vonshrinkingspaces 28.01.2019

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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In den Philippinen leben 21,6 %, also ca. 22 Millionen Menschen unter der nationalen Armutsgrenze und teilen mit einem durchschnittlichen pro Kopf Jahreseinkommen von knapp 230 Euro nur 4,45 % des Bruttonationaleinkommens, während die reichsten 20 % ein Jahreseinkommen von fast 3000 Euro pro Kopf verzeichnen. Obwohl die meisten einer Arbeit nachgehen oder gleich mehrere Jobs haben, verdienen 8,3 % der Menschen weniger als 1,60 Euro am Tag. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was eine Familie laut der Philippine Statistics Authority täglich braucht, um satt zu werden und weit unter der offiziellen Armutsgrenze, die bei ungefähr 5 Euro am Tag liegt. Obwohl die Philippinen in den letzten Jahren einen ökonomischen Fortschritt verzeichnen konnten, kommt dieser Wohlstand bei den ärmsten Teilen der Gesellschaft nicht an. Am stärksten betroffen sind der landwirtschaftliche und der Fischereisektor, gefolgt vom Dienstleistungssektor. Die Schere zwischen Arm und Reich ist damit die größte in ganz Südostasien mit einem GINI-Index von 40,1. Es ist schwer zu verstehen, wie groß dieser Unterschied ist, wenn man nicht gesehen hat, wie die Reichen leben. 

Tondo, Manila, Metro Manila, Philippinen: Es ist heiß. Schwitzend schieben wir uns voran. Enge Straßen, Telefonkabelsalat über unseren Köpfen, Dunst von frittiertem Fleisch und Fußgängern, die auf dem glühenden Asphalt gnadenlos geröstet werden. Eine gigantische Verkehrsader verstopft den Weg zur LRT. Jeepneys, Trucks, Tricycle, Pick-ups, Minivans und eine bunte Kette PKW’s stehen so dicht hintereinander, dass man sich zu Fuß kaum zwischen zwei Stoßstangen hindurchschlängeln kann. Alle zwei Minuten rückt die Kolonne ein winziges zähes Stück weiter. Niemand stellt den Motor ab. Um den Stau herum flimmert die Luft und der Smog bringt die Lungenbläschen zum Kochen. Schweißperlen kullern uns von der Stirn und wenn man sich mit dem Fingernagel den feucht-klebrigen Nacken kratzt, bleibt eine dunkelgraue Wurst darunter kleben. Der Dreck der Straße. Er ist überall, am Boden, in der Luft, an den Hauswänden, an den Menschen, die überall um uns herum sind. 

An den Straßenecken kann man so ziemlich alles kaufen, was sich aufspießen und frittieren lässt, in den Sari Saris baumeln die Instantkaffeetüten wie bunte Girlanden über frischem Gemüse, Schokoriegeln und Zigarettenstangen. Die Neonfarben der grellbunten Weihnachtsbeleuchtung zittern in Stern- und Rentierformen vor sich hin. Eine runzelige Frau in einem fleckigen T-Shirt und einer bunt gemusterten, ausgeleierten Leggings verkauft mir ein halbes Kilo Lanzones, eine Art Litschi, und grinst mich zahnlos an, als sie mit ihren langen gelben Fingernägeln den Schein aus meiner Hand zieht und in ihrem BH verschwinden lässt. Einige Schritte weiter kicken ein paar Kinder unter lautem Gejohle einen Basketball gegen die nackten Häuserwände. Die meisten sind barfuß, der Schmutz kriecht ihnen die Waden hinauf, zu den zu kurzen Hosen und ausgefransten Rocksäumen. Ihr schwarzes Haar glänzt in der Sonne mit ihren lächelnden Gesichtern um die Wette. In einem Hauseingang sitzt ein Mann zu einer Kugel zusammengekauert und schwankt rhythmisch vor und zurück. Die Schatten der Wäsche, die über die Straße gespannt ist, tanzen über sein Gesicht und ich kann seinem Blick nicht standhalten, als er die Hand ausstreckt. Ein Jeepney saust haarscharf an mir vorbei und hupt mich an. Wolkenkratzer stehen leer. Unter den Betonarkaden Pfandleihhäuser, 7 Eleven und Läden voller Metallschrott. Zwischen den Türen Schlaflager aus Pappe, Hello-Kitty-Decken und Plastiktüten. Die meisten sind verwaist aber hier und da streckt einer schnarchend den nackten Bauch in die Luft. 

Wir erreichen endlich den Eingang zur Metro, lassen unsere Taschen kontrollieren und klettern die Stufen der kaputten Rolltreppe hinauf zum Gleis. Unter uns erstreckt sich Tondo, mit rund 70.000 Menschen pro Quadratkilometer eines der dichtbesiedeltsten Viertel der Welt und das ärmste Viertel Metro Manilas. Häuser und Hütten drängen sich eng zusammen, in jede Lücke passen mindestens fünf weitere behelfmäßige Behausungen aus Wellblech, Pappe und Plastikplanen. Die Dächer wurden so durch ganze Etagen erweitert. Die Fenster sind dunkle unverglaste Vierecke, durch die nur ab und zu das Flimmern eines Fernsehers oder das Rufen der Bewohner*innen dringt. Menschen, überall Menschen. Müll pflastert die Straßen anstelle von Teer und der Gestank, der in den klumpigen von Abfall und Exkrementen verstopften Fluss mündet, ist so allgegenwärtig wie die Hitze. 

