08.04.2013 von Detlef Berentzen

Wenn wir unser Selbstvertrauen wieder gewinnen, können wir eine ganze Menge tun. Wir müssen den Hörern vertrauen. (Marie Wennersten)
Radio ist mehr als eine Summe von podcasts, die irgendwo im Netz zwecks Download Schlange stehen, allzeit bereit für den nächsten Global Player als atomisierte Möglichkeiten für das Mittelohr all der Suchenden, die wie Wasser, von Klippe zu Klippe geworfen, sich blindlings von einer postmodernen Stunde zur anderen hören, womit wir schon bei Hölderlin wären, da lande ich immer, wenn mir all das Lobgehudel auf Webradio und Zukunft zu viel wird.
Radio will gemacht werden, geplant, entworfen, skizziert, phantasiert, inszeniert werden, es braucht die Sprache, den Klang, den Atem seiner MacherInnen, der es immer wieder neu belebt, in leuchtende Zusammenhänge setzt und vor dem schlimmsten Zeitgeist bewahrt. All die Debatten um derlei Belebungen geschehen viel zu oft Backstage und da ist es gut, daß es hie und da noch Sendungen gibt, die das Radio an und für sich reflektieren, nachfragen, was Radio einmal war, was aus ihm wird, was werden könnte und ob es nicht ein wenig zu schnell gedacht ist, wenn all die irrlichternden Beschleunigungen nun auch noch festgefügtes Programm und eherne Struktur werden sollen. Prima also, daß es so mutige kleine Lowest-Budget-Magazine wie “Mehrspur” (SWR2) gibt, die dem Kulturradio heimleuchten. Zumindest versuchen das Redakteur Wolfram Wessels und sein Team (s. Foto) Monat für Monat, satte (!) 30 Minuten lang – mehr gibt’s nicht, das muß reichen. … weiter lesen
08.05.2012 von Detlef Berentzen

“Unablässig stürzen Informationen, Bilder und Klänge auf die Mediennutzer ein und setzen sie dauernden Schocks aus. Immer kürzer werden die Botschaften, die auf diese Weise übermittelt werden, immer fragmentarisierter die Zeiten der Wahrnehmung, und immer nachhaltiger wird ihr Vermögen zerstört, Zusammenhänge herzustellen. Dieser Entwicklung wird das Kulturradio Widerstand leisten müssen. Es muss eine perforierte Wahrnehmung aufgreifen und ihre Verletzungen durcharbeiten.” (Hans-Joachim-Lenger)
Kulturradio. Widerstand. Voilà, dann mal ran und all die “Verletzungen durcharbeiten”! Es gibt genug davon. Das hört sich grausam an, aber irgendwie auch sensibel und hat den alten Sigmund Freud auf der zukünftigen Tagesordnung – “Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten.” Wiederholt wird ja überall genug, das weiß auch Hans-Joachim Lenger: In Zeiten, in denen “Radio-Retter” die öffentlich-rechtliche Bühne entern müssen, ist Gefahr im Verzuge. Und dennoch braucht es mehr als die Sehnsucht nach dem alten Status Quo. Der Hamburger Philosoph postuliert in seinem Beitrag für das aktuelle Medienmagazin “Mehrspur” (SWR2)… weiter lesen
08.10.2011 von Detlef Berentzen

„Große Treffen, aufregende Veranstaltungen, Radiomachen als Teil des Lehrplans, all das ist möglich. Aber es kann nur dann erfolgreich sein, wenn es auch wirklich inspirierend ist. Wir brauchen eine neue Radiophilosophie. Ich habe nicht die Absicht, Radio nur um seiner selbst willen, isoliert von den anderen Medien, zu propagieren. Das ist wirklich überholt.“ (Josephine Bosma)
Eindeutig “Mehrspur”. Und auf der Überholspur. Das sonntägliche, leider nur monatlich ausgestrahlte SWR2-Medienmagazin antizipiert wieder mal neue Formen des Radiomachens. Redakteur Wolfram Wessels hat den Medientheoretiker Geert Lovink aus Amsterdam eine radiophone Zukunft entwerfen lassen, in der nicht nur jeder ein Künstler, sondern irgendwie auch ein Autor ist: per Smartphone und Skype enstehen Radionetze, in denen HörerInnen eigene Programmbeiträge liefern, die live importiert zu Elementen globaler Radioparties (s. Foto) werden – alles kollektiv und interaktiv. … weiter lesen
21.09.2011 von Detlef Berentzen

“Das wird alles wieder auf Kosten der Freien gehen!” – Der festangestellte Kollege im Studio nickt freundlich. Man kennt sich. Gerade haben wir über die neuesten Sparmaßnahmen der ARD-Sender gesprochen. Und der junge Mann sagt nichts Neues. Schon vor Jahrzehnten waren im Fernsehbereich freie Teams samt AutorInnen so beliebt, weil man sie rund um die Uhr einsetzen konnte, ohne Pause, ohne Festkosten, ohne Reue, mit allzeit guten Resultaten. … weiter lesen
02.04.2011 von Detlef Berentzen

