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Beiträge getaggt mit ‘Sexfront’

09.05.2009

Sexfront

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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Sexfront war ein Bestseller, insgesamt wurden von den Original- und Lizenzausgaben im Taschenbuch vierhunderttausend Exemplare verkauft. Über diesen kommerziellen Erfolg hinaus ist Sexfront einer der wichtigsten MÄRZ-Titel, weil dieses emanzipative Buch – anders als traditionelle Sexualaufklärungstraktate – mit Vorurteilen und Verboten aufräumte. Salopp gesagt: Sexfront machte die Achtundsechsziger-Generation etwas glücklicher als es die Generationen davor waren.

Zur Entstehungsgeschichte des Buches haben wir bereits vor zwei Jahren Blogs veröffentlicht:

http://blogs.taz.de/schroederkalender/2007/08/07/sexfront-1/

http://blogs.taz.de/schroederkalender/2007/08/08/sexfront-2/

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08.08.2007

Sexfront (2)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Wir waren Ende der Sechziger angetreten, die restriktive Gesellschaft zu verändern, aber bereits 1970, als die ›Sexfront‹ erschien, machten sich die rechten Truppen auf den langen Marsch in Richtung Reaktion. Weil gegen die massenhaften Demonstrationen wenig auszurichten war, hatten sich die reaktionären Strategen etwas anderes ausgedacht: Die Bewegung personalisieren! Man inszenierte Rädelsführerprozesse, deshalb saßen 1969 Günter Amendt, Hans-Jürgen Krahl und Karl Dietrich Wolff auf der Anklagebank. Es ging um die Blockade der Societätsdruckerei, hier wurde die ›Bild-Zeitung‹ gedruckt, die mit ihrer Hetze für das Attentat auf Rudi Dutschke verantwortlich war. Ein Demo-Spruch lautete: »›Bild‹ drillte, Bachmann killte!« Die Frankfurter Auslieferung von ›Bild‹ konnte einen Tag lang behindert werden, obwohl die Polizei mit Wasserwerfern und Reitern gegen die randalierenden Studenten vorrückte, die wiederum kämpften mit Steinen und Baulatten, die Transparente wogten: »Zwei, drei Vietnam, fangen wir bei Springer an!«, »Haut dem Springer auf die Finger!«, »Springer-Presse, halt die Fresse!«

Die Anklage gegen die drei Rädelsführer lautete: schwerer Landfriedensbruch. Krahls Vergehen als Theoretiker und Wolffs Megaphoneinpeitscherei stufte das Gericht als minder schwer ein, aber Amendt, der Logistiker und Frankfurter Straßenschlachtenkommandant, wurde als Haupttäter verurteilt. Mit Bewährung, glaube ich, denn einfahren mußte er ja nicht. Dieser Schuldspruch bei einem Strafprozeß hatte jedoch zur Folge, daß der Springer Verlag im Wege der Zivilklage Schadenersatzforderungen wegen Sachbeschädigung und entgangenen Gewinns beim Verkauf von ›Bild‹ geltend machen konnte. Die Summe belief sich auf zweihunderttausend Mark, also eine gute halbe Million heutzutage. Springer konnte Amendt für ewige Zeiten kahlpfänden. Deshalb schloß ich mit Günter einen trickreichen vordatierten Verlagsvertrag ab, in dem stand, daß er seinen Autorenanteil an Meysenbug abgetreten habe. So zahlte ich die Tantieme für ›Sexfront‹ zwei Jahre lang an Meysenbug, der ihm sein Honorar unterderhand weitergab, bis die Schadenersatzsumme zusammengekommen war. Amendt hatte bei betuchten Linken gesammelt, auch Rudolf Augstein überwies eine nicht unbeträchtliche Summe für den Rädelsführer. Es wurde also im Zweifelsfall nicht nur links argumentiert im ›Spiegel‹, sondern im Ernstfall auch für Linke gezahlt.

