vonDetlef Berentzen 14.02.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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„Wenn das so weiter geht, musst Du ins Heim!“ Das habe ich in jungen Jahren oft genug gehört und mir das Heim mit uniformierten Schwestern, grauen Schlafsälen, Gitter vor den Fenstern und einem feuchten schimmeligen Karzer (Kinderknast) vorgestellt. Und jeden Tag Prügel mit dem Rohrstock. Das kannte ich zwar schon, aber da wollte ich nicht hin. Später hat Ulrike Meinhof Hörfunkfeature und Fernsehfilm (s.u.) zur großen „Bambule“ geliefert: ein Mädchenheim, Repression, Gewalt all das und schließlich die Revolte: Aufatmen! Dann kamen die „Trebegänger“, die aus den Heimen abgehauen waren, die hat man schon mal aufgenommen, ihnen was zu essen gegeben oder sie haben ein (Rauch-)Haus besetzt. Und im Osten die „Jugend-Werkhöfe: Die sozialistische Hölle! Allmählich aber tat sich im Westen was bei den Heimen. Es gab sogar betreute Jugend-WG’s! So war das. Heute alles anders. Wie anders? Ganz anders. Manchmal.

Da ist dieser unauffällige Gewerbebau im Mainzer Stadtteil Gonsenheim. Im Hochparterre des Gebäudes befinden sich Büros und Besprechungszimmer des deutschlandweit ersten Teams für „Multisystemische Therapie“, kurz MST genannt. Als Dachorganisation des Projekts firmiert die „Evangelische Heimstiftung Pfalz“ – Abteilung Jugendhilfe. Teamchefin Barbara Weil (Foto oben, rechts) sitzt in einem eigenen Büro hinter ihrem Schreibtisch. Und telefoniert. Die junge Psychologin koordiniert von hier aus die Einsätze ihres drei-, demnächst vierköpfigen TherapeutInnen-Teams und ist auch für dessen Supervision zuständig. Barbara Weil hält Kontakt. Löst spontan auftretende Probleme. Von Gewaltausbrüchen in der Familie ist die Rede, vom Ritzen, von Drogen, von kleinen und großen Fluchten, von Schlichtungsversuchen, von erfolgreichen Einsätzen – auch in der Nacht. Eine „Psycho-Task-Force“ in Mainz! Einsätze und mobile Therapie finanziert von der Jugendhilfe der Stadt.

„Multisystemische Therapie“ – ein aus den USA importiertes Konzept für den Einsatz bei „sozial auffälligen“ und mitunter auch delinquenten Jugendlichen, ein Konzept, das die gefährdeten 12- bis 17-jährigen Kids vor den üblichen Heim-, Psychatrie- und Knastkarrieren, also vor jedweder „Fremdplatzierung“ bewahren soll. Dabei ist die Strategie der MST besonders: keine Analytikercouch, kein Therapeutensessel. MST ist eine „aufsuchende“ Therapie und mehr noch: die TherapeutInnenteams (in Mainz junge Frauen mit hoher Motivation) stehen im Notdienst für ihre Klienten rund um die Uhr zur Verfügung – an allen sieben Tagen der Woche. Vier bis sechs Monate lang. Ich bin mal hingefahren, habe zugehört, mir alles angeschaut, gestaunt. Und für den SWR eine Sendung daraus gemacht. Lief heute morgen. Podcast vorhanden. Just click and listen!

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