vonshrinkingspaces 29.08.2019

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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Der Mastercard Index of Women Entrepreneurs (MIWE) von 2018 analysiert Leistungen, Fortschritte und Errungenschaften von weiblichen Unternehmerinnen weltweit und vergleicht die Unterschiede weiblicher Arbeitskraft in 57 Ländern anhand von drei Hauptfaktoren: Aufstiegschancen, Zugang zu Bildung und Finanzierungsmitteln und unternehmerische Faktoren. Die Philippinen gelten in dieser Studie als einkommensschwaches Land, schneiden innerhalb der drei Faktoren jedoch vergleichsweise gut ab. So gibt es rund 68 % weibliche Unternehmerinnen in den Philippinen mit einem hohen Zugang zu Bildung und finanziellen Mitteln (81,5 %) und den höchsten Aufstiegschancen für weibliche Arbeitskräfte (65,9 %). Die Studie fasst zusammen, dass die Philippinen neben Neuseeland, Kanada, den USA, Singapur, Australien, Belgien und Großbritannien die besten Konditionen für weibliche Unternehmerinnen bietet und über die vergleichsweise kleinste Geschlechterdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt verfügt. Angeblich sind philippinische Frauen im weltweiten Vergleich mit weniger Hürden konfrontiert und erfahren größeres Vertrauen, Anerkennung und Bestärkung in ihren Rollen als Unternehmerinnen. Ein Blick jenseits der Zahlen offenbart jedoch Geschlechter- und Arbeitsverhältnisse, die sich um einiges komplexer darstellen. Mary Joan A. Guan, Geschäftsführerin der philippinischen Frauenrechtsorganisation Center for Women’s Resources (CWR) weist darauf hin, dass die Rolle der Frauen auf den Philippinen in Verbindung mit diversen Machtstrukturen betrachtet und vor allem klassensensibel behandelt werden muss.

Unsichtbare Arbeit

In der philippinischen Gesellschaft dominieren konservative, katholische Geschlechterrollen, in denen die Männer als Brotverdiener und Familienoberhäupter betrachtet werden. Die Frauen üben die klassischen unsichtbaren und unbezahlten Arbeiten aus wie Hausarbeit, Kindererziehung, die Pflege von Angehörigen und die Pflege der körperlichen und emotionalen Bedürfnisse der primären Arbeitskräfte, den Männern, denen sie damit ökonomisch wie sozial den Rücken freihalten. Auf dem Arbeitsmarkt werden Frauen als Lückenfüllerinnen und Dazuverdienerinnen behandelt und nicht als eigenständige Arbeitskräfte, obwohl sie oftmals mehr arbeiten als die Männer. Auch wird ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt durch Mutterschaft und häusliche Verpflichtungen zum Teil erschwert oder verwehrt. 29,2 % der philippinischen Frauen gelten als ökonomisch inaktiv, wobei die Arbeit in der Familie nicht als Arbeit gewertet wird, bei den Männern sind es nur 3,1 %. Dabei erzielen philippinische Frauen durchschnittlich bessere Noten und höhere Bildungsabschlüsse als Männer. Dies ist ebenfalls der geschlechterorientierten Arbeitsteilung geschuldet, denn Jungen und Männer fangen vor allem in den niedrigeren sozialen Gesellschaftsschichten früh an zu arbeiten, wodurch ihre Bildungskapazitäten stark eingeschränkt werden. Mädchen helfen klassischerweise im Haushalt, was sich mit der Schuldbildung besser kombinieren lässt. Dieser Vorteil verfällt jedoch zumeist nach der Hochzeit und der Geburt des ersten Kindes. Frauen erleben dann die doppelte Belastung ihre Familie zu versorgen und gleichzeitig eine professionelle Tätigkeit auszuüben. Viele müssen daher auf Berufe zurückgreifen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind oder sich ganz aus der Arbeitswelt zurückziehen.

Outsourcing von Hausarbeit

2017 waren daher nur 92.000 Frauen in professionellen oder wissenschaftlichen Positionen angestellt. Die Frauen, die eine solche Positionen erreichen, kommen hauptsächlich aus den höheren Gesellschaftsschichten und können sich eine Haushaltshilfe oder eine Kinderbetreuung leisten. Sie entledigen sich ihrer Doppelbelastung, indem sie diese auf einkommensschwächere Frauen abwälzen. Die ’nannys‘ (Kindermädchen) und ‚maids‘ (Hausmädchen) leben zumeist mit im Haus der reicheren Familie. Die Familie rechtfertigt damit, ihnen weniger zu bezahlen, da sie keine Ausgaben für Essen und Unterkunft haben. Es bedeutet aber gleichzeitig, dass die meisten dieser Hausangestellten 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen müssen und nicht selten in sklavinnenhaften Verhältnissen leben. Ihre Familien können sie dann nur noch finanziell unterstützen und die Hausarbeiten in den eigenen Familien werden von Großmüttern oder älteren Töchtern übernommen. Männer werden in Privathaushalten als Gärtner oder Fahrer angestellt. Sie werden besser bezahlt, leben bei ihren eigenen Familien (in denen ihre Ehefrauen sich um den Haushalt kümmern) und genießen bessere Arbeitsbedingungen.

