vonDetlef Berentzen 24.01.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Als die Hakenkreuzschmierereien bei uns zum zweiten Mal begannen, kam mir die Idee. Man sprach von einer neonazistischen Welle in Deutschland. Da hab ich mir gesagt: Ist das Neofaschismus? Wenn die Söhne den Vätern Hakenkreuze an die Tür malen? Das ist doch nur ’ne Bekanntmachung. Weiter nichts. (Wolfgang Neuss)

 

APO-Archive. Doch, die gibt es! Hie und da und vor allem in der Freien Universität Berlin. Schon vor vielen Jahren habe ich mich u.a. dort (damals noch im Lankwitzer Keller) herumgetrieben, Material für Rundfunksendungen gesucht und gefunden. Überall voll gestopfte Regale, fette Ordner und jede Menge Rebellion: Die Tage der APO zählen nach Flugblättern, nach Dokumenten von Aufruhr und Widerstand.  Sie erzählen die Geschichte eines Aufbruchs, der weltweit stattfand und nicht etwa erst im Januar 1968 begann – Widerstand gegen die postfaschistische (West-)Republik war schon lang zu registrieren, in vielerlei Form: ob als Halbstarkenkrawalle, als Aktionen gegen Rassismus und Wiederbewaffnung, als Provokationen der Gruppe Spur oder der Kommune 1 .

Bevor ich also beginne, in den nächsten Monaten das Jahr 1968 mit Hilfe der wilden Archive der Bewegung (Monat für Monat) zu rekonstruieren, hier als Prolog – notwendig genug – ein kurzer Rückblick  auf das Jahr 1967 und die brutale Ermordung Benno Ohnesorgs. Es war nicht zuletzt sein gewaltsamer Tod, der Teile der „68er-Bewegung“ folgenreich radikalisierte.

 

Newz Blog

Juni 1967
Während einer Demonstration vor der Deutschen Oper gegen den Besuch des persischen Schahs Reza Pahlawi erschießt der Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg.

Berliner Studenten gründen ob der „alternativen Fakten“, die Senat und Springerpresse verbreiten, ihren eigenen Ermittlungsausschuss. Alles, was an Filmmaterial, Tonaufnahmen, Fotos und Zeugenaussagen zu haben ist, wird ausgewertet.

August 1967
Die „Kommune 1“ feiert die Entlassung des Kommunarden Fritz Teufel aus der U-Haft. Er war während der Demonstrationen am 2. Juni festgenommen worden.

September 1967
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz (SPD), tritt im Rahmen der öffentlichen Debatte um die Ereignisse des 2. Juni zurück.

November 1967
Das Berliner Landgericht spricht Karl-Heinz Kurras vom Vorwurf der „fahrlässigen Tötung“ Benno Ohnesorgs frei!

Dezember 1967
Das Berliner Landgericht lässt den Vorwurf des „Landfriedensbruchs“ gegen Fritz Teufel fallen

 

Merkwürdig, dass dem Schah die Verfassung so gleichgültig ist, dass er z. B. – verfassungswidrig – die Zusammensetzung des Parlaments bestimmt und alle Abgeordneten vor ihrem Eintritt in das Parlament ein undatiertes Rücktrittsgesuch unterzeichnen müssen. Dass keine unzensierte Zeile in Persien veröffentlicht werden darf, dass nicht mehr als drei Studenten auf dem Universitätsgelände von Teheran zusammenstehen dürfen, …dass Mossadeghs Justizminister die Augen ausgerissen wurden, dass Gerichtsprozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, dass die Folter zum Alltag der persischen Justiz gehört. (Ulrike Meinhof: „Offener Brief an Farah Diba“, 1967)

Das waren richtige Schläger und Killer, die teilweise aus dem Iran her geflogen wurden, mit Unterstützung der damaligen deutschen Polizei. Sie wurden mit BVG-Bussen zum Schöneberger Rathaus gebracht, sie waren bewaffnet mit Eisenstangen und Knüppeln usw. Unter den Augen der Polizei haben die eingeschlagen auf die Menschen, die demonstrierten gegen den Schah. (Bahman Nirumand im SDR-Gespräch)

Ein Teil der Demonstranten setzte sich zu Boden. Das wurde denen jedoch zum Verhängnis: die Polizei sprang von den Barrikaden auf die Demonstranten, dabei achtete sie nicht, worauf sie trat, sprang also auf Gesichter und Weichteile und schlug wahllos auf die Demonstranten ein. Es passierte auch, dass Leute, die auf dem Boden saßen, von Polizisten am Boden gehalten wurden und geschlagen wurden. (Augenzeuge in: Meino Büning, Günter Amendt u.a., „Die Studenten in Berlin“, SWF2, 10. Juni 1967)

