vonshrinkingspaces 02.03.2019

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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Laosvietnamkambodscha
Es ist ein kühler Abend in einem Hostel in Metro Manila. Nach dem Regen fühlt sich die von Ventilatoren durchwirbelte Luft fast frisch an und im Aufenthaltsraum sammeln sich nach und nach die Gäste mit San Miguel und Red Horse Bier in Literflaschen und Erdnüssen in mundgerecht portionierten Plastikverpackungen. Die Gespräche rotieren um den Verkehr in Metro Manila, die günstigsten Flüge nach Siargao, die besten Sehenswürdigkeiten in El Nido und die nächsten Reiseziele. Fast alle sind auf der gleichen Route, wenn auch manchmal in verschiedene Richtungen. Manche starten in Australien oder Neuseeland, um mit einem Working Holiday Visa in ein paar Monaten viel Geld zu verdienen und fliegen dann zur Full Moon Party nach Thailand. Dort beginnt die Bananapancakeroute durch Südostasien: Thailand, Myanmar, dann Laosvietnamkambodscha, in einem Atemzug, als wäre es ein Land. Vietnam und Thailand sind die Favoriten, wegen des guten Essens und der guten Infrastruktur. Es sind die Länder, die sich bis jetzt am meisten dem weißen Tourismus angepasst und darum für die Backpacker*innen am meisten zu bieten haben. Mit dem Motorrad von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-City eine absolut einzigartige time of my life für jede/n von ihnen. Laos ist der untouristische Geheimtipp, in dem es schöne Landschaften, aber sonst nicht viel gibt und Kambodscha ist für die meisten eine Enttäuschung. Zu arm und bis auf den Angkor-Wat zu wenig zu sehen, keiner spricht Englisch! Empörend. Wer genug Geld hat, fliegt lieber weiter nach Indonesien, macht Yoga auf Bali und lässt sich ein Tattoo stechen, unter das handpoked Bambootattoo aus Thailand, das in Europa so selten ist und irgendeine schöne buddhistische Bedeutung hat. Welche war das noch mal? Der Buddhismus ist doch eine gute Religion, oder? Mit Meditation und so. 

Diese verrückten Filipin@s
Die Philippinen sind neu auf der Bananapancakeroute. Vielleicht weil die Strände, Inselparadiese und Wasserfälle lange unbekannt waren, oder weil die Riffe auf Kho Tao langsam dem Tauchtourismus zum Opfer fallen und die balinesischen Strände so überfüllt sind, dass Surfer*innen sich woanders nach Wellen umsehen müssen. Wo liegen eigentlich die Philippinen und warum sprechen die hier alle Englisch und gehen sonntags in die Kirche? Nicht so wichtig, so ist es wenigstens leicht, nach der nächsten Bar und vegetarischem Essen zu fragen. Außerdem sind hier alle so gastfreundlich und lächeln immer so süß. Warum gelten die eigentlich als Dritte-Welt-Land? Ach so ja, wegen der Slums, die man vom Taxifenster auf dem Weg zum Ninoy Aquino Airport in Manila sieht, aber können die nicht mal ihre Straßen asphaltieren? Diese holperigen Feldwege sind ja gemeingefährlich. Wahnsinn wie die Filipin@s das machen mit sechs Leuten und drei Hühnern auf einem Motorrad. Und dann der public transport! Es ist so verrückt, dass es keine Busfahrpläne gibt und so lustig, dass man an fünf Mitarbeiter*innen vorbei muss, um ein Fährenticket zu kaufen.

Der weiße Konsument und die philippinische Servicekraft
Gespräche zwischen Tourist*innen auf den Philippinen laufen immer gleich ab. Wo kommst du her? Wo fährst du als nächstes hin? Wie lange bist du schon da? Was hast du schon gesehen? Und sie erzählen alle die gleichen Geschichten, weil sie alle an denselben Orten, dieselben Sachen gemacht und in denselben Hostels übernachtet haben. Sie waren alle surfen auf Siargao, tauchen in Coron, am Strand von Malapascua. Sie sind alle enttäuscht von den Chocolate Hills und den Affen in Bohol, weil die alle geschlafen haben und man leise sein musste. Sie finden El Nido viel zu touristisch, aber haben trotzdem Tour A und D gebucht, weil da nicht so viele chinesische Tourist*innen sind und hängen lieber im entspannten Port Barton ab, weil das noch diesen lokalen Charme hat, obwohl in den Bars nur Weiße sitzen und konsumieren, während die Filipin@s arbeiten und den Service erbringen, den sich ein weißer Mensch im Urlaub wünscht: französisches, amerikanisches oder englisches Frühstück, Mangoshakes, Strandbars und gute Ausflugsangebote für möglichst wenig Geld. Der Postkolonialismus lebt. In den Süden von Palawan reist niemand, die meisten wissen noch nicht mal wieso, es soll nur irgendwie gefährlich sein. Muslim*innen und Malaria. 

