zu verfolgen – ein Musterprozeß, um mich und die Olympia Press wegzufegen. Es setzte das lange Gerede in der Presse über Pornographie ein. Nachdem man sich drei Monate überschlagen hatte, erlahmte langsam die Lust, darüber zu schreiben, etwas Neues mußte her. Das ergab übrigens immer die besten Realisate hinterher, einfach etwas anzukündigen, von dem ich noch nicht wußte, wie es aussehen sollte, beispielsweise das ›Mammut‹. Wie stellt man sich das Buch vor und: »Wie soll es heißen?« Eine Planung, wie sie beim Kinderzeugen nicht möglich ist, man kann sich ja nicht vornehmen: »Das Kind soll Almut oder Hartmut heißen. Jetzt fangen wir mal an zu ficken.« So wird gewöhnlich ein Kind nicht produziert, aber im kreativen Bereich geht das. »Der Film heißt Pornofilm, ich bringe mir jetzt bei, einen Pornofilm zu drehen.« So wie Dominique, als ich noch nicht wußte, wer Dominique ist, mir nur dachte, das muß eine Frau mit einem Kopfschuß sein, weil mir Yvonne Menne mit hochgedünkelter Nase sagte: »Eh, kennst du Dominique?« »Nö, kenne ich nicht.« »Also die macht jetzt im Vogelsberg, bei Birstein, eine Brotbackschule auf.« »Wieso, ist sie Bäckerin?« »Nein! Sie macht doch in der Jazzgass die ›Dominique‹. Sie hat aber im Vogelsberg ein Haus gekauft und wird den Frankfurtern das Brotbacken beibringen.« Wo wir doch alle wissen, daß Dominique noch nicht mal eine Ente braten kann, obwohl sie schon dreihundert gebraten hat in ihrem Leben. Sie kauft immer zwei Enten, schiebt sie rein, und jeder sitzt später da und lutscht wie in diesem Märchen an den Knochen, denkt sich: na ja, lustige Unterhaltungen, es ist eben schön, nur die Ente ist trocken und kalt. … weiter lesen

22.08.2006 von Schröder & Kalender
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Otto Beisheim kündigt immer fristlos

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Zu der Meldung, daß der Metro-Gründer und Multimilliardär Otto Beisheim nach Kritik an seiner SS-Vergangenheit die Zehn-Millionen-Stiftung für das Tegernseer Gymnasium auflösen will, hier eine Episode aus dem Jahr 1997. Der Herr reagiert bei Kritik immer mit fristloser Kündigung:

Na ja, anderen Leuten sind eben andere Sachen peinlich. Zum Beispiel meine Argumente einem Hans Werner Richter, der in seiner Grunewaldvilla auf Fernseh- und Senatskosten literarische Live-Sendungen fürs ZDF moderierte. Eingeladen waren außerdem die Verlegerin Renate Gerhardt und Maurice Girodias, der Gründer der Olympia Press, dem wiederum war es peinlich, daß sich in der Nacht zuvor eine Schneidezahnkrone gelöst hatte. Sein notdürftig geklebtes Provisorium fiel ihm während der Sendung mehrfach heraus. Es wurde zum fünfunddreißigsten Mal diskutiert: Pornographie und Literatur – Zensur und Kunstvorbehalte. Meine Beiträge waren inkompatibel mit dem silberzüngigen Sprechen des Mannes mit dem kleinen Hut. Seine Gruppe-47-Suada, die ollen Literaturbegriffe paßten nicht… weiter lesen

12.08.2006 von Schröder & Kalender
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Wahnsystem Feuilleton

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert schwach in nördlicher Richtung.

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Soeben ist ein Buch von Jürgen Roth im Oktober Verlag (http://www.oktoberverlag.de) erschienen: ›Anschwellendes Geschwätz. Kleine Chronik des kommunikativen Krawalls‹. Der Titel enthält auch ein längeres Interview über das ›Wahnsystem Feuilleton‹, das Jürgen Roth mit mir für ›Konkret‹ führte:

Konkret.jpg

Eine Korrektur zur Konkret-Bildunterschrift: Ich habe natürlich gesagt: »Debile alte Säcke werden von solchen Hyänen plattgemacht.« Und hier ist das Konkret-Interview vom Juni 2004:
Wahnsystem Feuilleton

Hochstapelei, Nazipornos, verbotene Bücher und hysterisch diskutierte Verlagswandlungen und -wechsel scheinen die These zu bestätigen, daß der Literaturbetrieb endgültig auf den Hund gekommen ist. Jörg Schröder, der 1969 den März Verlag gründete, die hiesige Verlagslandschaft prägte, durch spektakuläre Publikationen und camouflageartige Aktionen für allerhand Wirbel sorgte und seit 1990 zusammen mit Barbara Kalender viermal jährlich etwa dreihundert Subskribenten mit der Serie Schröder erzählt beglückt, äußert sich zu den zahllosen jüngeren Fällen literarischer und feuilletonistischer Skandalisierung – und zwar auch aus dem Anlaß, daß im area Verlag jetzt die wichtigsten Bücher des März Verlags wiedererschienen sind