Solche Autorenscharade, wie Amendt sie veranstaltete, hatte einen ernsthaften Hintergrund, bei den Porno-Pseudonymen war es mehr ein Spaß. Die Namen der Übersetzer und Autoren der Olympia Press waren nämlich nicht wirklich geheim, sondern wurden von ihnen selbst großzügig an die Presse weitergegeben. Es gehörte eben zum Spiel, sich für die Olympia Press ein Pseudonym zuzulegen. Alle Übersetzer machten es: Lothar Baier, Peter M. Ladiges, Lothar Menne, Wolfgang Schuler und wie sie alle hießen. Selbst Joschka Fischer saß in der Rossertstraße und übersetzte für Olympia Press Pornos unter einem Pseudonym, obwohl ihn noch keiner kannte als fliegender Bücherdieb und Taxifahrer. Damit brüstet sich KD noch heute, daß er Joschka lukrative Aufträge vermittelt habe. Vermittelt? Das ist ein bißchen übertrieben. Wolff ging zu Hardo Wichmann, meinem Olympia-Press-Lektor: »Hör mal, da ist ein Genosse, der heißt Joscha Fischer« – das ›k‹ kam erst später hinzu –, »der würde gerne mal einen Porno übersetzen.« Und Hardo antwortete: »Warum nicht? Wenn er’s gut kann.«

Die deutschen Autoren, die ich nach dem Vorbild von Maurice Girodias aufforderte, Pornographie zu schreiben, benutzten ebenfalls Pseudonyme. Aber darauf beschränkte sich die Parallele, es war kein Alexander Trocci darunter, der gleich serienweise Titel wie ›Paula, der Graf und ich‹ ablieferte. Zum Beispiel schrieb Peter O. Chotjewitz seinen ›Film des Conte la Malfa‹ unter dem Pseudonym Alessandro Peroni, dafür zahlte ich zehntausend Mark. Der Roman war noch gar nicht erschienen, da wollte er bereits den Vorschuß für ein neues Buch, von dem keine Zeile auf dem Papier stand. Fast alle Pornos der deutschen Autoren waren der reine Krampf, es kam nichts Geiles dabei raus, wenn ich mal von Uve Schmidt absehe, der ja inzwischen als Ideenlieferant fest bei mir angestellt war.

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Auch Felix Rexhausen schrieb einen Homosexuellentitel, der, wie mir Schwule berichteten, geil war. Wirklich, die Manuskripte von Peter O. Chotjewitz, Manfred Esser, Ernst Herhaus und so weiter – alle schwach! Denn auch Pornographie ist ein Genre, das gekonnt sein will, so wie das Schreiben von Kriminalromanen. Es gehören gewisse Ingredienzen dazu, die einen Krimi spannend machen und einen Porno geil. Muß ich das näher erläutern? Nein. Jeder hat schon erotische Texte gelesen, die abgrundtief langweilen, bei deren Lektüre sich nichts hebt und gar nichts kitzelt. Während es andere gibt, wo es klappt, auch wenn sie schlicht sind und etwas Schmutz unter den Fingernägeln haben. Das konnten meine deutschen Autoren nicht, und ich hätte doch so gern viele begabte Pornoschreiber gehabt.

Gutes und Wahres von Freunden und MÄRZ-Autoren sowie natürlich auch manches von Leuten, die wir nicht so lieben, steht in Werner Piepers ›Grüner Zweig 252‹. Wir bringen unseren Beitrag zur Anthologie ›Alles schien möglich …‹ in zwei Fortsetzungen.

(BK / JS)

07.08.2007

Sexfront (1)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert schwach in nördlicher Richtung.

