vonDetlef Berentzen 29.01.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Da sprach der Herr zum Knecht:
mir geht es aber schlecht.
Da sprach der Knecht zum Herrn:
Das hört man aber gern!
(nach Robert Gernhard)

Januar 1968

Wie sollte dieses 1968er-Jahr im geteilten Deutschland schon beginnen? Irgendjemand forderte sicherlich die Anerkennung der DDR. Ein anderer den Abriß der Mauer. Der Nachkrieg ist längst nicht zu Ende, Berlin eine offene Wunde, groß die Koalition und die Studenten in Bewegung. Wahrscheinlich liegt Schnee. Alle sprachen vom Wetter damals, nur die Bahn nicht. Egal, das neue Jahr beginnt angesichts der geplanten Gesetze ohnehin im Notstand.

1967 ist bereits Geschichte, wird aber nicht vergehen – was war da noch? Gründung der Kommune Eins in Berlin, andauernde Proteste gegen den Vietnamkrieg, Konrad Adenauer stirbt, .im Nahen Osten tobt ein Krieg sechs Tage lang und als der persische Folter-Schah in die Mauerstadt einfliegt, um an einem lauschigen Juni-Abend auch noch die Oper heimzusuchen, wird bei den fälligen Protesten der unbewaffnete Student Benno Ohnesorg erschossen: „Mein Freund. Der Fremde“, wie Uwe Timm später schreiben wird. Ein Polizeibeamter namens Kurras war’s. Sie nannten es Notwehr. Und wurde zu Wut und Aufstand.

Die ganze Zeit haben Springers „Journalisten“ kaum Zeit gehabt, sich den Geifer vom Mund zu wischen – überall sehen sie Rädelsführer, rotes Gesockse und antiamerikanische Umtriebe – mal abgesehen von den dankbaren Westberlinern, die, folgt man den protestierenden Studenten, endlich „Runter vom Balkon!“ kommen sollten, um den Vietcong zu unterstützen, ehe in Südostasien alles verbrannte, auch die Kinder. Wie genau das gehen sollte, war den jungen Herren nicht klar, aber sie waren laut genug und gut so. Berlin eben. Nichts ist vorbei. Und 1968 fängt gerade erst an.

 

Newz Blog

War? Hell no! I ain’t gonna go! Der Boxer Muhammad Ali (Ex Cassius Clay) verweigert den Kriegsdienst für die US-Army.

Der Theologe und Prediger Helmut Thielicke läßt gottlose Studenten aus dem Michel räumen. Die haben in der Hamburger Kirche ein Flugblatt mit neuem Gebetstext verteilt: „Kapital Unser…“

Der SDS protestiert gegen den „Juristenball“ unter’m Berliner Funkturm: Ohne die  Teilnahme der zahlreichen „Opfer der Justiz“ darf er einfach nicht stattfinden.

Die „Jungbuchhändler“ in Berlin wollen sich gewerkschaftlich organisieren. In Baden-Baden geht man weiter: Dort treffen sich Buchhändler aus mehreren Städten und debattieren selbstverwaltete Strukturen.

Der Regierende Bügermeister von Berlin Klaus Schütz (SPD) weigert sich mit seinen Kritikern im Republikanischen Club zu diskutieren

Der Prozeß gegen die Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel wg. „Aufruf zur Kaufhausbrandstiftung“ soll am 19. Februar beginnen.

Der Beatle George Harrison fliegt nach Indien, um sich  von Ravi Shankar im Sitar-Spiel unterweisen zu lassen: „With our love we can change the world…!“

In der Hansestadt Bremen eskalieren die  Demonstrationen des „Unabhängigen Schülerbunds“ (USB) gegen die Fahrpreiserhöhungen im Öffentlichen Nahverkehr . Das Motto der Polizei „Draufhauen, draufhauen, nachsetzen!“ (PolPräs) provoziert zunehmend. Letztendlich wird die Erhöhung zurückgenommen.

 

Die Zeitschrift „Konkret“ begrüßt den Aufbruch der 68er-Kommunarden: „Die Revolution, die Spaß macht!“ und freut sich über die neuen antiautoritären Spielregeln: Sex, Fun und Krawall!

