Golden Girlz (2)

Regen tropft. Irgendwo auch Vogelsang. Else sitzt mit den anderen am Tisch, immer sitzt sie an dem großen Tisch, wo soll sie auch sonst sitzen, am langen Tisch im Gemeinschaftsraum des Heims, wo im Background die Fotos von allen an der Wand hängen und Else wird gerade ein wenig unruhig, schaut sich suchend um, betastet ihren Rollstuhl, die Augen hinter der Brille groß, ein wenig ängstlich fast: Ich finde es nicht, ich finde es nicht! Was sie denn sucht, fragt die Pflegerin. Else starrt kurz Richtung Fenster, dann weiß sie es: Mein Täschchen!

Klein und bunt ist das und liegt auf dem Fußboden neben dem Rollstuhl. Jetzt hat sie es wieder und kann darin ihr zerknülltes Taschentuch verstauen. Fest hält sie das Täschchen, ganz fest, richtig froh, dass nicht alles verloren geht und Ruth fragt, wie spät es ist, weil am Nachmittag gibt es Kuchen und Früchtetee aus dem Schnabelbecher. Wer nicht selbst trinken kann, wird betrunken. Luise redet zwar immer noch nicht, kann jetzt aber wieder schlucken, greift beherzt nach dem Käsekuchen auf ihrem Teller und stopft die fette Beute rasch in den Mund.

Mit Messer und Gabel hat sie’s nicht mehr so wie früher – eine feine Dame war sie einst. Ich habe der Dame, über neunzig ist sie und im Besitz von immerhin noch 20 Worten, ein blaues Lätzchen umgebunden. Während Luise stopft, bröselt und ein klein wenig grunzt, denke ich an die Gören in unserem alten Berliner Kinderladen. Das Leben ist ein Kreis. Vom Ende her betrachtet.

 

Illustration: Joern Schlund

1 Kommentar

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  1. Bist Du ehrenamtlich tätig? Respekt – habe bisher noch keine geeignete
    Zielgruppe für mich finden können.
    Schwanke zwischen Vorlesen in der Schule und Senioren-Hilfe.

    Immer ein Grund zum Nachdenken, Deine Zeilen zu lesen: DANKE!

    LG M.