vonDetlef Berentzen 19.02.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

Mehr über diesen Blog

Gestern wurde er „entpflichtet“, ganz offiziell, die Kirche randvoll, Tränen flossen (auch bei mir), man lag sich in den Armen, jung und alt waren schwer bewegt: Unser Pfarrer geht!, nach 34 Jahren und er war einer, den man brauchen konnte, rund um die Uhr: Jörg Machel, nunmehr EX-Pfarrer der Emmaus-Ölberg-Gemeinde, ein überzeugter Kreuzberger, kein Heiliger, einer, der sich zwischen Lausitzer Platz und Paul-Lincke-Ufer Verwegenes traute, einer mit Ecken und Kanten und offenen Armen,  wurde in den Ruhestand versetzt. Die junge Rebecca Marquardt folgt ihm nach. 

 

Es gibt eine Frage, die habe ich mir schon früh gestellt: Was ist ein Machel? Und sie war nicht leicht zu beantworten. Denn Machels sind eine rare Spezies. und gar nicht leicht zu erkennen. Gleich nach der Geburt, geben sie sich unauffällig, lollen und lallen, tragen noch keine Brille, sind immer gut rasiert und strecken ihre strammen Beinchen in die Luft. Was soll daran Machel sein? Vielleicht ist die später aufflammende Vorliebe für schwarze Umhänge etwas Typisches. Darunter fühlen sie sich geborgen und auch stark genug, stürmen voran und lesen den Mächtigen die Leviten. Manchmal. Wie ich darauf komme? Ganz einfach: Gerade die Frauen unter den Machels waren schon immer widerständig – ob die rebellische Graca Machel als Ehefrau von Nelson Mandela oder Josina Machel als Widerstandskämpferin in Mosambik – alle Machels sind verwandt und – I beg your pardon – sie alle versprechen uns keinen Rosengarten, sondern dass morgen auch noch ein Tag ist.

Wenn Machels ihren Tag beginnen, trinken sie Kaffee, essen eine Oblate, küssen Frau und Kind und schon eilen sie in die weite, weite Welt. Immer den schwarzen Umhang im Gepäck, man weiß ja nie. Sie treffen und sie kennen viele, sind Kümmerer, wunderbare soziale Wesen, können auch gut erzählen und…man trifft sie deshalb oft im Radio. Da sitzen sie dann am frühen Morgen, stelle ich mir vor, mit kleinen Augen im Studio – das rote Licht geht an: „Achtung Aufnahme!“ – und erzählen der Welt da draußen Geschichten von Leben, Liebe, Trauer und dass die Seele auch mal baumeln muss. Und haben ob solch steiler Thesen eine Menge Zuhörer: Meine alte schwäbische Schwiegermutter zum Beispiel: „Horch nur!“ , ruft sie morgens früh, wenn sie wieder mal vorm Radio sitzt: „Horch nur, ein Machel!“ Und ich horche.

Und denke: Hey, Mann, der da im Radio, der könnte ein Pfarrer sein. Einer von jenen seltenen Machels, wie ich sie von Kindesbeinen an kenne. Auch die trugen schwarz und wollten nicht, dass man Kinder verprügelt. Mit solchen frommen Wünschen standen sie in den 1950er-Jahren ziemlich allein, deshalb trugen sie immer schwarz, Tag und Nacht, aber das ist lange her, heute tragen Machels auch schon mal bunte Pullover, reisen nach Indien, Sri Lanka , gern auch auf den Lausitzer Platz oder landen auf dem Ölberg der Befreiungstheologen. Kann doch sein. Muss ja nicht alles stimmen. Was aber stimmt, ist, dass Machels gerne taufen. Sie bestatten auch, dann tragen sie unterwegs einen schwarzen Hut und immer einen kleinen Trost bei sich, aber sie taufen auch gerne, meine Nichte zum Beispiel, und danach wird gefeiert. Machels können feiern, lachen, nur nicht bis in die späte Nacht, weil der nächste Morgen, der braucht sie wieder, ihr Leuchten, auch ihren Mut gegen die Kälteströme der Welt mit der Wärme ihres „Es ist, was es ist“ anzutreten. Solche Wärme haben sie nicht zuletzt beim alten Erich Fried gelernt und der war mitunter auch ein Machel. Aber auch ein Dichter. Nicht alle Machels sind Dichter. Aber sie könnten es sein. Und sie lesen viel.

Keiner weiß, wie viele Bücher so ein Machel gelesen hat, wenn das Haar erst grau genug ist. Wenn sie ihn in eine Ruhe schicken, die er gar nicht bestellt hat. Steht also da, trägt seinen schwarzen Umhang unterm Arm, will noch weiter, immer weiter, auch lesen, auch erzählen und das tut er auch, hört nicht auf, bleibt. Bleibt uns. Denn die Welt braucht Machels. Auch wenn sie ein Haus weiter ziehen, gehen sie nicht verloren. Sie hinterlassen Spuren, ziemlich unvergängliche. Hie und da tauchen sie später immer wieder auf, mit wehendem schwarzen Umhang, blitzenden Augen und mancher wird rufen: „Seht da, ein Machel! Haltet ihn!“ Denn Machels sind eine gebrauchte Spezies. Und werden es bleiben. Da bin ich mir sicher.

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/spurensuche/2018/02/19/der-machel/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.