Chronicles (46)

Herbst total. Bunte Blätter, Kastanien, all das. Menschen wehen über den Platz. Die Apotheke wird gut besucht, nach solchen Wahlschocks sind Infekte obligatorisch, die Abwehr funktioniert bei vielen sensiblen WählerInnen gar nicht mehr. Uli vom Müsliladen inhaliert hilfsweise rund um die Uhr das Propolis von seinem Bio-Dealer aus Brandenburg: „Das hilft, Alter! Nimm mal ’nen Zug!“ In Ritas Reisebüro (doch das gibt’s noch!) stehen derweil enttäuschte WählerInnen für Trips nach Jamaika an, die Kifferpauschalen sind günstig heute. Vorne an der Ecke der Juwelier, der seit drei Monaten die Reparatur meiner Armbanduhr verzögert: „Alles aufwändige Handarbeit“, stöhnt er und das Ding sei ja so verdammt alt, aber das wird schon, tröstet er, und überhaupt, meint er, sollen die da oben erstmal ihren Flughafen zu Ende bauen. Alles braucht Zeit in dieser Stadt. Und Aufmerksamkeit.

So wie Tristan. Keine Ahnung, ob er gewählt hat, aber bei seiner täglichen Inszenierung hat er keine Wahl: Steht wie immer langhaarig auf dem Gehweg vor der Deutschen Bank, trägt einen ziemlich rosafarbenen Pulli und hält allen Passanten seine Aldi-Bierdose hin. Gerade kommt ein altes Pärchen vorbei, weiße Haare, schwarzes Halstuch, die bekannte Avantgarde der „Generation Treppenlift“. Beide gehen vorsichtig am Stock und erschrecken, als Tristan sich ihnen mit der Bierdose in den Weg stellt und sein immergleiches Drama aufführt: „Ich werde bald mal wieder in die Ruhe gehen! Soll ich dann einen töten? Was haltet ihr davon?“ Als Tristan genau das fragt, schwankt er ein wenig. Die Alten machen, dass sie weiter kommen. Man muss ja nicht jede Frage beantworten. Und Tristan meint’s ja nicht so. Hoffentlich. Viele meinen es nicht so, in diesen Tagen. Besser, ich geh mal über den nächsten Zebrastreifen zum Friseur, ein bisschen in den Spiegel schauen, mit Julia über die kommende APO reden und dann ’ne schöne Kopfmassage. Das hilft. Meistens jedenfalls.

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