Dienstleisterinnen, Haushälterinnen, Mütter, Unternehmerinnen

Auch auf dem freien Arbeitsmarkt werden Männer laut der Philippine Statistics Authority (PSA) zwischen 4 und 44 % besser bezahlt als Frauen. Dies unterstützt die Abhängigkeit vieler Frauen von ihren Ehemännern und fördert die Ausbeutung von Frauen in schlecht bezahlten Jobs, denn das philippinische Wirtschaftssystem stützt sich neben ausländischen Investor*innen und Krediten auf einen breiten Niedriglohnsektor, indem auch Männer oftmals nicht genug verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Frauen füllen diese Lücken, indem sie in noch schlechter bezahlten Jobs dazu verdienen, hauptsächlich im Einzelhandel, als Fabrikarbeiterinnen oder Haushaltshilfen. Diese Anstellungen entsprechen ihren konventionellen geschlechtsspezifischen Tätigkeiten als Dienstleisterinnen, Haushälterinnen und Müttern, was die neoliberale Marktwirtschaft für sich nutzt, sie schlechter zu bezahlen. Viele Frauen werden daher selbstständige Kleinunternehmerinnen. Sie verkaufen Nahrungsmittel und Konsumgüter auf dem Markt, an der Straße oder Zuhause in selbstgeführten Sari-Saris (Kioske), bauen eigenes Gemüse an oder halten Haustiere zur Nahrungsmittelproduktion. Wenn der MIWE also 68 % weibliche Unternehmerinnen berechnet, schließt das diese Frauen mit ein. Diese Zahl verschleiert jedoch, dass es sich um Notwendigkeitsunternehmertum handelt, dass die Frauen die Art ihres Unternehmertums nicht frei wählen, sondern ökonomisch dazu gezwungen werden und dass die Selbstanstellung sie von Arbeitsrecht und Rentenansprüchen ausschließt.

Flexible Arbeitskraft

Genauso verhält es sich mit den Anstellungsverhältnissen im Niedriglohnsektor. Man spricht von ‚endo contractualization‘ also kurzweiligen Arbeitsverträgen von unter 6 Monaten, wodurch die Arbeitgeber*innen keine Sozialabgaben für ihre Angestellten zu zahlen haben und gesetzliche Vorgaben umgehen können. Diese breite Masse an flexiblen Arbeitskräften besitzt einen hohen Frauenanteil und ist massiven ökonomische Unsicherheiten ausgesetzt. Aufgrund dieser prekären Lebensumstände ist die Mitgliedschaft von Frauen in Arbeiter*innenvereinigungen, die zumeist eine permanente Anstellung erfordern, sehr gering. 2004 waren noch 14,35 % Frauen Teil einer Arbeiter*innenvereinigung, 2016 nur noch 5,3 %. Dies deutet darauf hin, dass die Umstände sich verschlechtern, sodass die Frauen lieber in ihren unterbezahlten Positionen bleiben, als diese, und damit das Einkommen und das Leben ihrer Familien, durch das Einfordern ihrer Rechte zu gefährden. Viele Firmen im Niedriglohnsektor drohen ihren Angestellten auch mit Entlassung, sollten sie sich einer Arbeiter*innenvereinigung anschließen, Frauen werden dabei eher entlassen als Männer, da sie aufgrund ihrer reproduktiven Fähigkeiten als weniger profitabel gelten. Schwangerschaften bedeuten eine weitere Verletzlichkeit philippinischer Frauen.

Das Recht auf Selbstbestimmung

Aufgrund des Katholizismus sind Abtreibungen in den Philippinen verboten. Vor allem in den niedrigeren Gesellschaftsschichten mangelt es außerdem an ausreichender Aufklärung und den notwendigen Ressourcen zur selbstbestimmten Geburtenkontrolle. Schwangere Frauen, die wissen, dass sie sich ein weiteres Kind nicht leisten können, lassen daher illegale Abtreibungen durchführen, die nicht selten zu gefährlichen Komplikationen oder auch zum Tode führen. Abtreibungen sind so verpönt, dass manche Ärzt*innen sich weigern, Frauen zu behandeln, die nach einem illegalen Schwangerschaftsabbruch mit Komplikationen zu ihnen kommen. Mary Joan Guan sagt, man müsse die Sache aus einer holistischen Perspektive betrachten. Hätten die Frauen ein sicheres Einkommen und faire Arbeitsverhältnisse, könnten sie sich leisten, so viele Kinder zu bekommen, wie sie wollten. Gleichzeitig fordert sie bessere Unterstützung bei der Aufklärung von staatlicher Seite und die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, sodass uneingeschränkter Zugang zu medizinischer Versorgung gewährleistet werden kann. „Frauenrechte sind Menschenrechte“, sagt sie. „Wenn wir die Lebenssituationen der Frauen verbessern, verbessern wir auch die Lebensumstände für alle anderen.“

