vonDetlef Berentzen 08.02.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Nenn mich einfach Schlund, hat er zu mir gesagt. Viele Jahre ist das her. Vor einem Jahr ist er gestorben: Joern Schlund, der Maler, der Dichter, der Kulturarbeiter – mein Freund. Fast 83 Jahre ist er alt geworden. Ein Bewegter, ein Verrückter, ein Dichter, ein Radikaler, ein Liebevoller. Einer, den Sie kennenlernen sollten. Also erzähle ich hier in Fortsetzungen seine Geschichte. Die Story eines Eigensinnigen.

 

…dann ziehen sie ihm eine Uniform an. Die steht ihm gut, der Vater glänzt vor Stolz und der Schlund muß auf einem großen Platz der Hauptstadt Berlin bei Fackelbeleuchtung das Versprechen geben, daß man auch ihn ruhig als Fackel anzünden kann, damit „Deutschland ewig leuchten kann“ – nachts, im Traum, sieht er sich in den nächsten Monaten manchmal brennen und um ihn herum taumeln viele andere kleine Fackeln, die alle einmal Kinder waren und reckt am nächsten Tag doch wieder den Arm.

Ich sehe genau, wie er seinen Arm streckt, hoch, hoch im korrekten 45Grad-Winkel,  aber er streckt den falschen. Den Linken. Ausgerechnet. Steht da in seiner Uniform und ist Linkshänder, irgendwie falsch also. Hat schließlich zwei Arme und ausgerechnet der Linke ist der rechte. Steht in der Wohnung vor dem Spiegel im schwach beleuchteten Flur und übt. Heil! Und schon wieder den Linken.

Die Mutter ist verzweifelt wütend, haut ihm auf die Backen bis es pfeift, prügelt ihn danach noch ein wenig mit den Werkzeugen aus dem Flurschrank und hat eine richtig gute Idee: „Warte hier!“ Rennt ins Wohnzimmer, über den schweren Perserteppich zum Vertiko, reißt die oberste Schublade auf und kommt mit einem rosafarbenen Wollknäuel zurück. Fingert daran herum und Ruckzuck hat der kleine Schlund ein lächerliches rosa Bändchen am dünnen rechten Arm des Jungvolks – „Jetzt gibt’s keine Ausrede mehr!“. Die Mutter nickt zufrieden. Seine Gasmaske hat sie ihm fürsorglich neben das Bett gestellt. Und er übt auch schon immer Kofferpacken. Wartet auf den Fliegeralarm. Oder sonstwas. Eines Tages ist es soweit.

Er muß in die weite Welt marschieren. Ganz allein. Ist abkommandiert auf diese Eliteschule, die nichts mit seiner Begabung zu tun hat, aber eine Napola ist.
„Auf die Napola soll ich, stell Dir vor!“
Eine Anstalt zur Züchtung junger Nazis. Eine in Böhmen. Und immer feste den Arm recken und Strammstehen und Nachtlager und Rassenlehre. Sie wollen aus dem kleinwüchsigen linkshändigen Schlund, aus dem mit den abstehenden Ohren und dem Schiffchen auf dem etwas zu dicken Kopf, aus dem wollen sie einen völkischen Rechtshänder mit innerem Gardemaß machen. Und haben eigentlich schon verloren. Klar doch. Weil der Junge anderes zu tun hat. Schließlich gibt es für einen wie ihn Wünsche, die mächtiger wirken als der Ruf eines Führers.

 

Da war doch diese Frau aus Kattowitz, die alle, einfach genug, auch genauso riefen: „Heh, Kattowitze, komm mal her!“ Auf dem Hof des Großvaters war das. Dort mußte die junge Frau zwangsarbeiten – graben, säen, putzen, ausmisten, Gemüse zupfen und immer wieder raus aufs Feld. Der junge Schlund war beim Opa auf Heimaturlaub, zog immer noch mit dem Hahn Adolf durch die Gegend und lief ihr nach. Wollte einfach nur bei ihr sein. Denn von Liebe sprach damals keiner.

Er aber darf ab und zu die Hand der Kattowitze halten, die Frau mit dem Kopftuch schaut ihm dabei immer wieder prüfend ins Gesicht, und er wundert sich, warum ihm so anders wird im roten Kopf, weshalb sein Herz rast und die Finger zittern. Wenn er nachts auf seiner Matratze liegt, träumt er fortan von der jungen Zwangsarbeiterin: wie er mit ihr im Hühnerstall tanzen und ihr danach einen klitzekleinen Kuss auf die Wange geben darf. Und fängt an, sich zu rasieren.

(to be continued)

 

Illustrationen: Joern Schlund

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