Eines dieser Ereignisse, die dich als Verleger später beglücken, bahnte sich unspektakulär an: Günter Amendt, einer der drei Frankfurter SDS-Zampanos, rief mich Ende Januar 1970 an. Wir waren uns noch nicht begegnet, ich hatte nur mal seinen ›Kinderkreuzzug‹ quergelesen. »Hör mal, Schröder«, sagte er, »Alfred von Meysenbug und ich haben die Idee, ein Buch für Jugendliche über Sexualität zu machen. Darüber sollten wir uns mal unterhalten.« Daß Amendt diesen Vorschlag nicht über den Genossen Wolff an mich herantrug, wunderte mich nicht, die beiden konnten sich nicht riechen. Was weiß ich, welche SDS-internen Querelen dazu geführt hatten. »Treffen wir uns heute abend bei mir zu Hause«, schlug ich vor. Am Bibliothekstisch entwickelten Amendt und Meysenbug ihren Plan: Ein Sexualaufklärungsbuch neuer Art sollte es werden, lustfreundlich, das Gegenteil von dem verzopften Kram, der bisher erschienen war. Sie hatten noch keine Zeile geschrieben, keine Abbildung lag vor. Klar war nur, daß das Buch durchgehend viele vierfarbige Bilder, Comics und Zeichnungen enthalten sollte, etwa hundertfünfzig Seiten stark sein müsse und nicht mehr als fünf Mark kosten dürfe. »Hundertfünfzig Seiten vierfarbig für fünf Mark, da legen wir drauf!« sagte ich, »der Ladenpreis müßte mindestens acht Mark sein. Egal, ich mache es. Wann könnt ihr abliefern?« »Das ist noch ein Problem«, meinte Günter, »wir brauchen ein Büro, in dem wir ungestört arbeiten können.« Ich bot ihm an, einen Raum im fünften Stock zu benutzen, wo meine kryptische Agentur ›Bismarc Media‹ residierte. In zwei Zimmern saß Ernst Herhaus mit der Sekretärin Barbara Mendzigall als Konzeptmacher und Glatzenfriseur, vier standen leer. Zwei davon bezogen die ›Sexfront‹-Macher Amendt, von Meysenbug und Bernhard Korell, ein junger Typ mit hohen Wangenknochen, in den Günter verliebt war.

Sie schrieben ein halbes Jahr lang, zeichneten, konzipierten, telefonierten, empfingen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich ließ sie wurschteln. Mit mir besprachen sie nur ihre Titelvorschläge. Keiner gefiel mir, es waren solche Ungetüme wie ›Sex – von der Straße für die Straße‹, ›Das Sexbuch – für Jugendliche, die selber lesen können‹. Alles unbrauchbar, endlich kam: ›Jugendliche an die Sexfront!‹. Da war es, das Wort! »Das ist gut! ›Sexfront‹ ist unser Titel«, sagte ich und skribbelte den später berühmtesten März-Umschlag: ›Sex‹ schwarz auf gelb in voller Breite, darunter ›Front‹ mit einem roten T, ein typographisches Wortspiel mit Sexfron und -front.

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Dieses Buch wurde dann der denkwürdigste und wichtigste März-Titel, weil es eine ganze Generation glücklicher machte. Das ist nicht übertrieben! In der ersten Phase des Verlages bis 1973 verkauften wir hundertfünfzigtausend Exemplare, bei Zweitausendeins noch mal soviel und danach als Rowohlt-Lizenz weitere hunderttausend. Eine Auflage von vierhunderttausend ist schon ein schönes Stück Holz. Verdient hat der erste März Verlag übrigens tatsächlich nichts an ›Sexfront‹, wir mußten ja den Verkaufspreis von fünf Mark beibehalten, und wegen des Vierfarbdrucks war der Titel eben unterkalkuliert. Erst bei Zweitausendeins sah es dann anders aus, da wurde einfach alles schwarzweiß nachgedruckt, und deshalb machte auch März einen anständigen Profit.