Einseitige Narrative
Niemand weiß vom Krieg gegen die Armen, von der Antidrogenkampagne, den extralegalen Tötungen, den Rebellionen und dem Kampf um Gerechtigkeit. Niemand weiß, wo Mindanao liegt und warum es für Weiße gefährlich ist, dort hinzufahren. Sie denken, es lohne sich einfach nicht. Es steht nicht im Reiseführer, also kann es da keine Korallenriffe, Diskotheken und Dschungelabenteuertouren geben. Niemand weiß, was im Norden von Negros auf den Zuckerplantagen passiert, dass an jeder Supermarktkasse und an jedem Ticketschalter fünf Angestellte stehen, weil der Staat sich mit einer Arbeitslosenrate von 5 % rühmt, indem er Jobs mit so niedriger Qualität bereitstellt, dass die meisten Menschen, die solche Tätigkeiten ausüben, trotzdem noch als arm gelten und dass die Filipin@s so gut Englisch sprechen, weil sie nach den Spaniern noch hundert Jahre amerikanische Kolonialherrschaft hinter sich bringen mussten. Niemand weiß, dass die Straßen und die Infrastruktur mitunter so schlecht sind, weil der Staat sich durch Korruption und durch die Abhängigkeit von ausländischen Investor*innen immer mehr verschuldet und niemand versteht, warum die Filipin@s im Tricycle viel weniger bezahlen müssen. Stattdessen vermissen sie Käse und eine warme Dusche und werden am Ende alle die gleichen Geschichten mit nach Hause bringen. In den Köpfen der Tourist*innen bestehen die Philippinen aus maximal zehn Inseln mit schönen Stränden, Kokosnusspalmen und Moskitos. Leider ist das Land ein bisschen unterentwickelt, aber diese lächelnden Einheimischen scheinen ja auch nicht so viel zu brauchen.

Weißes Geld
Die meisten schauen ziemlich ratlos drein, wenn ich ihnen von meiner Arbeit erzähle, und fragen dann lieber nach, wo ich schon überall gewesen bin. Natürlich, sie sind ja nicht hier, um sich mit Politik zu beschäftigen, sondern um Urlaub zu machen. Für mehrere Monate oder mehrere Jahre und manche für immer. Weißes Geld ist hier eine Menge wert. Die, die für immer bleiben, sind zumeist weiße Männer über 40, die sich hier eine philippinische Ehefrau und ein Stück Land kaufen, damit sie ihren Lebensabend am Strand verbringen können, ohne Steuern zu zahlen. Sie sind Teil des Stadtbilds in jeder Hafenstadt. Mit roten Gesichtern und Socken in den Sandalen sitzen sie breitbeinig in den Strandbars, in der einen Hand ein kühles Bier, in der anderen eine Filipina, die neben ihnen aussieht, wie ein Kind und ihren Rock zu Hause vergessen hat. Vielleicht haben sie daher den Spitznamen Dirty Old Grandpa. 

