vonshrinkingspaces 28.03.2019

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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Kolonialismus 
In den Philippinen begreifen sich über 10 Millionen Menschen als Teil indigener Gruppen oder Stämme. Damit machen sie etwa 10 % der Gesamtbevölkerung aus und lassen sich in über 40 verschiedene ethnolinguistische Gruppen unterscheiden, die hauptsächlich in Mindanao und Nordluzon beheimatet sind, während man sie in den Visayas nur noch vereinzelt antrifft. Unter der spanischen Kolonialherrschaft wurden viele von ihnen katholisch missioniert, in die höher gelegen Bergregionen, stießen jedoch erst die Amerikaner*innen vor, um die sogenannten ‚Wilden‘  wie ein fremde Tierart zu studieren und zu ‚zivilisieren‘. Im Cordillera Museum in Bontoc auf Nordluzon beweisen Fotos aus dieser Zeit, wie der weiße Mann in Bügelfaltenhose und Hut stehend die Indigenen beobachtet, die vor ihm auf dem Boden Seilziehen üben. Trotz dieser Bemühungen der Kolonialmächte sind die Philippinen immer noch das Land mit der größten Anzahl an indigenen Bevölkerungsgruppen in Asien und viele Tourist*innen nehmen die weiten Wege in die Bergregionen auf sich, um das ‚ursprüngliche‘ Leben der Bergvölker zu erleben und handgemachte Souvenirs, wie Stoffe, Schmuck und regionalen Kaffee zu kaufen. 

Tattoos
Der wohl bekannteste Stamm lebt in Buscalan, Kalinga und ist berühmt für seine traditionelle Tattookunst und den Anbau von Marihuana. Früher galt es als Ehre in den Stämmen der Region, den Kopf des Feindes mit nach Hause zu bringen, wofür der Krieger ein Tattoo bekam. Auch die Frauen des Stammes schmücken blassschwarze handgestochene Linien und Muster, die sich über Arme und Oberkörper ziehen und für Stärke, Liebe, die Berge und die Natur stehen. Inzwischen kann sich jeder für ein paar Hundert philippinische Peso in Buscalan tätowieren lassen. Das Tourismusgeschäft boomt, denn seine älteste Tattookünstlerin Whang-od ist 101 Jahre alt und weltweit bekannt. Es gilt als besondere Ehre und als Erlebnis ein Tattoo von ihr zu bekommen. Inzwischen sticht sie Tourist*innen fast nur noch ihr persönliches Symbol, was aus drei Punkten besteht, denn täglich durchlaufen mehrere hundert Menschen das kleine Dorf am Berghang.

Tourismus
Die Hütten bestehen aus Wellblech und Holz, dazwischen laufen Hunde, Schweine und Hühner umher. Es gibt kaum Empfang hier in den Bergen, aber fast jede/r besitzt ein großes glitzerndes Smartphone und eine Satellitenschüssel. Vor einigen Jahren gab es hier weder Elektrizität noch Wasser aus dem Hahn, aber der Tourismus versorgt jetzt die Gemeinschaft und selbst die Feldarbeit könnte bald überflüssig werden. Einige Tourist*innen sind enttäuscht davon, dass der Stamm nicht mehr ursprünglich genug ist, aber wieso sollte man von ihnen erwarten, den Luxus des modernen Lebens auszuschlagen, wenn sie es sich leisten können? Zudem ist das Dorf eine Art lebendiges Museum. Jeden Tag laufen Besucher*innen durch die Gassen, schauen neugierig in die Häuser und beobachten den Alltag der Menschen, die hier leben. Man kann es ihnen nicht verübeln, dass sie dafür Geld verlangen, lebendige Ausstellungsobjekte zu sein und sich mit den Einnahmen das Leben zu erleichtern.

Traditionen
Andere weniger populäre indigene Gemeinschaften sind auf den ersten Blick kaum noch als solche zu erkennen. In Bontoc führt uns Johnny, der Enkel des lokalen Datus (Stammesführers) durch das Dorf, in dem er aufgewachsen ist. Die Holzhütten sind modernen Häusern aus Beton gewichen und die Menschen tragen Nikepullover und Adidasshorts, wie jede/r andere Filipin@ auch, aber die Stammeskultur findet sich immer noch im alltäglichen Leben des Dorfes wieder. So gibt es ein Haus, wo alle Jungen und unverheirateten Männer schlafen und ein anderes Haus für die Mädchen und Frauen. Bei Sonnenaufgang treffen sich die Ältesten des Stammes bei den Sari-Saris (philippinische Kioske), trinken schwarzen regionalen Kaffee und diskutieren die Vorkommnisse im Dorf und in der Gemeinschaft. Johnny erzählt uns, dass auch die Rituale noch lebendig sind. Zum Beispiel werden zu bestimmten Anlässen wie zum Beispiel Hochzeiten immer noch Tiere geopfert, um den Göttern zu huldigen. Johnny hat ganze Bilderserien davon auf seinem Handy, die er uns lachend präsentiert. Er selbst lebt nicht mehr im Dorf. Er hat eine Amerikanerin geheiratet und ist die eine Hälfte des Jahres in den Staaten, die andere Hälfte in den Philippinen. Wenn er da ist, leitet er ein Freiwilligenprojekt, um seinen Stamm mit Bildungs- und Gesundheitsprogrammen zu unterstützen, denn die indigene Bevölkerung in den Philippinen ist stark marginalisiert und vielen Bedrohungen ausgesetzt. 