Dagobert Lindlau („Report München“): „Nicht wenige Amerikaner glauben jetzt, daß auch dieser Krieg, so brutal er sein mag, so notwendig ist wie der Krieg gegen Hitler und gegen die totalitären Systeme, die hinter Nordvietnam stehen!“ Jean-Paul Sartre (Philosoph): „Ich bewundere die Amerikaner zutiefst, die sich dafür schlagen, dass der Krieg in Vietnam aufhört: damit meine ich auch die Minderheit, die am 21. Oktober das Pentagon stürmen wollte….“

Rudi Dutschke (SDS) vs. Rudolf Augstein (Spiegel): Keine Form von Repression kann die Tausenden von Menschen, die schon heute gegen das kapitalistische System arbeiten, daran hindern, auch in der nächsten Periode ihren emanzipierenden Kampf fortzusetzen. Herrn Augsteins Begriff von Politik kann uns nicht verstehen, er betreibt Westentaschen-Leninismus in Augstein-Format, sozialdemokratische Realpolitik mit klassischen machtpolitischen Implikationen.

Weiterhin Krieg der Amerikaner in Vietnam. Ende Januar Beginn der verlustreichen Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong. Monatlich werden von Saigon aus 1000 Särge mit toten amerikanischen Soldaten in die Heimat geflogen.

„Hey, hey LBJ,
how many kids
did you kill today ?“
(Sprechchöre gegen den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson (LBJ) und seinen Krieg in Vietnam)

“I ain’t got no quarrel with the vietcong!”
(Muhammad Ali)

 


Ich glaube, meine Sammlung historischer Gummiknüppel aus Ost und West war die einzige ihrer Art. Jetzt habe ich sie an einen schwedischen Interessenten en bloc abgestoßen, gerade noch rechtzeitig, wie ich glaube, vor den Notstandsgesetzen. Man kann solche Gegenstände zu meiner Überraschung nicht immer im legalen Handel erwerben. Allmählich wäre ich in Schwierigkeiten gekommen.(…) An einem Modell, 67 Berlin, finden sich unter einem guten Fixativ Mädchenhaar und Mädchenhaut, wie sie beide so oft besungen werden. Hier scheinen sie gewissermaßen als stenografische Kürzel auf.
Manchen Abend habe ich sinnend inmitten meiner Sammlung verbracht, träumend und mit weit schweifenden Gedanken zwischen Marquis de Sade und Paul Lincke. Das freilich ist nun vorbei. Ich sammle jetzt Einwegflaschen und bin damit jeder Änderung des Grundgesetzes gewachsen. (Günter Eich: „Sammlerglück“)

 

 

„Laß Dich hier nie wieder sehen! Und nimm deine APO-Schlampe auch gleich mit!“
(Mutter Beimer, Januar 1968)

 

 

(Düsseldorf, 22. Januar 1968, Ferdinand Kriwet)

 

Der gesamte Konvent will Kaufhäuser anzünden! Keiner der Abgeordneten hat sich von einem Flugblatt der Kommune I distanziert, das die Aufforderung zu Mord, Totschlag, Kastration und Brandstiftung enthielt.
Mit Antibabypillen soll der Widerstand der Studentinnen gegen die kommunistische Infiltration und Suberversion durchbrochen werden. Sämtliche Gruppen im Konvent sind Tarnorganisationen des SDS. Kommilitonen, laßt Euch nicht länger auf der Nase herumtanzen! Wir sollen für dier Weltrevolution sturmreif gemacht werden. MAO und Ulbricht heißen die Drahtzieher der so genannten Studentenvertretung. (Flugblatt: Junge National-Union)

 

Denken Sie nur an all diese Hippies: Haare bis sonstwohin, propagieren freie Liebe und pumpen sich in düsteren Teestuben mit Rauschgift voll, um noch besseren Sex zu haben. Ach, Frau Schulz, was sind das nur für Zeiten? ( Witwe Rosenow, Berlin-Neukölln, Bürknerstraße)

 