“Das Publikum kann sich beim Radio voll auf das konzentrieren, was gesprochen wird; es ist nicht vom Bild – wie beim Fernsehen – oder von den Multitasking-Ansprüchen des Internet abgelenkt. Und so führt die Beschränkung, der das Radio unterliegt, auch zu einer Entlastung. Allein deshalb hat es eine Lobrede verdient.” (Wolfgang Ulrich)
Erst lobt er seine frühen RadioDays, dann startet er den Abgesang auf den Nostalgieclub vergreister Radiohörer, dann aber wühlt er sich wieder aus all dem Elend empor, salbt uns mit Hoffnung: “Oder hat das Radio doch noch eine Chance?” und hudelt mächtig Lob, weil es für ihn doch noch eine hörbare Perspektive gibt. Medienwissenschaftler Wolfgang Ulrich will das Radio erneut zum Wort führen, zum streitbaren Wort, zum korrespondierenden Wort, auch zum sportlichen Wort, weil er schon als junger Mensch keine ARD-Bundesligakonferenz versäumt hat.Das Radio soll vermehrt Live-Anlässe inszenieren, nutzen, um die Welt zu beworten. Voilà! … weiter lesen
30.12.2010 von Detlef Berentzen

“Es kommt nicht alle Tage vor, daß im Radio vom Radio geredet wird,- man möchte im Gegenteil behaupten, daß solche Momente Ausnahmezuständen des Radios gleichkommen – sie sind gewissermaßen Programmstörungen, die wie ein Kabelbrand im Studio das Sendegeschehen trüben.” (Peter Sloterdijk)
Na also, endlich mal wieder ein Kabelbrand! Inszeniert von Sloterdijk persönlich! Es war demnach wirklich keine schlechte Idee von Feature-Redakteur Wolfram Wessels im September d.J. das Magazin “Mehrspur” auf SWR2 ins akustische Leben zu rufen,um im Radio über’s Radio zu reden,… von wegen “Radio reflektiert” und dem eigenen Medium den Spiegel vorhalten – nicht ohne dabei mit der taz zu kooperieren!
Zwar wird bislang nur einmal im Monat gesendet, doch auch die taz-Medienseite “spurt” inzwischen radiophon – ein Anfang ist also gemacht, gegen den Trend des Banalen: “Video kills the Radio-Star” und überall nur noch Shrinkheads mit Werbepausen im Hirn und diesem verdammten Flimmern in den trüben Augen.… weiter lesen
05.11.2010 von Detlef Berentzen

“Der Spiegel hat erhebliche Probleme in Sachen Auflage und Anzeigen. Insofern wurde es dringend Zeit, eine Welt einzurichten, die zuverlässig Interesse erzeugt. Wozu sonst sind Medien denn da? Deshalb berichtet der Spiegel seit geraumer Zeit von der deutschen Innenpolitik wie von einer endlosen Familiensoap, in der mal Westerwelle der Fiese ist, mal Merkel zickt, mal der Freiherr nebst Gattin mit feindlicher Übernahme droht und die SPD dauerhaft den doofen Nachbarn mimt…” (Walter von Rossum)
Das also wäre die eine “Spur”: Die hilflose Soap des augsteinlosen “Spiegel” und damit verbunden die Verbreitung der “Identitätsformeln” eines gewissen Herrn Wulff, den sie wohl den “Präsidenten” oder gern auch den großen “Integrator” nennen. Wie auch immer, Walter von Rossum legt diese Spur ganz im Sinne fröhlicher Aufklärung, aber es gibt noch anderes aufzuspüren. Immerhin trägt das neue sonntägliche Medienmagazin von SWR2 den Namen “Mehrspur”, also kann man als HörerIn auch mehrere Spuren verfolgen. … weiter lesen
07.10.2010 von Detlef Berentzen

“Es sieht so aus, als würden die Radio-Aktiven die Macht übernehmen. Aktive Nutzung heißt Selbstselektion. D.h. es gibt keinen starren Zeitrahmen mehr, dem man sich fügen müsste. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer selbst bestimmen kann, was er wann hören möchte, versäumt nichts mehr und wird nicht mehr mit Dingen belästigt, die ihn nicht interessieren. Diese zeitsouveräne Nutzung des Sendeangebots passt sehr gut in eine Gesellschaft, in der ein individueller Lebensstil vor allem an der Freiheit erkennbar ist, über die eigene Lebenszeit zu disponieren: Radio in Eigenzeit.” (Norbert Bolz)
“Eine zeitsouveräne Nutzung des Radios”, …und in deren Folge die “narzisstische Kränkung” der RedakteurInnen, die bald erkennen werden, daß HörerInnen “kreativer” sind als die Insassen der öffentlichen Anstalten. Die WebBürger werden Meister ihres radiophonen Alltags sein. Soweit könnte es kommen. Soweit kann man denken. Und vielleicht noch weiter. Gern auch quer. Eben dafür steht Kommunikator Norbert Bolz samt seiner heiß umstrittenen Theorie der neuen Medien (“Das Göttliche ist heute das Netzwerk”). Und da es täglich von Neuem Zeit wird, daß man sich jenseits eindimensionaler Spardiskussionen auch verschärfte Gedanken über Zukunft und Gegenwart des Radios macht, hat das brandneue Medienmagazin “Mehrspur” (SWR2) bei Bolz nachgefragt, ob er sich mal äußern könnte: Über die Perspektiven eines “Radios ohne Programm”. Zum Beispiel. Was er dann auch getan hat.
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