Hier geht es aber nicht ums Geld, sondern um das Glück der Leser. Sexualität treibt schließlich jeden um. Neu, ja sensationell war, daß in dem Buch auf einer ganzen Seite und in Farbe ein nacktes Mädchen mit ihrer Möse einfach locker dasaß und auf der anderen Seite ein Junge mit seinem Schwanz. So wurde das selbstverständliche Bekenntnis zur Lust vorgeführt, dem Triebdurchbruch das schlechte Gewissen genommen. Denn geil waren die Menschen ja immer, jedoch verbunden mit Angst, allein das Onanierverbot hat seit Jahrhunderten Hekatomben von Psychen auf dem Gewissen. Und ›Sexfront‹ befreite von Ängsten. Seine Thesen und Merksprüche zu Liebe, Ehe, Homosexualität, Orgasmus, Potenz und Frigidität verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Ich schätze, zwei Millionen Menschen – wenn ich pro Exemplar nur mal mit fünf Mitlesern rechne – wurden durch ›Sexfront‹ direkt beeinflußt. Die mittelbaren gesellschaftlichen Veränderungen, die Amendts Botschaft zu der autonomen Verantwortung im Sexuellen, der Integration von Sexualität und Zärtlichkeit, der sexuellen Gleichheit von Mann und Frau, seine Invektiven gegen Ehe- und Familienromantik, Konsumsex und Leistungszwänge wurden vielfach durch die Medien multipliziert. ›Sexfront‹ hatte den Weg für eine angstfreiere Sexualität freigeschlagen, einfacher gesagt: Die Menschen fickten fröhlicher.

Als erste kauften linke Schülergruppen das Buch und benutzten es offen in ihrer ›Sexualkampagne‹. Andere, weniger Mutige, lasen es unter der Bank und lernten es auswendig. An zig Schulen wurde ›Sexfront‹ von den Lehrern zuerst beschlagnahmt, dann gelesen und schließlich sogar im Unterricht benutzt. Frag mal heute einen der Vierzig- bis Fünfzigjährigen, die 1970 Schüler, Studenten oder Lehrlinge waren und sich zur Linken zählten, was sie mit ›März‹ verbinden. Die meisten werden nicht antworten: ›Roter Stern über China‹, auch nicht Bernfelds ›Antiautoritäre Erziehung‹ oder ›Einer flog über das Kuckucksnest‹. Was alle damals durch ihre Wichsgriffel zogen, war ›Sexfront‹, bis das Ding zerfleddert aus dem Leim ging oder die Seiten sich durch ständig wiederholtes Blättern aufwellten, so daß es aussah, als hätte jemand damit gebadet. Wenn mich heute einer fragt: »Schröder? Der März-Verleger?« und ich bejahe, dann huscht ein Lächeln fröhlicher Erinnerung über so manches Faltenwerk, die Augen blitzen über den Tränensäcken.

Neulich, nach einer ›März-Akte‹-Filmvorführung in der Münchner Seidlvilla, kommt ein Ehepaar auf mich zu, um die Fünfundsechzig, sie eine nette kompakte Frau, er hatte ein buntes Malcolm-X-Ethnokäppchen auf der Birne und stellt sich vor: »Schmitz. Wissen Sie überhaupt, daß wir Ihnen unsere Aufklärung verdanken?« »Nö, wieso?« »Na, ›Sexfront‹!« »Ach, Sie haben damals das Buch gekauft?« »Nein, nein, unser Sohn …« Der war Pennäler, hatte ›Sexfront‹ unter der Bank gelesen und wurde vom Pauker erwischt: Pornographie! Man bestellte die Eltern zum Direktor, es gab Aufregung, weil ihr Christian etwas Obszönes in der Schule verbreitet hatte. Sie bekamen das Corpus delicti ausgehändigt, um dem Filius den Marsch zu blasen. »Und«, sagte Herr Schmitz, »wir haben ›Sexfront‹ gelesen! Seitdem hat sich unser Leben, das heißt, unser Verhältnis zur Sexualität, verändert. Wir sind also tatsächlich über unseren Sohn aufgeklärt worden.«

