High-Heels für das dritte Geschlecht

Mann in High-Heels

Heute ist Ladies’ Night. Olivia Delicious* (27) freut sich auf ihre drei Freundinnen. Ein Gläschen Schampus, enge Kleider und halsbrecherische Absätze – das Frankfurter Nachtleben wartet. Olivia ist wie ihre Freundinnen ein Transvestit. Doch weil sie eine Wette verloren hat, soll sie heute flache Schuhe tragen. Für Olivia wird es eine harte Prüfung, mit ungeahntem Ausgang.

Doch nun kommt sie erst einmal von der Arbeit nach Hause. Im Büro kennen sie alle als Mann, da ihr Chef von ihrer Vorliebe nichts wissen soll. Sie hält ein Paket in der Hand. Vor drei Tagen hat sie bei eBay ein Paar Ballerinas in Größe 45 gekauft. Sie muss Schuhe lieben, denn ihre 87 Paar hochhackige Schuhe hat sie fein säuberlich in vier Schuhschränken verstaut.

Ihr 88. Paar ist ein flacher Schuh. Als sie es auspackt, sieht sie wie ein Kind aus, das zu Weihnachten eine vertrocknete Orange geschenkt bekommt. „Wer trägt so etwas freiwillig?“ Olivia schlüpft vor einem Spiegel widerwillig in die Ballerinas. Die seien völlig unästhetisch, meint sie. Sofort geht sie zum Telefon und will ihre Freundin Luna Diego* anrufen. Ihr Gang ist nicht mehr „ladylike“. Nein, sie läuft in den Ballerinas so, als würde sie über jeden Schritt grübeln. Merkwürdig, denn in ihren flachen Hausschuhen läuft Olivia ganz normal.

 

Schuld haben natürlich die Männer

Ihre Freundin Luna erreicht sie nicht. Mit ihr hat Olivia gewettet – und verloren. Deswegen muss sie heute Abend auch die Ballerinas tragen. „In der Nacht hatte ich ein Gläschen Champagner zu viel getrunken. Ich weiß nicht mehr, um was wir gewettet haben. Bestimmt um einen Kerl“, sagt sie lachend, während sie ihre Ballerinas begutachtet.

 

Drei Stunden später sind ihre Freundinnen da. Das Bad gleicht nun der Maske eines Varietés: Neonfarbene Outfits, Federboas in Pink, lila Perücken, giftgrüne künstliche Wimpern und knappe Korsagen werden sie heute Abend tragen. „Olivia, lass dir einen Bart wachsen, der würde zu deinen Ballerinas passen“, sagt Luna und die drei Freundinnen lachen laut. Nur Olivia nicht. Stattdessen geht sie zurück ins Wohnzimmer. Während ihre Freundinnen im Bad „Wir feiern die ganze Nacht“ singen, sitzt Olivia auf der Couch und ext ihren Champagner.

 

Sorry I‘m a lady

„Mädels, ich kann das nicht. In diesen Tretern sehe ich wie ein Mann aus und fühle mich auch so“, sagt Olivia und zieht die Ballerinas aus. Nun probiert Luna die flachen Schuhe an. Nach wenigen Schritten sagt sie: „Ihr wisst, ich kann alles tragen. Aber das geht echt nicht. Da kann ich mir ja zusätzlich eine Socke in den Schritt stopfen.“

 

Auch die Anderen probieren die Schuhe an. Alle sind der gleichen Meinung: Das sieht nicht nach Frau aus. Luna meint, dass Frauen Ballerinas nur tragen würden, damit sie nicht größer wirken als ihre Männer: „Damit sie auf Augenhöhe sind. Machen wir uns nichts vor: Mir hängt da was zwischen den Beinen, aber in meinem Abendoutfit bin ich eine Frau. Punkt. Zu Frauen gehören nun mal hochhackige Schuhe. Weiß doch jedes Kind!“

 

Die vier Mädels verlassen das Haus – alle in High-Heels. Sie werden heute Nacht wieder Vollgas geben. Hochhackige Schuhe gehören zum Frausein – auch wenn Männer die Schuhe oft nicht wahrnehmen. Aber egal, denn die Schuhe werden der Erwartungshaltung der Freundinnen gerecht. „Das gilt aber nur für High-Heels“, meint Olivia. Die Vier steigen ins Taxi ein. Ganz egal was heute Nacht passiert – auf solch eine Wette lässt sich keine der vier Ladies mehr ein.

* Name von der Redaktion geändert

Text: Patrick Abele, Foto: Dennis Bisch

Kommentare (6)

  1. Es ist schon verrückt aber ich glaube im Übrigen nicht, dass sich in den kommenden Jahren viel ändert denn es gibt doch gar keine Lobby. Bei den Schwulen waren es doch vor allem Männer in den Medien die das Thema salonfähig gemacht haben und solche gibt es bei Transvestiten nicht, oder nicht, dass ich wüsste. Es ist einfach auch nochmal exotischer als Schwulsein und das sage ich der ja bei vielen selbst als exotisch gilt. Gutes Thema!

  2. Hallo zusammen,

    @Nadine: Als Mann läuft sie ganz normal. Wie auch in ihren Hausschuhen.

    @Dennis: Ich bin auch gespannt, ob sich in den nächsten Jahren viel.verändert. Für sie sind flache Schuhe nicht weiblich, auch wenn Ballerinas für Frauen gemacht sind.

    @Chris: Es darf auf der Arbeit keiner wissen, weil sie Angst um ihren Job hat. Wie auch der Link im Artikel zeigt: Unsere Gesellschaft ist leider oft intolerant.

    Grüße,
    Patrick

  3. Das ist ein spannendes Thema und ich finde die Frage nach dem ‚Warum‘ total interessant. Warum darf es auf der Arbeit keiner wissen? Warum versteckt sie sich? Wenn ich ehrlich sein soll ist das für mich auch sehr exotisch. Und auch die Frage ob es in ein paar Jahren dazu gehört finde ich interessant.

  4. Schöner Artikel! Aber der Aussage, man trage nur Ballerinas, um nicht größer als der Mann zu sein, halte ich für völlig falsch. Mein Freund ist viel größer als ich, obwohl ich sehr groß für eine Frau bin – ich könnte also ohne Probleme High Heels tragen. Viel schlimmer finde ich es, dass dann alle meine Freundinnen, auch wenn sie selbst Absätze tragen, nur noch mein Dekolleté und nicht mehr mein Gesicht sehen.

  5. Also das hat sie oder er ja wohl absichtlich gemacht, also so künstlich laufen. Aber warum? Ballerinas sind doch eindeutig Schuhe für Frauen und damit auch also Symbol für Frauen eindeutig identifizierbar. Ich selbst bin schwul und da gibt es ja auch einige Kollegen die das ganz dringend zeigen müssen, also damit es auch jeder auf der Straße 100 Meter gegen den Wind erkennen kann. Vielleicht ist es bei Olivia auch so auch wenn ich es (wie bei vielen schwulen Freunden von mir) nicht erklären kann. Interessant ist der Hinweislink zu Probleme wegen der Anerkennung in unserer Gesellschaft, denn bei Schwulen hat sich vieles getan und manchmal ist es ja mode jung und schwul zu sein 😉

  6. 87 Paar Schuhe hätte ich auch gerne! Aber wie läuft sie denn als Mann zur Arbeit? Da trägt „Sie“ ja auch flache Schuhe!