vonDetlef Berentzen 13.01.2014

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

Mehr über diesen Blog

Gestern hat er ihn gefeiert, in der (Beat-)Box vom alten Humboldt, am Schloßplatz: seinen Siebzigsten. Und ich konnte nicht dabei sein, trieb mich beruflich schnöde mit Camus in der Urania herum, debattierte mit Lutz von Werder den neuen Existentialismus,  jenes rebellische Wir, von dem Klaus im Grunde schon lange ein Teil ist, weil er nicht nach dem Mund redet, sondern sagt, was ist, sein muss, sein soll, lange schon. Ich empöre mich, also bin ich. Und immer schön entspannt.

Klaus Hurrelmann ist nun also 70 Jahre alt, hat gelehrt in Münster, Essen, Bielefeld. Residiert seit einiger Zeit in Berlin an der Hertie School of Governance.  Friedrichstraße, Sie wissen schon! Ein früher Soziologe, Doktor, Professor, ausgewiesener Experte in Sachen Bildung, Gesundheit, Sozialisation und Kindheit – einer mit Preisen im Schrank, mit langen Veröffentlichungslisten und jeder Menge Auftritten in Radio und Fernsehen. Ein Herr von Brecht’scher Freundlichkeit, nebenbei auch oft genug  verantwortlich für die „Shell-Jugendstudie“ und die „World-Vision-Kinderstudie“, … einer, den man als Journalist gerne fragt: Wie sind all diese Ungerechtigkeiten, der fehlende Respekt für Kinder möglich? Warum die soziale Ausgrenzung, die Bildungsarmut… und kein Ende in Sicht?? Alle rufen ihn an. Immer wieder.

Der Mann hat nie aufgehört sich einzumischen, will Kinder, Jugendliche aber auch ihr Umfeld stark machen. Nach wie vor. Ist ein Forschender gegen das Prekäre, der sich rund um die Uhr engagiert. Jahrzehntelang tat er dies vom Rande des Teutoburger Waldes aus. Mit zunehmendem Erfolg. Wurde einer, der dazugehört, einer, der gehört wird. Sein Movens hat mich immer wieder interessiert, die Ursprünge seines Engagements, aber auch der „Ort seiner Kraft“: der legendäre Campus der Uni Bielefeld – die er im Januar 2009, 65-jährig, als „Emeritus“ verließ. Dieser Campus war einst ein simpler Acker, über den ich mit dem Fahrrad zum nächst gelegenen Freibad fuhr. Lang ist’s her. Macht aber nix. Viele loben ihn.  Wissen aber auch, dass er „eigen“ ist: eigen-sinnig. Und dass es manche Kollegen durchaus schwer mit ihm haben. Warum auch nicht? Klaus Hurrelmann selbst hatte es schon sehr früh schwer mit ganz anderen.

Anfang 1944 im polnischen Gdynia, dem „Gotenhafen“ der Nazis geboren, flieht der kleine Klaus mit seiner Mutter vor den Russen zunächst nach Leipzig und zieht, als der Vater Ende 1947 aus der Gefangenschaft zurückkehrt, weiter Richtung Norddeutschland. Der Vater tut sich schwer mit dem fremden Sohn. Der Sohn hat es schwer mit dem fremden Vater. Der verprügelt ihn. Ebenso wie die Lehrer in der Schule. Und doch fällt Klaus Hurrelmanns Begabung auf. Befördert ihn aufs Gymnasium. Zu neuen Nazilehrern und Prügelpädagogen. Wir kennen das.

Der simpel gestrickte Vater hält, im Gegensatz zur ehrgeizigen Mutter, nicht viel von seinem Gymnasiasten-Sohn, nennt ihn verächtlich einen „Streber“. Klaus beginnt zu rebellieren und wird auffällig. Räumt (aha!) als Jugendlicher eines Nachmittags im Strandbad von Nordenham mit einem Mitschüler die Geldbörsen der Badenden aus. Allerdings nur ein einziges Mal. Dennoch: der Coup fliegt auf. Nicht ohne Folgen  – Wochenendarreste und Schulverweis.  Kennen wir ebenfalls. Gut genug.