So etwas hört man gern. Aber es ist auch selten geworden, und da stelle ich mir schon die Frage: Wo ist diese Generation geblieben, die sich einst dank ›Sexfront‹ lockerte und angstfreier wurde? Wieso existieren von denen nur noch vereinzelte Exemplare in Gestalt einer Familie Schmitz? Wie kommt es, daß einem Verleger, dem viele Menschen einst die fröhliche Befriedigung ihres Triebes verdankten, von den achtziger Jahren an zunehmend Ablehnung, ja zuweilen blanker Haß entgegenschlägt? Ganz einfach: Die wenigen Achtundsechziger-Verführer, die sich noch nicht in die Majorsecken von Professuren, Bundestagsmandaten oder Immobilienbüros zurückgezogen haben, trifft die volle Härte des restriktiven Bannstrahls. Denn die Phase der befreiten Sexualität ist vorbei – AIDS ist nur die eine Ausrede. Wo sich allenthalben die Reaktion im fundamentalistischen Kommunitarismus Bahn bricht, rutscht eben die Sexualität wieder mit zurück in die Verklemmung. Kinderbrutwahn und Familienmuff funktionieren auch ohne Mutterkreuz. Wenn du es heute wagst, die Liste der ›Natalie‹-Kopf-ab-Kampagne nicht zu unterschreiben, riskierst du, schon morgen Opfer der neuen Hexenjagd zu werden. Daß ein Vater Drohungen gegen den Mörder seines Kindes ausstößt, kann ich verstehen, was bleibt dem Mann in seiner hilflosen Wut? Aber wenn der Augsburger Oberstaatsanwalt Jörg Hillinger solche Morddrohungen absegnet mit: »Andere sagen das am Stammtisch viel drastischer«, sanktioniert er damit das inzwischen wieder so beliebte »Rübe ab!«. Ein solches Organ der Rechtspflege wird nicht etwa suspendiert, sondern darf die Pogromstimmung ungestraft schüren. Es geht den Hexenjägern dieser Tage nämlich schon lange nicht mehr nur um Sicherungsverwahrung für Sexualstraftäter. Das dumpfe Volksempfinden lechzt nach der Genehmigung, endlich Libertins, Schwule und sonstige Schweine durch ihre Dörfer und Städte jagen zu dürfen, am liebsten würden sie die aufs Rad flechten oder vierteilen. Bei derart klarer Indizienlage bedarf es keiner tiefschürfenden Analysen, um zu erkennen, daß solche kollektiven Phantasien Anzeichen gestörter und restriktiver Sexualität sind.

Fortsetzung folgt

Gutes und Wahres von Freunden und MÄRZ-Autoren sowie natürlich auch manches von Leuten, die wir nicht so lieben, steht in Werner Piepers ›Grüner Zweig 252‹. Wir bringen unseren Beitrag zur Anthologie ›Alles schien möglich …‹ in zwei Fortsetzungen.

(BK /JS)

31.03.2007

Mach doch, was du willst

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in westlicher Richtung.

Gestern war im Babylon am Rosa-Luxenburg-Platz Premiere der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Kurzfilme.

Mir (B) hat am besten der Film von Anna Wahle gefallen, in dem Haupt-, Gesamt- und Gymnasialschüler zwischen zwölf und achtzehn erzählen, was sie später werden oder tun wollen. Zwei Freunde wollen Archäologen werden, damit sie immer zusammenbleiben können. Und eine junge Tierfreundin hat sich entschlossen, es doch auch mit den Menschen zu versuchen, denn: »Mit Pferden kann man nicht ins Kino gehen.« So auch der Titel des Films.

