Vegan essen – aber Lederschuhe tragen?
von Florian Siebeck
Sich vegan oder vegetarisch zu ernähren ist voll im Trend –gesund essen und nachhaltig konsumieren wollen plötzlich sehr viele. Und ja nichts zu sich nehmen, was einmal Augen hatte. Ob Modeerscheinung oder Lebenseinstellung – von Kopf bis Schuh tierfrei ist leichter gesagt als getan.
Sie sind vom Dioxinskandal aufgeschreckt, von Bestsellern wie Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ oder Karen Duves „Anständig essen“ inspiriert: Fünf Freunde von mir starteten vor zwei Wochen ein Experiment. Sie versuchten, eine Woche lang ganz auf tierische Produkte zu verzichten, also auch auf Milch und Käse, wollten vegan leben. Zuvor aßen die einen immerhin gelegentlich Fleisch, andere waren leidenschaftliche Verfechter des Genusses von Steak und Bratwurst.
Sie deckten sich mit Soja-Produkten, Käseersatz und Getreidemilch ein. Sie tauschten ihre Supermarkt-Erfahrungen aus und lasen sich durch zahlreiche Foren im Internet. Eine aus der Gruppe aß versehentlich Honig, sie wurde mit strafenden Blicken und harschen Worten abgestraft. Auch wenn es anfangs schwer fiel – vor allem bei Besuchen in der Mensa oder im Restaurant – sie arrangierten sich. Die größte Herausforderung kam erst auf den zweiten Blick: die Schuhe. Innen hui, außen pfui?
Aus Neugier frage ich in der Filiale einer überregionalen Schuhkette eine Verkäuferin, ob sie mir sagen kann, aus was denn die Schuhe sind. „Na, aus Leder“, kriege ich als Antwort von der verdutzten Verkäuferin. Das muss reichen – und reicht den meisten Verbrauchern wohl auch. Forderungen nach Zutatenlisten von Schuhen sind mir auch noch nie zu Ohren gekommen. „Aber wir haben auch Kunstleder, falls ihnen das lieber ist“, fügt sie hinzu. Eine Antwort verkneife ich mir. Auch im Kleber von Kunstlederschuhen können tierische Zusatzstoffe enthalten sein, vom Tragekomfort ganz zu schweigen.
Spontankauf im Schuhladen fällt für Veganer also schon mal flach, bleibt noch die Suche im Internet. Mittlerweile gibt es einige deutsche Unternehmen, die auf diese Nische setzen. Das Angebot an veganen Schuhen ist vielfältig, vom klassischen Lederschnürer bis zu extravaganten Pumps kann man alles kaufen. Aber auch die Hersteller von veganen Schuhen setzen mehr auf das Vertrauen ihrer Käufer, als auf eine durchsichtige Informationspolitik. Ich erfahre zwar, dass die Schuhe zu 100% vegan sind – aber aus was sie denn gemacht werden, steht in der Regel nicht dabei.
Meine Freunde haben sich während ihres Experiments übrigens keine veganen Schuhe gekauft. Der Aufwand schien dann doch zu groß. Sie haben eine Zwischenlösung gefunden, das Tragen von gebrauchten Schuhen. Nach veganen Idealen ist das ethisch vielleicht nicht ganz korrekt und wird viel diskutiert, aber es ist dennoch eine Überlegung wert. Zumindest für Teilzeit-Veganer.
Text: Johanna Emge, Foto: CALM (CC-by)
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Denke, dass man als sich vegan ernährender Mensch durchaus ohne schlechtes Gewissen, noch gebrauchte Leder-Artikel, meist sind es Schuhe, tragen sollte, bis sie wirklich aufgebraucht sind. Das ist kein Widerspruch, sondern ein nachhaltiges Verhalten.
Beim Neukauf, da allerdings wird es problematisch. Schuhe online zu kaufen, ist immer ein Risiko, Passt nicht, Drückt usw..
Was ist meine Vorgehensweise. Ich habe noch ein oder zwei paar gebrauchte Lederschuhe, die ziehe ich halt nur zu bestimmten Anlässen an, z.B. wenn mach schick ausgehen will (Oper…) Ansonsten die Tagesschuhe sind lederfrei, das angebot in den Schugeschäften ist zwar nicht riessig, aber es gibt eine Auswahl. Wenn nicht, dann gehe ich zu einem anderen Geschäft, soviel Zeit muss sein.
Gott sei Dank wird man, wenn man Schuhe aus Stoff oder Kunstleder tägt heut zu Tage nicht mehr schief angesehen, wäre mir dann auch egal.
bei Deichmann gibts eine ganze Reihe von Kunstleder/Synthetik/Textilfaser-Schuhen. Und der Kleber.. Naja, der ist bei jedem Flaschenetikett auch mit dabei. Und es ist doch schonmal besser wenn man statt Tierkleber+Leder-Schuhen Tierkleber+Kunstleder-schuhe trägt!
das mit dem tragekomfort kann ich so auch nicht bestätigen, es kommt immer auf die verarbeitung des schuhs an. es ist auch möglich kunstlederschuhe mit hohem tragekomfort zu finden, man muss nur etwas suchen. aber am besten fährt man immer noch mit “vegetarian shoes” – da merkt man wirklich null unterschied zu doc martens!
http://www.vegetarian-shoes.co.uk/ (gibts auch bei einigen veganshops, zb einbesseresleben.de oder vegane-zeiten.de)
Sehr gute vegane Schuhe hat auch Bourgois Bohème aus London ( http://www.bbhoheme.com ). Leider schlagen die Transportkosten nach Deutschland heftig zu Buche. Man kann sie dann auch erst zu Hause anprobieren. Funktioniert also nur richtig gut bei Sonderangeboten oder im Schlussverkauf.