Einsame weiße Männer
„Diese Männer sind einsam“, erzählt mir einer von ihnen, der nicht mit ihnen in einen Topf geschmissen werden möchte. Manfred ist in Deutschland und den USA aufgewachsen. Seine Mutter ist Palästinenserin, aber bis er 45 war, hat er sich nie getraut, dahin zu fahren. „Ich war so überrascht von der Großzügigkeit der Menschen dort“, sagt er mit glitzernden Augen. Jetzt lebt er halb in Mexiko und halb auf den Philippinen. „In Europa haben solche Männer nichts, wenn sie alt werden, bei den ganzen Steuern die sie zahlen müssen“, erklärt er mir. „Da bleibt nicht viel für die Rente. Die Frauen hier geben ihnen Liebe und das Geld reicht, um sich eine Pflegekraft anzustellen und wöchentlich zur Massage zu gehen. Hier sind sie reich. Wenn sie der Frau einen Drink bezahlen oder ein Kleid kaufen können, fühlen sie sich groß und wertvoll.“ Manfred findet, er ist nicht wie sie, aber es stört ihn, dass alle Filipin@s immer nur Geld von ihm wollen. „Ich gebe gern, aber sie haben nie genug und sie erwarten immer, dass ich alles bezahle. Ich fühle mich ausgenutzt.“

Der Handel mit der Liebe
Ich erzähle ihm, dass ich andere Erfahrungen gemacht habe. Dass ich es bewundere, wie die Menschen hier teilen und einen zum Essen einladen, egal, wie wenig sie selbst haben. Ich bin jedoch auch kein weißer reicher Mann, der sich alles, was er braucht hier kaufen kann. Selbst Liebe. Oft wird es so dargestellt, als wären die Filipinas Opfer dieser Männer. Als wären sie eine Form von Sexsklavinnen und als hätten sie keine andere Wahl. Das ist nicht immer wahr. Viele suchen sich aktiv solche einsamen weißen Männer, weil sie wissen, dass sie sich damit die Zukunft und die ihrer Kinder und Eltern sichern können. Ehefrau eines Weißen zu sein ist lukrativ, es gibt Geld, ohne dass man dafür zehn Stunden am Tag arbeiten muss. Die Kinder sind privilegiert und können gute Schulen besuchen. Für viele Filipinas ist es ein Tauschgeschäft, das sie gerne eingehen. „Das hat doch nichts mit Liebe zu tun“, sagt Manfred. „Die Frauen spielen denen was vor und beuten die aus.“ Recht hat er, aber war die Ehe nicht schon immer ein Handel? 

Das Privileg der Privilegierten
Manfred ist beleidigt, dass er behandelt wird, wie ein Goldesel, genauso, wie die Tourist*innen beleidigt sind, wenn sie vom Taxifahrer abgezogen werden. Es schmerzt, wenn ihre Privilegien gegen sie verwendet werden, wenn nicht sie willkommen sind, sondern ihr Geld und wenn so eine unbedarfte, nett lächelnde Filipina, die nie die Welt gesehen hat, sie tatsächlich ausbeutet. Sie wissen nicht, dass sie hier Monate und Jahre lang leben können, ohne zu arbeiten, weil sie in einer hegemonialen Weltordnung auf der privilegierten Seite der Erde geboren wurden und dass diese Länder so billig sind, weil ihre Vorfahren sie Jahrhunderte lang kolonisiert haben und bis heute ausbeuten. Sie wissen nicht, wie schwer und teuer es für Filipin@s ist, nach Europa oder in die USA zu kommen. Sie wissen nicht, dass Visa Upon Arrival nicht für alle da sind. Sie denken, sie sind weltoffene Kosmopolit*innen, die coole Stempel in ihrem Pass sammeln und verstehen, wie die Welt funktioniert, aber letztendlich bewegen sie sich, egal durch wie viele Länder sie reisen in einer weißen Blase, die von der Tourismusindustrie für sie bereitgestellt wird. In dieser Blase sehen sie genau das, was sie sehen wollen und bekommen mit den Bananapancakes zum Frühstück die perfekte Mischung aus westlichem Luxus und fernöstlicher Exotik serviert.

Das Hostel leert sich nach und nach. Es ist Freitagabend und die Backpacker*innen gehen trinken, feiern, vögeln. Sie können alles kaufen und lassen nichts da. Der Tourismus ist ein wichtiger Sektor und viele denken, dass sie den Menschen damit einen Gefallen tun, indem sie hier reisen, wie eine Art Almosen, aber die heutige Weltordnung ist kein Zufall. Die Welt hat eine Geschichte und dafür sind die weißen Tourist*innen blind. Das Privileg der Privilegierten. Und trotzdem finden sie es eine Frechheit, wenn die Massage über 300 Pesos kostet (umgerechnet ca. 5 Euro) und der Tricyclefahrer ihnen mehr Geld abnimmt, als den Filipin@s.

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