Ich stand am Rande dieses Hofes und habe gesehen, wie eine Traube von Polizisten um diesen Mann mit dem roten Hemd herum gruppiert war und auf ihn los schlugen. Und dieser war völlig wehrlos, er wurde so halb gehalten von den Polizisten, konnte kaum fallen, weil die sich auf ihn herauf drängten und prügelten ( Reporter: Schlug er die Polizisten?) Nein, er war völlig passiv! Und dann habe ich plötzlich das Mündungsfeuer von einer Pistole gesehen und den Knall von einer Pistole, im nächsten Moment habe ich gesehen, wie er halb hinter einem Auto auf dem Boden lag und sich nicht mehr regte. (Augenzeuge in: Meino Büning, Günter Amendt, „Die Studenten in Berlin“, SWF2, 10. Juni 1967)

 

In dieser Situation fiel dann der tödliche Schuss, aus nächster Nähe, er traf den Getöteten von hinten in den Kopf, auch das spricht eindeutig gegen eine Notwehrsituation, Die Kugel drang hinter dem rechten Ohr in den Kopf ein und zerschlug dann oben noch die Schädeldecke, das Projektil wurde aber noch im Schädelbereich gefunden, es ist also nicht aus dem Schädel herausgetreten. (Horst Mahler, Rechtsanwalt, in: Meino Büning, Günter Amendt, „Die Studenten in Berlin“, SWF2, 10. Juni 1967)

Während Albertz, Büsch und Duensing sich an Mozarts „Zauberflöte“ ergötzten, gab der Einsatzleiter den Befehl, die Bismarckstraße radikal zu räumen. Mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln stürzten uniformierte und zivile Polizisten auf die Demonstranten. Unter den Polizeiknüppeln begann Blut zu fließen. Demonstranten wurden in Hauseingänge getrieben, zusammengeschlagen und getreten. Von „Greiftrupps“ wurden einzelne Studenten aus der Menge gezerrt, in Polizeiwagen gebracht und dort misshandelt (…) Die Springer-Presse Berlins nahm, bevor auch nur vorläufiges Licht die blutigen Vorfälle der Demonstrationsnacht erhellen konnte, alles unter Beschuss, was den Schleier eines glanzvollen Staatsbesuches zu zerreißen drohte. Die „Morgenpost“ verbreitete, die Demonstration sei das Werk „hysterischer Rudel akademischer Halbstarker“, „notorischer Radaumacher , „geschulter kommunistischer Straßenkämpfer“ und „amüsierter Nichtstuer“ gewesen. Im Fortissimo spielte sie auf der Klaviatur xenophobischer Instinkte: „Wer es wohl meint mit Berlin, … der jage endlich die Krawall- Radikalen zum Tempel hinaus…“ (FU Spiegel, Sonderdruck, Juni 1967)

Es tut mir leid, dass hier ein Student ums Leben gekommen ist, aber da trugen so viele Faktoren bei, die ich alleine nicht beherrschen konnte. (Karl-Heinz Kurras)

 

Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen! (BZ, 3. Juni 1967)

Seit Monaten wiegelt die Springer–eigene Presse von Berlin die Bevölkerung und also auch die Polizei gegen die Studenten auf. Die blutigen Ausschreitungen wurden bereits am Mittag von Anhängern des Schahs ausgelöst, die mit Stöcken und Totschlägern bewaffnet waren. Erst der Einsatzbefehl des Polizeipräsidenten Duensing, hat, nachdem der Schah die Oper bereits betreten hatte, die blutigen Vorgänge vor der Deutschen Oper verursacht. Wir klagen an: den Verleger Axel Springer der Anstiftung zur Körperverletzung, den Polizeipräsidenten Duensing der Beihilfe zur Körperverletzung bis Totschlag. Nicht die Studenten – ein feudaler Potentat, eine hysterische Presse, ein kopfloser Polizeipräsident haben dem Ansehen der Stadt Berlin, die wir lieben und in der wir arbeiten, unabsehbaren Schaden zugefügt…(Protestnote, unterschrieben von Nicolas Born, Hans Christoph Buch, Günter Grass., Reinhard Lettau, Peter Schneider, Ingeborg Drewitz, Hanspeter Krüger, Klaus Wagenbach u.v.a.m, 5. Juni 1967)

Der tote Student ist hoffentlich das letzte Opfer einer Entwicklung, die von einer extremistischen Minderheit ausgelöst worden ist, die die Freiheit missbraucht, um zu ihrem Endziel, der Auflösung einer demokratischen Grundordnung, zu gelangen. (Heinrich Albertz, 8. Juni 1967)

