vonshrinkingspaces 21.07.2019

Shrinking Spaces

Menschenrechte in den Philippinen – über schrumpfende Lebensräume und Menschen, die nicht aufgeben.

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Ich treffe Bischof Antonio Ablon in den Gärten der Stiftung Lazarus-Diakonie Berlin. Zwischen den schattigen Bäumen und üppigen Rhododendronbüschen gehen Patient*innen und Rentner*innen spazieren, trinken Auszubildende ihren Kaffee und laufen Pfleger*innen geschäftig hin und her. Vor einer Vogelvoliere mit tropischen Vögeln sitzt ein altes Ehepaar, daneben spielen ein paar Kinder neben dem buntgetupften Blumenbeet. Bischof Antonio Ablon von der Iglesia Filipina Independiente (IFI) erzählt mir von seinen bisherigen zwei Wochen in Deutschland, von Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main und hört dabei nicht auf, warmherzig und ein bisschen verschmitzt zu lächeln.
„Was ist der Anlass für Ihre Reise?“, frage ich und der Bischof antwortet: „Todesdrohungen.“ 

Reiche Bodenschätze, vertriebene Völker 

Die Iglesia Filipina Independiente, die unabhängige philippinische Kirche, spaltete sich 1902 von der katholischen Kirche als Widerstand gegen die spanischen und US-amerikanischen Kolonialmächte ab. Seitdem steht die IFI für den Wunsch des philippinischen Volkes nach Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlstand durch soziales Miteinander. Bischof Ablon stammt aus Cagayan de Oro, einer Stadt im Norden von Mindanao und ist seit 2010 Bischof der Diözese Pagadian City in Zamboanga del Sur im Südwesten von Mindanao. In dieser Region leben Gemeinschaften der größten indigenen Bevölkerungsgruppe der Philippinen, den Lumad. Gleichzeitig birgt das Land, insbesondere die unwegsamen Bergregionen, in denen viele Lumadstämme leben, reiche Bodenschätze wie Gold, Nickel, Kupfer, Kohle und Silber aber auch andere natürliche Ressourcen wie Lehm, Steine, Sand, Salz und Kies werden dort abgebaut, zumeist von ausländischen Abbaubetrieben. Dies hat zur Folge, dass die indigene Bevölkerung immer wieder von ihrem Ahnenland vertrieben, bedroht oder in den Minen ausgebeutet wird, die enorme Umweltschäden verursachen und nicht nur die Lebensräume der Menschen, sondern auch der Tiere und des Waldes zerstören.
Bischof Ablons Kirche setzt sich für die Lumadbevölkerung ein, die durch diese ausbeuterischen Verhältnisse zu den ärmsten und marginalisiertesten Gruppen der Philippinen gehören. Die Kirche verteilt Essen, hilft den einzelnen Stämmen und Gruppen sich zusammenzuschließen und gegen die Menschenrechtsverletzungen, die ihnen widerfahren zu organisieren und fungiert als Vermittler in Verhandlungen zwischen den Lumad und der Staatsgewalt. In einem Land in dem nicht nur den Drogen, sondern auch sämtlichen Regierungsoppositionellen, Linken, Menschenrechtsverteidiger*innen und Aktivist*innen der Krieg erklärt wurde, sind dies gefährliche Aktivitäten. 

Die Macht der Kirche

Noch während seiner Zeit in Cagayan de Oro erhielt Bischof Ablon Drohungen, weil er sich für die Arbeiter*innen, die Indigenen und die Moros (die muslimische Minderheit) einsetzte, sie als Freund*innen und Nachbar*innen und nicht als Andere oder Fremde betrachtete. 2006 kam die erste Morddrohung kurz nach dem Tode eines anderen Mitglieds der IFI, Bischof Permento, der sich für die Landarbeiter der Zuckerindustrie einsetzte. „Sie sagten, es handele sich um einen Raubüberfall“, erzählt Bischof Ablon, „aber nein, er musste sterben, weil er sich für die Armen eingesetzt hat und da ich ihm damals noch als Priester direkt unterstand, war es logisch, dass ich der nächste sein würde.“
Aber er überlebte, machte weiter mit einem Lachen und wurde Bischof. Die Drohungen hielten an, verebbten eine Weile und kamen wieder. Zwei Mal wurde sein Haus durchsucht, es wurden keine wertvollen Gegenstände entwendet, nur ein alter Laptop. All das deutet darauf hin, dass dies keine normalen Einbrüche waren, sondern Warnungen. Warnungen, die Lumad weiter zu unterstützen und die Militarisierung des Gebietes zu kritisieren. Warnungen, gegen die kanadischen Bergbaubetriebe vorzugehen und Warnungen, die Friedensverhandlungen mit der New People’s Army (NPA) einzustellen. Warum wird ein Mensch, der so offensichtlich versucht, Frieden zwischen den verschiedenen Parteien zu stiften, derart bedroht?
„Weil die Kirche immer da war für die Armen und Marginalisierten, auch vor Duterte und weil dies die Menschen sind, die das Regime kritisieren und sich gegen das wehren, was passiert,“ sagt Ablon. Präsident Duterte ist das bewusst. Die Kirche war da, als Marcos gestürzt wurde, die Kirche war da, als Estrada seines Amtes enthoben wurde, und die Kirche hat die Regierung schon immer politisch, ökonomisch und moralisch kritisiert. Auch vor der Wahl der letzten Präsidentschaftswahl hat sie ihre Anhänger*innen aufzuklären versucht und tut es immer noch. 