Machopopulismus und misogyne Rhetorik

Leider sehen das viele Menschen nicht so. Allen voran Präsident Duterte. Bereits vor seiner Kandidatur war er für seine sexistischen und frauenverachtenden Aussagen bekannt. Während seines Wahlkampfes wurde diese Misogynie Teil seiner Rhetorik, um das Bild des Vaters oder großen Bruders zu stärken, der die Dinge in die Hand nimmt und nicht nur herrscht, sondern beherrscht. Der maskulinistische Beschützeranspruch, der in dieser Selbstdarstellung steckt, schlägt schnell um in gewaltverherrlichende Methoden, für die der Drogenkrieg das beste Beispiel ist und die Verachtung von Frauen Teil seiner Machtdemonstration wird. Es sorgt für Lacher im Publikum, wenn Präsident Duterte seinen Soldaten empfiehlt Frauen in die Vagina zu schießen oder sie zu Vergewaltigungen ermuntert und es später als Witz abtut. „Das ist Teil seiner unmittelbaren Art“, verteidigen ihn seine Anhänger*innen, „er ist eben einer von uns.“ Pater Chris, Pfarrer des Social Action Centers der Diözese Bacolod empfindet diese Einstellung als sehr problematisch. „Er normalisiert Gewalt gegen Frauen und demoralisiert die Leute, vor allem die jungen. Wenn der Präsident solche Sachen sagen darf und Gewalt gutheißt, sind sie eher dazu geneigt, ihm dies gleichzutun.“

Vergewaltigung gilt per Gesetz als schändliches Verbrechen, trotzdem werden laut Datenerhebungen des Center for Women’s Ressources täglich bis zu 20 Vergewaltigungen verübt, wobei es eine große Dunkelziffer gibt. Besonders sexueller Missbrauch in Familien wird nur selten gemeldet und Umfragen zeigen, dass die meisten Frauen sich aus Angst oder Scham nicht trauen, sexuelle Gewalt den Behörden zu melden. Anzeigen sind selten und kommen häufiger von Familienmitgliedern, als von den Frauen selbst. Dies ist einer Vergewaltigungskultur zuzuschreiben, wie es sie auch in Deutschland gibt, in der den Frauen die Schuld zugeschoben wird, anstatt den Tätern. Vor der Polizei und in Gerichtsprozessen müssen sie ihre Unschuld beweisen und dies hält viele davon ab, Anzeige zu erstatten. Zudem geht sexuelle Belästigung, bestätigt durch den Präsidenten, auch vom Militär und der Polizei aus und wird im allgemeinen Klima der Straffreiheit, besonders bei staatlichen Akteur*innen, selten geahndet. „Duterte ist personifizierte Misogynie“, sagt Mary Joan Guan. „Er ist auch der Inbegriff des herrschenden Machos und feudalpatriarchaler Kultur in der philippinischen Gesellschaft. Kein Wunder, dass Übergriffe auf Frauen und Kinder durch die Polizei zunehmen, seit er an der Macht ist.“

Kollateralschäden

Damit meint sie auch die Kollateralschäden. Dem Drogenkrieg fallen hauptsächlich Männer zum Opfer, doch die Kugeln der Polizei treffen nicht immer das Ziel, sondern manchmal auch Angehörige, die sich im selben Raum befinden, oder auf demselben Motorrad, auch Kinder. Außerdem hinterlassen die Männer, die durch den Drogenkrieg ums Leben kommen Familien, die sich plötzlich ohne ihren Hauptversorger durchschlagen müssen. Dadurch erhöht sich die Kinderarmut was dazu führt, dass Kinder betteln oder stehlen müssen, um zu überleben, oder von Erwachsenen kriminell instrumentalisiert werden. Duterte hat auch dagegen ein Mittel. 2018 wollte er das Strafmündigkeitsalter auf 9 Jahre senken, im Februar 2019 einigte sich der Kongress auf 12 Jahre. Eine Mitarbeiterin von Bahay Tuluyan, einer Organisation die Kindern, die vom Drogenkrieg betroffen sind, hilft, empört sich über dieses Gesetz: „Diese Kinder brauchen keine Gefängnisse, sie brauchen Eltern, Nahrung und Bildung. Das Problem ist nicht die Kriminalität, sondern die Armut.“

Es ist ein Paradox, dass der philippinische Staat so gewaltvoll gegen die arme Bevölkerung vorgeht, auf deren Rücken das neoliberale Wirtschaftssystem aufgebaut ist. Mary Joan Guan ist gegen diese ausbeuterische Politik, sie wünscht sich einen Sozialstaat der Gesundheits-, Bildungs- und und Betreuungseinrichtungen zur Verfügung stellt, um den Frauen die Doppelbelastung von Hausarbeit, Kinderbetreuung und regulärer Lohnarbeit zu nehmen. „Es ist höchste Zeit für sozio-ökonomische und politische Veränderungen in der philippinischen Gesellschaft. Wo die hart arbeitenden Menschen unterstützt werden, wo es soziale Gerechtigkeit gibt, wo Geschlechtergleichstellung existiert und es einen souveränen Staat gibt, in dem Demokratie für das Volk wachsen und gedeihen kann.“

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