Xmas: So könnte es gewesen sein!


Der Abend, die Kerze, das Kind, die Nacht  – alles heilig. Irgendwo auch ein Stern, einer mit Schweif, und alle knien nieder, ich auch, und mein Vater sagt: Nimm doch die Gitarre! und ich zupfe uns auf sechs Saiten ein Lied mit ganz viel Hoffnung, das Kind lacht aus der Krippe heraus in die Kamera und meine Großmutter hat wieder Bratwurst mit Biersoße gemacht. Nach dem Essen rauchen die Verwandten alle Tabak mit Filter und schenken mir ihre Erinnerungen, viele Bilder in Schwarz und Weiß, Knipserfotos, die fast schon Asche sind.

Mein Bruder liegt derweil immer noch in der Krippe, die ein Körbchen ist, und kräht fröhlich, als jede Menge Hirten und Könige in die Stube trampeln und ihm ein klitzekleines iPhone schenken. Meine Mutter strahlt, legt etwas Schellack auf den Plattenspieler und tanzt mit meinem Vater einen echten Walzer. Wie sie sich da drehen und halten, sind sie ganz friedlich, ich atme das Licht der Kerzen und einer der Hirten nimmt mich bei der Hand und sagt, schau, dieses Schaf ist für dich. Ich nenne es Hermann, lade seinen Akku und weiß, wir werden Freunde sein.

Inzwischen ist die Stube fast zum Bersten voll und meine Großmutter hat keine einzige Bratwurst mehr. Ich setze mich zu meinem Onkel ans Klavier, ein Haufen Thomaner schneit herein und wir singen gemeinsam mit den Hirten und Königen das War Is Over von John Lennon, später kommen noch jede Menge Söhne Mannheims samt ihren Schwestern aus Bielefeld durch die Tür, wollen keine Macht für niemand, aber auch pure Vernunft, die niemals siegen darf – Weihnachten eben. Mittendrin mein Bruder in der Krippe mit dem Daumen im Mund. Und unsere Eltern tanzen noch immer. Bis in den Morgen. So könnte es gewesen sein.

 

 

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