Dutertes blutiges Markenzeichen

Aber es hat sich etwas verändert. Der Glaube an Gott wurde vom Glauben an den Präsidenten abgelöst oder zumindest überlagert. „Marcos war ein Diktator, Estrada war moralisch bankrott, aber Duterte hat das Versprechen gegeben, alle Probleme zu lösen und er funktioniert als der große Bruder, der Vater, der das Schicksal des Landes in die Hand nimmt und dem Volke dient“, erklärt der Bischof. Dass seine Methoden so blutig und gewaltvoll sind wie noch nie, wird von vielen akzeptiert, auch wenn dies völlig konträr zu den christlichen Werten vieler Menschen steht. Es ist besser, etwas passiert mit Gewalt, als wenn gar nichts passiert, so wie all die Jahrzehnte davor und Gewalt und Leid, das sind die meisten Menschen gewohnt. Drohungen, Tötungen, das Verschwinden von Menschen, Armut und soziale Unsicherheit, das gab es alles schon vor Duterte. „Es ist unnormal, aber es ist zur Norm geworden.“
Umstände, die Duterte wenigstens nicht negiert, wie es seine Vorgänger getan haben. Er benennt die Probleme, anstatt sie totzuschweigen, er beschönigt weder sie noch seine Methoden und es ist diese Ehrlichkeit, die ihn den Menschen näher bringt, zusammen mit seinem informellen Auftreten, den ‚Witzen‘ in seinen Reden, dem Image eines bad boys, der alles gesehen hat und gegen alles ein Mittel weiß. Er findet nicht nur Lösungen, er findet vor allem Schuldige. Er führt keinen Krieg gegen die Drogen, weil Drogenhändler*innen oder Abhängige seine Autorität untergraben, sondern weil sie hinhalten, für die Unsicherheiten und Gewalttaten in den Barangays (philippinische Verwaltungseinheit), weil sie hinhalten für die Armut, indem sie angeblich dem Staat ökonomisch schaden und weil er seine eigene gewaltvolle Politik, sein Markenzeichen, damit legitimieren kann. 

Die Formel des Tötens

Ein anderer beliebter Sündenbock ist der bewaffnete Arm der kommunistischen Partei, die New People’s Army (NPA), die das Land unter Marcos revolutionieren wollte und die nun für sämtliche Militarisierungsmaßnahmen, Polizeieinsätze und Bedrohungen der nationalen Sicherheit verantwortlich gemacht werden. Unter dem sogenannten ‚red-tagging‘ sind sie das beliebteste Instrument Regierungsgegner*innen, Aktivist*innen, Indigene und Menschenrechtsverteidiger*innen, wie Bischof Ablon, auszuschalten. „Sie sagen, wenn du demonstrierst, wenn du deine Rechte einforderst, bist du links und gegen die Regierung und somit haben sie das Recht, dich zu töten. Es ist immer dasselbe Muster, die Formel des Tötens. Sie diffamieren dich, sie prangern dich öffentlich an, schicken dir Drohungen, überwachen dich und dann töten sie dich. Zwei Unbekannte auf einem Motorrad. Es ist immer das gleiche.“
Deshalb ist Bischof Ablon in Deutschland. Sein Name und seine Kirche wurden in Verbindung mit der NPA gebracht, durch Graffitis an einer öffentlichen Mauer, direkt neben einem Militärstützpunkt. Das Militär gibt an, nicht zu wissen, wer es war, aber dass sie die Schmierereien auch nicht entfernen können, da sie von höheren Autoritäten stammen könnten. Bischof Ablon lacht und zuckt die Achseln. „Darum bin ich hier, um durchzuatmen und unseren Netzwerken in Deutschland von meiner Situation und den Lebensumständen der Lumad zu berichten.“

