Wiener Korrespondenzen (26)

Lieber Detlef,
waren wir hier eigentlich schon? Am Wiener Spittelberg? Wurscht, ich erzähl ihn dir: Der Spittelberg ist ein idyllisches kleines Viertel mit schmalen gepflasterten Gassen, die Häuser aus der Barock, dem Biedermeier, dem Historismus. Ein paar Ateliers, zwei große Schaukästen („Passagenvitrinen“) als freizugängliche Galerie mit wechselnden Ausstellungen, etliche Lokale, ein kleines Kino, ein kleines Theater, ein Brünnlein am Platzl, das Bezirksmuseum in einem alten Haus mit großem Innenhof. Das Viertel liegt gleich hinter dem Museumsquartier. In den 1970er Jahren waren die Häuser in jammervollem Zustand. Immobilienspekulanten wollten sie abreißen und das ganze Geviert aus drei Gassen modern bebauen. Das wurde verhindert, gottseidank! Nun ist’s eine Oase mitten im schicken, urbanen siebenten Bezirk nahe der Mariahilfer Straße. Im November und Dezember findet hier der Spittelberg Weihnachtsmarkt statt, zu dem die Leute aus ganz Wien und Europa kommen, weil er so romantisch ist in seinem historischen Ambiente. Im 18. und 19. Jahrhundert war die Idylle eine etwas übel beleumundete Gegend: das Rotlichtviertel vor den Stadttoren. Auch Kaiser Joseph II., der große Aufklärer, war gern im Rotlicht zu Gast. Einmal hatte er kein Geld dabei. Da haben sie ihn einfach rausgeschmissen. Die Inschrift dazu gibt’s noch immer: „Durch dieses Thor im Bogen, ist Kaiser Joseph II. geflogen.“

 

Michael Schmid

 
Ich gehe die Spittelberggasse hinauf, um mich in einem der Schanigärten mit Freunden zu treffen. Am Platzl auf der Bank neben dem Brunnen sitzt Jürgen Stein – Doktor Jürgen Stein! Ein kluger Mensch, sehr kunstsinnig. Er hat jahrzehntelang zwei Lokale am Spittelberg betrieben. Nun hat er sie verkauft, ist Mitte siebzig und will sich ein wenig zu Ruhe setzen. Seine Galerie betreibt er weiter. Ich werde dort heuer übrigens noch ausstellen. Jürgen Stein kommt ursprünglich aus Heilbronn. Er ist in Wien hängengeblieben. Mit Emsigkeit und Sparsamkeit hat er sich einiges erwirtschaftet im Laufe der Jahrzehnte. Und ist eine mir sehr vertraute Mischung aus Schwaben und Wien. Meine Mutter kommt aus Schwaben, sie ging in Heilbronn in die Schule. Mein Vater ist aus Wien. Bei unserer ersten Begegnung vor einigen Jahren hatten Jürgen Stein und ich eine Meinungsverschiedenheit: Es ging um seinen Stand am Weihnachtsmarkt. Mittlerweile schätzen wir einander und sind – sehr altwienerisch – per Du als Herr Doktor und Herr Magister. Du, Herr Doktor; Du, Herr Magister. Sowas gibt’s nur hier. Ich mag das.

 
Jürgen Stein also, auf der Bank sitzend, zu mir dem Vorbeigehenden: „Du, Herr Magister, schau einmal her, ich will dir was zeigen.“ Ich setze mich zu ihm auf die Bank, er öffnet eine Mappe mit Korrespondenzen. Briefwechsel mit Claus Peymann, mit Jan Knopf vom Institut für Literaturwissenschaft an der Uni Karlsruhe und dem Brecht-Archiv in Berlin. Jürgen Stein besitzt Brecht-Originale. Viele. Darunter die Urfassung von „Mann ist Mann“. Auch Bühnenskizzen von diversen Uraufführungen, Originalzeichnungen zu Meckie Messer. Nun will er, dass seine Schätze an guten Orten untergebracht werden. Gut genutzt werden können. Kunst soll schließlich allen zugänglich sein. Und erzählt mir. Von den Gesprächen mit Brecht-Experten, mit Theaterdirektorinnen, beschreibt mir seine Skizzen, schildert mir die abenteuerlichen Reisegeschichten seiner Brecht-Manuskripte. Und auf einmal bist du ganz unvermutet in einer andren Welt. Schön, dass es solche Leute wie den Jürgen Stein gibt. „Du, Herr Doktor. Auf bald.“

 
Schöne Tage und Abende auch dir in Berlin.
M

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