Verdrängung
Trotzdem es seit 1997 ein Gesetz (Indigenous People’s Rights Act) gibt, dass die Rechte der Indigenen speziell berücksichtigen soll, werden diesen Gemeinschaften immer wieder von staatlichen Akteur*innen und internationalen Investor*innen von ihrem Ahnenland vertrieben oder zwangsumgesiedelt, denn sie bewohnen zumeist wertvollen Boden voller Mineralien, Metalle und anderer wichtiger Rohstoffe. So bedrohen große Industrieprojekte wie Bergbau, das Anlegen von Staudämmen, Agrarindustrie und Ökotourismus immer wieder ihre Lebensräume. Das Traurige ist, dass viele indigene Völker der Ansicht sind, dass Land nicht besessen werden kann, sondern jedem Menschen gleichwertig zur Nutzung zusteht. Internationale Großkonzerne sehen das anders und die Indigenen haben oft weder die Mittel noch das juristische Wissen, um sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Oftmals werden sie vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben ausgeschlossen, da viele von ihnen in abgelegenen oder schwer zugänglichen Regionen leben, wodurch ihnen der Zugang zu Bildung, sozialer Partizipation oder medizinischer Versorgung erschwert wird.  

Kampf
In Mindanao haben sich die Lumad, eine der größten indigenen Gruppen in die Philippinen, daher ihre eigenen Schulen und Infrastrukturen errichtet, doch mit dem Krieg gegen den Terrorismus werden sie vorsätzlich zum Ziel struktureller und militärischer Gewalt. Ihnen wird vorgeworfen mit den kommunistischen Rebell*innen und den islamistischen Terrorist*innen zu kooperieren, oder ihnen Unterschlupf zu gewähren, wodurch der Staat rechtfertigt ihre Schulen und öffentlichen Gebäude zu demolieren und ihre Gemeinschaftsführer zu diffamieren, zu verhaften oder umzubringen. Im Allgemeinen belastet das andauernde Kriegsrecht auf Mindanao zur Bekämpfung des Terorrismus die indigenen Gemeinschaften am meisten. Die Militarisierung ihrer Lebensräume verursacht Armut, schränkt ihre Mobilität ein und bedroht die Gemeinschaft. Ausgangssperren und Straßenblockaden verhindern eine konstante Nahrungsmittelversorgung. An den Checkpoints stehen riesige Plakate mit Bildern von gesuchten Terrorist*innen. Passieren darf nur, wer ein offizielles Ausweisdokument besitzt. Viele Indigene könnten sich noch nicht einmal die Fahrt zu der entsprechenden Behörde leisten, geschweige denn die Gebühr, um ein solches zu bekommen. Viele junge Männer werden von paramilitärischen Gruppen rekrutiert und für die Kämpfe instrumentalisiert. Keiner von ihnen wollte diesen Krieg, aber jetzt kämpfen sie. Zumeist gegen den Staat, für Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung und das ist in den Philippinen zurzeit wohl der gefährlichste Kampf.

Anerkennung
Doch die Stammesverbände sind stark. In Sulu zum Beispiel arbeiten sie zusammen, um sich gegen die Diskriminierung und Repressionen der machtvollen Lokalpolitiker*innen und Familien zu wehren und ihr Recht auf Landbesitz und Selbstbestimmung einzufordern. Im Januar 2019 wurde die von muslimischen Minderheiten dominierte Region in Westmindanao mit einer Volksabstimmung als ‚Bangsamoro Autonomous Region in Muslim Mindanao‘ anerkannt, was ihnen erlaubt ihre eigene Regierung zu bilden, die zukünftig ihre Interessen vertreten wird. Ihre Rebellion war der Auslöser der Marawikrise im Jahre 2017 und des darauf folgenden Kriegsrechtes in Mindanao, das bis heute fortbesteht. Obwohl der Krieg um die Stadt Marawi, die von muslimischen und islamistischen Rebell*innen besetzt worden war, nach fünf Monaten beendet wurde, gab es immer wieder Kämpfe und militärische Auseinandersetzungen in der Region. Das Bangsamoro Organic Law ist ein historischer Meilenstein und ein Friedensangebot des philippinischen Staates das den muslimischen Minderheiten eine selbstbestimmte Zukunft verspricht. Inwiefern diese Versprechungen umgesetzt werden, bleibt noch abzuwarten, aber die Freiheitskämpfer*innen haben ihre Waffen vorerst niedergelegt, denn sie haben ihr Ziel erreicht. Die Anerkennung und Existenzberechtigung ihrer Kultur in der philippinischen Nation.

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