Verhaltet euch ruhig und betet

Ich frage ihn, wie er dabei so fröhlich wirken kann und er antwortet: „Wir Filipinos sind Schwierigkeiten gewohnt, wir haben Durchhaltevermögen. Einerseits ist das gut, aber andererseits ist die Unterdrückung daran Schuld.“ Er deutet auf Father June, der ihn auf seiner Reise durch Deutschland begleitet und Pastor der Seemannsmission in Hamburg ist. „Philippinische Matrosen sind sehr begehrt. Das mag zunächst positiv erscheinen, doch der Grund dafür ist, dass sie sich nie beschweren und dass sie hart arbeiten und Überstunden machen, ohne eine angemessene Bezahlung dafür einzufordern.“ Dieses Verhalten entstammt der Kolonialgeschichte der Philippinen. Es ist einfach zu gefährlich sich zu beschweren, denn Filipinos und Filipinas sind es gewohnt keine Rechte zu haben, und sie wissen, dass sie ihre Jobs verlieren würden, würden sie sich beschweren. Bevor sie ihre Familien nicht ernähren können, ertragen sie lieber die Ausbeutung. Eine andere Wahl haben viele nicht.
Es ist bitter und gleichzeitig berechnend, dass die koloniale katholische Kirche dieses Ausbeutungsverhältnis seit jeher unterstützt hat, indem sie ihre Anhänger*innen dazu erzog, sich ruhig zu verhalten und zu Gott zu beten, anstatt ihre Rechte einzufordern. Die Christianisierung brachte den Menschen vor allem bei, sich bei Problemen an den Himmel zu wenden und nicht an den Staat. Es ist diese Mentalität zusammen mit der Korruption elitärer Politiker*innen und ausländischer neokolonialer Interessen, die ein System erschaffen haben, indem es rechtsstaatliche Gesetze, eine demokratische Verfassung und internationale Menschenrechtsverträge gibt, die kaum zum Einsatz kommen. Ein Gerichtsverfahren kommt meistens der wohlständigeren und einflussreicheren Partei zugute, Wahlen werden korrumpiert, Stimmen gekauft und Menschenrechte sind ein vom Westen eingeführtes, entfremdetes Konzept, über das die meisten entweder Lachen oder misstrauisch die Nase rümpfen. Sich auf diese Rechte zu berufen bedeutet keine Rettung, sondern Gefahr.

Gesetzlosigkeit und Autoritarismus 

1946 wurden die Philippinen offiziell in die Unabhängigkeit entlassen, doch die hegemonialen Kolonialstrukturen leben durch kapitalistische internationale Verträge und machtvolle politische Eliten bis heute fort, selbst – oder gerade wenn – sie als Entwicklungshilfe deklariert werden. Es ist dieses gegenwärtige politische Moment eines ausgebeuteten und lange enttäuschten Volkes, in dem Dutertes Populismus auf fruchtbaren Boden stößt, indem er Feindbilder produziert, die keine unerreichbaren Eliten oder übermächtige internationale Machthaber sind, sondern ein unmittelbarer Teil der philippinischen Gesellschaft. Leicht zu finden, leicht zu beschuldigen und leicht zu beseitigen. Die Kirche, nicht nur die IFI, ist dabei im Weg. Sie erinnert die Menschen an christliche Werte und dass man Böses nicht mit Bösem vergelten kann, dass der Tod des Feindes nicht den Tod des Freundes rächen kann und dass die Menschen eine Gemeinschaft bilden müssen, die sich gegenseitig hilft, um Frieden und Wohlstand für alle zu schaffen. Die Regierung setzt daher alles daran, der Kirche ihren gesellschaftlichen Einfluss zu entziehen, indem sie sie diffamiert, die Bischöfe und Pfarrer beschimpft und verfolgt und selbst vor Gott nicht halt macht: „Euer Gott ist dumm.“ (Rodrigo Duterte).
Dies ist eine große Herausforderung für die Kirche, denn ein Großteil der armen Bevölkerung ist unaufgeklärt, sie haben keine Zeit sich um Politik zu kümmern und nicht genügend Zugang zu Bildung, denn sie sind damit beschäftigt, um das tägliche Überleben zu kämpfen. „Sie sehen nicht, dass Töten ein Verbrechen ist, auch wenn es der Staat begeht“, sagt Bischof Ablon, „das ist Gesetzlosigkeit.“ 

Wir werden leben!