Die Regisseurin zeigt in ruhigen Großaufnahmen die Personen, die jeweiligen Erzählungen der Schüler kommen aus dem Off. Eine verkorkste Schönheit steht stumm vor dem blöden Bungalow ihres Papis, der ihr eingeblasen hat, was sie später alles tun und lassen soll. Da kann man nur sagen: Öfter mal wieder Amendts ›Sexfront‹ lesen!
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08.10.2006

Making of Pornography (16)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Und so geht’s weiter mit dem Comic-Roman Lucy’s Lustbuch: Erst mal wieder Alfred von Meysenbug, uns allen ja schon bekannt aus den vorangegangenen Erzählungen, der Mitarbeiter und Gefolgsmann von Günter Amendt, auch Zeichner von ›Sexfront‹, damals in Frankfurt ein scharfer Tunichtgut, politisch und sexual-politisch. 1968 war von ihm im Heinrich Heine Verlag ›Super-Mädchen. Das Ende der Verkäuferin Jolly Boom‹ erschienen. Als Modell für Jolly diente ihm Carla Aulaulu, eine von Rosa von Praunheims Musen, die ganze Clique traf sich oft in der Römerstadt bei einer Künstlermutter. Alfred bot mir für März einen neuen Comic an, er wollte viel Geld damit verdienen, beschrieb das Projekt so: »Das Mädchen Lucy wird zum ›Bravo‹-Girl des Jahres gewählt, das Ganze ist eine Polemik gegen die ›Bravo‹-Generation und den Konsumismus.« Fand ich gut. ›Lucy’s Lustbuch‹ sollte der Titel heißen. Meysenbug hing bei seinen Figuren dem Prinzip der Wirklichkeitsdopplung an. Das mußte so sein, weil er nicht frei zeichnen konnte, er brauchte genaue Vorlagen. Es war deshalb entsprechend kompliziert: Zunächst fertigte er ein Storyboard jeder Szene an, also eine Skizze, dafür mußten seine Freunde und Freundinnen posieren. Die Szene wurde danach fotografiert, und er begann dann erst, das Foto zum Comic umzuzeichnen. Die Hauptdarstellerin des neuen Comics hieß Lucy, gehörte zum Kreis der Frankfurter Boheme-Mädchen, die Pornographie als Befreiung propagierten, wozu auch Diddy Wah Diddy, also Fatima Igrahim, zählte. >

09.09.2006

Making of Pornography (10): Prof. Bazon Brock dreht einen Pornofilm

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert leicht in östlicher Richtung.

Und so geht’s weiter: Wir saßen da und stützten die Köpfe, Uve Schmidt und ich. Zu dieser Zeit, Ende 1969/Anfang 1970, war Bazon Brock noch eine gerngesehene Person im Hause März. In jeder März-Programm-Vorschau stand damals seine ›Revolution des Ja‹, die ich bereits zwei Jahre vorher im Melzer Verlag angekündigt hatte. Mit Bazon Brock sprach ich über die Schwierigkeiten der Pornofilmproduktion, und er: »Kein Problem, den Film mache ich.« Er übernehme die gesamte Produktion, er kenne da einen jungen Absolventen der Münchner Filmhochschule. »Au weh, schon wieder ein Absolvent.« »Doch, das ist ein guter Mann.« Also, er realisiert das mit dem guten Mann und seiner Klasse an der Hochschule für Gestaltung in Hamburg, »da kann nichts schiefgehen«. Ich, vorsichtig geworden, zahlte erst mal nur das Filmmaterial. Vor Drehbeginn wurde das Verteidigungskonzept festgelegt, wir durften ja nur Filme machen, die von vornherein so konzipiert waren, daß sie den bekannten Verfolgungsbehörden als Kunstwerk präsentiert werden konnten. Und weil der Film der Brüder und Schwestern ›Schüler‹ heißen sollte, so mußten wir, weil wir ihn schon angekündigt hatten, den ersten neugedrehten Film auch ›Die Schüler‹ nennen. Deshalb mußte er auch etwas mit Schülern zu tun haben, ein altes Pornoformat übrigens. Wolf Gremm hatte wohl vorgehabt, eine Art Filmadaption der ›Sexfront‹ zu machen, und so sahst du sie in ihrer Schülerbude über Bücher gebeugt, es wurde ein bißchen ins Heft geschrieben, dann kam, locker, locker, die Freundin zu Besuch, und auf der Matratze, die damals in jeder Ecke lag, wurde gevögelt. Gremm hatte keinen Schimmer, wie man so etwas aufbaut. Die Hamburger Dramaturgie dagegen war ausgefeilter, ein Stummfilmszenario wurde ausgearbeitet, denn es waren ja stumme Filme geplant, sogar ohne Musik.