Jürgen Roth: In den aufgeregten Feuilletons ist von einer neuen Zeit der Literaturskandale und einer „neuen Klagelust“ (Frankfurter Rundschau) die Rede. Warum dieser Lärm um das ganze Kuddelmuddel von Maxim Biller über die offenbar erfundenen Spionageabenteuergeschichten der Pseudonyma Nima Zamar bis zu Thor Kunkel, um Fragen der Urheberschaft oder der Verquickung von Authentizität und Dichtung? Man könnte doch auch einfach sagen: Na ja, es geht halt mal was in die Hose, und damit hat es sich. Oder interessiert dich das alles überhaupt nicht?

Jörg Schröder: Was heißt interessieren? Interessieren tut mich das in der Weise, wie einen ein Feuilleton immer interessiert. Man liest das sehr intensiv, und wenn man’s weglegt, ist es egal, ob man’s gelesen hat oder nicht. Deswegen heißt das ja Feuilleton. Und jetzt wird halt alles mögliche versucht, weil die Zahlen rot sind und weil sich die Leute in den Feuilletons ihrer Nichtigkeit wenigstens in ökonomischer Hinsicht bewußt werden. Da treibt man eben ein Schwein nach dem anderen durchs Dorf, ob Walser und Reich-Ranicki oder wen und was auch immer. Nun haben sie vor allem die alte Geschichte mit der Würde der Person am Wickel. Zu den Feuilletons gesellen sich dann aber noch die Nachfolgetäter. Wenn es ernstgenommen wird, daß sich die ehemalige Freundin von Biller in dessen Roman wiedererkennt und deshalb die Justiz anruft, kommen sofort zwei, drei andere Figuren angewackelt. Die Feuilletons steigen darauf natürlich ein, weil man da nicht viel nachzudenken braucht. Was auf der Boulevardebene Bohlen ist, wird im Feinfeuilleton mit Biller abgehandelt. … weiter lesen

25.07.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (2)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Und so geht’s weiter mit dem Erscheinen der Geschichte der O: Es nahte der März – nicht der März Verlag, sondern der Monat März des Jahres 1967 –, der Erscheinungstermin der ›Geschichte der O‹ stand bevor. Selbstverständlich hatte ich den ›Spiegel‹ informiert und Ende Februar die Fahnen dorthin geschickt. Ich weiß nicht mehr, wer aus der Kulturredaktion die Seite schrieb, damals interessierte mich das noch nicht. Undankbar! Denn dieser Besprechung mit der Überschrift »Pornographie – O là là« verdanke ich schließlich den Beginn meiner Karriere als Verleger.

Ich erzählte dem ›Spiegel‹-Redakteur, daß die Auflage zwanzigtausend betrage, das machte man schon damals so. Tatsächlich wurden zehntausend Exemplare gedruckt und davon nur fünftausend aufgebunden. Das Buch war schön in Blei gesetzt, Fadenheftung, damals Selbstverständlichkeiten, über die kein Wort verloren wurde. Edel war der Einband, rubinrotes Feinleinen, ein schönes Material mit mattseidenem Glanz. Und weil ich wollte, daß dieses Erotikon schon in seinem Äußeren außergewöhnlich daherkam, besorgte ich mir von Drissler in Frankfurt, einem Spezialisten für Japanpapiere, ein Bütten aus Pflanzenfasern. Die Hauptfarben dieses zarten Materials sind Gelb und Grün in diversen Abstufungen, darin schimmern rötliche Fasern. Da das Papier aus einer bunten Masse geschöpft wird, gibt es von der ersten Ausgabe der ›Geschichte der O‹ keinen Umschlag, der aussieht wie der andere, jeder ist ein Unikat. … weiter lesen

22.07.2006 von Schröder & Kalender
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Making of Pornography (1)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)

Und so ging’s 1966 los mit den deutschen Verlagsrechten an der Geschichte der O: Inzwischen hatte ich Jack Kerouacs bedeutendstes Buch seit ›On The Road‹ gekauft, das er 1950 begann und 1961 abschloß. ›Desolation Angels‹ erschien in den USA erst 1964, ein Schlüsselroman der Beatgeneration, der deutsche Titel: ›Engel, Kif und neue Länder‹. Weiterhin sollten herauskommen: die Erzählungen des Niederländers Esteban López: ›Wie Bruder und Schwester‹, ein zweites Buch von Leroi Jones: ›Ausweg in den Haß‹, die Provo-Erlebnisse des Hans Tuynman, ja und eben ein Buch, ohne das es den Melzer Verlag trotz aller Achtungserfolge bald nicht mehr gegeben hätte und folglich auch nicht den März Verlag: die ›Geschichte der O‹. In der ›New York Times Book Review‹ las ich Susan Sontags Aufsatz, sie erzählte … weiter lesen