vonshrinkingspaces 13.12.2018

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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Hinter der Farm erstreckt sich der Dschungel. Eben sind wir noch über die seichten Hügel einer grünen Wiese gelaufen, auf der die Hähne, die hier für die Hahnenkämpfe gezüchtet werden, um die Pfeiler, an die sie angebunden sind, im Kreis laufen. Jetzt ist alles grün. Die Bäume und das Bambusgestrüpp erheben sich um uns herum wie undurchdringliche Wände. Das Licht spielt durch das raschelnde Blätterdach und wird im Gestrüpp der Ranken und Flechten tausendfach gebrochen während dornige Kletten und Farne am Boden nach unseren Hosenbeinen greifen. Der Weg ist schmal und steil, führt manchmal stufengleich bergab und neigt sich dann wieder seicht hinauf, tiefer hinein in die grüne Blätterwelt.

Meine beiden Begleiter laufen schweigend voran, trittsicher in ihren Flipflops. Wir erklimmen eine steile Anhöhe, wie eine erdene Mauer und plötzlich öffnet sich ein Fenster im dichten Gestrüpp des Waldes. Arnando* hilft mir das letzte Stück hinauf an den Rand des Dschungels. Unter mir fällt der Boden senkrecht metertief bergab, vor mir erstreckt sich der Steinbruch wie eine schorfige Wunde im Fleisch der Erde.

Er ist stillgelegt, der Boden ist mit buschigem Gestrüpp und Gras bedeckt, das einen Menschen doppelt überragt, dazwischen sandfarbene Felsbrocken und bleiches Geröll. Am weit entfernten gegenüberliegenden Ende erhebt sich eine Steilwand aus pastellfarbenen Gesteinsschichten, gekrönt von Bananenpalmen und einigen mageren Bäumen. Arnando sagt, dass sich der Steinbruch noch weit in beide Richtungen erstreckt, wie ein Flussbett, aber der Wald versperrt die Sicht. Ich sehe nur diesen kleinen Ausschnitt aufgerissenen Landes, das nie rehabilitiert wurde und landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar ist.

Gemeinschaft gibt nicht auf

Seit 26 Jahren kämpfen Arnando und die Bäuer*innen hier um das Land, das ihnen laut philippinischem Landumverteilungsgesetz zusteht. Doch der Landbesitzer, ein reicher Großgrundbesitzer spanischer Abstammung, findet immer neue Wege, es ihnen vorzuenthalten. Nachdem der Bäuer*innengemeinschaft der Landtitel 1992 zunächst verwehrt wurde, starteten sie 2002 eine Petition gegen den Landbesitzer, der behauptete, das Land würde nicht unter die Landreform fallen, da es sich um Waldgebiet und nicht um Farmland handele. Der Fall wurde vier Jahre lang am Obersten Gerichtshof verhandelt, bevor die Bäuer*innen recht bekamen. Die zuständige Behörde, das ‚Department of Agrarian Reform‘ (DAR), sollte daraufhin beginnen das Land zu vermessen und den Landtitel der Bäuer*innen vorzubereiten, doch es gab einen Fehler in Akten, da der Landbesitzer einen Antrag auf den Abbau von Gestein auf besagtem Land gestellt hatte.

Der Antrag war zwar zwei Jahre nach dem Gerichtsurteil gestellt worden, aber er wurde trotzdem genehmigt und die Arbeiten begannen. Ein großer Teil des versprochenen Landes wurde zerstört. Der Landbesitzer kannte die richtigen Leute und besaß das nötige Schmiergeld. Die Bäuer*innen protestierten, hielten Pressekonferenzen ab, organisierten sich und berichteten in der Zeitung über das Unrecht, das ihnen widerfahren war. Einige von ihnen wurden daraufhin vertrieben, ihre Häuser demoliert. Seitdem leben sie in behelfsmäßigen Hütten am Straßenrand oder unter den Betonpfeilern der Brücke, die den Gebirgsfluss überspannt. Trotzdem gab die Gemeinschaft nicht auf und ging weiter gegen den Landbesitzer vor, bis er sich irgendwann auf Verhandlungen einließ. Rob*, vom Social Action Center Bacolod, das die arme Bevölkerung in diversen Angelegenheiten unterstützt, nimmt mich zu einer dieser Verhandlungen mit.