Der Student Benno Ohnesorg wurde von einem Kriminalbeamten erschossen. Der Regierende Bürgermeister erklärte die Kommilitonen des Toten für schuldig: „Sie haben die Auseinandersetzung verursacht, denen ein Student zum Opfer gefallen ist.“ Nur die Erklärung der Polizeigewerkschaft übertrumpfte die zynische Bemerkung des Bürgermeisters: Die GdP forderte „die politisch Verantwortlichen und die Polizeiführung in dieser Stadt letztmalig auf, vom Kurs der weichen Welle bei der Behandlung dieser Kriminellen abzugehen. Polizisten sind keine Prügelknaben für eine Minderheit von Ordnungsstörern in Berlin, von denen die Demonstrationsfreiheit gegen die Demokratie laufend missbraucht wird“. (FU Spiegel, Sonderdruck Juni 1967)

Nachtrag

Offiziell ist der Tod Benno Ohnesorgs bis heute nicht aufgeklärt. Und auch nicht gesühnt. Lange Jahre fragte kaum jemand. Und Kurras schwieg. Tat seinen Dienst bei der Berliner Polizei. Erst im Jahre 2009, lange nach dem „Fall“ der Mauer, gibt die Stasi-Unterlagenbehörde einen Aktenfund bekannt, der belegt, dass Karl-Heinz Kurras im Jahre 1967 SED-Mitglied und außerdem Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war – sein Deckname: „Otto Bohl“. Historiker wie der Stasiforscher Hubertus Knabe (Buch: Die unterwanderte Republik“ – sic!) nutzen umgehend die Gelegenheit, eine Umschreibung der Geschichte zu fordern: Die APO sei ohnehin von der Stasi unterwandert gewesen. Wohl deshalb hörte man es so oft  in jenen Tagen des 68er-Aufbruchs: „Geh doch rüber!“Von wegen.

 

Wenn damals bekannt gewesen wäre, dass ein SED-Mann Benno Ohnesorg erschossen hat, ein Stasi-Mitarbeiter, dann wäre sicherlich die Protestbewegung anders verlaufen, weil das klassische Feindbild dann eben nicht funktioniert hätte.(…) Weil viele Funktionäre der Studentenbewegung auch für den Staatssicherheitsdienst tätig waren. Über diese Seite der Geschichte schweigen sich die Beteiligten weitgehend aus. (Hubertus Knabe, 2. Juni 2009, RBB)

 
Nicht wenige haben mit der APO immer noch eine Rechnung offen. Heute noch. Wie auch im Jahre 2009: War also der Tod Benno Ohnesorgs etwa die Folge eines Auftragsmords der DDR- Staatssicherheit? Ist die Radikalisierung der Studenten nach dem Tod Ohnesorgs der DDR geschuldet, die Gewaltorgie des 2. Juni der Bundesrepublik nur aufgezwungen worden und wurde die Studentenbewegung vielleicht ohnehin vom Osten ferngesteuert? Meine Güte! Es war die Grüne Antje Vollmer, die solche Anwürfe damals eine „lächerliche und obsessive Verschwörungstheorie“ nannte.
Und in der Tat fand sich bis heute zu all diesen Vermutungen nichts in den Akten. Nur dass der paranoide Waffennarr Kurras im Rahmen der großen Gewaltorgie vor der Deutschen Oper vollkommen unbedrängt auf Benno Ohnesorg schießen konnte und seine Kollegen tatsächlich Zeugen des Mordes waren, wurde nach der Veröffentlichung von Unterlagen im Jahre 2012 einmal mehr klar. Verurteilt wurde er nie. Es gab nicht einmal ein neues Verfahren. Kurras ist im Jahre 2014 gestorben.

 

Ich finde natürlich das Thema Stasi immer sehr unterhaltsam. Dass ein Mensch, nämlich Herr Kurras, in der Lage sein soll, die Welt zu verändern, die Bundesrepublik zu verändern oder West-Berlin zu verändern, das halte ich für absolut schwachsinnig. In die Kategorie gehörte dieser schießwütige Stasi-Agent mit West-Berliner Polizei-Legitimation einfach nicht. (Lutz von Werder, Philosoph, Berlin 2017)

 

Dank an’s „APO-Archiv“ des Universitätsarchivs der Freien Universität Berlin für die großzügige  Unterstützung. Und meine tief empfundene Begeisterung für Gerhard Seyfried, der eigens in seine digitalen Archive hinab stieg, um Illustrationen für das Kleine Rebellarium upzuloaden.

 

podcast: „Erinnerungen an den 2. Juni 1967“ (SWR2)

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kommentare

  • ….es ist alles leider immer noch unfassbar unbewältigt und GEGENWÄRTIG! Mir wurde vor Wochen eine Einlieferung ins „Lager“ angedroht…

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