Es ist diese gefährliche Gesetzlosigkeit, die ihn nach Deutschland gezwungen hat, um für eine Weile in Sicherheit weiterzukämpfen und internationale Aufmerksamkeit zu erregen. Aber er wird zurückkehren, denn: „In den Philippinen zu sterben ist besser, als mir selbst Sicherheit zu verschaffen. Ich meine, ja, ich atme und ich bin sehr lebendig, aber zu wissen, was in den Philippinen passiert, das lässt mir keine Ruhe.“
Es ist sein größter Wunsch, dass es anders wäre. Dass die philippinische Gesellschaft sich emanzipiert, dass den Interessen der Lumad, der Armen und der Mehrheit der Bevölkerung gedient werden und nicht denen des Westens und dass die Regierung tatsächlich den Bedürfnissen der philippinischen Bevölkerung nachkommt, anstatt ihrer eigenen. In einem solchen Staat hätte Bischof Ablon es nicht nötig, nach Deutschland zu fliegen um ‚durchzuatmen‘, wie er es nennt, denn dann gäbe es einen sicheren Raum für Aktivist*innen und Menschen, die um ihre Rechte kämpfen. Dann gäbe es tatsächlich Rechte, die man einfordern könnte und die nicht nur auf dem Papier existieren. „Ich erwarte nicht, dass ich die Früchte meiner Arbeit werde ernten können, soziale Emanzipation in den Philippinen erleben werde“, sagt Bischof Ablon „aber ich bin hoffnungsvoll. Hoffen gegen die Hoffnung, das ist es.“ Und dann klatscht er in die Hände und lacht sein verschmitztes Lachen. „Wir werden leben!“

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kommentare

  • Mir fällt es immer noch schwer, einen Vergleich zu den meist reaktionären europäischen und amerikanischen Kirchen zu ziehen, also Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.
    Mir fehlt eine Darstellung der katholischen philippinischen Kirche in ihren Widersprüchen und ihrer Krisenhaftigkeit.
    Mir gehen jetzt zwei Fragen durch den Kopf:

    Was versteht der oder die Verfasser*in unter „Aufklärung“?
    Geht die soziale Emanzipation, von der der Bischof spricht, auch soweit, sich für die Rechte von Homosexuellen und Transpersonen auszusprechen? Geht die Abspaltung von der katholischen Kirche soweit, sich von den diesbezüglichen Aussagen des Papstes zu distanzieren?
    Die Antwort ist wohl ein klares Nein. Die katholische Kirche der Philippinen ist in Sexualfragen äußerst reaktionär. Auf Betreiben der katholischen Bischöfe gibt es weder Sexualaufklärung, noch eine kostenlose Abgabe von Kondomen an die arme Bevölkerung. Auch die Abtreibung ist verboten, was viele Minderjährige unfreiwillig zu Müttern macht und viele Mädchen und Frauen dem Risiko von Hinterhof-Abtreibungen aussetzt. Die Zahl der HIV-Infektionen steigt auf epidemische Ausmaße an. Auch die katholische Kirche der Philippinen befördert Macht und Gewalt von Männern über Frauen und die Einschreibung des Staates in Leiblichkeiten und Sexualitäten. Das befördert wiederum die Normalisierung von Gewalt allgemein.

    Und: Ist die Idee eines philippinischen Volkes nicht ihrerseits auch eine Vorstellung, die auf die Kolonisierung zurückgeht?
    Oder weniger grundsätzlich und dafür konkreter: Würde Diktator auf Diktator folgen, wäre die Gewalt derartig normalisiert, wenn nicht der größte Teil der Bevölkerung einer patriarchalen und autoritären Religion angehören würde?
    Die beinahe schon naive Gegenüberstellung eines autoritären, patriarchalen und ökonomisch unsolidarischen Regimes und einer autoritären und patriarchalen, allerdings ökonomisch solidarischen Kirche, die hier im Text unkritisch durchgezogen wird, hat für mich ehrlich gesagt den Anschein von Gefälligkeitsberichterstattung.

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