Die Bäuer*innen haben sich in einer asphaltierten Seitenstraße um ihre Motorräder herum versammelt und warten auf den Landbesitzer, Mr. Asano*. Ein großer grausilberner Toyota Pick-up biegt in die von Feldern und Bäumen umsäumte Straße ein, die sich kurvig den Berg hinauf schlängelt. Der Landbesitzer und ein anderer Mann steigen aus und kommen auf uns zu. Mr. Asano ist etwas größer als die meisten Filipin@s hier, aber vor allem weißer. Seine Haut ist ganz hell und weich und faltig im Gesicht, das schüttere Haar ist grau meliert und ordentlich über die beginnende Halbglatze gekämmt. Er trägt einen breiten Ehering und eine silberne Uhr, ein kariertes Hemd und Jeans. Er könnte in den Sechzigern sein.

Der andere, vielleicht Ende vierzig, ist etwas größer als Mr. Asano, hat die gleiche helle Haut, weiche Augenlider und Schmolllippen. Er redet nicht viel, höchstens um die Aussagen des Landbesitzers zu unterstützen. Rob stellt mich den beiden vor und Mr. Asano teilt mir mit, dass sie heute hier sind, um eine friedliche Lösung für alle Beteiligten zu finden. Das Gleiche sagt er auch den Bäuer*innen, die sich um ihn versammelt haben. Einige sitzen auf ihren Motorrädern, andere stehen etwas abseits mit verschränkten Armen und abwartend verschlossenen Mienen. Mr. Asano trägt eine dünne, braune Mappe unter dem Arm. Nachdem er seine Ansprache beendet hat, in der er weiter seinen guten Willen äußert, trägt er ihnen das Angebot vor. 

Die größte Sorge: der Steinbruch

Ursprünglich sollte jedem Mitglied der Bäuer*innenorganisation 1000 m² Land zukommen, jetzt sind es nur noch 200 qm pro Person. 1 m² Land kostet 100 Pesos, ca. 1,67 Euro, jede/r Bäuer*in müsste also 20 000 Pesos, umgerechnet etwa 333 Euro, aufbringen, um Mr. Asano das Land abzukaufen. Für die Bäuer*innen ist das eine Menge Geld, vor allem da ihnen laut dem Gerichtsurteil mehrere Hektar Land zustehen, ohne dafür zu bezahlen. Mr. Asanos Angebot beinhaltet außerdem, dass die Bäuer*innen ihre Kampagne gegen ihn stoppen und aufhören, um ihre Rechte zu kämpfen. Während die Bäuer*innen noch diskutieren, zückt Mr. Asano die Mappe. Sie beinhaltet eine tagesaktuelle Zeitung des Daily Star.

In einer Randspalte gibt es eine kurze Notiz über den Landkonflikt, in der sein Name erwähnt wird. Mr. Asano ist beleidigt, dass er den Bäuer*innen Angebote macht und sich bereit erklärt mit ihnen zu verhandeln und sie ihn zum Dank öffentlich verleumden. Er wedelt entrüstet mit der Zeitung, nun muss er sich vor all seinen Freunden rechtfertigen und dass obwohl er den Bäuer*innen doch so ein großzügiges Angebot gemacht hat. Während er sich beschwert, klettert seine Stimme ein paar Oktaven höher, sein Ton wird weinerlich, sein Blick enttäuscht und vorwurfsvoll. Er scheint tatsächlich nicht zu verstehen, warum die Gemeinschaft kein Vertrauen in ihn besitzt und ihn so hintergeht. Die Gruppe wird unruhig, die Zeitung wird hin und her gereicht, es wird lauthals diskutiert. Am Ende einigen sie sich darauf, sich das Land wenigstens anzusehen, aber es ist zu klein und der Preis ist zu hoch. Es kommt zu keiner Einigung. 

Die Bäuer*innen nehmen Rob und mich mit zu ihrem Treffpunkt, um die nächsten Schritte zu diskutieren. Die größte Sorge bereitet ihnen der Steinbruch. Die Arbeiten sind nur vorübergehend gestoppt und die Lokalregierung muss entscheiden, ob er wieder in Betrieb genommen wird. Für die Politiker*innen bedeutet der Steinbruch eine Menge Geld, das in ihre eigenen Taschen fließt und die Bäuer*innen haben wenig Hoffnung, dass sie dagegen stimmen werden. Also bereiten sie sich vor, planen die nächsten Veröffentlichungen in der Presse und diskutieren, ob sie eine Klage gegen den Landbesitzer einreichen sollen. Sie werden nicht verstummen und sie werden weiter für ihre Rechte kämpfen, auch wenn der Konflikt weitere 26 Jahre dauert, denn das Land ist ihre einzige Chance, sich selbst und ihre Familien zu ernähren.

*Alle Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

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