Das Storyboard: Die Biologielehrerin betritt die Klasse, sie beginnt mit einem Aufklärungsunterricht, das war angedeutet mit ausgestopften Vögeln, die miteinander schnäbeln. Die Schüler, die auf Zwölfjährige runtergezopften zwanzigjährigen Studentinnen und Studenten der Hochschule für Gestaltung, saßen in dieser Klasse mit kurzen Hosen, Miniröcken und den entsprechenden Ringelhemden. Die Trivialmuster wurden vorgeführt: das Schummeln, das Verstecken des Spickzettels in der Möse, das Tuscheln, das Fummeln, das heimliche Knutschen. Der Sexualkundeunterricht, der zunächst das Liebesleben der Vögel erklären sollte, sprang im Film in menschliche Aktionen um, die Schülerinnen und Schüler fingen zum Entsetzen der Lehrerin an zu vögeln. Bazon Brocks Meisterschülerin stellte die Lehrerin dar. Es gab sechs Schüler, drei Mädchen und drei Jungs, das haben sie gut gespielt, bald beleckten und befickten sich alle von hinten und von vorn. Es machte ihnen offenbar Spaß. Natürlich mußte auch die Lehrerin dran glauben, nachdem sie einer Schülerin mit einem langen Lineal den Hintern versohlt hatte. Kameramann war Rainer Boldt, den ich damals noch nicht kannte.

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Als wir bei Herrn Ratibor den Rohschnitt sahen, wußten wir, jetzt haben wir’s, es war technisch perfekt, lustig und auch scharf. Bazon hatten die Typen im Film einen weißen Kittel angezogen, der Professor sollte nicht nur als Voyeur und Regisseur rummachen. Er hat sie ja nicht verführt, der Professor Brock, die Studenten bekamen gute Gage, hatten eine große Gaudi. Aber sie wollten nicht, daß der Professor nur zuguckt und Regie führt, sie wollten auch, daß er mitvögelt. Dies ist ihnen nur halb gelungen, sie zogen ihm zwar den Kittel an, er hatte die Rolle eines Lehrmittelverwalters, der dazukommt, der dann mit reingezogen wird, eine komische Figur, die noch einen weiteren ausgestopften Vogel bringt. Sie wollten Bazon mit einbeziehen, so sah man es im Film, als er noch nicht geschnitten war, im Rohmaterial. Den Kameramann Boldt kannte Brock noch von seiner Schule aus Itzehoe. Damals hieß er noch nicht Bazon, er heißt eigentlich Jürgen Brock. Im Rohmaterial versuchten die Studentinnen, ihrem Professor den Schniepel rauszuholen, von dem Ganzen ist im fertigen Film nur ein Fuß übriggeblieben, den ein Mädchen ins Bild zu zerren versucht, es ist der Fuß von Bazon Brock. Das merkt aber nur, wer das ganze Material kennt.