Schafft aber doch noch sein Abitur. Wechselt deshalb hilfsweise in ein anderes Bundesland, nach Bremerhaven, ans dortige Humboldt-Gymnasium  – second Chance! Und nach dem „Abi“: nichts wie weg!  Klaus Hurrelmann tritt den „Langen Marsch“ an. Beginnt, jenseits von autoritären und antiautoritären Ideologien, über das magische Dreieck (!) von „Anerkennung, Anregung und Anleitung“ in Sachen Erziehung nachzudenken. Und „marschiert“ im Jahre 1970, mit einer Menge Reformideen im Kopf, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die neu gegründete Universität Bielefeld. Zieht in die vormals graue Stadt am Teutoburger Wald, der die Studenten neue Farbe und neuen Atem geben. Endlich.

 
UniBielefeldHP1
Helmut Schelsky, Niklas Luhmann – große Vorbilder für den jungen Hurrelmann. Die Bielefelder Reformuniversität der 70er-Jahre nimmt kritische Geister wie ihn auf, inspiriert und fördert sie. Qualifiziert sie als Bildungsforscher. Zum Beispiel. Zwar gibt Hurrelmann ab 1975 in Essen noch ein Zwischenspiel als junger Soziologie-Professor, doch bereits 1979 zieht es ihn zurück auf den Bielefelder Campus, an den Lehrstuhl für Sozialisationsforschung der Pädagogischen Fakultät. Aus gutem Grund. Noch heute leuchten Hurrelmanns Augen, als wir gemeinsam die Uni besuchen. Die Energie dieses ostwestfälischen Wissenschaftsbetriebes wärmt den nur scheinbar kühlen Forscher, die Erfahrungen der zurückliegenden Jahrzehnte sind ihm Quelle der Kraft. Nichts fiel mir in all den Jahren mehr auf.

Zwanzig Jahre lang wohnt Familie Hurrelmann in der Nähe von Uni und Oetkerhalle: Sohn, Tochter, Vater und Mutter, eine Professorin für Kinder- und Jugendliteratur. Die Mutter ist viel unterwegs, mitunter mehr noch als der Vater. Der kümmert sich entsprechend oft um seine Kinder. Und erzählt noch heute begeistert davon. Längst erwachsen, haben Sohn und Tochter, wie er(!) sagt, im Rückblick nicht viel mehr an ihm auszusetzen als die Trennung von der Mutter. Im Jahre 1999 war das. Inzwischen ist Klaus Hurrelmann zum zweiten Mal verheiratet. Mit Doris Schaeffer, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Uni Bielefeld. Sie brachte ein „drittes“ Kind mit in die Ehe – echtes „Patchwork“ also. Glückes genug.

 

UniBielefeldHP2

Bevor wir wieder zurück nach Berlin fahren, platzieren wir uns noch einmal in Bielefelds guter Stube. Im „Café Kulisse“. Wo Klaus Hurrelmann in seinen ostwestfälischen Jahren oft genug Gast war.. Ganz in der Nähe von Leineweberbrunnen und Altstädter Nicolaikirche – ein Gesprächsort für ganz andere Themen: Nicht alles in Hurrelmanns Leben ist wissenschaftlicher Diskurs, Alma Mater und Expertise.  Für ihn gibt es mehr als das: Erinnerungen, Gefühle, Träume, die nicht vergehen, ihren Ausdruck suchen. Und finden: „Ich bin zum Besipiel bei der Musik ein ziemlicher Romantiker und da darf es ruhig auch mal sehr sentimental werden. Zu meinem 60. Geburtstag hatte ich mir mit Hilfe meiner Frau was einfallen lassen. Da wurde die „Winterreise“ von Schubert präsentiert!“
Fremd bin ich eingezogen. Und wer nur lange genug sucht, findet seinen Lindenbaum. Auch Schatten. Auch Licht. Heute noch. Mit 70 Jahren. Gratulation, Klaus Hurrelmann!

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/spurensuche/2014/01/13/meister-des-magischen-dreiecks/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.