Ich hatte mich jetzt jedenfalls endlich dazu durchgerungen (nachdem ich vor fast einem Jahr schonmal so weit war. Ich fühle mich viel wohler mit diesen Schuhen, nicht nur weil sie Klasse aussehen und der Tragekomfort sehr gut ist. Für mich geht es um die Tiere und zusätzlich darum, dass diese Schuhe nicht z.B. von Deichmann kommen, wo ich persönlich mir nicht sicher bin, wie alt die näher waren, die sie herstellten. Die Schuhe sind in Portugal zu korrekten Löhnen handgefertigt.
Das Tragen von Erdöl-Schuhen soll besser sein als das Tragen von Leder-Schuhen?
Leider ist auf der bbhome.com Webseite nicht mehr zu erfahren, als dass es sich um eine Mikrofaser handelt. Portemmonnaies von Matt & Nat, die sie verkaufen, werden zum Beispiel hundertprozentig aus Plastikflaschen hergestellt.
Danke für den Artikel. Und auch herzlichen Dank Floda, für die Frage nach den Erdöl-Schuhen. Ein guter (jedoch nur ein guter) Lederschuh hält sicher sehr viel länger als ein Mikrofaserschuh, ausserdem wirkt er (zumindest was Strassenschuhe angeht) im Winter besser isolierend gegen Kälte.
Was die Verursachung von Tierleid angeht, hat der der Mikrofaserschuh natürlich weiß Gott keine reine Weste. Was wird aus ihm, wenn er abgetragen ist?
Bei den Umweltverschmutzungen durch Bohrinseln, Unfälle etc. handelt es sich nicht um Lappalien. Dadurch gehen ebenfalls Tiere grauenhaft zugrunde. Ich weiss jedoch nicht, ob das mit der systematischen Barbarei in Massentierhaltungen und Schlachthäusern zu vergleichen ist. Das Systematische daran sicher nicht. Über Vergleichszahlen kann man wahrscheinlich nicht einmal spekulieren.
Natürlich habe ich mir als Veganer diese Fragen oft gestellt. Zu einem hundertprozentig befriedigenden Ergebnis bin ich noch nicht gekommen. Nichtveganer empfinden Lederschuhe, Taschen, Gürtel, Handschuhe und Portemonnaises etc. bei Veganern und Tierschützern jedenfalls fast immer als inkonsequent und meinen, ihre Argumente für die Tiere, mit einer flapsigen Bemerkung darüber restlos vom Tisch zu fegen. Dann ist Schluss mit ihrem Nachdenken. Schon aus diesem Grund trage ich lieber keine Produkte. Auf jeden Fall kann ich so jedoch für viel mehr Tiere viel mehr erreichen. Und den Tieren gegenüber machen sie mir jeden Tag ein besseres Gefühl – egal, wie befriedigend meine Gesamtüberlegungen zum Thema ausfallen.
@Christian Härtelt Ich kenne das. Ich muss mich auf der einen Seite vor Fleischessern als verteidigen, dass ich kein Fleisch esse und auf der anderen Seite werde ich dann auch wieder als inkonsequent bezeichnet, weil ich nicht völlig auf tierische Produkte verzichte.
Meiner Meinung nach ist es aber viel wichtiger sich erst einmal bewusst zu machen, was man konsumiert und sich selbst die Frage zu stellen, wo ich anfangen kann meinen Konsum nachhaltiger und bewusster zu gestalten. Das ist der erste Schritt. Und wenn ich erst einmal angefangen habe alles zu hinterfragen, dann kann ich weitermachen. Jeder sollte hier sein Tempo selbst bestimmen, wichtig ist nur ein Bewusstsein zu schaffen.
Ich wünsche mir einfach eine bessere (oder überhaupt) Transparenz aus was und wie Produkte hergestellt wurden. Dem Verbraucher wird es in dieser Hinsicht ja auch unheimlich schwer gemacht. Und das ist auch bei den Herstellern von ökologischen Produkten so.
ich möchte an der Stelle noch erwähnen, dass Leder auch ökologisch problematisch ist. Die Tierhäute werden oft in BIlligländern wie China gegerbt und verarbeitet, dabei werden giftige Chemikalien verwendet, die in die Umwelt gelangen. teilweise sind diese gifte dann auch noch in den fertigen lederprodukten enthalten und können die gesundheit schädigen. Nachzulesen unter:
http://www.greenpeace.at/4929.html