›Die Schüler‹ waren fertig, auf Boldt richteten sich alle Hoffnungen. Auch er entwarf große Perspektiven, abwechselnd mit Freunden von der Münchner Filmhochschule sollten die nächsten Filme gedreht werden, für den zweiten war Roland Hehn vorgesehen. Die Kamerastaffel stand, bevor wir wußten, wie die Verkaufskopien hergestellt werden konnten, das hat sie allerdings nicht interessiert. Beitlich und ich saßen bei Ratibor in dessen Schule im Taunus, dieser Mann konnte kopieren, aber nur in der Waschküche. Wir brauchten doch Massenkopien, hatten die Werbung anlaufen lassen, die Prospekte wurden gedruckt, die ersten Bestellungen kamen, zehn Minuten Superacht farbig, stumm, einhundertzwanzig Mark. So etwas ist dann später für vierzig Mark verscherbelt worden, zum März-Schlußverkauf in der ersten Phase von Zweitausendeins, aber am Anfang waren es stolze einhundertzwanzig Mark. Ratibor wollte eine große Kopiermaschine kaufen, wir sollten sie vorfinanzieren, es wurde hochgerechnet, wieviel tausend Filme wir wohl verkaufen könnten. Ich sagte es schon mal, vom ersten Film sind siebentausend Exemplare verkauft worden. Siebentausend mal einhundertzwanzig, weißt du, was das macht? Minus Rabatt und Produktionskosten vierhundertzwanzigtausend Mark pro Film, Filmchen, denn es waren Filmköttel, für zehn Minuten – knapp eine halbe Million Umsatz, nicht schlecht. Aber soweit sind wir noch nicht. Glücklicherweise kriegten wir drei Tage vor Übergabe des Schecks an Ratibor mit, daß er das Geld wie der Blitz auf den Roulettetischen von Wiesbaden verzockt hätte.

Wir streckten die Fühler anderweitig aus, von allen Kopierwerken, Geyer, Atlantik, Mosaik, tönte es: »Undenkbar!« Ich wollte schon aufgeben, da, aus heiterem Himmel, meldete sich am Telefon ein Herr Svensson aus Schweden, der mit schwedischem Akzent sehr gut deutsch sprach. Er habe aus der Presse von meiner Filmproduktion erfahren, leite in Stockholm das bedeutende Filmunternehmen Venus Film AB, ob ich kein Interesse hätte, mit ihm zu kooperieren: »Kommen Sie auf meine Kosten, Sie wohnen im Grandhotel«. Nun ist es nicht üblich, Geschäftspartner auf derartig plumpe Weise anzuleiern, ihnen ein Luxushotel anzubieten, das kann man zur Not selbst bezahlen. Also eine Akquisition, als wolle er unbedingt mit mir arbeiten, als brauche er mich. »Wir können uns unterhalten, vielleicht ergäbe sich auch eine Möglichkeit der technischen Kooperation im Bereich des Kopierens«, sagte ich, das mußte er doch ohnehin wissen, daß dies mein Problem war. »Keine Schwierigkeit, wir arbeiten mit einem der leistungsfähigsten Kopierwerke.« Ich beschloß, sofort nach Stockholm zu reisen. Svensson deutete am Telefon an, daß er daran interessiert sei, mit mir eine schwedische Aktiengesellschaft zu gründen. Ich sagte Rechtsanwalt Johannes Riemann Bescheid, der alle meine Geschäfte begleitete, ein Frankfurter Linkenanwalt, der seit der Gründung des März Verlags für mich Prozesse führte, und zwar reihenweise, die gegen Melzer, die Pornoprozesse. Er war derartig eng mit meinen Läden verbandelt, daß ich ihm in der Schwindstraße, wo wir zwei Stockwerke in einem Hochhaus gemietet hatten, drei Räume von der Bismarc-Media-Etage abgetreten hatte, darin betrieb er seine Kanzlei, die Miete wurde mit dem Beraterhonorar verrechnet. Er lebte zur Hälfte von mir, die andere Hälfte kam aus Strafverteidigungen: ›Black-Panthers‹-Geschichten, Astrid Proll oder sonstwelches Links- und erstes Terror-Gemurkel.

(BK /JS)

In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)