„Die Hippies sind die professionellen LSD-Schlucker. Geschmückt mit Blumen, Glöckchen, Ohrringen und Ketten fordern sie den uneingeschänkten Drogenkonsum und die ganz, ganz freie Liebe. Ihren Schlachtruf „Love, Love, Love“ sangen die Beatles, ebenfalls ergebene Säureköpfe, an die Spitzen der Hitparaden….Aber macht Liebe unter LSD wirklich mehr Spaß? Oder tritt nicht gerade das Gegenteil ein?“
(Stefan Aust, „Konkret“)

 

„Unser Kind verursacht die ersten Schmerzen – die Geburtswehen der Revolution dauern länger und sind von Dutschke und anderen unabhängig suberversiv tätig. Die Selbstorganisation der Buchhändler, des bewußtesten Teils, ist ein Wendepunkt in der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Erstmalig seit den zwanziger Jahren nimmt eine Produzentengruppe ihre Interessen in die eigene Hand, vertraut sich nicht mehr den herrschenden Institutionen an. Ich solidarisiere mich damit.“
(Rudi Dutschke, z.Zt. schwanger: „Solidaritätstelegramm“ an die Baden-Badener VV der Jungbuchhändler)

 

You that build the big bombs…. You that hide behind walls… You that hide behind desks…I just want you to know…. I can see through your masks …(Bob Dylan: Masters of war)

 

Über 40.000 japanische Studenten demonstrieren in der Hafenstadt Sasebo zu Land und zu Wasser gegen die Ankunft des US-Flugzeugträgers „USS Enterprise“, aber aiuch gegen die massenhafte Existenz von US-Militärstützpunkten in Japan.. Die „Enterprise“ befindet sich auf dem Weg nach Vietnam.

 

Kriminalgericht oder Klapsmühle?
Montag 22. Januar 1968. Neues Meisterstück autoritärer Verhandlungsführung durch Amtsgerichtsrätin P.: der aus politischen Gründen angeklagte Student Preßmar wird von der Anklagebank weg drei Tage lang eingesperrt, weil er das Wort „scheißen“ nicht durch „austreten“ ersetzt, wie die Richterin es will – „Ich wollte auf dem Polizeirevier scheißen und bat um Papier…Der Wachtmeister: Nimm doch die Hand, du Schwein!“
HEUTE ABEND 20.00 UHR, TU, Hs101
VORSCHLÄGE ZUR RETTUNG DER BERLINER JUSTIZ
(ASTA-Rechtshilfekomitee)

 

Schüler! Bei uns könnt Ihr selber drucken, eure Zeitungen Drohbriefe, Pamphlete, Flugblätter. Macht mit an unserer Zeitung, am Linkeck, laßt euch mal sehen.Wer hat Lust das linkeck zu verkaufen? 0,25 DM pro Nummer Verdienst. Schreibt uns mal. Räume zum Reden, Liegen, Stehen und so haben wir auch.
(Linkeck-Verlag KG, Berlin, in Gründung)

 

Jimi Hendrix und seine „Experience“ beginnen ihre erste große Amerikatournee. Kritiker waren sofort bereit,  Jimi als „einen der größten Rockgitarristen“ auszurufen. Ob es ihm gefiel oder nicht, in der Öffentlichkeit wurde Jimi als Gitarrengott wahrgenommen, und nichts und niemand konnte mehr daran rütteln. (Charles R. Cross: „Jimi Hendrix – Hinter den Spiegeln“)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dank an’s „APO-Archiv“ des Universitätsarchivs der Freien Universität Berlin für die großzügige  Unterstützung. Und meine tief empfundene Begeisterung für Gerhard Seyfried, der eigens in seine digitalen Archive hinab stieg, um Illustrationen für das Kleine Rebellarium upzuloaden.

 

Jimi Hendrix

Masters of war

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https://blogs.taz.de/spurensuche/2018/01/29/das-kleine-rebellarium-1/

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kommentare

  • „Der Herr rief: Lieber Knecht, / Mir ist entsetzlich schlecht! / Da sprach der Knecht zum Herrn: / Das hört man aber gern.“ So heißt’s formvollendet bei Gernhardt.

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