Deutschstunde für Einbürgerungswillige (4)

Als das Kind noch ein Kind war und noch kein Handke in Sicht, fuhr es zwar gern Motorrad (s. Foto), hat aber auch im Herbst Kastanien gesammelt. Braune glänzende Früchte. Sammelte sie auf dem Bürgersteig, auf der Straße, in den Vorgärten der Häuser, in denen die reichen Leute wohnten. Die schimpften das Kind eine „Rotzgöre“ und drohten mit der Faust, wenn es, gemeinsam mit anderen Rotzgören, ihren Garten stürmte und unter den Bäumen blitzschnell nach den herumliegenden Kastanien griff. Niemand konnte sie erwischen! Und irgendwann war ein richtiger Sack voll.

Ein grober Sack aus Leinen. Da passte allerhand rein. Und schwer war der, zu schwer. Also auf den Gepäckträger vom Fahrrad damit und gemeinsam schieben, die steile Straße zum Tierpark hinauf. Zu den Rehen, Hirschen und Wildschweinen, die genauso auf die Kastanien warteten, wie der Tierpfleger, der immer die verdammt deutschen Lieder vom alten Hermann Löns sang: Grün ist die Heide, die Heide ist grün… und alle lachten, weil die Rosen tatsächlich rot sind, eh sie verblüh’n und jetzt war ohnehin schon später Herbst, gar keine Rosen mehr, auch kein Rosenstolz in der Nähe, aber die Kastanien. Die kaufte Herr Beckmann, so hieß der Pfleger, den Kindern ab. Den ganzen prallen Sack für eine ganze Deutsche Mark. Das Geld teilten die Gören unter sich auf, und auch das Kind bekam 20 Pfennig und war plötzlich so reich, dass es gleich die lange Strecke hinab zum Kaufmann lief, um sich Zitronenbonbons zu kaufen, die Gelben aus dem großen Glas – zehn dicke, fette, saure Zitronenbonbons.

Ging mit seinem Reichtum zum Trümmergrundstück, auf dem sie immer spielten, kroch in den Keller der Ruine, hockte sich auf einen alten Hocker, steckte zwei von den Sauren in den Mund und lutschte sich verdammt feine Träume ins Hirn. So lecker waren die Gelben, dass ich heute noch, wenn der Herbst leuchtet, nebelt oder nässt, ein paar Kastanien im Park sammele, nur um noch einmal den Geschmack der Zitronenbonbons zu erinnern und dabei den Traum zu träumen, den das Kind träumte. Als es noch ein Kind war.

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