vonDetlef Berentzen 07.06.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Ich denke, die Zeit ist wirklich reif dafür, daß wir über Utopie nachdenken, daß wir den Zeitgeist kritisieren und eine Denkwende vollziehen. Es kann einfach nicht so weitergehen, dass wir alles dem selbstreferentiellen Tun und Denken der Politik überlassen. Die Philosophie ist wieder mehr gefragt und herausgefordert, weil sich die Fragen nach Sinn und Existenz für die Menschen neu stellen. Und damit sind wir ganz nah bei der Philosophie. Wenn die Philosophie nichts mit den Menschen zu tun hat, dann kann man sie auch bei den Akademikern lassen. (Klaus Kufeld)

 

Auweia. So einer geht. Auf der Besetzungsliste steht bei „Direktor“ bereits ein hilfloses „N.N.“  und verabschiedet hat sich Klaus Kufeld schon per Brief im April. Nach mehr als zwanzig Jahren. Verlässt das Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum. Auch die Philosophie? Natürlich nicht, der Gründungsdirektor des Zentrums verweilt sicher auch weiterhin im Diskursraum der Utopie. Wenn er nicht gerade Motorrad fährt oder mit seinem kulinarischen Eros unterwegs ist. Aber das Bloch-Zentrum und sein Team müssen jetzt ohne ihn.

 

Das Arbeitszimmer des Philosophen Bloch unter Glas indes bleibt. Das hat Kufeld (Foto) damals aus Tübingen rangeschleppt. Bloch hat ihn. Und er hat Bloch. Kufeld hat ihn immer wieder szenisch ins Jetzt transponiert: Tocotronic spielten im Zentrum auf, Dietmar Dath philosophierte Pop, die Zukunft bekam ihren Preis. Klaus hat viel möglich gemacht. Auch dass ich im Zentrum über die Philosophen und ihre Rauschmittel referieren konnte – immerhin haben Bloch und Benjamin einst gemeinsam gekifft und dabei ihre Impressionen notiert. Gut so. Alles Überraschung, Erkenntnis und Erfahrung. Der alte Bloch hat Spuren der Hoffnung gelegt. Klaus Kufeld ist ein guter Spurenleser. Und bleibt es auch.

Also ich gehöre zu denjenigen, die Bloch im Alter von 18 Jahren gelesen haben und dann mit 50 wieder. Da habe ich das „Prinzip Hoffnung“ komplett durchgelesen, was ich mir in jungen Jahren nicht zumuten wollte. Ich glaube, da gibt es auch niemanden, der das damals geschafft hat. Aber wenn man mit großem Abstand an sein Werk heran geht, vielleicht mit der eigenen Reife, auch mit einem Bewußtsein für die Probleme der Zeit, dann bewegt Bloch ungeheuerlich. Es ist nicht nur die Kraft der utopischen Bilder von all den Wunschwelten, die er einzigartig und unübertroffen beschreibt, es ist auch diese Aufforderung, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir selbst sind die Zukunft sind und müssen dieses Bewußtsein nach vorn entwickeln. Genau in diesem Sinne hat er mich bewegt und wird mich auch weiter bewegen. Genau das bleibt auch der Anspruch des Bloch-Zentrums: Themen aufgreifen, die die Gesellschaft bewegen!

 

 

Klaus Kufeld ist der festen Überzeugung, dass Bloch, der „Philosoph der Hoffnung“, auch „dem Heute und Morgen“ noch Einiges zu sagen hat, das schreibt er in seinem Adieu, auch dass es genug ist und wir zu beginnen haben. Genau! Noch im März haben wir über Utopien und Dystopien debattiert, mit Alten und Jungen, auch über die Möglichkeit, das Hoffen zu lernen. Angesichts all der Schatten, die sich ausbreiten, keine schlechte Idee. Da bleiben wir dran: Anfang ist immer.

Klaus Kufeld (Homepage)

Ernst-Bloch-Zentrum

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