Loyola Grand Villas, Quezon City, Metro Manila, Philippinen: Das Haus unseres Freundes ist eine Villa im italienischen Stil, die sich in einem abgesperrten Wohnviertel befindet, das mit seinen grünen Gärten und einer Mischung aus protzigen, schnörkeligen und modernen Luxusvillen die darunter liegende Stadt und die weit entfernte Manila Bay überblickt. Die Eingangshalle ist riesig, die Decke hoch genug für zwei Stockwerke und eine Kuppel. Alles glitzert im Schein der Weihnachtsdekoration, unter der fast nichts anderes mehr zu erkennen ist. Jedes Sofa, jeder Sessel, jede Ecke besetzt von Weihnachtsmännern, Wichtelpuppen und falschen Rentieren mit Glimmerfell. Ein Weihnachtsbaum quetscht sich unter die offene Freitreppe, die sich elegant in den ersten Stock schlängelt, kaum zu erkennen unter der Last aus leuchtenden Kugeln, Glitzerblüten und Engelsfiguren. Darunter ein ganzer Haufen Geschenke in großen bunten Kartons und mit schnörkeligen Namensschildern versehen. Das Treppengeländer ist mit einer Lichtergirlande aus Schleifen und falschen Tannenzweigen umwickelt und blinkt einen künstlichen Rhythmus, der von den Vasen, Statuen und goldumrandeten Spiegeln von überallher auf uns zurückgeworfen wird. Auf dem blank polierten Boden könnte man Schlittschuh laufen und die Teppiche sind genauso dick, wie die Matratzen auf denen wir gestern noch geschlafen haben. Die schweren roten Vorhänge sind zugezogen und mit üppigen Kordeln vertäut, das Licht kommt von den Kronleuchtern und den falschen Kerzen. 

Unser Gastgeber führt uns ins Souterrain, wo uns das Gästezimmer mit eigenem Bad zur Verfügung steht und lässt uns allein, nachdem er uns mitgeteilt hat, dass das Abendessen jederzeit bereit ist. Sprachlos lassen wir unsere muffigen Rucksäcke zu Boden gleiten. Die Betten bestehen aus mindestens drei Matratzen und sind mit gefütterten Steppdecken bezogen, deren goldgrünes Muster zum Ambiente des Raumes passt. Die Decke ist ein blauer Himmel voll lauer Schäfchenwolken, die sich mit drei Schaltern an der Wand indirekt beleuchten lassen. Den Spiegel umrahmen Weinrankenintarsien, die zur Tapete passen und geschnitzte Blütenornamente verzieren die dunklen Holztüren mit den goldenen Knäufen. Im Bad gibt es eine Klospülung, flauschige rostrote Vorleger, vier verschiedene Seifen und warmes Wasser. Seit ich vor fünf Monaten auf die Philippinen gekommen bin, habe ich nicht mehr heiß geduscht. 

Nachdem wir uns frisch gemacht haben, folgen wir den Stimmen hinauf durch ein weiteres Wohnzimmer in eine Küche, in der allerdings nicht gekocht wird. Die Familie isst hier, wenn die Mutter nicht zu Hause ist. Unter der Woche arbeitet sie in einer Bank in Makati, wo sie in einem Apartment übernachtet, damit sie sich nicht jeden Tag den Verkehr antun muss. Ist sie zu Hause, wird das Essen an einer großen Tafel im stickigen Esszimmer nebenan serviert, wo die Schränke vollgestopft sind mit Kristall und europäischem Porzellan. Europäisch ist auch das Essen: Brokkoli, grüner Salat, Äpfel, französischer Käse, goldener Gewürztraminer, Käsekuchen, spanischer Schinken und süddeutsche Schneeballen. Alles serviert auf blauweißen und goldenen Tellern, neben bestickten Servietten und verschiedenen Gläsern für Wein, Wasser und Saft. Fehlt etwas, werden die zwei Hausmädchen gerufen, die den Herrschaften jeden Wunsch erfüllen und sich ansonsten nur zum Putzen im Haus aufhalten dürfen. Sie teilen sich ein Zimmer an der Rückseite des Hauses und kochen in der kleinen Küche, die sich hinter der Küche befindet, in der die Familie ein uns ausgeht. Nachts werden sie ausgeschlossen und die Hunde werden freigelassen. Vier Deutsche Schäferhunde die tagsüber in getrennten Käfigen Hausen, in denen sie sich kaum im Kreis drehen können und die jedes Mal in furchterregendes Gebell ausbrechen, wenn jemand das Grundstück betritt. Vielleicht um die vielen Autos zu bewachen, die gar nicht alle hinter den schwarzgoldenen Zaun passen. 

Das Gespräch beim Abendessen handelt fast ausschließlich von unserer Arbeit und den Orten, die man auf den Philippinen besuchen sollte. Die Mutter empfiehlt uns die Promoaktionen der Airlines, mit denen man schon für 200 Dollar nach Japan fliegen kann. Sie denkt in US-Dollar, nicht in Pesos. Ihre zwei Söhne haben beide im Ausland studiert, der eine Jura und internationale Beziehungen in den Niederlanden, der andere Medizin in den USA. Sie selbst fliegt am Wochenende zum Shoppen nach Hongkong. Während der Vater eine Diät aus Salat und Blauschimmelkäse hält, zu der er flaschenweise Wein trinkt, verwickelt er uns in Gespräche über Politik und soziale Ungleichheit auf den Philippinen. Bevor wir in unsere gesteppten Betten kriechen, um in der klimatisierten Luft nicht zu frieren, arrangieren unsere Gastgeber*innen, dass der Fahrer uns Morgen zu unserem Termin bringen wird und wir uns danach in der Mall zum Essen treffen können. Die Dienstmädchen räumen den Tisch ab. 

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