Deutschstunde für Einbürgerungswillige (3)

Meine deutsche Mutter war aus dem zerbombten Berlin in die Gaskesselheimat geflohen und schrie immer wieder: Werd’ bloß nicht so wie Dein Vater! Dann verdrosch sie mich mit dem Teppichklopfer. Und sperrte mich in die dunkle Speisekammer. Zwischen all den Einmachgläsern sollte ich darüber nachdenken, wie ich jede Ähnlichkeit mit meinem Vater vermeiden konnte. Meine Mutter mochte keine deutschen Männer, weil die oft genug nur soffen, rumhurten und ihre Frauen schlugen. Deutschsein, das hieß damals in einschlägigen Kreisen: Hoch die Tassen!, Montags blau, Freitags Bordell, das Haushaltsgeld der Mutter versaufen und täglich die nötige Ration Tabletten einnehmen – eine ziemlich verwegene Leitkultur.

Ich blieb fremd in diesem Land, das meinem Vater bis zu seinem Tode immer wieder den Atem nahm. Ich suchte. Und fand meine Heimat tief im Osten, in dieser eingemauerten Stadt, bei all den Vaterlosen, den Stirnbandträgern, zwängte mich in eine rissige Lederjacke und war verdammt glücklich. Tobte mit all den angeblich versifften Spontis und Anarchisten durch die Straßen, schrie: Nie wieder!, Revolte jetzt! und Nehmt nicht den Fahrstuhl, nehmt die Macht! Vor den Eckkneipen standen derweil die Proletarier aller Länder, reckten die Arme und forderten, man solle uns endlich vergasen. Oder ins Arbeitslager schicken. Die Eckensteher wußten genau, was deutsch war. Wer nicht dazu gehörte sollte raus, gern auch mal: Ab in den Osten! Heute sagt sowas keiner mehr.

 

Foto: Joern Schlund/Installation: „Der vergessene pädagogische Raum“

1 Kommentar

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  1. Sehr gut geschrieben. Ich bin jetzt aber auch verdammt nachdenklich geworden. Leider ist es aber brandaktuell.