vonshrinkingspaces 21.11.2018

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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„Seit ich in den Philippinen bin, habe ich schon zwei Totenwachen miterlebt“, erzählt meine Mitarbeiterin, Carina*. „Es ist nicht so, dass ich noch nie eine Leiche gesehen hätte, ich habe für den Rettungsdienst gearbeitet, aber es ist irgendwie bedrückender, wenn man weiß, dass diese Menschen mutwillig umgebracht wurden, weil sie sich für Menschenrechte eingesetzt haben.“ Carina ist erst seit zwei Monaten auf den Philippinen. Der erste Tote war ein Bauer, der in einen Landkonflikt verwickelt war, der zweite ist Benjamin Ramos Jr., ein Anwalt, der sich ehrenamtlich für die Rechte von finanziell und gesellschaftlich benachteiligten Menschen auf der Insel Negros eingesetzt hat.

Zuletzt engagierte er sich in dem Fall der neun getöteten Landarbeiter*innen aus Sagay, nun wurde er selbst erschossen. Am 6. November auf offener Straße in Kabankalan City, Negros Occidental. Zwei Männer mit vermummten Gesichtern auf einem Motorrad, die klassische Hinrichtungsmethode. Zuvor hatte die Polizei Benjamin Ramos öffentlich auf Plakaten als Teil der kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) diffamiert, zusammen mit vielen anderen Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen. Sein Tod bleibt unaufgeklärt, aber alle, die ihn kannten, sind sich sicher, dass die Polizei oder das Militär etwas damit zu tun haben muss.

Während die Familie trauert und die linken Organisationen Demonstrationen organisieren, um Gerechtigkeit für Ramos’ Tod einzufordern, erhalten schon die nächsten Todesdrohungen per SMS. Darunter auch Rolando Rillo (siehe: Der bittere Geschmack von Zucker), ein anderer Anwalt und zwei Mitglieder der linken Menschenrechtsgruppe ‚KARAPATAN’. „Ihr stiftet zu viel Unruhe. Wir haben euch das letzte Mal lediglich verfehlt, aber ihr werdet die nächsten sein. Ohne euch wird auf Negros wieder Ruhe einkehren.“

Trotz dieser offenen Morddrohungen sind sie alle auf der Totenwache von Benjamin Ramos versammelt. Mit ihnen die Priester aus den umliegenden Regionen, der Bischoff von Negros, Vertreter*innen anderer Organisationen, der Justizbehörde und des Regionalgerichts. Es wird ein langer Gottesdienst abgehalten und auf einer Leinwand läuft ein Video, das die Umstände seines Todes schildert und die Demonstrationen zeigt. „Hustisya!“, Gerechtigkeit, schallt es von überall. 

Die Organisation PDG wird weitermachen

Benjamin Ramos war ein selbstloser Mann. 1978 gründete er die Organisation ‚Paghidaet sa Kauswagan Development Group’ (PDG) in einer Zeit von Hunger und Armut. Die Organisation organisiert Landarbeiter*innen, Fischer*innen und Bäuer*innen, um ihnen ein besseres Leben zu gewährleisten. Sie starteten Kampagnen gegen Bergbau, informierten die Menschen über ihre Rechte bezüglich der Landreform und setzten sich allgemein für Menschenrechte in der Region ein. Ben Ramos besaß kein eigenes Haus, er lebte mit seiner Familie in den Räumlichkeiten der Organisation und benutzte das Geld, was er als Anwalt verdiente, um den Menschen zu helfen.

Von vielen nahm er keine Bezahlung entgegen, andere bezahlten ihn mit dem, was sie hatten, wie etwa Gemüse, Reis oder anderen Gütern. An einem langen Tisch am hinteren Ende des Grundstücks werden uns Suppe, Reis und gesalzener Fisch serviert. In einer kleinen Halle liegt der Leichnam aufgebahrt, umgeben von Blumengestecken und Spruchbannern, auf denen Gerechtigkeit für Ben Ramos’ Tod und alle extralegalen Tötungen gefordert wird. Er hinterließ eine Frau, 3 Kinder und viele Menschen, die nun ohne seine Hilfe auskommen müssen. 

Aber seine Organisation PDG wird auch ohne ihn weitermachen, sagt Fernando*, Sprecher von PDG. Denn sein Geist, seine Arbeit und die Erinnerung an ihn werden fortbestehen, auch wenn sein Körper nicht mehr da ist. „Er war ein fröhlicher, inspirierender Mann, der hart gearbeitet hat und immer auf der Seite der armen Leute war“, erzählt Fernando. „Er hat immer gesagt: Wir dienen den Menschen und wir werden jede Bedrohung hinnehmen, um dies zu tun. Es sind nicht wir, die kämpfen, sondern die Menschen.“ PDG lässt sich nicht einschüchtern und die betroffenen Menschen auch nicht. Sie werden weiterhin die Stimme erheben, gegen die Ungerechtigkeit in diesem Land, denn wenn sie eins nie verlieren, dann ist das Hoffnung.

 

* Namen zum Schutz der Personen von der Redaktion geändert.

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